Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Star Trek mich wiederfindet.
Eine Zukunft voller Unterschiede.
Voller Wesen, die nicht ganz hineinpassen.
Voller Menschen, die lernen müssen, miteinander zu leben.
Was passiert, wenn eine Pfarrerin mit fünfzig zum ersten Mal wirklich in ein Fandom eintaucht?
Ein Essay über Star Trek, autistische Freude, fundamentalistische Prägungen und die spirituelle Kraft von Geschichten.
Am Freitag war ich auf der Basel Fantasy.
Dieses Mal ausnahmsweise ohne Cosplay.
Ich hatte zwar eines geplant, aber ich war nicht mehr dazu gekommen, alles rechtzeitig fertigzumachen und zu besorgen. Also ging ich einfach mit einem schwarzen T-Shirt: die Umrisse einer Katze im LCARS-/NCARS-Stil, darunter „USS Spot“.
Und tatsächlich: Die echten Trekkies haben es erkannt.
Daumen hoch im Vorbeigehen.
Kurzes Grinsen.
Dieses kleine gegenseitige Erkennen, das ohne viele Worte funktioniert.
Fast mehr Code als Kostüm.
Dabei waren gar nicht viele Star-Trek-Cosplayer da. Und das hat mich überrascht. Denn eigentlich bietet Star Trek unendlich viele Möglichkeiten: Spezies, Uniformen, Kulturen, Philosophien, Zukunftsentwürfe. Und trotzdem scheint das Franchise heute oft weniger sichtbar zu sein als Star Wars oder andere große Fantasy- und Science-Fiction-Welten.

Vielleicht liegt das daran, dass Star Trek etwas anderes erzählt.
Natürlich gibt es Konflikte. Kämpfe. Schlachten. Bedrohungen.
Aber sie stehen selten wirklich im Zentrum.
Es geht um andere Fragen:
Was bedeutet es, Mensch zu sein?
Wie lebt man miteinander, obwohl man verschieden ist?
Wie trägt man Konflikte aus, ohne einander zu vernichten?
Wie schafft man Bündnisse?
Wie geht man mit Macht um?
Wie mit Wissen?
Wie mit dem Fremden?
Und irgendwo dahinter steht immer die Hoffnung, dass Zukunft mehr sein kann als nur technologischer Fortschritt. Dass Entwicklung auch ethische Entwicklung bedeuten könnte.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Star Trek oft leiser wirkt als andere Universen. Weniger Spektakel. Weniger Mythos von Krieg und Auserwähltheit. Mehr Beziehung. Mehr Ethik. Mehr Aushandlung.
Fast eine spirituelle Zukunftsvision.
Dabei war Star Trek schon sehr früh Teil meines Lebens. Als Kind schaute ich mit meiner Oma jeden Nachmittag um 15 Uhr eine Folge der Original Series. Fast ritualhaft. Eine feste Zeit. Ein gemeinsamer Raum. Etwas Verlässliches.
Später liebte ich besonders The Next Generation.
Data. Spot.
Und natürlich den Doktor aus Voyager.
Aber auch Seven of Nine, und früher Spock.
Vielleicht nicht zufällig gerade Figuren, die immer wieder um dieselbe Frage kreisen:
Was macht jemanden zu einer Person?
Data versucht Menschlichkeit zu verstehen.
Er lernt Höflichkeit, Humor, Freundschaft, Trauer, Zuneigung — nicht weil er „normal“ werden will, sondern weil er wissen möchte, was ein Leben zu einem menschlichen Leben macht. Oft wirkt er dabei gleichzeitig fremd und erstaunlich klar. Gerade weil er viele soziale Regeln nicht intuitiv versteht, stellt er Fragen, die andere längst verlernt haben.
Und irgendwo zwischen all den philosophischen Diskussionen über Bewusstsein, Identität und Personsein sitzt Spot. Data schreibt Gedichte über ihn, spricht mit ihm, sorgt sich um ihn — und zeigt vielleicht gerade darin am meisten Menschlichkeit.
Der Doktor aus Voyager beginnt ursprünglich nur als medizinisches Notfallprogramm. Ein Werkzeug. Etwas, das man aktiviert und wieder abschaltet. Doch mit der Zeit entwickelt er Humor, Stolz, Kreativität, Eitelkeit, Verletzlichkeit. Er singt, streitet, träumt und fordert Rechte ein. Seine Geschichte kreist immer wieder um dieselbe Frage: Ab wann wird jemand zu einer Person — und wer darf das überhaupt definieren?
