Es ist ein guter Tag, Cherokee und Taíno zu sein

Dieser Text ist ein persönlicher Blick auf Indigenous Peoples’ Day – aus meiner Perspektive einer Cherokee- und Taíno-Frau. Er erzählt von Geschichte, Widerstand und Gewalt, aber auch von Heilung, Aufblühen und der Kraft, die unsere Sprachen, Geschichten und Traditionen bis heute tragen. Ein Text über Erinnerung, Verantwortung und das Leuchten, das wir weitertragen.

Indigenous Peoples’ Day war am 13. Oktober. Für mich ist er ein Tag, der an die Geschichte und Gegenwart der Indigenous Nations erinnert – an ihre Widerstandskraft, ihre Stärke und die Vielfalt ihrer Kulturen.
Es ist ein Tag, der uns bewusst macht, dass die Geschichte von Kolumbus und der Kolonisierung nicht nur vergangen ist, sondern dass ihre Folgen bis heute spürbar sind – in Ungerechtigkeit, Gewalt und dem Versuch, unsere Identitäten zu unterdrücken.
Aber es ist auch ein Tag, der daran erinnert, dass wir noch hier sind. Dass wir leben, feiern, lehren, lernen und unsere Geschichten weitertragen.

Doch während Präsident Biden 2021 zum ersten Mal diesen Tag offiziell würdigte, hat Trump nun per Gesetz Columbus Day zurückgeholt – „from the ashes“, wie er sagt. Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Indigenous Nations. Ein Ausdruck ungebremster White Supremacy und tiefer Verachtung. Man kann sich noch so sehr als Freund der Indigenen darstellen wollen – am Ende sprechen Taten lauter als Worte. Und auch die Kommentare darunter – „Happy Columbus Day“, „So soll es sein“, „Indians are sore losers“ – sind keine Randbemerkungen. Sie zeigen, wie tief das Muster der Verachtung reicht, wie selbstverständlich Gewalt, Spott und Ignoranz bis heute weitergetragen werden.

Zurück zu Kolumbus.
Ich bin Cherokee. Ich bin Taíno. Bei uns sagen wir: Kolumbus war auf dem Meer verloren – wir haben ihn gefunden.
Und was war der Dank? Versklavung. Vergewaltigung – besonders an jungen Mädchen. Zwangsarbeit bis zur Erschöpfung oder bis zum Tod. Verstümmelung – Hände abhacken, wenn nicht genug Gold geliefert wurde. Zwangskonversion. Innerhalb kürzester Zeit war die Mehrheit der Taíno ermordet.

Und das soll „the original American hero“ sein?
Ein Mann, der ausserdem nie einen Fuß auf das nordamerikanische Festland setzte?

Doch die Gewalt, die er und seine Männer begannen, setzte sich hier fort: Plünderung, Mord, Versklavung, Ausbeutung. Bis heute.
Der Mythos vom „verschwindenden Indianer“? Bullshit.
Wir sind noch hier. Trotz Genozid, trotz Schweigen der Welt, trotz der unzähligen verschwundenen Frauen, Kinder und Two-Spirits, die jedes Jahr wie Müll entsorgt am Straßenrand wiedergefunden werden – wenn überhaupt.

Wir sind hier. Stark, schön, stolz, widerständig, resilient.
Wir leben, feiern unsere Kultur, unsere Geschichten, unsere Sprachen – wir halten sie am Leben, auch nach dem Trail of Tears.

Doch es geht nicht nur ums Überleben. Es geht ums Aufblühen.
Unsere Sprachen werden wieder gelernt, unsere Tänze getanzt, unsere Geschichten erzählt. In unseren Gesichtern lebt die Erinnerung an die, die uns vorausgingen – und zugleich die Zukunft, die wir selbst gestalten. Wir sind nicht nur Opfer der Geschichte. Wir sind Schöpferinnen und Schöpfer von Gegenwart und Zukunft.

Unsere Communities werden getragen von den Two-Spirits – die Geschichten erzählen, lehren, malen, heilen, singen, tanzen, Geburten begleiten und so vieles mehr. Sie sind Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Hüterinnen und Hüter der Weisheit, lebendige Zeugnisse der Vielfalt und Stärke unserer Völker.

Wir ehren -und lieben- unsere Ältesten, deren Erfahrung, Wissen und Geduld uns den Weg weisen. Sie erinnern uns daran, woher wir kommen, wer wir sind, und wofür wir einstehen. Sie nähren unser Herz und unsere Seele, damit wir wachsen, lernen, vergeben und weitertragen können.

So ist unsere Zukunft kein unbeschriebenes Blatt. Sie wird geformt aus Erinnerung und Hoffnung, aus Kreativität und Gemeinschaft, aus Respekt und Verantwortung. Jeder Schritt, jede Handlung, jede Geste des Mitgefühls trägt dazu bei, dass wir aufblühen – als Völker, als Individuen, als Schöpferinnen und Schöpfer unserer eigenen Geschichten.

Wir Cherokee nennen uns Aniyvwiya – das „Hauptvolk“.
Oder Anigiduwagi – „Volk von Kituwah“.
Unsere Sprache heißt Tsalagi Gawonihisdi.

Wir glauben, dass die Welt aus zwei großen Kräften besteht: Rot (Krieg, Jugend, Erfolg) und Weiß (Frieden, Alter, Innenschau).
Wir ehren die Frauen, die das Leben geben, die das Land bearbeiten, die Clanmütter, die Hüterinnen der Tradition. Ohne sie gäbe es kein Weitertragen. Ohne sie gäbe es kein Gleichgewicht.

Manchmal sagen wir: jeder Schritt auf dieser Erde ist ein Gebet. Jeder Atemzug ist ein Widerstand. Jeder Herzschlag ist Erinnerung.

Indigenous Peoples’ Day ist nicht nur ein Datum.
Er ist Erinnerung.
Ein Zurückkehren in den Kreis.
Ein Lauschen auf die ältesten Lehren der Erde:
dass alles miteinander verbunden ist,
dass Land und Sprache Heilung sind,
dass unsere Geschichten nie zerbrochen waren – nur darauf gewartet haben, wieder erzählt zu werden.

Gehe heute sanft.
Feiere, wer du bist.
Dieser Tag – und jeder Tag – gehört uns.

Und so sage ich heute:
Es ist ein guter Tag, Cherokee und Taíno zu sein.
Denn trotz allem sind wir noch hier. Wir gehen weiter. Wir tragen das Licht.

ᏩᏙ – Wado.

Hinterlasse einen Kommentar