Horrorfilme leben oft von der Wiederholung bekannter Muster: dunkle Räume, kalter Atem im Nacken, ein Priester mit Weihwasser und Kreuz. The Deliverance (2024) dagegen bricht gleich mehrfach mit diesen Mustern. Als klassischer Horrorfilm ist er fast unspektakulär – wenig Jumpscares, kaum echte Gänsehaut. Doch gerade dadurch eröffnet er einen anderen Reiz: Er verbindet die Welt des Übernatürlichen mit der bitteren Realität einer afroamerikanischen Familie in den USA, mit Armut, Krankheit, familiären Konflikten und Glaubensfragen.
Das macht ihn zu einem Film, der mehr über Gesellschaft, Religion und Überleben erzählt als über Dämonen.
Schmerz, Sucht und der Glaube als „Droge“
Eine der stärksten Szenen ist nicht die mit Effekten oder Schockmomenten, sondern ein Dialog:
Als die krebskranke Grossmutter das Kreuz an die Wand schlägt, sagte ihre Tochter Ebony zu ihr, dass Glaube für sie auch nur eine neue Droge sei – früher habe sie sich mit Alkohol zugedröhnt, jetzt eben mit Gott.
Dieser Satz ist brutal ehrlich, fast schon unverschämt – und doch trifft er etwas Essentielles. Religion kann eine Ressource sein, Trost, Hoffnung, Kraft. Aber sie kann auch wie eine Betäubung wirken, ein Ersatz für andere Süchte. Der Film scheut sich nicht, diese Ambivalenz offen anzusprechen. Für viele Zuschauer:innen dürfte genau dieser Moment schmerzhaft persönlich wirken – weil er eine Dynamik benennt, die viele Familien kennen, in unterschiedlichen Formen.
Institutionen, die nicht helfen
Ein weiterer Schlüsselmoment: Die Großmutter sucht verzweifelt Hilfe in einer Kirche. Statt Trost bekommt sie Abweisung. „Darum kümmern wir uns hier nicht“, heißt es sinngemäß.
Diese Szene ist fast noch erschütternder als die Begegnung mit dem Dämon. Denn sie zeigt, wie Institutionen – ob Kirche, Sozialsystem oder medizinische Einrichtungen – Menschen in größter Not kalt im Regen stehen lassen können. Anspruch und Realität klaffen auseinander.
Hier wird das Leitmotiv des Films deutlich: Die Bedrohung kommt nicht nur von außen, aus einer übernatürlichen Macht. Sie steckt genauso in gesellschaftlicher Gleichgültigkeit, im Versagen der Institutionen, die eigentlich schützen sollten.
Familie, Colorism und Dämonen, die es auf Identität absehen
Neben Krankheit und Armut trägt die Familie weitere Bruchlinien in sich. Der Satz „Du bist doch nur eine weiße Bitch“, der der Großmutter entgegengeschleudert wird, macht die Spannungen durch Colorism innerhalb der Community sichtbar. Auch der Dämon selbst greift später Ebony mit genau diesem Vorwurf an – ironischerweise trägt sie den Namen Ebony, was in den USA für schwarze Identität steht.
So wird deutlich: Der Horror nutzt nicht nur Dämonenmasken, sondern auch die realen Waffen von Diskriminierung und internen Hierarchien. Was die Gesellschaft spaltet, taucht im Übernatürlichen als Echo wieder auf.
Alltagshölle: Armut, Krankheit, Social Services
Bevor sich Wände bewegen und Stimmen verzerren, ist das Drama längst da:
- Die Familie lebt am Existenzminimum, die Behandlungen der Großmutter verschlingen alles.
- Medicare greift nicht mehr, die Mutter zahlt, bis sie selbst ins Wanken gerät.
- Social Services treten auf den Plan – und plötzlich ist Ebony nicht nur Mutter, sondern Angeklagte, unter Verdacht, eine Gefahr für ihre eigenen Kinder zu sein.
Dieser Realismus gibt dem Film Gewicht. Die Dämonen sind furchteinflößend, ja. Aber die eigentliche Bedrohung ist die Welt, in der eine Familie durch Krankheit und Armut so zerbrechlich wird, dass sie schon beim kleinsten Funken Feuer fängt.
Psychiatrie, „Gott ist tot“ und die Parallelmontage
Ein dramaturgischer Höhepunkt: Während Ebony anderswo mit der Apostelin das typische „Übergabegebet“ spricht, eskaliert in der Psychiatrie die Lage ihres Sohnes.
Der Junge spricht plötzlich mit fremder Stimme, weiß intime Details über andere, läuft die Wände entlang – und verkündet: „Gott ist tot.“
Diese Szene ist vielschichtig:
- Realistisch – Ein Kind in psychiatrischer Behandlung, traumatisiert durch Armut und Gewalt.
- Übernatürlich – Eine dämonische Stimme, körperliche Unmöglichkeit, Wissen über Fremde.
- Theologisch – Der Schock, dass ein Kind den Satz Nietzsches ausspricht, wird zur ultimativen Gotteslästerung.
