Ein Freiwilligenabend voller Lachen, Wertschätzung und Musik, zwischen Schubert, Bruch und Poulenc – und ein Kater, der glaubt, die Welt ohne Thunfischmus würde untergehen. Ein kleines Porträt eines großen Abends.
Ich packe meine Tasche, ziehe meine Jacke an – und da sitzt er, Newt, mein alter, schwarz-weißer Langhaarkater, auf dem Bett. Seine Augen sind groß, sein Blick durchdringend, und schon sein erstes Miauen klingt wie: „Ah, du gehst wirklich? Sehr mutig.“ Ich schnappe mir meine Schlüssel, und er folgt mir mit kritischem Blick bis zur Tür, wo er sich endgültig in Pose wirft – die eines halb verwunderten, halb beleidigten Seniors.
Draußen ist es neblig und kalt. Die S-Bahn S3 quält sich durch die graue Landschaft – fünf Minuten, die sich anfühlen wie ein kleiner Atemzug, bevor der Abend beginnt.
Im Gemeindehaus empfängt mich ein warmer, herzlicher Trubel. Menschen lachen, begrüßen sich, schütteln Hände, tauschen Umarmungen – und ich mittendrin. Ich habe den Abend nicht organisiert, das hat eine andere Kollegin perfekt im Griff, aber ich durfte dafür sorgen, dass die Musik stimmt, die Gäste willkommen geheißen werden und ich habe Getränke serviert. Ein Glas hier, ein Lächeln da, ein fröhliches „Bitte schön“ beim Servieren – und immer ein offenes Ohr für spontane Gespräche.
Die Musiker:innen sind schon da: Avital stimmt die Flöte, Kirill freundet sich mit dem Flügel an, und ich kann schon die ersten zarten Klänge hören – leise, verheißungsvoll. Ich schaue mich um, die Menschen kommen, setzen sich, und langsam füllt sich der Raum mit Wärme, Lachen, leisen Vorfreuden. Ich habe noch kurz Zeit, meine Rede zu sichten, und dann halte ich sie:
Liebe freiwillig Engagierte, liebe Helferinnen und Helfer – Herzlich willkommen zu unserem Freiwilligenfest – oder vielleicht besser gesagt: zu eurem Abend. Ein Abend, an dem ihr einmal nicht organisiert, vorbereitet, aufräumt, nachfragt oder im Hintergrund dafür sorgt, dass alles läuft – sondern einfach da sein dürft. Und ja: heute dürft ihr euch bedienen lassen.
Eine Kirchengemeinde lebt nicht zuerst von Mauern, Strukturen oder Protokollen – auch wenn wir davon durchaus einige haben. Sie lebt von Menschen. Von Menschen, die Zeit schenken, Verantwortung übernehmen, mitdenken, mitfühlen und mittragen. Von Menschen, die kommen, wenn etwas zu tun ist – und oft schon da sind, bevor man überhaupt gefragt hat. Manche von euch sind sehr sichtbar, andere wirken eher leise und unscheinbar. Aber wir wissen: Gerade das Unsichtbare ist oft das, was am zuverlässigsten funktioniert. Wenn etwas einfach da ist, wenn es gebraucht wird, dann steckt meist eine freiwillige Person dahinter, die gesagt hat: „Ich mach das schnell.“ Ohne diese vielen Hände, Köpfe und Herzen würde unsere Gemeinde nicht funktionieren. Sie wäre nicht dieselbe. Wahrscheinlich wäre sie deutlich chaotischer – und auf jeden Fall leerer.
Dieser Abend ist deshalb ein bewusstes Innehalten. Ein Dank. Ein warmes, ehrliches Dankeschön für alles, was ihr übers Jahr hinweg gebt: eure Zeit, eure Energie, eure Geduld – und manchmal auch eure Nerven. Im Namen der ganzen Kirchengemeinde: Danke, dass ihr da seid. Danke, dass ihr mittragt. Danke, dass ihr unsere Gemeinde lebendig, freundlich und menschlich macht.
Ich beobachte die Menschen beim Zuhören, sehe Lächeln, Nicken, kleine Gesten der Freude, und denke: Ja, genau darum sind wir hier. Genau das ist das Geschenk. Dann erklingt die Musik: Franz Schubert, Max Bruch, Francis Poulenc – kleine Meisterwerke, die den Raum erfüllen, die Menschen berühren, und die mich selbst tief bewegen. Die Gäste genießen das Essen, die Musik, die Gespräche – alles wird ihnen von A bis Z serviert, wir kümmern uns um sie, und ich genieße die Möglichkeit, einfach mittendrin zu sein.
Auf dem Heimweg, eingehüllt in den leichten Nebel draußen, denke ich über den Abend nach. Es ist schön. Es war schön. Und es wird schön sein. Auch wenn es sicherlich, wo Menschen sind, da menschelt es, und es bestimmt Momente gibt, die nicht einfach sind – im Großen und Ganzen kann ich sagen: Es ist ein Geschenk, in dieser Gemeinde sein zu dürfen. Dieser Ort – oder vielmehr die Menschen, die ihn füllen, sind etwas Besonderes.
Noch ein paar Schritte. Es wird langsam glatt.
Zu Hause öffne ich die Tür – und da ist Newt.
Er sitzt da, sieht mich an, und seine Augen sagen: „Endlich! Du bist zurück! Ich habe die letzten Stunden nur überlebt, indem ich mich an der Katzensonne festgeklammert habe!“ Ich setze mich, nehme ihn auf den Schoß, kraule ihn – und dann beginnt der Dialog:
Ich erzähle von der Musik: „Avital spielte so zart, Kirill am Flügel, alles kleine Meisterwerke…“ Newt schaut mich streng an: „Zart?! Pah! Ich will Meisterwerke in Form von Thunfischmus! Sofort!“ Ich lache: „Die Gäste haben sich so gefreut, wir haben sie begrüßt und bedient…“ Newt schnurrt, faucht fast: „Bedient? HA! Ich wurde nicht bedient. Ich wurde im Stich gelassen! Wo ist mein Thunfischmus?“ Ich kraule ihn weiter, erzähle von den Dankesworten und der Wertschätzung: „Die Menschen waren so dankbar, so herzlich und ich bin auch sehr dankbar für alles…“ Newt schließt die Augen, miaut theatralisch: „Dankbar? Ich bin hungrig! Ich bin sterbenshungrig! Dein Freiwilligenfest interessiert mich wenig! Gib Thunfischmus!“
Wir lachen beide – auf seine Weise und auf meine. Und während er zufrieden schnurrt, denke ich: Alles, was heute im Gemeindehaus geschah, war schön, berührend und wertvoll. Aber Newt erinnert mich daran: Manche Dankbarkeit, manche Freude, manche Verpflichtung fängt zuhause an… und die Thunfischmus-Portion wartet nicht.