IDAHOBIT – und was „Lebenswandel“ bedeutet

Manchmal sind es leise Momente nach einem Gottesdienst, die länger nachklingen als jede Predigt.
Dieser IDAHOBIT war so ein Moment.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir bereit sind, manche Bilder loszulassen –
und den Menschen wieder als Menschen zu sehen.

Gottesdiensttausch.
Ein Paar war im Gottesdienst, das sonst meine Gottesdienste eher meidet. Auch dieses Mal wäre es wohl anders gewesen, hätten sie gewusst, dass ich den Gottesdienst halte – vermutlich wegen meines „Lebenswandels“.

Mir geht es dabei nicht um Schuld. Nicht um Zuschreibungen. Nicht darum, einzelne Menschen zu bewerten.
Eher um eine Situation, die sich für mich in ähnlicher Form schon einmal gezeigt hat – und die etwas in mir zum Klingen bringt.

Eine Frage, die sich nicht abschütteln lässt:

Was meinen wir eigentlich, wenn wir „Lebenswandel“ sagen?

Wenn dieser Begriff fällt, klingt er oft eindeutig. Fast selbstverständlich.
Und doch scheint er sich erstaunlich selektiv zu bewegen.

Werden auch vermieden:
Menschen, die hart im Herzen sind?
Die tratschen und damit Leben verletzen?
Die mit zweierlei Maß messen?
Die lügen, wenn es ihnen nützt?
Die auf andere herabschauen, sie klein machen, sie entwürdigen?
Rassismus, Verachtung, stiller oder offener Hass?

Und wenn das auch „Lebenswandel“ ist –
warum bleibt es dann oft unsichtbar im moralischen Vokabular?

Es gibt eine alte Spannung in der Schrift, die mich dabei begleitet.
Schon früh ringt die junge Kirche im ersten Konzil von Jerusalem darum, was Gemeinschaft bedeutet.
Welche Lasten nötig sind – und welche nicht.
Und da klingt unter anderem auch: kein Blut essen.

Ein starkes Bild für die Heiligkeit des Lebens, für die Achtung vor dem Geschöpf.

Und doch: Die Geschichte der Kirche ist auch eine Geschichte des „Pick and Choose“.
Nicht im Sinne von Freiheit allein – sondern im Sinne von stillen Verschiebungen:
Was wird ernst genommen? Was wird vergessen?
Was wird moralisch scharf gestellt – und was nicht mehr gesehen?

Und genau da stellt sich für mich die nächste Frage:

Was ist eigentlich mein Lebenswandel?

Ich bin geschieden.
Ich habe zwei Kinder, die ich liebe, und einen Kater.
Ich bin single.
Ich bin intergeschlechtlich – eine biologische Tatsache meines Körpers, nicht ein Konzept.
Ich bin frauenliebend. Und lebe das im Moment nicht in einer Beziehung, weil ich allein bin.
Ich trage verschiedene kulturelle Wurzeln in mir.

Das ist mein Leben. Nicht als Argument. Nicht als Rechtfertigung.
Sondern als gelebte Realität.

Und ich merke: Vieles davon wird nicht gefragt. Nicht angeschaut. Nicht erzählt bekommen wollen.
Manchmal auch nicht einmal berührt.

Vielleicht, weil Nachfragen etwas verändern würde.
Vielleicht, weil echtes Verstehen Nähe erzeugt.
Und Nähe auch verunsichern kann.

Es ist manchmal leichter, bei den eigenen Deutungen zu bleiben.
Bei dem, was schon feststeht.
Bei dem, was Ordnung gibt.

Aber diese Ordnung hat ihren Preis:
Sie lässt den Menschen hinter der Deutung unsichtbar werden.

Und doch ist mein Leben – wie jedes Leben – keine Kategorie.
Es ist gewachsen. Durch Freude und Brüche. Durch Wege, die ich nicht gewählt habe, und solche, die ich bewusst gegangen bin. Durch Schmerz und durch Segen. Durch das, was andere vielleicht verstehen – und das, was ihnen fremd bleibt.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem „Lebenswandel“ sich verschiebt.

Von einem Urteil zu einer Frage.
Von einem Etikett zu einer Begegnung.
Von Distanz zu einem möglichen „Ich sehe dich“.

Der IDAHOBIT1 erinnert an viele Formen von Gewalt und Ausgrenzung gegenüber queeren Menschen.
Aber oft beginnen diese nicht laut.
Sondern leise.

In Blicken, die sich abwenden.
In Gesprächen, die nicht geführt werden.
In Bildern, die nie hinterfragt wurden.

Und vielleicht beginnt etwas anderes genau dort, wo wir bereit werden, diese Bilder zu prüfen.
Und einander wieder als Menschen zu sehen, bevor wir etwas anderes in uns entscheiden.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem „Lebenswandel“ eine andere Bedeutung bekommen könnte.

Nicht als Etikett, das Distanz schafft.
Sondern als Frage danach, wie wir miteinander leben.

Wie wir miteinander sprechen.
Wie wir voneinander denken.
Ob wir einander überhaupt begegnen wollen, bevor wir urteilen.

Der IDAHOBIT erinnert an viele Formen von Ausgrenzung und Gewalt gegenüber queeren Menschen. Aber manchmal beginnen diese nicht mit großen Gesten, sondern mit leisen Verschiebungen:
mit dem Meiden,
mit dem Nicht-Nachfragen,
mit dem Festhalten an Bildern, die nie überprüft wurden.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir bereit sind, diese Bilder loszulassen –
und den Menschen wieder als Menschen zu sehen.

  1. IDAHOBIT ist das englische Akronym für den International Day Against Homophobia, Biphobia, Interphobia and Transphobia (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit). Er wird jedes Jahr am 17. Mai begangen, um weltweit ein Zeichen für Akzeptanz und Vielfalt zu setzen. ↩︎

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