Was sehen Menschen, wenn sie einen Davidstern sehen?

„Tragt den Davidstern ohne Angst“, lautete die Botschaft nach dem antisemitischen Vorfall in Barcelona, bei dem eine jüdische Frau wegen ihres Davidsterns abgewiesen wurde. Die Reaktionen in den Kommentaren waren aufschlussreich. Denn sie erzählen weniger über den Davidstern als über die Menschen, die ihn betrachten.

Der Davidstern ist ein Symbol jüdischer Identität. Seit Jahrhunderten findet er sich auf Synagogen, Torarollen, Siddurim, Grabsteinen, Gemeindehäusern und Schmuckstücken. Millionen Juden und Jüdinnen tragen ihn als Ausdruck ihrer Zugehörigkeit, ihrer Geschichte, ihrer Tradition oder ihres Glaubens.

Nach dem antisemitischen Vorfall in Barcelona, bei dem eine jüdische Frau wegen ihres Davidsterns abgewiesen wurde, erschien ein Artikel unter der Überschrift: „Wear the Star of David without fear“.

Tragt den Davidstern ohne Angst.

Eigentlich ist das eine bemerkenswert bescheidene Forderung. Nicht: Seid stolz. Nicht: Seid laut. Nicht: Seid politisch.

Sondern: Tragt ein Symbol jüdischer Identität ohne Angst.

Unter dieser Überschrift fanden sich zahlreiche Kommentare. Einige davon verdienen eine nähere Betrachtung.

Die Umdeutung des Symbols

„The star of David right now is a symbol of genocide just like a swastika.“
„Star of David is actually a modern day Swastika.“
„Like wearing a swastika.“
„The insignia of the new nazi class.“

Hier wird nicht über die die Person gesprochen, die den Davidstern trägt, sondern das Symbol selbst wird umdefiniert. Der Davidstern wird nicht als jüdisches Symbol betrachtet, sondern mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt.

Interessant ist dabei: Diese Kommentare argumentieren nicht, dass die Person etwas getan hätte. Sie argumentieren nicht einmal über ihre politischen Ansichten.
Der Davidstern allein genügt.

Die Kollektivzuschreibung

„If you wear that star it makes genocide ok.“
„Jews may as well wear a sign saying ‚I support genocide and the murderous actions of my country‘.“
„She should denounce Israel and demand Israel find a new national symbol.“
„Oh well .. it seems you finally succeeded in conflating Judaism with being genocidal … You can’t say we didn’t warn you.“

Hier wird aus einem Symbol jüdischer Identität eine politische Loyalitätserklärung gemacht.

Der Gedankengang lautet sinngemäß:

Davidstern → Jude → Israel → Regierung → Krieg → Zustimmung.

Mehrere Zwischenschritte werden dabei übersprungen. Die Person selbst verschwindet. Ihre tatsächlichen Ansichten, Überzeugungen oder politischen Positionen spielen keine Rolle mehr. Die bloße Wahrnehmung als jüdisch genügt, um ihr Verantwortung für Handlungen zuzuschreiben, an denen sie keinen Anteil hat.

Die Dämonisierung

„Satanic symbol.“
„Star of devil.“
„Star of Baal.“
„Star of Moloch.“
„Mark of the Beast.“
„Star of Remphan.“

Hier geht es nicht mehr um Politik.

Hier wird das Symbol religiös oder mythisch dämonisiert. Der Davidstern erscheint nicht als Zeichen einer lebendigen religiösen Tradition, sondern als Symbol finsterer Mächte, falscher Götter oder satanischer Kräfte.

Interessanterweise haben solche Behauptungen meist wenig mit jüdischer Geschichte zu tun. Sie stammen häufig aus älteren christlichen, esoterischen oder verschwörungsideologischen Traditionen, in denen jüdische Symbole als Zeichen dunkler Mächte umgedeutet werden.

Das hat mit Nahostpolitik nicht einmal mehr am Rande zu tun.

Die Entmenschlichung und Gewaltfantasie

„Yeah… go ahead and make it easier to identify you in public.“
„They should wear it on their forehead. Better for target practice.“
„When you go around wearing your paedo tag you should reasonably expect people to beat the crap out of you.“

Das ist die vielleicht wichtigste Gruppe.
Denn hier wird der Davidstern nicht nur negativ bewertet.

Er wird zu einem Marker gemacht, anhand dessen Menschen identifiziert werden sollen. Und zwar ausdrücklich mit Blick auf Gewalt.

Die Kommentare argumentieren nicht mehr, dass etwas falsch sei. Sie rechtfertigen bereits die Konsequenzen. Sie erklären, warum Menschen mit einem Davidstern beschimpft, angegriffen oder verletzt werden dürfen. Manche scheinen diese Möglichkeit sogar zu begrüßen.

Das erinnert weniger an politische Kritik als an die Logik der Markierung von Gruppen.

Und genau das sollte beunruhigen.

Denn wenn ein Mensch einen Davidstern sieht und darin Genozid, Satan, Moloch, Terrorismus, Nazismus oder ein legitimes Ziel für Gewalt erkennt, dann sagt das vermutlich weniger über den Davidstern aus als über die Gedankenwelt des Betrachters.

Der Davidstern hat sich nicht verändert.
Er ist nach wie vor ein Symbol jüdischer Identität.

Der Unterschied liegt im Blick.

Der eine sieht ein Symbol jüdischen Lebens.
Der andere sieht ein Feindbild.

Die Frage ist deshalb vielleicht nicht, was der Davidstern bedeutet.
Die Frage ist, was manche Menschen sehen wollen, wenn sie ihn betrachten.

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