Liebe auf anderer Frequenz – Romantik, Sexualität und Autismus

Liebe, Nähe, Sexualität – viele Geschichten über sie folgen einem bekannten Rhythmus: Feuerwerk, Schmetterlinge im Bauch, überschwängliche Leidenschaft. Doch was, wenn Liebe auch leise, beständig und tief sein kann? Als Autistin erlebe ich Liebe, Romantik und Sexualität auf eine andere Weise. Nicht weniger intensiv, aber anders strukturiert. Es ist eine Form von Nähe, die Vertrauen, Verlässlichkeit und Resonanz lebt, in der das Herz nicht unbedingt rast, in der Nähe nicht unbedingt laut ist, und in der Intimität auf eigenen Rhythmen entsteht. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Beobachtungen und Einsichten über das Leben im autistischen Spektrum: über Liebe, die Tiefe und Beständigkeit kennt, und über Sexualität, die eigene Wege, Ausdrucksformen und Rhythmen hat: Ein persönlicher Blick auf ein oft missverstandenes Land der Gefühle – still, intensiv, ehrlich und wahrhaftig.

Als ich neulich eine Folge von The Good Doctor sah, sagte Shaun, als er gefragt wurde, ob er nach Liebe suche:
„Ich will keine Liebe.“
Dieser Satz hat in mir nachgeklungen.

Ich bin auch Autistin – und ich wünsche mir Liebe. Doch sie zeigt sich bei mir anders. Nicht als ständiges Kribbeln oder Feuerwerk, sondern als Ruhe, Vertrauen, Verlässlichkeit. Ich weiß, dass ich jemanden liebe, wenn ich ganz ich selbst sein kann, ohne Maskierung, ohne Anstrengung. Wenn ich jemandem meine Welt zeigen möchte – meine Gedanken, meine Interessen, das, was mich tief bewegt.

Die nachfolgenden Gedanken sind meine; alles Erleben, und so auch im autistischen Spektrum, ist immer individuell.

Liebe und Verliebtsein im autistischen Spektrum

Viele autistische Menschen erleben Liebe auf diese Weise. Sie ist nicht weniger intensiv, aber anders strukturiert. Sie geschieht nicht im Lärm der Hormone, sondern im stillen Raum von Vertrautheit. Häufig ist das Erleben weniger durch körperliche Aufregung geprägt – nicht „Schmetterlinge im Bauch“, sondern Tiefe, Vertrauen, Ruhe, Zugehörigkeit, Verlässlichkeit, Resonanz. Ich spüre Liebe oft als Wärme und Sicherheit, als „Ich kann hier atmen“. Für andere mag das manchmal „weniger verliebt“ aussehen – aber es stimmt nicht. Ich bin nicht weniger verliebt – ich liebe auf meine Weise. Vielleicht nicht mit Schmetterlingen, sondern mit Anker, Atem und Tiefe.

Was ich erlebe – „Ich weiß, dass es die richtige Person ist“, „Ich kann sein, wie ich bin“, „Ich kann komplett vertrauen“ – das sind zutiefst bindungsorientierte Formen von Liebe. Viele Autist:innen beschreiben es so:
„Ich bin nicht in jemanden verliebt im klassischen Sinn. Ich bin mit jemandem verbunden.“
Diese Verbundenheit ist oft stabiler und klarer, weniger von hormonellen Schwankungen abhängig. Man könnte sagen: Wo andere in einer Flut schwimmen, stehe ich fest auf dem Grund eines ruhigen Gewässers.
Das ist nicht weniger romantisch – es ist schlicht autistisch-romantisch: ehrlich, zuverlässig, nicht von Hormonen, sondern von Wahrhaftigkeit getragen.

Viele Autist:innen berichten, dass romantische Gefühle bei ihnen kontextabhängig, situativ, zeitversetzt oder anders kanalisiert auftreten. Nicht auf Reizüberflutungsebene, sondern als ruhige Gewissheit. Liebe zeigt sich eher als mentale und emotionale Nähe denn als körperliches Kribbeln. Manchmal kommt sie als Gedanke, als Geste, als stilles Mitatmen – nicht als Sturm, sondern als gleichmäßige, tragende Welle.

Eine besondere Sprache hat auch das Lieben-Zeigen und das Lieben-Empfangen. „Ich will meine Special Interests mit ihm teilen.“ Für viele Autist:innen ist das eine der tiefsten Formen von Zuneigung. „Ich lasse dich in mein Spezialinteresse hinein“ bedeutet oft: Ich vertraue zutiefst. „Ich denke an dich, wenn ich über mein Thema nachdenke“ ist eine Form von emotionaler Nähe. Das ist nicht weniger Liebe – es ist nur eine ruhigere Frequenz derselben Musik.

Autistische Formen von Romantik haben ihre eigene Grammatik: klare Linien, ehrliche Worte, seltene, aber bedeutsame Berührungen, tiefe Loyalität. Weniger Rauschen, mehr Resonanz.

