Queer Glauben – die etwas andere Vorpremiere

Am Donnerstag Abend um 18h30 war die Vorpremiere des Films Queer Glauben von Madeleine Corbat im Kino Rex in Bern. Ich war schon den ganzen Tag voller Vorfreude, und auch die tage vorher etwas aufgeregt – und das kommt selten vor bei mir. Schon meine Mutter hat es früher genervt dass ich als Kind und Teenie kaum über etwas aufgeregt zu sein schien. Der Weg bis zu diesem Film war ein Abenteuer gewesen, und ich freute mich darauf, ihn zusammen mit Béat zu sehen – Béat, der mir ihn der schwierigen Zeit während Rauswurfs in meiner alten Gemeinde beigestanden hat und selbst dabei einiges riskiert hatte.

Aber es sollte dann ganz anders kommen…

Es war vor ca. 2 Jahren oder so, nach einem Podiumsgespräch zum Thema „Queer und gläubig: ein Widerspruch?“, da kontaktierte mich Madeleine Corbat und fragte mich, ob ich mir vorstellen konnte, in ihrem Film einer der zwei Protagonist:innen zu sein, plus noch einigen anderen wunderbaren Personen die auch im Film vorkommen würden.

Ich sagte „Ja“, und das Abenteuer begann.

Da stand ich noch ganz am Anfang meiner Transition, und mein trans comingout lag eigentlich erst kurz hinter mir. Während den verschiedenen Drehs habe ich Madeleine und ihre Teamkolleg:innen als wundervolle, liebe, offene, menschliche und sehr bemühte Menschen kennengerlernt, immer bei der Sache, und gleichzeitig mit einer guten Prise Humor. Das hat alles sehr angenehm gemacht, zumindest für mich. Ich war bisher null filmerfahren, und ich weiss auch nicht, ob ich immer die einfachste Person bin – mit meinen Eigenheiten, und gleichzeitig in einem Prozess des Unmasking, was meinen Autismus angeht.

So haben wir die verschiedenen Szenen gedreht – beim Schminken, bei der Whatsapp Seelsorge, das Gespräch mit Béat vor der Kapelle in Moron, in der Pasquart-Kirche in Biel, in der Église Française in Bern, ein Gespräch mit Stefanie Arnold in einem schönen Hinterhof in Bern währenddessen wir über Kirche und Theologie geredet haben, von der Zukunft geträumt haben, und zusammen gelacht haben. Das Gespräch mit Stefanie empfand ich als besonders wertvoll, und ebenso das Gespäch mit Béat: das war mir wichtig – es ging um das schwierige dort Erlebte, um Schmerzhaftes, aber auch um Vergebung, Verständnis, Respekt, Versöhnung, Perspektiven, Freundschaft.

Nach dem Dreh kam die Montage, die sich Madeleine und ihre Crew wie ein intensives Puzzle angefühlt haben muss – so stelle ich es mir jedenfalls vor. Das, was gesagt werden soll, in 58 Minuten zu packen, so dass alles stimmig ist – keine leichte Aufgabe. Und wie es nun mal in Filmen ist, wie Stefanie es so schön ausdrückte, „kill your darlings“, es wird immer das eine oder andere wegfallen, und so fielen beim Endschnitt das Gespräch mit Stefanie und das für mich wichtige Gespräch mit Béat (bis auf einen kleinen Ausschnitt) weg. Warum wichtig? Es liegt mir am Herzen, dass „die Mennoniten“ nicht als „die Bösen“ rüberkommen. Da war eine Gemeinde, die damals mit dem, was geschah, überfordert war. Wie es passierte, war schmerzhaft, und menschlich schlimm für mich. Aber alle Menschen machen Fehler – das wichtige ist, dass wir daraus lernen. Und dieser eine Vorfall kann mir nicht alles Gute in den Jahren vorher bei den Mennoniten nehmen. Von daher war es vielleicht mehr mein Ding, als dass es für den Film wichtig war.