Vielleicht berührt mich gerade das so sehr: Dass der Doktor nicht „echter“ wird, indem er weniger künstlich ist, sondern indem andere lernen, ihn als Gegenüber wahrzunehmen.
Und dann ist da Spock.
Halb Vulkanier, halb Mensch, immer zwischen Welten.
Zu emotional für Vulkan, zu kontrolliert für Menschen. Jemand, der ständig versucht, sich über Rationalität zu definieren — und doch immer wieder zeigt, wie tief Loyalität, Freundschaft und Liebe in ihm wohnen. Unter der Logik liegt keine Gefühlskälte, sondern Disziplin. Vielleicht berührt mich Spock deshalb bis heute. Weil er nie ganz hineinpasst und trotzdem seinen Platz findet.
Und Seven of Nine trägt diese Frage noch einmal anders weiter. Nach der Assimilation durch die Borg muss sie überhaupt erst lernen, wieder Individuum zu sein. Einen eigenen Willen zu entwickeln. Eine eigene Stimme. Ein eigenes Selbst. Viele soziale Regeln erscheinen ihr unverständlich oder ineffizient, und doch entsteht gerade darin etwas zutiefst Menschliches: das langsame Lernen von Beziehung, Vertrauen und Freiheit.
Star Trek erzählt erstaunlich oft Geschichten über Menschen — oder Nicht-Menschen — die lernen müssen, dass Anderssein nicht bedeutet, weniger wert zu sein.
Ich glaube, ich kehre gerade deshalb wieder zu Star Trek zurück.
Und vielleicht auch, weil ich mir zum ersten Mal wirklich erlaube, Teil eines Fandoms zu sein.
Das klingt wahrscheinlich seltsam, wenn man fünfzig ist. Aber tatsächlich konnte oder durfte ich das früher nie wirklich. Nach der Zeit mit meiner Oma geriet ich in eine sehr strikte christlich-fundamentalistische Umgebung. Dort war „Fan-Sein“ etwas Verdächtiges.
„Fan“ kam von „fanatisch“.
Und „woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“.
Begeisterung konnte schnell als geistliche Gefahr gelten. Als Konkurrenz zu Gott. Eigentlich sollte man nur Fan von Jesus sein.
Heute sehe ich vieles davon differenzierter. Nicht der Glaube war das Problem. Sondern eine Form von Religion, die Angst vor Begeisterung erzeugte. Angst davor, sich zu sehr für etwas zu interessieren. Angst davor, sich emotional hinzugeben. Angst davor, „zu viel“ zu sein.
Vielleicht trifft mich deshalb ein kleiner Pin, den ich an der Convention getragen habe, so direkt:
“your autistic joy is valid”.
Denn genau darum geht es eigentlich.
Um Freude ohne Rechtfertigung.
Um Begeisterung ohne Scham.
Um intensive Interessen, die nicht pathologisiert oder belächelt werden müssen.
Um das tiefe Eintauchen in etwas, irgendwo zwischen Fandom und Special Interest.
Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum Star Trek für viele neurodivergente Menschen so besonders ist.
Weil Anderssein dort nicht automatisch Defizit bedeutet.
Spock ist anders.
Data ist anders.
Seven of Nine ist anders.
Der Doktor ist anders.
Und trotzdem — oder gerade deshalb — gehören sie dazu.
Nicht trotz ihrer Eigenheiten, sondern mit ihnen.
Vielleicht liegt darin sogar etwas zutiefst Spirituelles.
Nicht im Sinn einer Ersatzreligion. Ich bete Star Trek nicht an. Aber ich glaube, dass Geschichten Räume öffnen können. Räume, in denen Menschen sich selbst erkennen. Räume, in denen Hoffnung denkbar wird. Räume, in denen Zugehörigkeit möglich ist.
Vielleicht ist Begeisterung nicht das Problem.
Vielleicht war die Scham das Problem.
Und vielleicht hat es etwas sehr Heilsames, mit fünfzig langsam zu lernen, dass Freude keine Rechtfertigung braucht.
Jetzt habe ich mich übrigens doch noch in Ruhe um das Cosplay gekümmert.
Permission to be nerdy.