Wenn Worte nicht mehr tragen

Es gibt Ereignisse, die sich jeder Sprache entziehen.
Es gibt Leid, für das es keine richtigen Worte gibt. Dieser Beitrag versucht nicht zu erklären, sondern da zu sein: mit Anteilnahme, Dank für die Helfenden und Nähe zu denen, die nun tragen müssen, was kaum zu tragen ist – für Trauer, Mitgefühl und solidarisches Gedenken nach der Katastrophe von Crans-Montana.

Dieser Text ist kein Versuch zu erklären, sondern ein Innehalten: aus Mitgefühl, aus Solidarität, aus Nähe zu denen, die in Crans-Montana Unfassbares erlebt haben – und zu denen, die nun mit den Folgen leben müssen.

Es gibt Ereignisse, die entziehen sich jeder Sprache.
Was in Crans-Montana geschehen ist, gehört dazu.

Ein Augenblick – und Leben, wie es eben noch war, ist zerbrochen.
Ein Ort der Freude, des Unterwegsseins, des Winters, der Ferien – und plötzlich ein Ort des Entsetzens.
Was bleibt, ist ein Schweigen, das schwer ist. Ein Schweigen, das drückt, weil Worte zu klein sind für das, was Menschen jetzt tragen müssen.

Unsere Gedanken sind bei den Eltern, die erleben, was Eltern niemals erleben sollten:
den Tod ihrer Kinder.
Kein Trostwort kann diesen Verlust fassen. Keine Erklärung kann ihn einordnen.
Es gibt hier kein „Warum“, das hilft.
Nur die Anerkennung des unermesslichen Schmerzes – und die Gewissheit: Ihr seid nicht vergessen. Euer Leid wird gesehen. Es darf da sein.

Unsere Gedanken sind bei denen, die verletzt wurden – an Körper und Seele.
Bei denen, die jetzt um Genesung kämpfen.
Bei denen, die vielleicht ein Leben lang mit den Folgen leben müssen: mit Schmerzen, mit Einschränkungen, mit Bildern, die nicht mehr weichen.
Auch dieses Leid ist real. Auch dieses Leid verdient Aufmerksamkeit, Geduld und Begleitung.

Und unsere Gedanken sind bei den Rettungskräften, Helferinnen und Helfern, Einsatzteams.
Menschen, die dorthin gegangen sind, wo niemand hingehen möchte.
Die gesehen haben, was niemand sehen sollte.
Die gehandelt haben, während andere erstarren.
Ihnen gilt Dank – ein tiefer, stiller Dank.
Nicht, weil sie „funktioniert“ haben, sondern weil sie menschlich geblieben sind in einer Situation, die das Menschliche überfordert.

In solchen Momenten zeigt sich, was uns als Gesellschaft trägt – oder tragen muss:
Mitgefühl statt Sensationslust.
Zurückhaltung statt schneller Urteile.
Solidarität statt Vereinzelung.

Vielleicht ist das Einzige, was wir jetzt ehrlich sagen können:
Wir stehen da – erschüttert, traurig, ohnmächtig.
Aber wir stehen nicht weg.
Wir bleiben zugewandt.

„Der HERR ist nahe bei den Menschen, die im Herzen verzweifelt sind.“ (Psalm 34,19)

Dieser Vers ist kein Satz für gute Tage.
Er ist kein Spruch für Postkarten.
Er gehört dorthin, wo das Herz bricht.

„Im Herzen verzweifelt“ – das ist mehr als Traurigkeit.
Es ist der Moment, in dem innerlich nichts mehr hält.
Wenn das, was Sinn gegeben hat, wegbricht.
Wenn Gebete verstummen, weil selbst das Rufen zu anstrengend ist.

Der Psalm sagt nicht: Gott macht alles wieder gut.
Er sagt nicht: Gott verhindert Verzweiflung.
Er sagt: Gott ist nahe.

Nähe ist kein Lärm.
Nähe ist kein Erklären.
Nähe ist Aushalten.

Gott nicht der ferne Beobachter des Leidens, sondern der Mitgehende.
Der Gott, der mit Israel durch das Meer geht, ist derselbe Gott, der an den Trümmern steht.
Nicht über den Menschen – sondern bei ihnen.

„Der HERR ist nahe“ bedeutet:
Wo ein Mensch verzweifelt ist, ist dieser Ort nicht gottverlassen.
Wo Tränen fallen, ist Gott nicht abwesend.
Wo Herzen zerbrechen, ist Gott nicht auf Abstand.

Vielleicht ist das die radikalste Hoffnung dieses Verses:
Dass Gottes Gegenwart nicht an Stärke gebunden ist.
Nicht an Glaubensgewissheit.
Nicht einmal an Worte.

Gott ist da, wo Menschen nichts mehr sagen können.
Da, wo nur noch Atmen möglich ist.
Da, wo jemand die Hand eines anderen hält – oder selbst gehalten werden muss.

Und wenn wir diesen Vers heute hören, dann vielleicht so:
Gottes Nähe zeigt sich dort, wo Menschen füreinander da sind.
Wo jemand bleibt, statt weiterzugehen.
Wo jemand schweigt, statt zu erklären.
Wo jemand mitträgt, was zu schwer ist.

Gebet

Ewige Quelle des Lebens,
wir kommen zu dir ohne Antworten.
Ohne fertige Sätze.
Mit leeren Händen und schweren Herzen.

Wir bringen dir das Schweigen von Crans-Montana,
die Bilder, die sich eingebrannt haben,
die Namen, die fehlen,
die Stimmen, die verstummt sind.

Sei bei denen,
deren Kinder nicht mehr nach Hause kommen.
Bei denen, die morgens aufwachen
und begreifen müssen, dass alles anders ist.
Halte sie, wenn nichts mehr hält.

Sei bei denen,
die verletzt sind an Leib und Seele.
Schenke Heilung, wo sie möglich ist,
und Geduld, wo sie lange braucht.
Gib Menschen an ihre Seite,
die bleiben.

Sei bei den Helferinnen und Helfern,
bei den Rettungskräften,
bei allen, die gesehen haben,
was sie nicht hätten sehen sollen.
Schenke ihnen Schutz,
Raum zum Atmen,
und Wege zurück ins Leben.

Und lehre uns,
nicht wegzusehen.
Nicht zu verhärten.
Sondern menschlich zu bleiben –
achtsam, solidarisch, mitfühlend.

Darum bitten wir dich.
Amen.

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