„Anderes Fleisch“ – Judas 1,7, Sodom und die Frage nach dem Unverfügbaren

Es gibt Bibelstellen, die so oft zitiert werden, dass man irgendwann vergisst, sie noch einmal wirklich zu lesen.

Judas 1,7 gehört zu diesen Stellen. Häufig wird der Vers in Diskussionen über Homosexualität genannt – als scheinbar eindeutiger Beleg dafür, was die Bibel dazu sagt. Doch wenn man genauer hinsieht, begegnet man einem Text, der viel komplexer ist: einer ungewöhnlichen Formulierung, einem jüdischen Traditionshintergrund und Fragen, die weit über eine einzelne aktuelle Debatte hinausführen. Was bedeutet „anderes“ oder „fremdes Fleisch“, wie es im griechischen Text heißt?

Dieser Artikel ist kein Versuch, Judas eine moderne Aussage in den Mund zu legen. Es geht auch nicht darum, einen schwierigen Text für eine heutige Diskussion einfach umzudeuten. Es geht darum, genau hinzusehen.

Ein Vers, der plötzlich neu gelesen werden will

Es gibt Bibelverse, die in bestimmten Diskussionen immer wieder auftauchen. Man hört sie so oft als Argument, dass sie irgendwann fast nur noch als Schlagwort begegnen. Judas 1,7 gehört zu diesen Versen.

Gerade in Debatten über Homosexualität und Bibel wird dieser Vers häufig als vermeintlich eindeutiger Beleg angeführt. Sodom und Gomorra werden genannt, von sexueller Sünde und göttlichem Gericht ist die Rede – und damit scheint für manche die Sache geklärt.

Doch was steht dort tatsächlich?

Wenn man sich den Text genauer anschaut, fällt eine ungewöhnliche Formulierung auf: Judas spricht davon, dass die Menschen von Sodom und Gomorra „anderem“ oder „fremdem Fleisch“ nachgegangen seien.

Diese Worte sind bemerkenswert. Denn im griechischen Text steht nicht einfach ein Begriff, der eindeutig „gleichgeschlechtliche Beziehungen“ bezeichnet. Dort steht eine Formulierung, die Fragen aufwirft:

Was meint Judas mit „anderem Fleisch“?
Warum wählt er gerade diese Worte?

Und warum wird diese Formulierung in verschiedenen Bibelübersetzungen so unterschiedlich wiedergegeben?

Diesen Fragen möchte ich nachgehen – zunächst mit einem Blick auf den Text selbst, seine Übersetzungen und seinen jüdischen Traditionshintergrund. Und anschließend mit einem Weiterdenken der Gedanken, die dieser alte Text heute in mir auslöst.

Der Text selbst: Was steht dort eigentlich?

Bevor wir fragen, was Judas 1,7 bedeutet, lohnt es sich zunächst, genau hinzusehen, was dort eigentlich steht.

Der griechische Text lautet:

ὡς Σόδομα καὶ Γόμορρα καὶ αἱ περὶ αὐτὰς πόλεις τὸν ὅμοιον τρόπον τούτοις ἐκπορνεύσασαι καὶ ἀπελθοῦσαι ὀπίσω σαρκὸς ἑτέρας, πρόκεινται δεῖγμα πυρὸς αἰωνίου δίκην ὑπέχουσαι.

Eine möglichst wörtliche Übersetzung, die die Struktur des griechischen Satzes sichtbar lässt, könnte lauten:

„Wie Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, die auf gleiche Weise wie diese Unzucht trieben und hinter anderem/fremdem Fleisch hergingen, stehen sie als Beispiel da und erleiden die Strafe ewigen Feuers.“

Besonders interessant ist die Formulierung:

ὀπίσω σαρκὸς ἑτέρας

wörtlich:
„hinter anderem/fremdem Fleisch her“

oder:
„anderem Fleisch nachgehen“.

Das Wort sarx bedeutet zunächst „Fleisch“ und wird im biblischen Sprachgebrauch in verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Das Adjektiv heteros bedeutet „anders“, „verschieden“, „fremd“ oder „von anderer Art“. Der Ausdruck selbst erklärt also nicht automatisch, was mit diesem „anderen Fleisch“ gemeint ist. Genau hier beginnt die Auslegung.

