Nicht queer genug? Über die Würde bisexueller Existenz

Bisexuelle Menschen erleben Diskriminierung nicht nur in einer heteronormativen Gesellschaft, sondern oft auch innerhalb der queeren Community und in religiösen Räumen. Sie gelten als unentschlossen, als „nicht queer genug“, als zu kompliziert oder als Menschen, die sich irgendwann doch entscheiden müssten.

Dieser Essay verbindet persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Analyse und einer theologischen Perspektive. Er erzählt vom Ringen um Worte, von Unsichtbarkeit, Vorurteilen und der Sehnsucht, einfach geglaubt zu werden.

Vor allem aber ist er eine Einladung: Komplexität nicht als Mangel zu verstehen, sondern als Teil menschlicher Würde. Und vielleicht zu entdecken, dass gerade in den Zwischenräumen Gott oft näher ist, als wir denken.

Ich habe viele Namen für das, was ich bin

Ich habe viele Namen für das, was ich bin.

Pfarrerin. Jüdin. Intergeschlechtlich. Autistin. Frauenliebend.

Und dann ist da noch ein Wort, um das ich lange herumgeschlichen bin:

Bisexuell.

Nicht, weil es nicht auf mich zutrifft. Sondern weil dieses Wort so selten einfach nur stehen gelassen wird.

Manchmal sage ich stattdessen: „Ich bin frauenliebend.“

Das stimmt. Frauen faszinieren mich. Sie berühren mich. Sie sind wunderschön. Die meisten Menschen, in die ich mich verliebe oder zu denen ich mich hingezogen fühle, sind Frauen. Mit ihnen fühle ich mich oft verstanden, gesehen und auf einer Wellenlänge.

Und doch wäre es nicht ehrlich, dabei stehen zu bleiben.

Denn da ist noch mehr.

Es gibt auch Männer, die ich attraktiv finde. Sehr viel seltener. Aber sie existieren. Mein Begehren ist nicht ausschließlich auf Frauen gerichtet – nur überwiegend.

Genau das macht das Wort bisexuell für mich passend.

Und genau deshalb fällt es mir manchmal so schwer, es auszusprechen.

Denn kaum eine sexuelle Orientierung scheint so viele Erwartungen und Missverständnisse hervorzurufen wie diese.

Für manche bin ich nicht queer genug.

Für andere bin ich zu queer.

Für manche bin ich unentschlossen.

Für andere bloß in einer Phase.

Dabei bin ich nichts davon.

Ich bin einfach ich.

Frauenliebend zu sein fühlt sich oft leichter an, weil es weniger Fragen auslöst. Es beschreibt einen wesentlichen Teil meiner Wirklichkeit. Aber eben nicht die ganze.

Wenn ich „bisexuell“ sage, habe ich manchmal das Gefühl, als müsste ich mich sofort rechtfertigen. Plötzlich scheinen Menschen wissen zu wollen, wie viele Frauen und wie viele Männer ich bisher geliebt habe. Ob ich mich irgendwann doch „entscheiden“ werde. Ob ich wirklich bi bin oder vielleicht doch lesbisch. Oder ob ich eigentlich heterosexuell bin und gerade nur experimentiere.

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen glauben, besser zu wissen, wer ich bin, als ich selbst.

Deshalb habe ich das Wort lange gemieden.

Nicht aus Scham.

Nicht, weil ich meine Sexualität verstecken wollte.

Sondern weil ich müde war, mich erklären zu müssen.

Dabei sollte es doch so einfach sein.

Liebe ist Liebe.

Oder?

Warum Bisexualität oft unsichtbar wird

Bisexualität ist eine der sichtbarsten und zugleich unsichtbarsten sexuellen Orientierungen.

Sichtbar – weil viele Menschen glauben zu wissen, was „bi“ bedeutet.

Unsichtbar – weil bisexuelle Menschen immer wieder auf das reduziert werden, was andere gerade sehen wollen.

