Singen – echt jetzt?!

(Kurzpredigt zu Psalm 98,1 – ein Werkstück der Kurswoche Homiletik)

Ein Räuspern.
Sie öffnet den Mund, doch die Töne bleiben ihr regelrecht im Hals stecken. Es bleibt still bis auf ein verhaltenes Kratzen. Noch einmal.

Und wieder kommt nichts. Die Menschen werden unruhig, sie kann es spüren. Doch ist es nichts im Vergleich zu dem Druck, den sie spürt. Sie steht dort auf der Bühne, im heissen Scheinwerferlicht, Schweissperlen bilden sich auf ihrer Stirn. Eigentlich sollte sie hier heute Abend ein neues Lied singen. Doch die Sorgen um einen Krankheitsfall in der Familie und persönlicher Stress schnüren ihr die Kehle zu. Der Druck wird immer höher. Sie muss ihre Emotionen unter Kontrolle bekommen. Die innerliche Anspannung zerreisst sie, und gleichzeitig zittert sie wie Espenlaub.

Und dann – der Kloss löst sich, und ihre Stimme klingt laut und klar, das Publikum beruhigt sich und schwingt begeistert mit. Für das Publikum Business as usual – Für sie: ein Wunder.

Der Urlaub war vorbei. Es war eine wunderbare Ferienzeit, und nun war die Familie auf dem Weg nach Hause. Es war eine lange Fahrt, doch bald sollten sie zu Hause sein. Sie waren die ganze Nacht durchgefahren: der Vater sass am Steuer, die Mutter schlief auf dem Beifahrersitz. Die beiden Kinder waren irgendwann nach Mitternacht endlich auf den Rücksitzen eingeschlafen.

Es war am ganz frühen Morgen, kurz bevor die Sonne aufgeht. Plötzlich: Sekundenschlaf.

Das Auto schlingerte gefährlich. Doch er wachte gerade noch rechtzeitig auf, und konnte die Leitplanke vermeiden. Er war wieder hellwach und fuhr mit klopfendem Herzen weiter. Was alles hätte passieren können – in nur einem Bruchteil von Sekunden!

Plötzlich kam ihm die Melodie eines Liedes in den Kopf, dass er seine Grossmutter oft singen gehört hatte.

Er fing an, es zu summen:
„Die güldne Sonne
voll Freud und Wonne
bringt unsern Grenzen
mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes, liebliches Licht…“

„Singt dem Ewigen ein neues Lied, denn er hat Wunder getan“, heisst es.
Wunder? Wunder könnten viele von uns wahrscheinlich hier und da gut brauchen. Das wäre was!

Für mich sind das die kleinen Wunder des Alltags, die sich mir in meinen Mitmenschen und in der Schöpfung zeigen: Sonnenstrahlen im Wald, Blumen, ein Lächeln, so eine richtig gute Nacht Schlaf oder ein gutes Essen.

Das mag manchen wie nichts Besonderes erscheinen, und doch sind alle diese Dinge für mich Wunder-voll.

Aber Singen? Der Ewigen ein neues Lied singen? Ehrlich jetzt?

Das wäre jetzt eher kein Fest, denn ich muss zugeben: meine Stimme habe ich da nicht gerade unter Kontrolle. Und manchmal ist mir auch nicht gerade nach Singen zumute.

Aber vielleicht geht es ja nicht so sehr um das Singen selbst.

Sondern darum, sein eigenes Lied zu finden: also die eigene Art, sich auszudrücken, seine bewussten und unbewussten Emotionen zu G-tt zu bringen. Sie singen oder tanzen, schreiben oder schreien, flüstern oder einfach nur ausatmen. Einfach DA-sein dürfen mit allem, was ich bin, sich freuen oder wütend sein, traurig oder dankbar sein.

Und so wie wir alle Individuen in unterschiedlichen Situationen sind, wird auch ein jeder unserer Ausdrücke ein neues Lied für die Liebende sein.

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