Drag Theology

Mässigung… Zurückhaltung… Bescheidenheit… für manche Christen scheinen diese Tugenden massgeblich und sehr wichtig zu sein, gar zentral für ihre Version des Christentums und ihre Art es zu leben, sein. Vor allem haben sich diese Eigenschaften auf die äussere Erscheinung bezogen, und noch mehr, was Weiblichkeit angeht. Nur nicht zu viel Haut zeigen, keine allzu schöne Kleidung, Schmuck, sich nicht zu viel schminken.

Da scheint eine Drag Queen genau das Gegenteil dazu zu sein: opulent, schillernd, mal sexy, mal glitzernd, mal geheimnisvoll, schön, geschminkt, Schmuck tragend, in ihre schönste Kleidung gehüllt. Manche zeigen viel Haut und haben keine Angst vor (ihrer) Sexualität, mal subtil und mal weniger subtil – je nachdem wie es gerade passt oder auch nicht.

Frauen wird seit je her eingetrichtert, sie wären dafür verantwortlich, wie Männer sie anschauen, wären für jegliche männliche Lustregung verantwortlich – und müssen sich daher keusch halten. Das war in ungefähr auch meine Sexualerziehung und -aufklärung im Teeniealter. Es lag und liegt an ihnen, die Reinheit zu waren. Alles andere wird mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen belegt. Nur so nebenbei: abgesehen von der Last, die der weiblichen Hälfte der Menschheit auferlegt wird, wird die männliche Hälfte auf der einen Seite von jeglicher Verantwortung freigesprochen („Sie hat mich ja so angemacht“), bzw. zum Rang eines vernunftfreien triebgesteuerten Tieres herabgestuft.

Dem gegenüber kann die Drag Queen sicherlich schockierend wirken, mit ihrem Auftreten das nun gerade das Gegenteil symbolisiert. Aber warum eigentlich? Oder er, wenn es ein Drag King ist? Oder they? Drag King, Drag Queen, Drag Kwing, Drag Queer… sie, er, they, ey, dey, zir… Wir sind so unterschiedlich, individuell und einzigartig in Drag wie wir es auch ausserhalb von Drag sind.

Der Einfachheithalber rede ich hier meistens von Drag Queens, aber alle Drags sind gemeint.

Wer bei Drag Queens an Prides denkt, denkt schon mal in die richtige Richtung, zumindest teilweise – wenn man den Ursprung der Prides als Märsche für die Einfordung der Rechte für queere Menschen sieht, als Proteste gegen Diskriminierung und Gewalt. Drag ist natürlich Fun, es gibt Fun, Musik und Spass – aber Drag ist zuallerst erst einmal politisch. Drag ist politisch denn er stellt existierendes in Frage, da wo es einengt und unterdrückt, da wo Ungerechtigkeiten bestehen und Diskrimierung. Drag übertreibt bestehendes und verwischt und kritisiert damit, dass es eben dieses zur Schau stellt und damit spielt, auf seine eigene Art. Jede:r Queen/King/Kwing/Queer macht dies auf die eigene Art durch Performances, politisches Engagement, Aufklärung, Da-sein für die Community oder welche Art auch immer für die Drag Persona stimmig ist. Drags sind in der Regel an der Frontline wenn es darum geht, Diskriminierungen anzusprechen, und die Stimme der Stimmlosen zu sein – von Stonewall bis heute. Drag ist politisch und therapeutisch zugleich.

Viele verbinden Drag Queens, Drag, einfach nur mit feiern, mit sich-amüsieren, mit Prides und Clubs oder mit RuPauls Drag Race. Viele denken vor allem gleich an schrille Kostüme, provokante Gestalten, schwule Männer die auf überdrehte Weise als Frauen verkleidet sind.

Natürlich gehört das Feiern mit dazu, gehören Shows dazu – pageants, lipsyncs, tanzen, Fun. Soviel Freude! Freude gehört absolut dazu. Würde es keine Freunde machen und bringen, wer würde jedesmal 3 Stunden Zeit damit verbringen, sich fertig zumachen, Zeit, Arbeit, Geld und Geduld für Outfits aufbringen, Nummern und Performances einstudieren? Freude, sich Freuen, mit anderen zusammen zu sein, sich wohl zu fühlen und eine gute Zeit in einem safe Space als Gemeinschaft und Familie zu verbringen ist etwas wunderbares!

Ich denke dabei an wunderbare Freunde, die nicht nur gute Laune verbreiten und wunderbare Menschen sind, sondern auch die mir beigestanden nach queer/transfeindlich und rassistischer erlebter Gewalt. Drag Queens sind nicht nur die Kämpfer:innen der Community, sondern auch die guten Seelen, starken Präsenzen und gleichzeitig Menschen wie Du und ich, die auch ihre eigenen Kämpfe ausfechten. Dazu kommt, im TV bewundert, und auf der Strasse angegriffen, wie der letzte Vorfall in Zürich es direkt hier im Lande wieder zeigt; von denen in den USA ganz zu schweigen.

Auch wenn es selbstredend sein sollte: Drag ist eine Performance, eine Kunstform! Sie hat nicht mit der Geschlechtsidentität zu tun. Mensch schlüpft in eine Rolle für die Zeit der Performance, des Riots, des Demo, der Party etc. und ist im Alltag dann wieder out of Drag und „sich selbst“.

