I. Restposten
Ich stehe da,
im Schatten der Auswahl.
Zweite Wahl –
wenn überhaupt.
Die Guten sind längst
weitergezogen,
in Hände,
die jünger, glatter,
leiser fordernd sind.
Ich bin geblieben.
Mit Narben,
die niemand je gesucht hat.
Mit Haut,
die Geschichten erzählt,
die keiner hören will.
Mit einem Körper,
der nie zur Schablone wurde.
Mit fünfzig Jahren
und keinem Versprechen mehr.
Ich spüre Blicke,
aber sie schneiden,
sie kleben wie Spott
auf meiner Haut.
Ich höre mich denken:
„Ich bin übrig.“
„Ich bin zu viel.“
„Ich bin nicht genug.“
Doch dann
flüstert etwas
tief in mir:
Ich bin kein Restposten.
Ich bin nicht auf einem Markt.
Ich bin keine Ware,
kein Angebot,
kein Trostpreis.
Ich bin.
Ich atme.
Ich bin lebendig.
Ich bin Würde,
die nicht verhandelt wird.
Ich bin nicht zu alt –
ich bin genau jetzt.
Ich bin nicht zu dick –
ich bin genau ich.
Ich bin nicht falsch –
ich bin genau hier.
Und ich bleibe.
Nicht, weil mich jemand nimmt,
sondern weil ich mir selbst
nicht mehr genommen werde.
II. Flimmern. Heimlich. Lebendig.
Ich dachte,
das sei vorbei.
Dieses Kribbeln,
das leise
durch die Rippen zieht.
Diese Unruhe,
die nicht stört,
sondern weckt.
Ich dachte,
ich könne das nicht mehr.
Und dann
warst du da.
Nicht als Lösung.
Nicht als Versprechen.
Nur als Zündfunke
in meinem Innersten.
Und ich schämte mich.
Weil ich fühlte.
Weil ich sehnte.
Weil ich glaubte,
das stehe mir nicht mehr zu.
Ich, die mit der Narbe.
Ich, die mit der Geschichte.
Ich, die doch
schon zu viel war.
Ich schloss es weg.
Schnell.
Sicher.
Weil ich nicht wusste,
ob du überhaupt frei bist.
Ob du überhaupt siehst.
Ob du überhaupt mich
siehst.
Und weil ich
Flirts nicht erkenne,
Signale nicht lese,
zwischen Zeilen stolpere.
Und doch so tief fühle,
dass ich selbst darin
untertauche.
Ich habe etwas gespürt.
Vielleicht ein Flimmern.
Vielleicht ein Anfang.
Vielleicht nur
ein leises Aufleuchten in mir.
Und vielleicht ist es
gar nicht wichtig,
ob du dasselbe fühlst.
Denn:
Ich fühle.
Und das ist
mein Wunder.
Ich bin lebendig.
Ich bin offen.
Ich bin verletzbar,
aber ich bin wach.
Und wenn Liebe
nicht beginnt
mit Sicherheit,
sondern mit Sehnsucht –
dann lebe ich längst
in ihrem ersten Licht.
Ich träume nicht
von Märchen.
Ich träume
von einem Leben,
das ich mit mir selbst
teilen kann,
und mit jemandem,
der bleibt.
Nicht weil ich perfekt bin.
Sondern weil ich bin.
Und weil ich es mir
erlaube,
zu hoffen
auf alles,
was noch kommen darf.