Wir erinnern. Für Shingal.

Als jüdischer Mensch lese ich heute die Worte einer jesidischen Freundin –
und halte mit ihr inne.

Unser Schmerz ist nicht derselbe.
Aber wir erkennen einander darin.

Dieses Gedicht ist meine Antwort.
Meine Umarmung in Worten.
Für Shingal.
Für jede, die noch vermisst wird.
Für jede, die überlebt hat.
Für jede, die wir nie vergessen dürfen.

Wir erinnern. Ich erinnere.

Ich bin Jüdin.
Und ich höre deinen Schmerz.
Ich höre die Schreie deiner Schwestern in den Schluchten von Shingal.
Ich höre das Schweigen der Welt, das alles übertönt.
Ich höre die Stimmen, die nie mehr zurückkehren.
Und ich höre dich –
heute.
Jetzt.
Wieder.

Es ist, als hätte der Staub von Auschwitz
den Wind nach Kurdistan getragen.
Es ist, als würden sich
die Schatten des Vergessens
einander erkennen.

Wir sind nicht gleich.
Doch wir wissen beide,
was es heißt,
nicht zu zählen.
Nicht geschützt zu sein.
Nicht gesucht zu werden,
wenn man geraubt wird.

Ich bin Jüdin.
Und ich weine mit dir.
Nicht nur heute.
Aber heute ganz besonders.

Denn deine Toten sind keine fremden Toten.
Dein Gedenken ist auch mein Gedenken.
Dein Schmerz
kennt meinen.
Und mein Gebet
geht mit deinem.

Segen der Erinnerung

Möge das Licht derer, die geraubt wurden,
nicht erlöschen in dieser Welt.

Möge das Seufzen der Versklavten
nicht verhallen in unseren Gebeten.

Möge der Name von Shingal
nicht verwehen im Wind des Vergessens.

Möge jede vermisste Tochter,
jede geraubte Mutter,
jeder verschwundene Bruder
wie ein Samenkorn sein –
getragen in der Erde
der Hoffnung.

Und möge Gerechtigkeit kommen,
nicht als Rache,
sondern als Rückkehr
von Würde.

Möge der Ewige,
die Quelle des Lebens,
der du und ich
und sie und wir
ein Name sind –
uns verbinden
im Schmerz,
im Erinnern
und im Leben,
das dennoch bleibt.

Amen.

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