Wer mit einer Person des anderen Geschlechts zusammen ist, wird meist automatisch für heterosexuell gehalten.

Wer mit einer Person des gleichen Geschlechts zusammen ist, gilt plötzlich als lesbisch oder schwul.

Dabei stimmt beides nicht.

Die Beziehung, in der ein Mensch lebt, sagt nichts darüber aus, wen dieser Mensch grundsätzlich lieben oder begehren kann. Sie beschreibt eine Partnerschaft – nicht die sexuelle Orientierung.

Und doch passiert genau das immer wieder.

Bisexuelle Menschen werden ständig umgedeutet. Ihre Identität verschwindet hinter den Augen anderer. Nicht, weil sie sich verändert hätte, sondern weil viele Menschen Sexualität ausschließlich über die aktuelle Beziehung definieren.

Hinzu kommen hartnäckige Stereotype.

Bisexuelle Menschen gelten als unentschlossen. Als experimentierfreudig. Als promiskuitiv. Als bindungsunfähig. Als Menschen, die sich irgendwann „doch entscheiden“ werden.

Manche halten Bisexualität für eine Übergangsphase. Andere für einen Kompromiss. Wieder andere sprechen ihr sogar die Existenz ab.

All diese Vorstellungen haben eines gemeinsam:

Sie nehmen bisexuelle Menschen nicht ernst.

Sie vertrauen ihnen weniger als anderen, stellen ihre Selbstbeschreibung infrage und erklären ihre Identität zu etwas Vorläufigem oder Unvollständigen.

Für viele beginnt die Unsichtbarkeit deshalb nicht erst mit offenem Hass oder Ablehnung.

Sie beginnt viel früher.

Mit kleinen Bemerkungen.

Mit fragenden Blicken.

Mit Sätzen wie:

„Ach, dann bist du jetzt also hetero.“

Oder:

„Dann bist du wohl doch lesbisch.“

Oder:

„Warte einfach ab – irgendwann weißt du schon, was du wirklich bist.“

Was dabei übersehen wird, ist etwas sehr Einfaches:

Bisexualität verschwindet nicht dadurch, dass ein Mensch eine Beziehung eingeht.

Eine bisexuelle Frau bleibt bisexuell, wenn sie mit einer Frau zusammenlebt.

Sie bleibt bisexuell, wenn sie mit einem Mann zusammenlebt.

Und sie bleibt bisexuell, wenn sie gerade gar keine Beziehung führt.

Sexuelle Orientierung ist keine Momentaufnahme.

Sie ist Teil eines Menschen.

Und sie verdient es, als solche gesehen zu werden.

Nicht queer genug? – Bifeindlichkeit in queeren Räumen

Es wäre schön, wenn Bifeindlichkeit nur außerhalb der queeren Community existieren würde.

Doch das tut sie nicht.

Viele bisexuelle Menschen erleben Ablehnung, Misstrauen oder Unsichtbarkeit gerade dort, wo sie sich eigentlich Sicherheit und Zugehörigkeit erhoffen.

Da fallen Sätze wie:

„Entscheid dich doch endlich.“

„Du bist nur queer, solange du gleichgeschlechtlich lebst.“

„Bi-Frauen gehen am Ende sowieso wieder zu den Männern.“

Oder es wird gar nicht erst ausgesprochen, sondern nur angedeutet – durch skeptische Blicke, distanzierte Reaktionen oder das Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen.

Auch ich kenne solche Momente.

Ich erinnere mich an eine lesbische Theologin, mit der ich ein herzliches und inspirierendes Gespräch führte. Wir lachten miteinander, sprachen über Glauben, Kirche und queeres Leben. Bis ich erwähnte, dass ich mich möglicherweise als bisexuell verstehe.

Es war, als würde sich etwas verändern.

Nicht laut.

Nicht offen feindselig.

Aber die Wärme des Gesprächs kühlte spürbar ab.