Die Parallelmontage verstärkt die Spannung: Während die Mutter Jesus alles übergibt, ruft der Sohn das Ende Gottes aus. Hoffnung und Abgrund gleichzeitig – eine klare Kritik am simplen Heilsversprechen.
Kein Weihwasser, sondern Öl: Pentecostal-Ästhetik statt katholischer Rituale
Besonders interessant ist die religiöse Inszenierung: Statt katholischer Priester mit Ornat, Weihwasser und lateinischen Gebeten tritt hier die charismatisch-pentecostale Praxis in den Vordergrund.
- Die Apostelin predigt mit hochgehaltener schwarzer Lederbibel: „Jesus ist für deine Sünden gestorben!“
- Salböl ersetzt das Weihwasser. Handauflegen, Schwitzen, Schreien statt Weihrauch und Liturgie.
- Sprache: Bollwerke, Bande, territoriale Geister – Kampfmetaphorik, die aus der dominion theology stammt.
Das wirkt für Außenstehende fast noch radikaler, direkter, körperlicher. Und es ist authentisch: In afroamerikanischen Gemeinden in den USA ist diese Art von Spiritualität weit verbreitet.
Hier lohnt sich der Kontrast:
- Katholisch: rituell, feierlich, sakramental.
- Pentecostal: improvisiert, schweißtreibend, unmittelbar.
Beide wirken dramatisch, aber auf völlig verschiedene Weise.
Die Apostelin stirbt – und Ebony wird selbst zur Kämpferin
Die Apostelin fällt nicht durch dämonische Gewalt, sondern durch ihre eigene Angst. Theologisch stimmig: Nicht das Ritual versagt, sondern der Glaube selbst wankt.
Ebony übernimmt. Mit Öl, Schrei und Zungenrede wird sie selbst zur „Exorzistin“. Kurz umhüllt sie goldenes Licht, ihre Kinder tragen Stigmata, der Sohn liegt gekreuzigt am Boden. Hier mischt der Film katholische Bildwelten in ein pentecostales Setting – eine theologische Überlagerung, die zugleich fremd und faszinierend wirkt.
Schließlich wird das Böse vom Feuer verschlungen, und Ebony schreit ekstatisch in Zungen, während die Sonne aufgeht.
Deliverance – Befreiung, aber nicht zuckersüß
Der Titel erklärt sich spätestens jetzt: Deliverance meint nicht nur „Erlösung“, sondern die spezifische charismatische Praxis des „Deliverance Prayer“ – ein Befreiungsgebet, das persönlicher, unmittelbarer, existenzieller ist als ein klassischer Exorzismus.
Doch der Film bricht mit Happy-End-Kitsch. Ebony sagt: „Wenn es Gottes Wille ist, bekomme ich die Kinder zurück.“ Keine schnelle Belohnung, sondern Gottergebenheit im Chaos.
Am Ende gibt es eine vorsichtige Versöhnung mit dem Vater. Aber alles bleibt gebrochen, offen, rau.
Inspiriert von Latoya Ammons
Die Geschichte basiert auf den realen Erlebnissen von Latoya Ammons, einer Frau aus Indiana, deren angebliche Dämonenerfahrungen 2012 große Schlagzeilen machten. In charismatischen Kreisen gilt sie bis heute als Beleg für die Realität von Besessenheit. Der Film inszeniert diesen Stoff aber nicht als reinen „Exorzismus-Schocker“, sondern als Familiendrama mit Horroraufladung.
Fazit
The Deliverance ist kein Horrorfilm für Jumpscare-Junkies. Aber er ist ein eindringliches Stück Kino über:
- Soziale Realität: Armut, Krankheit, Familienzerfall.
- Religion: Charismatische Spiritualität, die sich vom katholischen Standard unterscheidet.
- Ambivalenz: Glaube als Droge, Glaube als Kraft, Institutionen als kalt, persönliche Frömmigkeit als Befreiung.
Der eigentliche Schrecken ist nicht der Dämon. Es ist die Welt, in der Menschen am Rand stehen, ohne Halt, ohne Hilfe, und in der der Glaube zur letzten Waffe wird – ob man ihn nun als Droge, als Rettung oder als beides zugleich begreift.
Nachklapp: Insider-Moment
Für Menschen, die selbst in charismatischen oder pentecostalen Gemeinschaften gelebt haben, gab es in The Deliverance einen ganz eigenen Moment des Fremdschämens: das Zungenreden. Natürlich habe ich es sofort erkannt – und doch klang es so seltsam gekünstelt, dass es sich kaum von einer schlechten Nachahmung unterscheiden ließ. Zusammen mit dem überinszenierten Sonnenaufgang wirkte die Szene unfreiwillig komisch. Wer den Toronto-Segen und die damalige dominion-theologische Aufbruchstimmung der 90er erlebt hat, merkt sofort den Unterschied zwischen echtem Flow und filmischer Karikatur. Für Außenstehende vielleicht mystisch, für Insider:innen eher ein skurriles Déjà-vu.