Ein Blick auf verschiedene deutsche Übersetzungen zeigt das sehr deutlich.

Die Zürcher Bibel bleibt relativ nah am griechischen Wortlaut:
„… die auf ähnliche Weise Unzucht getrieben haben und andersartigem Fleisch hinterhergelaufen sind …“

Auch die Einheitsübersetzung bewahrt diese Formulierung:
„… trieben Unzucht und liefen anderem Fleisch nach …“

Andere Übersetzungen treffen bereits eine interpretierende Entscheidung.

Die BasisBibel übersetzt:
„Wie diese Engel trieben sie Unzucht und gaben sich sexueller Zügellosigkeit hin.“

Die Gute Nachricht formuliert:
„Ihre Bewohner haben sich auf ganz ähnliche Weise vergangen wie jene Engel und wollten mit Wesen anderer Art geschlechtlich verkehren.“

Und die Hoffnung für Alle schreibt:
„Denn auch sie führten ein Leben voll sexueller Unmoral und wollten sich mit Wesen anderer Art einlassen.“

Hier wird sichtbar: Die Übersetzungen lesen den Ausdruck unterschiedlich. Manche lassen die offene Formulierung „anderes/fremdes Fleisch“ stehen. Andere erklären bereits, was damit gemeint sein könnte – entweder als allgemeine sexuelle Grenzüberschreitung oder als Beziehung zu Wesen anderer Art.

Das ist kein Zeichen dafür, dass Übersetzungen unzuverlässig wären. Übersetzen bedeutet immer auch, Entscheidungen zu treffen. Gerade bei schwierigen und mehrdeutigen Begriffen fließt immer auch die Auslegungsgeschichte mit ein.

Und genau deshalb ist eine Aussage wie „Die Bibel sagt hier eindeutig …“ vorsichtiger zu betrachten. Denn bereits die Übersetzungen zeigen: Der griechische Ausdruck selbst ist nicht so eindeutig, wie es manche Diskussionen vermuten lassen.

Judas 1,6–7 und die jüdische Traditionswelt

Um Judas 1,7 zu verstehen, lohnt es sich, nicht bei diesem einen Vers stehenzubleiben. Judas selbst stellt Sodom und Gomorra in einen größeren Zusammenhang. Unmittelbar vorher spricht er von Engeln, die ihre ihnen gesetzten Grenzen verlassen haben.

Judas schreibt:
„Auch die Engel, die ihren Herrschaftsbereich nicht bewahrten, sondern ihre eigene Wohnstätte verließen, hat er für das Gericht des großen Tages mit ewigen Fesseln in der Finsternis verwahrt.“ (Judas 1,6)

Diese Verbindung ist entscheidend, denn Judas greift hier eine jüdische Tradition auf, die weit über den kurzen Bericht in Genesis 6 hinausgeht.

Dort heißt es:
„Als die Menschen sich zu mehren begannen auf der Erde und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und sie nahmen sich von allen, die ihnen gefielen.“ (Genesis 6,1–2)

Aus dieser Erzählung entwickelte sich in der jüdischen Auslegungstradition die Vorstellung der Nephilim und der Engelwesen, die ihre Grenzen überschritten hatten. Besonders in der Henoch-Tradition wurde diese Geschichte ausführlich weitergedacht: Engel verließen den ihnen zugewiesenen Bereich, traten in die menschliche Welt ein und überschritten damit eine von Gott gesetzte Grenze.

Judas verbindet nun zwei Beispiele miteinander:
Zum einen die Engel, die ihre Grenze zwischen Himmel und Erde überschreiten.
Zum anderen Sodom und Gomorra, die auf ähnliche Weise eine Grenze überschreiten.

Vor diesem Hintergrund lesen manche Ausleger den Ausdruck „anderes“ oder „fremdes Fleisch“ in Judas 1,7 nicht als Hinweis auf gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Menschen, sondern als Bezug auf Wesen anderer Art.