Ich erinnere mich an eine Content Creatorin, die öffentlich sagte, sie würde niemals eine Beziehung mit einer bisexuellen Frau eingehen – „eher würde die Hölle zufrieren“.

Ich erinnere mich daran, wie ich nach einer multireligiösen queeren Feier eigentlich sagen wollte: „Ich bin bisexuell.“

Stattdessen sagte ich:

„Ich bin frauenliebend.“

Nicht, weil ich mich schämte.

Sondern weil ich Angst hatte, nicht queer genug zu wirken.

Das ist vielleicht das Schmerzhafteste an Bifeindlichkeit innerhalb der Community:

Sie trifft Menschen an einem Ort, an dem sie eigentlich aufatmen möchten.

An einem Ort, der Vielfalt feiert.

An einem Ort, der weiß, wie es sich anfühlt, wegen der eigenen Identität infrage gestellt zu werden.

Und doch entsteht manchmal ein neues Gatekeeping.

Als gäbe es eine unsichtbare Skala des Queerseins.

Als müsste man sich den Platz in der Community erst verdienen.

Als gäbe es Menschen, die „wirklich queer“ sind – und andere, deren Zugehörigkeit unter Vorbehalt steht.

Ich wünsche mir eine queere Community, in der niemand seine Identität beweisen muss.

Eine Community, in der wir einander glauben, wenn Menschen sagen, wer sie sind.

Eine Community, die nicht fragt:

„Bist du queer genug?“

Sondern:

„Schön, dass du da bist.“

Besonders betroffen: bisexuelle Frauen

Bifeindlichkeit trifft alle bisexuellen Menschen. Doch bisexuelle Frauen erleben sie oft in einer besonderen Form, weil sich hier Biphobie und Sexismus überschneiden.

In einer patriarchalen Gesellschaft wird weibliche Sexualität noch immer häufig durch den Blick von Männern bewertet. Das gilt auch für bisexuelle Frauen.

Sie werden nicht selten sexualisiert, objektifiziert und auf Fantasien reduziert.

Für manche Männer ist eine bisexuelle Frau keine Person mit einer eigenen sexuellen Identität, sondern die Projektionsfläche für den vermeintlich aufregenden „flotten Dreier“. Ihre Liebe zu Frauen wird nicht ernst genommen, sondern als erotisches Schauspiel für männliche Wünsche gelesen.

Aus einer selbstbestimmten sexuellen Orientierung wird so ein Konsumobjekt.

Die Frage lautet nicht mehr: Wen liebt diese Frau?

Sondern: Was kann sie mir bieten?

Gleichzeitig begegnet bisexuellen Frauen in manchen lesbischen Kontexten ein ganz anderes Vorurteil.

Dort gelten sie mitunter als unentschlossen, als unsicher oder als potenziell untreu. Manche lesbische Frauen möchten grundsätzlich keine Beziehung mit einer bisexuellen Frau eingehen. Dahinter stehen unterschiedliche Befürchtungen: die Angst, irgendwann für einen Mann verlassen zu werden, die Vorstellung, bisexuelle Frauen könnten sich nie wirklich festlegen, oder auch tief sitzende Vorurteile gegenüber Beziehungen zu Männern.

Manchmal werden diese Gedanken offen ausgesprochen.

Manchmal bleiben sie unausgesprochen und zeigen sich in Distanz, Skepsis oder vorschnellen Urteilen.

Ich verstehe, dass viele lesbische Frauen Verletzungen erlebt haben und ihre eigenen Erfahrungen mitbringen. Dennoch schmerzt es, wenn aus den Erfahrungen mit einzelnen Menschen ein Misstrauen gegenüber einer ganzen Gruppe wird.

Denn auch das ist ein Vorurteil.

Und Vorurteile werden nicht dadurch richtiger, dass sie aus einer Minderheit kommen.

Ich kenne die Unsicherheit, die daraus entstehen kann.

Die Frage, ob ich den Begriff „bisexuell“ überhaupt aussprechen soll.

Die Sorge, plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen zu werden.

