Im Text der heutigen Predigt, Matthäus 9,9-131 begegnet Jesus einem Menschen, den viele längst eingeordnet hatten.
Doch Jesus bleibt stehen.
Er sieht ihn.
Und vielleicht ist das eine gute Nachricht auch für uns:
Dass Gott Menschen sieht.
Nicht nur die Starken.
Nicht nur die Fröhlichen.
Nicht nur die, bei denen alles rund läuft.
Sondern Menschen mitten im Leben.
So wie wir heute Morgen hier sind.
Mit allem, was uns bewegt.
Mit allem, was wir hoffen.
Mit allem, was wir tragen.
Gott sieht uns.
Gott lädt uns ein.
Und Gott begegnet uns mit seiner Barmherzigkeit.
Predigt
Manchmal genügt ein einziger Blick.
Ein Blick, der nicht an uns vorbeigeht.
Ein Blick, der nicht urteilt.
Ein Blick, der sagt: Ich sehe dich.
Unser heutiger Predigttext beginnt mit einem solchen Blick.
Jesus geht durch Kafarnaum. Menschen kommen und gehen. Händlerinnen und Händler bieten ihre Waren an. Kinder laufen durch die Straßen. Menschen sind unterwegs zur Arbeit, andere nach Hause.
Mitten in diesem Alltag sitzt Matthäus am Zoll.
Dort sitzt er Tag für Tag.
Viele kennen ihn.
Viele haben sich längst ein Bild von ihm gemacht.
Manche wechseln vielleicht sogar die Straßenseite,
wenn sie ihn sehen.
Doch Jesus bleibt stehen.
Er sieht Matthäus.
Nicht den Zöllner.
Nicht die Schublade, in die andere ihn gesteckt haben.
Nicht die Geschichte, die über ihn erzählt wird.
Jesus sieht einen Menschen.
Und dann sagt er nur:
„Folge mir.“
Mehr nicht.
Kein Verhör.
Keine Bedingungen.
Keine Forderung, erst etwas zu ändern.
Kein: „Beweise mir, dass du es ernst meinst.“
Dieser eine Satz,
der keine Erklärung braucht und doch alles verändert:
„Folge mir.“
Kein Argument.
Keine Bedingung.
Kein moralischer Vorvertrag.
Nur ein Ruf.
Und Matthäus steht auf.
Nicht als jemand, der schon „besser geworden“ ist.
Nicht als jemand,
der die richtige innere Haltung gefunden hätte.
Sondern einfach:
er steht auf.
Nur diese Einladung.
Und Matthäus steht auf und geht mit.
Vielleicht liegt darin schon etwas Tröstliches.
Denn viele von uns kennen wahrscheinlich manchmal das Gefühl, festzusitzen.
Manchmal äußerlich.
Manchmal innerlich.
Manchmal sitzen wir an einem Schreibtisch voller Sorgen.
Manchmal an einem Krankenbett.
Manchmal zwischen Untersuchungen, Befunden und Fragen,
auf die noch niemand eine Antwort hat.
Manchmal sitzen wir mitten in Erinnerungen.
Oder wir merken, dass Erinnerungen uns langsam entgleiten.
Manchmal tragen wir Trauer mit uns.
Manchmal Müdigkeit.
Manchmal eine Last, von der kaum jemand etwas weiß.
Und doch erzählt dieser Text:
Jesus geht nicht an Menschen vorbei.
Er bleibt stehen.
Er sieht.
Und manchmal beginnt Veränderung genau dort.
Nicht mit unserer Kraft.
Nicht mit unserer Perfektion.
Sondern damit, dass wir gesehen werden.
Die Geschichte endet aber nicht beim Ruf.
Sie führt uns an einen Tisch.
Jesus sitzt mit vielen Menschen zusammen.
Mit Menschen, die angesehen sind.
Und mit Menschen, die es nicht sind.
Mit Menschen, die Fehler gemacht haben.
Mit Menschen, die Brüche in ihrem Leben tragen.
Mit Menschen, die andere lieber auf Abstand halten würden.
Jesus sitzt mit ihnen am selben Tisch.
Wenn wir die Evangelien lesen, fällt auf,
wie oft Jesus an Tischen sitzt.
Beim Essen.
Im Gespräch.
In Gemeinschaft.
Vielleicht weil ein Tisch eigentlich etwas Besonderes ist.
An einem Tisch muss niemand alles allein tragen.
An einem Tisch gibt es Platz.
An einem Tisch wird geteilt.
Brot.
Zeit.
Aufmerksamkeit.
Leben.
Darum geht es vielleicht auch hier.
Nicht darum, dass alle Menschen gleich sind.
Nicht darum, dass alles gutgeheißen wird.
Sondern darum, dass niemand außerhalb von Gottes Aufmerksamkeit steht.
Dass niemand so weit am Rand sitzt,
dass Gottes Barmherzigkeit und Liebe ihn nicht erreichen könnten.
Das sehen einige Menschen aus der pharisäischen Bewegung anders, sagt der Text.
Sie fragen:
„Warum isst euer Lehrer mit Leuten, die betrügen und Unrecht tun?“
Es ist keine böse Frage.
Eigentlich ist es eine verständliche Frage.
Sie wollen Ordnung.
Sie wollen Klarheit.
Sie wollen wissen, wo die Grenzen verlaufen.
Und ehrlich gesagt:
Manchmal stellen auch wir solche Fragen.
Wen lasse ich an mich heran?
Mit wem möchte ich Gemeinschaft haben?
Wer gehört dazu?
