Ich habe gerade meine Predigt für morgen fertig geschrieben. Über einen Evangeliumstext aus Matthäus – ja, diesmal hat die Perikopenordnung genau meinen Geschmack getroffen. Denn wenn ich ehrlich bin: Mit den Evangelien kann ich meist mehr anfangen als mit den Briefen des Paulus. Und doch frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, ob ich Rabbi Paulus nicht noch einmal neu kennenlernen sollte.
Vor allem beschäftigt mich eine Frage: Was würde Paulus sagen, wenn er heute sehen könnte, wie wir seine Briefe lesen, auslegen und diskutieren? Vielleicht würde er zuerst staunen. Und dann fragen: „Warum lest ihr eigentlich meine Post?“
Ich habe gerade die Predigt für morgen fertig geschrieben.
Über einen Evangeliumstext. Aus Matthäus.
Ja, aus Matthäus. Die Perikopenordnung hat entschieden, nicht ich. Aber ich gebe zu: In diesem Fall hat sie meine Sympathien.
Denn wenn ich ehrlich bin, mag ich die Evangelien lieber als die Briefe.
Besonders lieber als Paulus.
Das ist keine besonders originelle Aussage. Ich kenne viele Menschen, denen es ähnlich geht. In den Evangelien begegnen uns Menschen. Da sitzt Zachäus auf einem Baum. Da streiten die Jünger darüber, wer der Größte sei. Da stellt jemand eine Frage. Da erzählt Jesus eine Geschichte.
Man kann sich dazusetzen und zuhören.
Bei Paulus fühlt es sich oft an, als würde man mitten im dritten Akt eines Theaterstücks den Saal betreten und feststellen, dass bereits seit zwei Stunden gestritten wird.
Und doch denke ich in letzter Zeit immer häufiger, dass ich mich mit Paulus noch einmal genauer beschäftigen sollte.
Nicht mit dem Paulus der Dogmatikbücher.
Nicht mit dem Paulus der konfessionellen Grabenkämpfe.
Sondern mit Rabbi Paulus.
Mit dem Pharisäer.
Mit dem Schüler Gamaliels.
Mit dem jüdischen Lehrer, der die Schriften Israels liebte, der argumentierte, rang, fragte und schrieb.
Vor allem schrieb.
Und genau da beginnt mein Problem.
Denn manchmal frage ich mich, was Paulus wohl sagen würde, wenn er heute in einem Gottesdienst säße.
Oder in einer theologischen Fakultät.
Oder in einer Bibelstunde.
Oder in einer Diskussion im Internet.
Ich stelle mir vor, jemand drückt ihm einen Kommentar zum Römerbrief in die Hand.
Zwölfhundert Seiten.
Paulus beginnt zu blättern.
Er blättert weiter.
Und weiter.
Dann schaut er auf und fragt:
„Ihr habt über einen Nebensatz von mir ein ganzes Buch geschrieben?“
Ich glaube nicht, dass er empört wäre.
Vielleicht erstaunt.
Vielleicht amüsiert.
Vielleicht sogar ein wenig geschmeichelt.
Aber sicher erstaunt.
Denn Paulus schrieb keine systematische Dogmatik.
Er schrieb Briefe.
Post.
An konkrete Menschen.
An Gemeinden, die stritten.
An Menschen, die Fragen hatten.
An Gemeinschaften, die nicht wussten, wie Juden und Nichtjuden gemeinsam leben sollten.
An Leute, die sich beim gemeinsamen Essen in die Haare bekamen.
An Menschen, die versuchten, ihren Glauben in einer komplizierten Welt zu leben.
Und dann stelle ich mir vor, Paulus säße heute in einem unserer theologischen Gespräche.
Er würde uns eine Weile zuhören.
Geduldig.
Interessiert.
Vielleicht auch erfreut darüber, dass seine Worte noch immer gelesen werden.
Und irgendwann würde er die Hand heben.
„Darf ich etwas fragen?“
Wir würden nicken.
Und Paulus würde sagen:
„Warum lest ihr eigentlich meine Post?“
Eine kurze Pause.
Und dann vermutlich die wichtigere Frage:
„Und wie lebt ihr das Evangelium?“
Das ist die Frage, die mich nicht loslässt.
Denn vielleicht haben wir manchmal die Antworten bewahrt und die Fragen vergessen.
Wir besitzen die Briefe.
Aber die Gesichter, an die sie gerichtet waren, kennen wir nicht mehr.
Die Konflikte sind verschwunden.
Die Tränen.
Die Missverständnisse.
Die Versöhnungen.
Geblieben sind die Worte.
Und wir lesen sie zweitausend Jahre später in Zürich, Paris, New York oder Berlin, als wären sie gestern direkt an uns geschrieben worden.
Vielleicht ist das sogar richtig.
Vielleicht ist das das Wunder der Schrift.
Aber vielleicht sollten wir dabei nie vergessen, dass wir die Post eines Rabbiners lesen, der in konkrete Situationen hineinschrieb.
Und vielleicht sollten wir uns öfter fragen, welche Fragen Paulus uns heute stellen würde.
Ich vermute, viele davon hätten weniger mit Dogmatik zu tun, als wir denken.
Und mehr mit der Art, wie wir miteinander leben.