Nicht mehr als dieselbe Person.

Sondern als jemand, über den sofort Vermutungen angestellt werden.

Dabei sagt meine sexuelle Orientierung nichts darüber aus, wie treu ich bin, wie verbindlich ich liebe oder wie ernst ich eine Beziehung nehme.

Sie sagt nur etwas darüber, wen ich lieben kann.

Nicht darüber, wie ich liebe.

Ich wünsche mir, dass bisexuelle Frauen weder zur Fantasie noch zum Risiko erklärt werden.

Sondern einfach als das gesehen werden, was sie sind:

Frauen, die lieben.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Der ständige Rechtfertigungsdruck

Es gibt Fragen, die zunächst harmlos wirken.

„Bist du dir sicher?“

„Vielleicht bist du eigentlich lesbisch?“

„Oder doch hetero?“

„Ist das nicht nur eine Phase?“

Manche Menschen meinen es ehrlich interessiert. Andere möchten verstehen.

Doch viele dieser Fragen haben eines gemeinsam:

Sie gehen nicht davon aus, dass bisexuelle Menschen sich selbst kennen.

Stattdessen schwingt oft die Annahme mit, dass unsere eigene Selbstbeschreibung weniger verlässlich sei als die Einschätzung anderer.

Es ist erstaunlich, wie oft bisexuelle Menschen erklärt bekommen, wer sie „eigentlich“ seien.

„Du bist doch eigentlich lesbisch.“

„Du bist doch eigentlich hetero.“

„Du hast dich nur noch nicht entschieden.“

„Irgendwann wirst du wissen, was du wirklich bist.“

Dabei frage ich mich manchmal:

Warum fällt es manchen Menschen so schwer, einfach zu glauben, was ich über mich selbst sage?

Warum muss ausgerechnet meine sexuelle Orientierung immer wieder überprüft, kommentiert oder korrigiert werden?

Dieses ständige Infragestellen ist anstrengend.

Nicht, weil ich auf jede Frage eine Antwort hätte.

Sondern weil ich immer wieder das Gefühl habe, meine Existenz verteidigen zu müssen.

Ich möchte nicht dauernd erklären, warum ich das Wort „bisexuell“ verwende.

Ich möchte keine Prozentzahlen nennen müssen.

Ich möchte nicht beweisen müssen, wen ich schon geliebt habe oder wen nicht.

Ich möchte nicht erst eine ausreichende Anzahl von Beziehungen vorweisen müssen, damit meine Identität ernst genommen wird.

Kein heterosexueller Mensch muss seine Heterosexualität beweisen.

Keine lesbische Frau muss nachweisen, dass sie „wirklich“ lesbisch ist, weil sie einmal einen Mann attraktiv fand.

Warum also dieser Maßstab bei bisexuellen Menschen?

Vielleicht ist es genau das, was mich am meisten erschöpft.

Nicht die Fragen.

Sondern die Tatsache, dass sie immer wieder gestellt werden.

Manchmal wünsche ich mir, dass meine Antwort einfach stehen bleiben dürfte.

Ohne Nachfragen.

Ohne Misstrauen.

Ohne den Versuch, sie in etwas Eindeutigeres zu übersetzen.

Ich bin nicht auf der Suche nach der „richtigen“ Schublade.

Ich habe sie längst gefunden.

Ich wünsche mir nur, dass andere akzeptieren, dass sie existiert.

Beziehungen und Vertrauen

Es gibt ein Vorurteil, das bisexuelle Menschen besonders häufig begleitet:

Dass sie sich nicht festlegen könnten.

Dass ihnen eine Person niemals reichen werde.

Dass sie früher oder später doch noch „die andere Seite“ vermissen würden.

Vielleicht steckt dahinter die Vorstellung, wer sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen könne, müsse zwangsläufig auch mehr Beziehungen führen wollen.

Doch das ist ein Trugschluss.

