Zwischen Schweigen und Resonanz – Was ich über Seelsorge gelernt habe

Jetzt, wo mein Vikariat sich dem Ende zuneigt, schaue ich zurück – und zugleich nach vorn. Ich frage mich: Was hat sich in mir verändert? Was hat mich geprägt? Und vor allem: Was ist Seelsorge für mich geworden – nach all den Gesprächen, den Begegnungen, dem Dasein an heiligen und verletzlichen Orten?

Seelsorge ist für mich heute weniger eine Methode als eine Haltung. Eine Haltung, die sich aus vielen Fäden webt: Beziehung, Resonanz, Machtbewusstsein, spirituelle Präsenz – und dem Mut, nicht zu wissen. All das ist noch im Werden. Und doch lässt sich einiges sagen.

Beziehung: Kein Rezept, aber Resonanz

Was Beziehung in der Seelsorge bedeutet, ist schwer in Definitionen zu fassen – aber leicht in Bildern: ein offenes Ohr, ein wacher Blick, eine Hand, die nicht greift, sondern begleitet. Ich bin da, nicht als Expertin über das Leben der anderen, sondern als Gegenüber – mitschwingend, mittragend, mit aushaltend. Diese Beziehung ist nicht gleichmachend, aber gleichwürdig. In jedem Menschen leuchtet für mich etwas von Gottes Ebenbild – auch wenn dieses Licht manchmal überschattet ist von Leid, Enttäuschung oder Angst.

Zuhören ist dabei keine Technik. Es ist ein inneres Stillwerden für das, was kommt – ohne vorschnelles Deuten, ohne moralische Brille, ohne Reparaturinstinkt. Ich höre auch auf das, was nicht gesagt wird. Präsenz ist die leibhaftige Form dieser Haltung: Ich bin da – mit meiner Stimme, meinem Blick, meinem Körper. Und ich bleibe.

Queersensible Seelsorge als Grundhaltung

Was Kerstin Söderblom als „queersensible Seelsorge“ beschreibt, ist für mich längst keine Spezialdisziplin mehr. Es ist ein Grundton: Menschen nicht vorschnell einzuordnen, sondern ihre Realität in ihrer Würde und Widersprüchlichkeit ernst zu nehmen. Queersensibilität fragt nicht: „Wie normal bist du?“, sondern: „Wie kann ich dir gerecht begegnen?“ – mit Respekt, mit der Bereitschaft zum Nichtwissen, mit dem Willen, meine blinden Flecken zu hinterfragen.

In einer Welt, die allzu oft normiert, drängt und ausschliesst, soll Seelsorge ein Raum der Resonanz sein – so beschreibt es Söderblom. Resonanz meint nicht bloß Mitgefühl. Es meint ein Miterklingen – auch in der Dissonanz. Heilsam wird Seelsorge dann, wenn niemand mehr allein ist mit dem, was schwer ist.

Machtbewusst, nicht machtvergessen

Seelsorge ist nie ein neutraler Raum. Ich bringe meine Prägungen mit – mein Geschlecht, meine Herkunft, meine Sprache, meine Bildung. Auch mein Schweigen oder mein Blick sprechen. Macht ist immer da – in Kleidung, Sprache, Geste. Doch Seelsorge kann ein Übungsraum sein, in dem Macht reflektiert, geteilt und unterbrochen wird.

Ich erinnere mich an eine trans Frau mit Migrationshintergrund. Ihre Geschichte ist durchzogen von Brüchen, Verlust, Mutterschaft, Religion, Körpererfahrungen. Ich spürte, wie sich in unserem Gespräch verschiedene Machtachsen berührten – und wie wichtig es war, zuzuhören, ohne zu erklären. Emmanuel Lartey nennt das „mutual vulnerability“ – wechselseitige Verletzlichkeit. Ich bin nicht die, die „hilft“, sondern die, die bleibt.

Narrative Imagination statt Diagnose

Ein obdachloser Mann kommt in die Kirche. Er sagt, er sei Jesus. Früher hätte ich gezweifelt oder erklärt. Heute höre ich auf das, was dahinter klingt: Einsamkeit. Sehnsucht. Spirituelle Sprache. Ich sehe, wie er sich im Raum der Kirche beruhigt, wie das Angebot eines Segens für ihn Halt wird. Lartey spricht von „narrative imagination“: Die Fähigkeit, in den Geschichten anderer mehr zu hören als Symptome – nämlich eine gelebte Theologie. Eine Gottesbeziehung, die vielleicht anders ist als meine, aber nicht weniger echt.

Schutzraum: Das Seelsorgegeheimnis

Das Seelsorgegeheimnis ist mehr als ein Gesetz. Es ist ein strukturierter Möglichkeitsraum – ein Vertrauensanker für die andere Person, ein Schutz auch für mich. Es erinnert mich daran: Ich bin keine Ermittlerin. Keine Therapeutin. Ich bin Begleiterin – in einem Raum, der nicht auf Handlung, sondern auf Beziehung gegründet ist.

Nur in einem solchen Schutzraum kann das Unaussprechliche ausgesprochen werden – das Schambesetzte, das Zweifelnde, das Hoffende. Hier kann Neues entstehen: Vertrauen, Würde, manchmal sogar Trost.

Unvorhersehbar – und heilig

Viele seelsorgliche Momente geschehen nicht im geschützten Raum mit Termin. Sie passieren an der Kirchentür, in der Migros, in der Krise. Seelsorge ist kein Format. Sie ist eine Haltung. Sie fragt nicht: „Wie viel Zeit haben wir?“ – sondern: „Wie kannst du ganz du selbst sein – gerade jetzt?“

Ich denke an eine autistische Frau, die nur mit jemandem sprechen wollte, der dieselbe medizinische Erfahrung kennt. Wir hatten beide diese Erfahrung. Das Gespräch wurde wohltuend – für sie und, in stiller Weise, auch für mich. Ich lernte: Selbstoffenbarung ist kein Tabu – aber sie braucht Maß, Bewusstsein und Demut.

Und ich?

Auch ich bleibe Mensch – mit Resonanzkörper und Risslinien. Es gibt Momente, in denen ich ohnmächtig bin angesichts des Schmerzes eines anderen. Situationen, in denen es keine Worte gibt – nur Tränen oder Schweigen. Gerade dann halte ich mich an das, was ich glaube: dass Gott da ist, wenn wir es kaum noch sagen können. Dass einer mitgeht – auch im Dunkel.

Ich wünsche mir für meine Zukunft als Seelsorgerin, mit Freude bei den Menschen sein zu dürfen. Dass ich dasein kann – nicht als Lösung, aber als Licht. Und dass ich mit derselben Freundlichkeit, mit der ich anderen begegne, auch für mich selbst sorge.

Wenn ich ein Bild finden müsste…

…dann wäre ich wohl:

eine Laterne auf einem nächtlichen Weg –
nicht das Ziel, nicht die Richtung,
aber ein Licht, das warm scheint,
für eine Weile den Schatten mildert,
und einfach da ist, solange es gebraucht wird.

Ich bin nicht die Sonne. Nicht die Antwort.
Aber vielleicht ein Licht im Dazwischen –
getragen von einer Hoffnung, die grösser ist als ich.

Literatur

  • Emmanuel Lartey & Hellena Moon (Hg.): Postcolonial Images of Spiritual Care, Wipf & Stock, 2020
  • Kerstin Söderblom: Queersensible Seelsorge, Vandenhoeck & Ruprecht, 2023

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