
Wie das Mannschaft Magazin berichtete, verlief die Bern Pride eigentlich, für die Mehrheit betrachtet, sicherlich friedlich und ohne Zwischenfälle ab. 10’000 Menschen haben am 3. August vielfältig und bunt gefeiert. Doch wie nicht alles Gold ist, was glänzt, ist auch nicht alles friedlich, was friedlich zu sein scheint. Zumindest nicht für alle.
Laufgruppen sollten bis zu einem bestimmten Termin angemeldet sein, und das war der Fall für unsere Gruppe: ich war Teil der jüdischen Laufgruppe Keshet (Regenbogen). Soweit ich weiss, hiess es, bei der Pride solle sich alles um queere Anliegen drehen – daher keine Nationalflaggen. Ich hatte sogar absichtlich mein kleines Armband mit dem Schriftzug „Bring them Home“ zu Hause gelassen, um mich wirklich daran zu halten und niemand zu provozieren, zu nahe zu kommen, oder sonstiges.
Doch wer hielt sich nicht daran und tauchte mit grossen Nationalflaggen und Bannern auf? Genau, Queers for Palestine. Da stellt sich doch folgerichtig die Frage, warum galten die Regeln für sie nicht und durften dann die „Queers for Palestine“ mit ihren grossen Palästina Flaggen & Kefiyyehs herumlaufen (oder setzten sie sich einfach konsequenzlos darüber hinweg), die für mich als jüdische Person eine ähnliche Wirkung haben wie die Reichsflagge und Hakenkreuze? Es sind geschichtlich und politisch aufgeladene Symbole mit Bedeutung, die nicht gerade in diesem Kontext nicht unschuldig sind! …Ich habe eine geliebte Person während der 2. Intifada verloren, und bin selbst mitsamt meinen Kindern nur knapp an einer explodierenden Bushaltestelle während der 2. Intifada vorbeigekommen, habe Sirenen und Qassam erlebt -vor dem Iron Dome, Maschinengewehrfeuer, palästinensische Attacken.

Und nun liefen wir als ganz kleine Gruppe friedlich mit unseren Regenbogenfahnen mit weissem Davidsstern drauf, riefen keine Parolen, sondern waren einfach nur da, jüdische schwule, lesbische, trans etc Menschen. Es kam eine Frau vorbei, schrie uns an: „Free free Palestine, Free free Palestine….“.

Kurze Zeit später fanden wir auf unserem Weg, auf dem Umzug (sicherlich dagelassen von Queers for Palestine – von wem sonst, um ehrlich zu sein?) ein grosses Pappschild, auf dem stand in Rot, „FLINTIFADA“ (Flinta + Intifada; die Intifadas waren kein „friedlicher Aufstand“ sondern Reihen von blutigen Anschlägen, Messerattacken, Bomben etc.) zusammen mit dem roten Hamasdreieick (zur Info: die Hamas benutzt dieses Dreieck um ihre feindlichen Ziele vor dem Abschuss zu markieren, es handelt sich also eindeutig um eine Drohung; ausserdem wurde das gleiche Dreieck zur NS-Zeit benutzt, um politische Gefangene in den Lagern zu markieren), demonstrativ an der Strassenseite aufgestellt. Natürlich wurde es fotografisch dokumentiert.
Ausserdem wurde von den Queers for Palestine „Zionisten können sich verpissen“ geschrien. Bedenkt man, dass ca. 90-95% aller jüdischen Menschen auf irgendeine Art zionistisch sind (es gibt viele Spielarten und Definitionsformen, im Grunde bedeutet es, für jüdische Selbstbestimmung und das Existenzrecht Israels zu sein), heisst das nichts anderes, als dass Juden sich verpissen sollen. Es ist schon lange kein offenes Geheimnis mehr (seit den 1970ern), dass „Zionist“ einfach nur Code für Jude ist (siehe Améry, Adorno, Schäfer, Friedman, Wolfsson, Schwarz-Friesel/Reinharz).

Somit kam es an der Bern Pride zu explizitem Judenhass. Die Bern Pride und deren Team hat diesen nicht verhindert und den Queers for Palestine keine Grenzen gesetzt oder diese nicht durchgesetzt. Den Sicherheitsdienst leistete Taktvoll Sicherheitskultur AG, die der Reithalle1 nahe steht2, auf deren Dach bis vor kurzer Zeit noch eine riesige Palifahne prangte. Es stellt sich daher die Frage, ob „Taktvoll“ in dieser Hinsicht parteiisch oder inkompetent war.
Wie soll in Zukunft mit so etwas an Pride umgegangen werden? Dazu kommt noch die Rede eines Mitglieds des Vorstands einer der drei grossen Schweizer Queeren Organisationen, das stark vom original-Manuskript abwich und ebenfalls die Schlagworte „comrades in Palestine“, „Israel-Palestine“, „anti-imperialist“ und „genocide“ enthielt, während vor der Bühne unter Applaus Palästina Flaggen geschwenkt wurden.
Jüdische LGBTQIA+ Menschen (und ihre Allies) sehen sich zunehmend aus der queeren Community gedrängt. Müssen wir eine Parallel-Community gründen? Es scheint oft wirklich so, wenn wir sicher sein wollen. Gleichzeitig wollen wir uns nicht verdrängen lassen – unsere Liebe ist stärker als ihr Hass.
- https://barrikade.info/article/6520 ↩︎
- https://www.derbund.ch/ex-reitschueler-wollen-berner-clubs-sicherheitskultur-verkaufen-846773171511 ↩︎