Wer nicht?
Jesus antwortet darauf nicht mit einer Regel.
Er antwortet mit einem Wort aus den Propheten:
„Erbarmen möchte ich, kein Opfer.“
Erbarmen.
Ein großes Wort.
Und zugleich ein sehr schlichtes Wort.
Erbarmen bedeutet:
Gott schaut den Menschen an und wendet sich ihm zu.
Nicht erst dann, wenn alles gelungen ist.
Nicht erst dann, wenn alles geheilt ist.
Nicht erst dann, wenn alle Fragen beantwortet sind.
Sondern jetzt.
Mitten im Leben.
Mitten in der Freude.
Mitten in der Unsicherheit.
Mitten in der Hoffnung.
Mitten in der Angst.
Vielleicht ist das die gute Nachricht dieses Evangeliums.
Nicht zuerst, dass Matthäus aufsteht.
Vielleicht liegt die gute Nachricht darin,
dass Jesus stehen bleibt.
Dass er den Menschen sieht,
den andere längst eingeordnet haben.
Dass er den Menschen sieht,
der selbst nicht mehr weiß, wo sein Platz ist.
Dass er den Menschen sieht,
der müde geworden ist.
Den Menschen, der krank ist.
Den Menschen, der hofft.
Den Menschen, der zweifelt.
Den Menschen, der sich freut.
Den Menschen, der traurig ist.
Den Menschen, der einfach versucht,
den nächsten Tag zu leben.
Und vielleicht ist das der leise Stachel dieses Textes:
Dass Gott nicht dort beginnt,
wo wir die Ordnung wiederhergestellt haben.
Sondern dort, wo Menschen am Rand sitzen.
Am Zoll.
Am Tisch.
Im Unfertigen.
Im Unaufgeräumten.
Und dass genau dort Gemeinschaft entsteht –
nicht als Zustand, sondern als Bewegung.
Eine Bewegung,
die uns hineinzieht in eine andere Weise des Sehens.
Und vielleicht ist „Folge mir“ am Ende genau das:
nicht ein moralischer Aufstieg,
sondern ein neuer Blick.
Ein Blick, der Menschen nicht zuerst einordnet,
sondern ihnen begegnet.
Vielleicht heißt das am Ende nicht, dass alles einfach wird.
Nicht, dass alle Spannungen verschwinden.
Nicht, dass wir plötzlich die Welt richtig sortieren könnten.
Aber vielleicht heißt es etwas anderes:
Dass wir nicht übersehen sind.
Nicht dort, wo wir uns selbst sicher fühlen.
Und auch nicht dort, wo wir uns selbst verurteilen.
Sondern genau dort, wo wir sitzen.
Mitten im Gewohnten.
Mitten im Unfertigen.
Mitten in dem, was wir vielleicht selbst nicht gut benennen können.
Dort steht dieser Blick noch immer.
Nicht als kontrollierender Blick.
Sondern als ein Blick, der nicht loslässt.
Ein Blick, der sagt: du bist gemeint.
Und vielleicht ist das die leise Verheißung dieses Textes:
Dass wir nicht erst anders werden müssen,
um gesehen zu sein.
Sondern dass das Gesehenwerden uns verwandelt.
Nicht sofort.
Nicht vollständig.
Aber wirklich.
Und vielleicht gehen wir deshalb weiter –
nicht als die, die alles im Griff haben,
sondern als die, die wissen:
Wir gehen nicht allein.
Und wir gehen nicht unbeachtet.
Und irgendwo, mitten im Alltag,
kann dieser Satz noch immer aufleuchten:
„Folge mir.“
Nicht als Forderung.
Sondern als Einladung, die trägt.
Und vielleicht dürfen wir darauf vertrauen:
Auch wir sind von diesem Blick nicht ausgenommen.
Auch wir sitzen nicht außerhalb seiner Aufmerksamkeit.
Auch unser Platz am Tisch des Lebens ist von Gott gesehen.
Denn der Gott, den Jesus uns zeigt, ist ein Gott der Barmherzigkeit.
Ein Gott, der Menschen nicht zuerst fragt,
was sie vorzuweisen haben.
Sondern der ihnen begegnet.
Und manchmal ist das schon genug für den nächsten Schritt.
Zu wissen:
Ich bin gesehen.
Ich bin gemeint.
Ich bin nicht vergessen.
Und ich muss meinen Weg nicht allein gehen.
Amen.
- 9Als Jesus von Kafarnaum aus weiterging, sah er
einen Menschen beim Zoll sitzen der hieß Matthäus.
Jesus sagt zu ihm: »Folge mir!« Und Matthäus stand
auf und folgte Jesus.
10Und nun geschah es, als Jesus im Haus zu Tisch
lag, seht, da kamen viele, die sich als
Zollbedienstete bereichert, und viele,
die °Unrecht getan hatten. Sie kamen, um mit Jesus
und seinen Jüngerinnen und Jüngern zusammen zu
essen.
11Das sahen einige aus der pharisäischen Bewegung
und sagten zu seinen Jüngerinnen und Jüngern:
»Warum isst euer Lehrer mit Leuten, die betrügen
Und Unrecht tun?«
12Jesus hörte es aber und sagte: »Nicht die
Gesunden brauchen ärztliche Hilfe, sondern die
Kranken!
13Geht nun weiter und lernt, was das heißt: Erbarmen
möchte ich, kein Opfer. Denn ich kam nicht, um die
zu berufen, die gerecht handeln, sondern die, die
Unrecht tun.« ↩︎