Die Fähigkeit, mehrere Geschlechter attraktiv zu finden, sagt nichts darüber aus, wie viele Menschen ich gleichzeitig lieben möchte.

Sie sagt nichts über meine Werte.

Nichts über meine Treue.

Und nichts über meine Bereitschaft, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen.

Begehren ist nicht dasselbe wie Handeln.

Ich kann Menschen attraktiv finden, ohne ihnen nachzugehen.

Das gilt für heterosexuelle, homosexuelle und bisexuelle Menschen gleichermaßen.

Treue ist keine Frage der sexuellen Orientierung.

Treue ist eine Entscheidung.

Sie wächst aus Liebe, Vertrauen und Verbindlichkeit – nicht aus der Anzahl der Geschlechter, zu denen sich jemand hingezogen fühlt.

Trotzdem begegnen bisexuellen Menschen immer wieder Fragen wie:

„Und was ist, wenn du irgendwann wieder eine Frau willst?“

Oder – je nach Beziehung:

„Fehlt dir nicht doch ein Mann?“

Diese Fragen setzen voraus, dass Liebe immer durch das definiert wird, worauf man theoretisch noch verzichten müsste.

Aber so funktioniert Liebe nicht.

Wenn ich mich für einen Menschen entscheide, entscheide ich mich für diesen Menschen.

Nicht gegen alle Frauen.

Nicht gegen alle Männer.

Sondern für diese eine Person.

Jede Beziehung bedeutet, auf unzählige andere mögliche Beziehungen zu verzichten.

Das gilt für alle Menschen.

Ein heterosexueller Mann verzichtet auf Milliarden anderer Frauen.

Eine lesbische Frau auf Milliarden anderer Frauen.

Ein bisexueller Mensch verzichtet auf Milliarden Frauen und Milliarden Männer.

Der Unterschied besteht nicht in der Treue.

Der Unterschied besteht nur darin, wem Menschen zutrauen, treu zu sein.

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, bisexuelle Menschen unter einen Generalverdacht zu stellen.

Nicht ihre sexuelle Orientierung entscheidet darüber, ob sie treu sind.

Sondern ihr Charakter.

Und der lässt sich weder am Geschlecht noch an der sexuellen Orientierung ablesen.

Woher kommt Bifeindlichkeit?

Bifeindlichkeit ist kein neues Phänomen. Die Vorurteile, mit denen bisexuelle Menschen heute konfrontiert werden, haben eine lange Geschichte.

In der Medizin und Psychologie des 19. und 20. Jahrhunderts galt Bisexualität häufig nicht als eigenständige sexuelle Orientierung, sondern als Übergangsstadium. Wer bisexuell war, hatte sich – so die Vorstellung – schlicht noch nicht „fertig entwickelt“. Irgendwann würde sich zeigen, ob die Person „eigentlich“ heterosexuell oder homosexuell sei.

Diese Denkweise wirkt bis heute nach.

Noch immer hören viele bisexuelle Menschen Sätze wie:

„Das ist nur eine Phase.“

„Irgendwann wirst du dich entscheiden.“

„Du weißt einfach noch nicht, was du wirklich willst.“

Auch innerhalb der queeren Emanzipationsbewegung hatte Bisexualität lange einen schweren Stand. Während lesbische Frauen und schwule Männer um Sichtbarkeit und Anerkennung kämpften, galten bisexuelle Menschen manchen als politisch unzuverlässig oder nicht eindeutig genug. Wer theoretisch auch eine gegengeschlechtliche Beziehung führen konnte, wurde mitunter als privilegiert angesehen oder verdächtigt, sich bei Bedarf wieder in die vermeintliche Sicherheit eines heterosexuellen Lebens zurückziehen zu können.

Auch dieses Misstrauen ist bis heute nicht völlig verschwunden.

Hinzu kommt die Popkultur.