Gleichzeitig bin ich voller Bewunderung wie aus so viel Material ein so Beeindruckender Film zusammengeschnitten werden konnte – das ist eine hohe Kunst, die nicht unterschätzt werden darf, und ich ziehe meinen Hut – Chapeau! Ich merke ja schon beim Schreiben von Predigten oder Arbeiten dass es mir manchmal schon schwerfällt, nur einzelne Sätze wegzustreichen…

Nachdem der Film soweit fertig war, bekam ich ihn zur Ansicht – ob alles gut für mich sei, so wie es war. Ich war erst mal beeindruckt: das Team hatte so viel Arbeit dareingesteckt, alles zu drehen und zusammenzupuzzlen – und vor dem Dreh hatte Madeleine sich erst einmal alle Szenen ausgedacht, ein Drehbuch geschrieben, und hinterher zu einem kohärenten Ganzen zusammengefügt. Wieviel Arbeiet und Herzblut darinnen steckt! Was soll ich daran noch rütteln? Bei einem „Gut zum Druck“ eines Artikels kann mensch leichter einmal ein oder zwei Sätze ändern – der Film hätte sonst wahrscheinlich auch 1,5 Stunden lang werden können, und für das Format war das nicht möglich. Irgendwo muss mensch Grenzen setzen, Entscheidungen treffen, und das ist überall im Leben so.

Beim ersten Anschauen schien es mir manchmal so, als wäre da ein grosser Kontrast zwischen Stefanie und mir – sie war so oft am Lacheln und strahlen, von Menschem umgeben, mit ihrer Partnerin zusammen – und ich immer ernst, allein. Dieser Kontrast -zumindest aus meiner Perspektive- hat mich erst einmal eine zeitlang ziemlich betroffen gemacht. Ich habe mir viele Fragen über mich selbst gestellt: wie komme ich eigentlich rüber, so im täglichen Leben? Wirke ich immer nur ernst und bedrückt? Es war der Austausch mit L., mehr als nur gute:r Freund:in, Geschwister, der mir eine andere Perspektive aufzeigte:

Unsere Geschichten sind so verschieden und ergänzen sich so wunderbar, Kontraste die den Film wunderbar, bunt und lebendig machen, gefühlvoll geschnitten und arrangiert.

Und manche Teile meiner Geschichte sind nicht zum Lachen, doch gehe ich jetzt mit einem Lächeln durchs Leben, denn ich bin hindurchgegangen. Ich bin kein Opfer; ich bin nicht nur Überlebender, sondern lebendig und stark, und ruhe in mir und in Gott. Wichtige Etappen meines Lebens sind in diesem Film: die Namenszeremonie in Basel, das Praktische Semester in Bern, und in dieser Zeit hat sich viel getan – viel Positives, und viele wertvolle und wichtige Menschen sind in und um diese Zeit herum in mein Leben getreten. Der Film hat noch einmal viele Emotionen hervorgebracht; als Autist fällt es mir manchmal schwer, diese zu identifizieren, aber es waren keine negativen, einfach nur Emotionen. Der Film hat mich berührt, angerührt – und ich hoffe, er wird dies im positiven Sinne auch mit anderen Zuschauer:innen machen.

Fast forward zum Abend der Vorpremiere.

Beat holte mich mit dem Auto nach der Arbeit ab um gemeinsam nach Bern zu fahren. Hätte ich doch nur den Zug genommen! Denn es gibt so Tage, da kommt eines zum andern, und nicht unbedingt wie mensch möchte. Beat hatte sich verrechnet, wie lange wir nach bern brauchen würden, bis wir einen Parkplatz hatten, und dann endlich das Kino gefunden hatten. Wir waren verspätet. 20 Minuten verspätet.

Just an diesem Tag hatte ich dank der Grosszügigkeit meiner Mutter und meiner Ersatzmami (s’isch Geburtstag und Weihnachten zusammen!) ein neues Natel denn mein altes will nicht mehr. Ich hatte die neue SimKarte im Geschäft einsetzen lassen, da ich technisch oft relativ unbegabt bin. Meine Kontakte waren noch nicht abgespeichert. Mensch hätte mich also anrufen können, um zu fragen, wo ich bin – nur konnte ich nicht anrufen. Leider rief niemand an (nimm dich nicht so wichtig!), und die Frau an der Kasse wollte auch nichts wissen. Zu spät, und die Gästekarten (unsere) hätten sie nun auch weiterverkauft. Dass mein Name auf dem Plakat des Films steht -Ari Lee- darauf hat sie kaum mit einem Achselzucken reagiert, es war ihr demnach egal. Auch dass ich die Regisseurin erwähnte und versuchte es ihr zu erklären – egal. Mir kamen die Tränen. Ausserdem seien wir eh zu spät, da bräuchten wir auch nicht mehr rein. Da war es wieder, das gleiche Gefühl des Nicht-Gehörtwerdens und Nicht-Gesehenwerdens, das gleiche wie damals bei den Prozessen, als ich die Anstellung und meinen Platz in der Gemeinde verlor, es kam mir grade wieder hoch. Vielleicht hat mich eine ansonsten banale Begebenheit deswegen so sehr berührt.