Die Queen ist wie ein Spiegel, in dem andere alles Mögliche sehen können:
– das, wovor sie fliehen oder weglaufen möchten
– das, was sie verstecken möchten
– Teile von sich selbst (die sie entweder nur wiedererkennen, oder für die sie noch nicht bereit sind)
– die Stärke und die Lebensfreude, die sie selbst gerne hätten

Auf den christlichen Kontext übertragen, gehe ich noch einen Schritt weiter und wage zu behaupten, dass die Drag Queen gar ein Bild dessen ist, was die Kirche ist und sein sollte:
– überschwänglich, voller Freude, stark, bunt, und positiv-exzessiv
– sie hört zu
– sensibel für alle Mitglieder der Community, bewusst und aufmerksam gegenüber den Kämpfen und Schwierigkeiten der einzelnen Communities; eine Stimme für die Stimmlosen zu sein und diese zu verstärken; sich für die Ausgegrenzten einsetzen
– sind safe Spaces, sichere Orte
– hat eine Botschaft zu überbringen und ist ein Katalysator für Empowerment, Social Justice, Heilung und Ermutigung, damit jede:r frei ist, zu lieben und zu sein.

So wie jeder Mensch einzigartig und individuell ist, ist auch jede Drag Queen einzigartig und hat ihre eigene Persönlichkeit, ihren eigenen Look und ihre Art, sich für Dinge und Menschen einzusetzen. Auch wenn der Drag Look in seiner Opulenz, mit seiner ganzen Farbe (oder auch nicht) und seiner Extravaganz vielleicht zuerst als reine Oberflächlichkeit und Äusserlichkeit erscheint, erinnert die Queen daran, dass wir alle auf unsere Art und Weise einzigartig sind, wunderschön, wertvoll – Queens, Kings, Royals – Kinder der göttlichen Quelle des Lebens, der Liebenden, bunt, vielfältig und grosszügig.

Die äussere Erscheinung ist ausserdem auch wie ein Fenster, dass erlaubt, weiter zu sehen, auf dass, was hinter liegt – wie eine Ikone. Ohne die göttliche Gnade könnten wir nicht sein wer wir sind, Tag für Tag.

Am Ende hat sich Jesus, so scheint es mir, nicht wirklich für unsere Geschlechtsidentitäten oder sexuellen Orientierungen interessiert. Sie sind einfach ein Teil dessen, wer wir sind – genauso wie unsere Augen- und Hautfarbe, oder unsere ethnische Abstammung. G.ott nimmt uns an, liebt uns, genauso so wie wir sind – nicht trotz, sondern wie wir sind – denn all dies macht uns zu der Person, die wir sind. Ansonsten wären wir nicht die Person, die wir sind.

Und jede:r von uns ist wunderbar.

Im Judentum gib es die Idee des „hiddur mitzvah„, die mitzvah schöner zu machen, d.h. Zeiet zu verbringen, um ein Gebot so schön wie möglich auszuführen. Gehört Drag nicht auf seine eigene Art und Weise dazu?

Wenn man als Drag anfängt, gehört es dazu, einen Drag Namen zu finden, und an dem Drag Charaktere zu arbeiten, also eine Figur/Persönlichkeit zu finden für die Zeit, wenn man in Drag ist.

Mama Ru (RuPaul) sagte einmal, sinngemäss übersetzt, „Wir werden nackt geboren, und der Rest ist Drag. Wir tragen diese Körperkostüme haben Ideen darüber, wer wir wirklich sind… Die wirkliche Herausforderung ist es, in gewisser Weise bereit zu sein, zu sterben und wiedergeboren zu werden. Und in diesem Moment? Bin ich alles und nichts. Ihc bin schwarz, ich bin weiss, ich bin ein Mann, ich bin eine Frau. Für mich ist es die nächste Stufe der Evolution, alle Facetten von sich selbst zu sehen: zu verstehen, wer man wirklich selbst ist. Darum steckt euch nicht in irgendwelche Boxen! Drag zeigt den Menschen das alles temporär ist. Es ist nur Kleidung, nur Farbe, nur Puder. Drag ist wie Berühmtheit: das versteckt deinen Charakter nicht. Es zeigt, wer Du bist. Oh ja! Wenn Du ein Idiot bist, bevor du berühmt wirst, bist du danach einfach nur ein noch grösserer und berühmterer Idiot. Drag kann dir helfen, zu verstehen wer Du bist, und wie wunderbar es ist, einen Körper zu haben, was man damit machen, und welch wunderbares Geschenk es ist, leben zu dürfen.“ (aus einem Interview mit Oprah Winfrey)

Ich plädiere für Drag Queens in Gottesdiensten – zumindest in queeren Gottesdiensten, als starkes Symbol gleichzeitig für die queere Community und die Kirche.

Ein Gedanke zu “Drag Theology

  1. Dein Beitrag hier ist, auf den Gott der Bibel bezogen, einfach anti-christlich. Vernebelt vom Feind, dem Vater aller Lügen….. „Sollte Gott wirklich gesagt haben ?“

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Johanna Antwort abbrechen