Filme, Serien und Romane haben bisexuelle Figuren lange kaum als ganz normale Menschen dargestellt. Wenn überhaupt, waren sie geheimnisvoll, gefährlich, übersexualisiert oder moralisch zweifelhaft. Die bisexuelle Figur war häufig die verführerische Femme fatale, der untreue Partner oder die Person, die sich nie festlegen konnte.

Positive, alltägliche und glaubwürdige Darstellungen waren selten.

Wer immer wieder dieselben Bilder sieht, übernimmt sie oft unbewusst.

Vorurteile entstehen nicht im luftleeren Raum.

Sie werden erzählt, weitergegeben und wiederholt – in Filmen, Witzen, Schlagzeilen, Gesprächen und manchmal sogar in wissenschaftlichen Theorien.

Gerade deshalb ist Sichtbarkeit so wichtig.

Nicht als Selbstzweck.

Sondern weil Menschen Geschichten brauchen, die zeigen, dass Bisexualität weder eine Übergangsphase noch ein Charakterfehler ist.

Sondern eine von vielen menschlichen Weisen zu lieben.

Religion und Bifeindlichkeit

Auch in religiösen Kontexten bleibt Bisexualität häufig unsichtbar.

Wenn überhaupt über queere Menschen gesprochen wird, dann meist über homosexuelle oder trans Menschen. Bisexuelle kommen oft gar nicht vor. Und wenn doch, dann häufig nur am Rande – oder mit einem Satz, den viele bisexuelle Menschen nur zu gut kennen:

„Du kannst dir doch einfach einen Mann suchen.“

Auf den ersten Blick klingt das fast wie ein Entgegenkommen.

Nach dem Motto: Du musst deine Gefühle ja gar nicht verleugnen. Du hast doch eine Alternative.

Doch genau darin liegt das Problem.

Denn diese Aussage erkennt Bisexualität nicht an.

Sie streicht einen Teil davon einfach durch.

Die Botschaft lautet nicht:

„Du darfst so sein, wie du bist.“

Sondern:

„Den Teil deiner Identität, den ich problematisch finde, darfst du nicht leben.“

Ich frage mich:

Würde jemand einer heterosexuellen Frau sagen, sie solle ihre Liebe zu Männern unterdrücken und stattdessen nur Frauen lieben?

Oder einem schwulen Mann empfehlen, sich einfach eine Frau zu suchen?

Warum sollte eine solche Forderung bei bisexuellen Menschen plötzlich angemessen sein?

Sie ist es nicht.

Denn auch wenn eine bisexuelle Person mit einem Menschen des anderen Geschlechts zusammenlebt, hört sie dadurch nicht auf, bisexuell zu sein.

Ihre Identität verschwindet nicht.

Sie wird lediglich übersehen.

Ich glaube nicht, dass Gott Menschen erschafft, um sie anschließend in erlaubte und unerlaubte Anteile aufzuteilen.

Ich glaube an einen Gott, der den ganzen Menschen liebt.

Mit seiner Geschichte.

Mit seinen Fragen.

Mit seiner Sehnsucht.

Mit seiner Fähigkeit zu lieben.

Nachfolge bedeutet für mich nicht, wesentliche Teile der eigenen Person abzuschneiden, um in ein religiöses Schema zu passen.

Sie bedeutet, in Liebe, Treue und Verantwortung zu wachsen.

Ich glaube nicht, dass Gott uns kleiner machen möchte.

Ich glaube, Gott ruft uns in unsere Ganzheit.

Und vielleicht beginnt genau dort Heilung:

Nicht dort, wo Menschen sich selbst verleugnen.

Sondern dort, wo sie lernen dürfen, dass sie mit allem, was sie sind, vor Gott stehen dürfen.

Nicht halb.

Sondern ganz.

Zwischenräume – eine theologische Perspektive

Vielleicht ist es kein Zufall, dass so viele menschliche Erfahrungen, die sich nicht eindeutig einordnen lassen, gerade dort beginnen, theologisch bedeutsam zu werden, wo die Kategorien an ihre Grenzen stoßen.

Gott in der Bibel erscheint selten als der Gott der eindeutigen Linien.