Die Männer von Sodom wollten in dieser Lesart nicht einfach mit anderen menschlichen Männern verkehren. Sie wollten sich an den himmlischen Boten vergreifen, die als Fremde und Gäste in ihre Stadt gekommen waren.

Damit würde der Ausdruck „anderes Fleisch“ eine Bedeutung bekommen, die zur vorherigen Erwähnung der Engel passt: Es geht um eine Überschreitung der Grenze zwischen verschiedenen Seinsordnungen.

Diese Lesart findet sich bereits in jüdischen Auslegungstraditionen und wurde auch von einigen frühen christlichen Auslegern aufgenommen. Sie ist nicht die einzige mögliche Interpretation von Judas 1,7, aber sie zeigt: Der Vers steht nicht isoliert in einer modernen Diskussion über Sexualität. Er steht in einer antiken jüdischen Vorstellungswelt über Engel, Grenzen, Schöpfungsordnungen und menschliche Überschreitung.

Was war die Sünde Sodoms?

Kaum eine biblische Erzählung wird so häufig verkürzt wiedergegeben wie die Geschichte von Sodom und Gomorra. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht „Sodom“ bis heute für sexuelle Verfehlung oder wird sogar direkt mit Homosexualität verbunden. Doch ein Blick auf die biblischen Texte selbst zeigt ein deutlich komplexeres Bild.

Die Erzählung in Genesis 19 handelt zunächst von einer Situation extremer Gewalt. Die Männer der Stadt wollen die fremden Besucher Lots misshandeln. Es geht nicht um eine gegenseitige Beziehung, um Liebe oder um eine Partnerschaft, sondern um Macht, Erniedrigung und die gewaltsame Verfügung über andere.

Im antiken Kontext war sexuelle Gewalt häufig auch eine Form der Machtausübung. Besonders die Erniedrigung eines Fremden oder eines Unterlegenen diente dazu, die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Die Geschichte von Sodom erzählt deshalb nicht einfach von Sexualität, sondern von einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen Schutzlose möglich wird.

Bemerkenswert ist auch, wie andere biblische Texte die Schuld Sodoms beschreiben.

Der Prophet Ezechiel schreibt:
„Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hochmut, Überfluss an Brot und sorglose Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern, aber die Hand des Elenden und Armen stärkte sie nicht.“ (Ezechiel 16,49)

Hier wird nichts von gleichgeschlechtlichen Beziehungen erwähnt. Genannt werden stattdessen Hochmut, Wohlstand ohne Mitgefühl und die Gleichgültigkeit gegenüber Menschen in Not.

Auch die Propheten Jesaja und Jeremia verwenden Sodom als Bild für soziale Ungerechtigkeit und Untreue gegenüber Gott. Die Stadt steht für eine Gemeinschaft, die ihre Macht missbraucht und ihre Verantwortung gegenüber anderen verloren hat.

Wenn Judas 1,7 Sodom und Gomorra aufgreift, steht dieser Vers also in einer langen biblischen Tradition. Es geht um Grenzüberschreitung, Gewalt und die Missachtung des Anderen.

Sodom ist in der Bibel nicht die Geschichte einer liebevollen gleichgeschlechtlichen Beziehung. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die den Fremden nicht als Menschen empfängt, sondern ihn zum Objekt der eigenen Macht machen will.

Und vielleicht liegt genau darin die bleibende Frage dieser Erzählung: Wie gehen Menschen mit dem um, was ihnen anvertraut wird? Begegnen sie dem Anderen mit Gastfreundschaft und Achtung – oder versuchen sie, über ihn zu verfügen?

Ein Gedankengang – kein Kommentar zu Judas

Bis hierhin ging es um den Text selbst: um den griechischen Wortlaut, um verschiedene Übersetzungen und um die jüdische Traditionswelt, in der Judas 1,7 steht.

Was nun folgt, ist etwas anderes.

Es ist kein Versuch zu behaupten: „Das genau hat Judas gemeint.“ Es ist auch keine neue Auslegung, die an die Stelle der bisherigen treten soll. Es ist ein Weiterdenken. Ein Nachfragen: Welche Gedanken entstehen, wenn wir diese Motive aufnehmen und weiterführen?