Sexualität im autistischen Spektrum

Sexualität ist im autistischen Spektrum sehr vielfältig, aber es gibt wiederkehrende Muster, die viele Betroffene teilen. Ich bin nicht asexuell, aber mein Leben in Bezug auf Sexualität ist anders. Ich empfinde Nähe und körperliche Zuneigung stark, doch nicht alles fühlt sich richtig an. Bestimmte Dinge lösen Lust aus, andere nicht. Das ist in Ordnung. Es muss nicht jedes Mal einen Höhepunkt geben. Es geht nicht darum, etwas zu leisten oder Erwartungen zu erfüllen, sondern darum, intime Nähe zu erleben – bewusst, sicher und wahrhaftig.

Körperwahrnehmung: Der Körper kann gleichzeitig sehr empfindsam und sehr schwer zugänglich sein. Manche Reize sind angenehm, andere überwältigend oder verwirrend.

Reizverarbeitung: Berührungen können zu viel sein, kaum spürbar oder nur in bestimmten Kontexten angenehm.

Kognitive Begleitung: Sexualität läuft bei mir oft „im Kopf mit“. Ich denke darüber nach, analysiere, beobachte mich selbst. Das bedeutet nicht Kälte, sondern spiegelt die Art, wie das autistische Gehirn Reize und Gefühle integriert.

Sexualität im autistischen Spektrum kann man als autistisch-sexual bezeichnen – sie hat ihre eigenen Rhythmen, Wege und Ausdrucksformen. Es ist kein „seltsames Land“, sondern ein Land mit eigenen Farben, Gerüchen und Pfaden, das erlebt und erforscht wird.

Es gibt mittlerweile viele Berichte und Studien zu diesen Erfahrungen. In Interviews mit autistischen Erwachsenen – etwa bei Sarah Hendrickx (Love, Sex and Relationships for People with Asperger’s Syndrome) – beschreiben viele, dass Sexualität intensiv, aber selektiv ist. Vertrauen und Sicherheit sind entscheidend, um Lust zu empfinden. Manche nennen sich demisexuell, andere graysexual oder autistisch-sexual, um auszudrücken: Sexualität ist möglich, aber auf eigenen Rhythmen, nach eigenen Regeln und mit eigenen Grenzen.

Eine Studie von Strunz et al. (2017, Autism Research) zeigt, dass autistische Menschen häufiger von „abweichenden“ Sexualitätsmustern berichten, jedoch nicht weniger Zufriedenheit empfinden, wenn ihre Bedürfnisse verstanden werden.

Sexualität ist also kein Mangel, sondern eine eigene Form der Nähe – manchmal schön, manchmal verwirrend, aber stets echt und wahrhaftig.

Liebe auf anderer Frequenz

Autistische Liebe ist keine andere Sorte Liebe – sie ist Liebe mit einer anderen Struktur. Sie braucht weniger Drama, weniger Überschwang, dafür mehr Vertrauen, Ehrlichkeit und Raum. Ich wünsche mir Liebe, die bleibt, wenn das Kribbeln vergeht. Die Liebe, in der ich atmen kann, in der jemand mich nicht ändern will, sondern einfach mit mir ist.

Es ist eine Liebe, die stabil und beständig ist, weniger abhängig von Hormonen oder impulsiven Gefühlen. Sie zeigt sich in kleinen Gesten, in aufmerksamem Zuhören, in der Bereitschaft, stille Momente gemeinsam zu teilen. Sie offenbart sich in der Klarheit, dass jemand da ist, ohne dass etwas bewiesen oder inszeniert werden muss.

Diese Liebe kann ein tiefes Vertrauen schaffen: Ich kann meine Welt zeigen, ohne zu erklären, warum ich bin, wie ich bin. Ich kann in meiner Ruhe bleiben, in meiner Eigenart. Ich kann meine Special Interests teilen und weiß, dass sie angenommen werden. Jede Form von Nähe wird dabei zu einer Bestätigung der Bindung, zu einer Art „gemeinsames Atmen“ im selben Raum.

Autistische Liebe ist kein Feuerwerk – sie ist ein Anker. Kein Sturm, sondern eine gleichmäßige, tragende Welle. Kein Überschwang, sondern tiefe Resonanz. Sie ist ehrlich, zuverlässig, getragen von Wahrhaftigkeit und Echtheit. Sie bleibt, wenn alles andere vergeht, und erlaubt, vollständig man selbst zu sein.

Vielleicht zeigt sich Liebe im autistischen Spektrum nicht so, wie sie gesellschaftlich oft dargestellt wird. Sie ist leise, geerdet, intensiv auf ihre eigene Weise. Sie hat Rhythmus, Tiefe und Klarheit. Sie ist nicht weniger romantisch – sie ist schlicht autistisch-romantisch, echt, wahr und beständig.

Ein Gedanke zu “Liebe auf anderer Frequenz – Romantik, Sexualität und Autismus

Hinterlasse einen Kommentar