Ich lieb das Plakat. Soooo schön!

Aus irgendeinem Grund hatte Béat dann eine online Karte, eine einzige, die er mir gab, und mensch liess mich hinein, und ich setzte mich in die Ecke hinter der Tür auf dem Boden. Béat blieb draussen und ass etwas während er wartete. Ich sass in meiner Ecke und weinte erst mal: den Film mit ihn zusammen zu sehen, nachdem wir diesen ganzen Weg zusammen gemacht hatten, und er so viel für mich da war – das war mir wichtig. Später sah ich, dass es noch zwei leere Sitze gegeben hatte: wir hätten beide den Film sehen können. Nach dem Film wurden wir, die wir beim Film mitgemacht haben, vorne auf die Bühne gerufen – ich hatte das Glück, neben Frank Lorenz zu stehen. Einmal kurz seitlich von ihm in den Arm genommen werden und angestupst, das hat es gebraucht, um mich vom Erlebnis an der Kasse und zurückkatapultieren in diesen Moment in meiner alten Gemeinde wieder zurückzuholen. Oft sind es diese kleinen, aber doch unendlich wertvollen Gesten, die so umheimlich bewegen; und die einen aus einem Moment des Re-Trauma zurückholen. Freunde sind so kostbar.

Nach dem Film gab es einen Apéro, und die Möglichkeit zu Gesprächen mit den Menschen, die den Film gesehen hatten. Auch viel Emotionen. Besonders gefreut habe ich mich, zwei liebe Menschen aus der Gemeinde zu treffen, in der ich zuvor mein Praktisches Sesmester gemacht hatte. Un dann kam inmitten all dessen, eine Bemerkung bzw. Frage von einer Person, die mich schmerzlich traf: als Beat auf mich zukam, sagte jemensch „Und das ist der Böse, der dich rausgeworfen hat?“ – Das war für mich eine Katastrophe, dass jemensch diesen winzigen Ausschnitt hatte so verstehen können und die einzige Person aus der Leitung, den Ältesten etc. in meiner ehemaligen Gemeinde, die sich dermassen für mich einsetzte, als „den Bösen“ zu verstehen… Das war wie ein kleiner Dolchstoss.

Dennoch war es ein Abend, an dem ich liebe Menschen wieder traf, oder von weitem sah, und wenigsten einmal wieder mit Béat im Auto diskutieren konnte. Das ist auch sehr wertvoll – seit meinem Wegzug sehen wir uns nicht mehr sehr häufig, auch wenn wir in Kontakt bleiben. Eine Aussage eines cis Mannes hat mich allerdings besonders berührt, und dies im positiven Sinne. Meine Männlichkeit sei eine sehr wohltuende und heilsame, da die sich in einem Spektrum bewegt, und ich sie mir selbst definiert habe – anstatt mich dem rigiden Diktat der gängigen Normen von Männlichkeit zu beugen.

Insgesamt bin ich sehr dankbar für das positive und ermutigende Feedback, dass ich an jenem Abend erhalten habe – vielen Dank, ihre wertvollen Menschen!