Immer wieder begegnet Gott im Dazwischen.

In der Wüste.

Im Exil.

Auf dem Weg.

In Übergängen, in denen das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht sichtbar ist.

„Der Geist weht, wo er will“ (Joh 3,8) ist kein Satz über Beliebigkeit, sondern über Freiheit.

Über eine Gegenwart Gottes, die sich nicht festlegen lässt auf Orte, Formen oder Erwartungen.

Vielleicht ist auch menschliche Identität manchmal eher ein solcher Raum als eine feste Form.

Nicht etwas, das abgeschlossen ist.

Sondern etwas, das sich bewegt.

In der hebräischen Bibel sind es oft gerade die Figuren am Rand, die eine zentrale Rolle im Heilsweg Gottes spielen.

Ruth, die Fremde aus Moab, die nicht in die erwartete Ordnung gehört und dennoch Teil der Heilsgeschichte wird.

Noomi, die Verlust und Neubeginn in sich trägt.

Jakob, der weder ganz der eine noch ganz der andere ist.

Das Volk Israel selbst, das seine Identität im Unterwegssein findet.

Auch das Hohelied spricht eine Sprache, die sich nicht festlegen lässt.

Liebe, die nicht in Regeln aufgeht.

Begehren, das nicht moralisch sortiert wird, sondern in Bildern von Sehnsucht, Körperlichkeit und gegenseitiger Hinwendung steht.

„Zieh mich dir nach, so laufen wir“ (Hld 1,4) – eine Bewegung, kein Zustand.

Vielleicht liegt gerade darin eine theologische Würde des Dazwischen.

Nicht alles, was nicht eindeutig ist, ist ungeordnet im Sinne von falsch oder defizitär.

Manches ist schlicht noch nicht in starre Formen gegossen.

Oder es widersetzt sich ihnen bewusst.

Ich frage mich, ob auch menschliches Begehren manchmal so verstanden werden kann.

Nicht als Problem, das gelöst werden muss.

Sondern als Ausdruck einer Wirklichkeit, die größer ist als unsere Kategorien.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Gott in der jüdisch-christlichen Tradition immer wieder dort begegnet wird, wo Menschen sich nicht mehr eindeutig verorten können.

Vielleicht ist das Dazwischen kein Mangel.

Sondern ein Ort der Gottesnähe.

Mein eigenes Ringen

Manchmal frage ich mich noch immer, welches Wort mich am besten beschreibt.

Bin ich lesbisch?

Bin ich bisexuell?

Oder brauche ich vielleicht gar nicht für alles eine eindeutige Bezeichnung?

Ich weiß nur eines:

Frauen ziehen mich deutlich häufiger an als Männer.

Nicht ein bisschen häufiger.

Viel häufiger.

Wenn ich es in Zahlen ausdrücken müsste, wären vielleicht neun von zehn Menschen, zu denen ich mich hingezogen fühle, Frauen.

Und doch gibt es diesen einen Mann.

Oder manchmal auch zwei.

Nicht oft.

Aber eben doch.

Deshalb fühlt sich das Wort lesbisch für mich nicht ganz ehrlich an.

Es beschreibt einen großen Teil meiner Wirklichkeit.

Aber nicht ihre ganze Weite.

Bisexualität bedeutet nicht, beide Geschlechter gleichermaßen zu begehren.

Sie ist keine mathematische Gleichung.

Keine Fünfzig-fünfzig-Verteilung.

Keine Quote.

Sie beschreibt lediglich, dass sich mein Begehren nicht auf ein einziges Geschlecht beschränkt.

Mehr nicht.

Und weniger auch nicht.

Vielleicht ringe ich deshalb weniger mit meinem Begehren als mit den Erwartungen anderer.

Viele Menschen wünschen sich klare Kategorien.

Eindeutige Antworten.

Schubladen, die sich sauber beschriften lassen.

Ich merke dagegen, dass ich diese Schubladen selbst gar nicht so dringend brauche.