Gestern Abend las ich dann noch einen Artikel auf kath.ch über den Film. Es freut mich in mehreren Medien viel Positives, und nichts negatives über diesen tiefsinnigen, schönen, und wertvollen Film zu lesen. Was mir bei dem Artikel auf kath.ch irgendwie ein wenig aufgestossen ist, oder zumindest aufgefallen ist, ist die tatsache, dass alle Personen aus dem Film erwähnt werden, egal wie lang oder kurz sie vorkommen – nur ich als 2. Protagonist nicht. blosses Versehen, oder liegt es daran, dass trans Menschen offiziell für die römisch-katholische Kirche nicht existieren? Wobei es oft Unterschiede zwischen den Verlautbarung des Vatikans, einigen Würdenträgern, und den Realitäten vor Ort gibt. Und gleichzeitig bin ich froh, dass auch dort der Film gewürdigt wird, und hoffe, dass er überall zum Denken, Lieben und Handeln anregt. Edit: Ich hatte das Portal angeschrieben, und nun wurde mir geantwortet, sehr freundlich und offen – es handelt sich um eine Verknüpfung von Missverständnissen und einem Fehler bei der Korrektur, aber keine Absicht.

Ja, die röm.-katholische Kirche… Trotz allem Ballast den besonders die römisch-katholische Kirche gegenüber indigenen Menschen hat, verbinden mich auch positive Erinnerungen mit ihr. Ich hatte vor vielen, vielen Jahren mein Studium in Fribourg angefangen, an der katholischen Fakultät. Damals hatte ich vor, zur katholischen Kirche zu konvertieren und als Gemeindeassistent zu arbeiten nach meinem Studium. Erinnerungen an Besuchen und regelmässigen Essen im Dominikanerinnenkloster in Fribourg. Diskussionen mit Mgr. Genoud, der auch meine Tochter kurz nach ihrer Geburt segnete, für sie betete. Ich fand so viel schönes in der katholischen Kirche, angefangen mit der Liturgie, dem Reichtum von Tradition, Symbolik und Symbolhandlungen – aber auch Maria, vor allem la Virgen de Guadeloupe. Ich erinnere mich an viele starke Glaubensereignisse aus dieser Zeit, und manche die teilweise bis heute fortdauern. Ich spreche nicht oft darüber, um nicht als abgehoben, oder „was Besonderes“ dazustehen. Wenn ich es für mich lebe, ist das gut so. Ich habe in Disentis in der Klosterkirche, in der Kapelle stunden gebetet, habe auf dem Boden gelegen. Ich habe zu Hause gebetet, und Erfahrungen gemacht, die man vielleicht als mystisch qualifizieren mag. Dinge, die bestimmt jede gläubige Person mit Gott erleben mag – Einheit, Union, mein Selbst dass zerfliesst in Gott, mit einem feinen Geruch von Rosen und Lilien, leicht und schmerzvoll und ekstatisch zugleich. Worum ich bat, bekam ich – Liebe für die Menschen, Gottes Liebe für die Menschen, so gross, so voll, manches Mal schmerzhaft, doch immer voll Erstaunen, im Wissen dass Gott mich trägt. Wer mich fragt, wie ich durch diese ganze Zeit, durch die ganzen Erlebnisse durch mein Leben hindurch meinen Glauben nicht verloren habe: ich habe Gott erlebt, gespürt, verspürt, in mir und ich in ihm – da könnte ich nicht anders, selbst wenn ich es wollte.

Gerade bei der vielen trans negativen Presse, die es heutzutage gibt, bin ich noch einmal mehr dankbar für diesen Film, der uns queere Menschen einfach so zeigt: als Menschen. Menschen die glauben, streben, lieben, hoffen, kämpfen, lieben – glauben. Und dafür bin ich unheimlich dankbar. In Queer Glauben geht es nicht einfach darum, was in der (schon wieder) einmal falsch gelaufen ist mit Queer & Kirche, sondern darum was läuft, was geht, und zeigt einfach unser Leben, wie wir sind: Menschen, Menschen mit Herz. Menschen, die keine Ausserirdischen sind, keine „Komischen“, nicht mehr und nicht weniger Sünder als allen anderen Menschen. Menschen, die mit ihrem Glauben ringen und mit Gott -und manchmal auch mit seinem Bodenpersonal.

Fazit: Queer Glauben ist ein sehr wichtiger und wertvoller Film. Ich schätze mich als privilegiert und beschenkt, dass ich bei diesem Film mitmachen durfte.

Danke, Madeleine, dir und deinem Team.

Danke, Stefanie Arnold, Frank Lorenz, Mentari Natasha Baumann, Priscilla Schwendimann und Wendelin Bucheli.

Danke an alle meine Freunde und Familie *Umarmung*

Danke an all die wundervollen Menschen in den Kirchen und an der Universität Bern.

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