Wenn ich mich beschreiben sollte, würde mir eigentlich ein Satz genügen:

Ich bin 2Spirit. Ich fühle mich überwiegend zu Frauen hingezogen, manchmal auch zu Männern.

Mehr muss man über meine Sexualität eigentlich nicht wissen – wenn man es überhaupt wissen muss.

Vielleicht brauchen andere diese Schubladen mehr als ich.

Manchmal frage ich mich auch, welche Rolle mein Autismus dabei spielt.

Nicht als Erklärung für meine Sexualität.

Sondern für die Art und Weise, wie ich Menschen wahrnehme.

Ich verliebe mich selten in Kategorien.

Ich verliebe mich in Menschen.

In ihre Wärme.

In ihre Ehrlichkeit.

In ihren Humor.

In ihre Verletzlichkeit.

Natürlich gehört das Geschlecht zu einem Menschen dazu.

Aber oft ist es nicht das Erste bzw. Einzige, was mich berührt – auch wenn ich lügen würde, müsste ich sagen, dass es keine Rolle spielt.

Ich weiß nicht, ob andere autistische Menschen das ähnlich erleben.

Viele berichten ganz andere Erfahrungen.

Deshalb kann ich nur für mich sprechen.

Für mich fühlt sich Liebe oft weniger wie eine Frage von Schubladen an als wie die Begegnung zweier Menschen.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich so schwer damit tue, mich auf eine einzige Kategorie festnageln zu lassen.

Nicht weil ich nicht wüsste, wer ich bin.

Sondern weil ich längst aufgehört habe zu glauben, dass ein einziges Wort einen ganzen Menschen beschreiben kann.

Kein Fazit – sondern ein Raum

Ich weiß nicht, ob dieser Text alle Fragen beantwortet.

Das muss er auch nicht.

Vielleicht soll er vielmehr daran erinnern, dass Menschen größer sind als die Begriffe, mit denen wir sie beschreiben.

Ich schreibe diesen Text für alle, die sich schon einmal gefragt haben:

Bin ich queer genug?

Bin ich zu viel?

Oder vielleicht nicht genug?

Für alle, die ihre Worte vorsichtig wählen, weil sie müde geworden sind, sich immer wieder erklären zu müssen.

Für alle, die erlebt haben, dass andere ihre Identität besser zu kennen glaubten als sie selbst.

Für alle, die zwischen den Schubladen stehen und sich fragen, ob es dort überhaupt einen Platz gibt.

Ich möchte euch etwas sagen.

Ihr müsst euch nicht kleiner machen, damit andere euch leichter verstehen.

Ihr müsst euch nicht in eine Kategorie pressen, nur weil Uneindeutigkeit manche Menschen verunsichert.

Ihr müsst nicht beweisen, dass eure Liebe echt ist.

Ihr müsst euch eure Würde nicht verdienen.

Ihr seid nicht zu wenig.

Nicht zu queer.

Nicht zu kompliziert.

Nicht zu widersprüchlich.

Ihr seid Menschen.

Und ihr dürft so komplex sein, wie Menschen eben sind.

Ich glaube an einen Gott, der sich nicht vor Zwischenräumen fürchtet.

An einen Gott, der Menschen nicht zuerst nach Schubladen fragt, sondern nach ihrem Herzen.

An einen Gott, der uns nicht auffordert, weniger wir selbst zu werden, sondern mehr.

Vielleicht ist auch dieser Text so ein Zwischenraum.

Kein Urteil.

Kein Etikett.

Keine fertige Antwort.

Sondern ein Ort, an dem ihr für einen Moment ausruhen dürft.

Ein Ort, an dem niemand euch fragt, ob ihr nun endlich wisst, wer ihr seid.

Ein Ort, an dem euch einfach geglaubt wird.

Und vielleicht nehmt ihr von hier nur einen einzigen Satz mit:

Du musst nicht eindeutig sein, um ganz zu sein.

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