Ein zentrales Motiv, das sich durch viele biblische Geschichten zieht, ist die Frage nach Grenze und Grenzüberschreitung. Dabei geht es nicht zuerst um Sexualität. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: um Aneignung.

Was geschieht, wenn der Mensch etwas besitzen will, das ihm nicht gehört?

Was geschieht, wenn aus Begegnung Besitz wird?

Wenn aus Beziehung Verfügung wird?

Wenn aus dem Gegenüber ein Objekt gemacht wird?

Gerade die Geschichten rund um Sodom, die Engel und das „andere Fleisch“ lassen sich als Geschichten über eine radikale Form der Grenzüberschreitung lesen: Der Mensch akzeptiert nicht mehr, dass es Dinge gibt, die ihm entzogen sind.

Das Fremde wird nicht empfangen.

Das Andere wird nicht geachtet.

Das Gegenüber wird nicht als Gegenüber wahrgenommen.

Stattdessen entsteht der Wunsch, es sich einzuverleiben, darüber zu verfügen und es der eigenen Macht zu unterwerfen.

Vielleicht liegt genau hier eine tiefere religiöse Frage verborgen:

Nicht nur: Welche Grenzen gibt es?

Sondern:

Warum überschreitet der Mensch Grenzen?

Was treibt ihn dazu, das an sich ziehen zu wollen, was nicht sein Eigentum ist?

Denn eine der großen Linien der biblischen Erzählungen ist genau diese Spannung: zwischen Vertrauen und Zugriff, zwischen Hingabe und Besitz, zwischen Beziehung und Herrschaft.

Der Mensch wird immer wieder vor die Frage gestellt, ob er das Empfangene als Geschenk annehmen kann – oder ob er versucht, es sich selbst anzueignen.

Das Unverfügbare Gottes

Der Gedanke der Grenzüberschreitung begegnet in der Bibel immer wieder. Nicht nur in einzelnen Erzählungen, sondern als ein Grundmotiv: Der Mensch steht vor der Frage, ob er das, was ihm begegnet, als Geschenk annehmen kann – oder ob er versucht, es sich anzueignen.

Schon die Erzählung von Eden erzählt von dieser Versuchung. Der Mensch greift nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis – nicht, weil ihm Wissen grundsätzlich verboten wäre, sondern weil er nach etwas greift, das nicht einfach in seinen Besitz übergehen kann. Die Verheißung lautet: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Die Versuchung besteht darin, die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf aufzuheben.

Auch die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt von diesem Motiv. Die Menschen wollen sich einen Namen machen. Sie wollen hinaufreichen bis zum Himmel und sich selbst einen Platz schaffen, der ihnen Sicherheit und Größe garantiert. Es ist der Versuch, sich das Himmlische verfügbar zu machen.

Auch Macht und Herrschaft können zu dieser Versuchung werden. Menschen, die ihre eigene Stellung absolut setzen, stellen sich letztlich an eine Stelle, die ihnen nicht zusteht. Sie werden nicht mehr Verwalter von etwas Empfangenen, sondern versuchen, selbst Quelle und Maßstab aller Dinge zu sein.

Vielleicht berühren diese Geschichten deshalb eine grundlegende menschliche Sehnsucht und zugleich eine menschliche Gefahr:

Der Mensch möchte festhalten, was ihm begegnet.

Er möchte sichern, was ihm geschenkt ist.

Er möchte besitzen, was sich seiner Verfügung entzieht.

Gerade im Verhältnis zu Gott zeigt sich diese Spannung besonders deutlich.

Gott kann gesucht werden – aber nicht besessen.

Gott kann geliebt werden – aber nicht verfügbar gemacht.

Gott kann erkannt werden – aber niemals vollständig in menschliche Begriffe eingeschlossen werden.

Denn sobald der Mensch glaubt, Gott vollständig in der Hand zu haben, wird aus Beziehung Besitz. Aus Vertrauen wird Kontrolle. Aus Glauben wird Verfügbarkeit.

Das Heilige bleibt aber heilig, gerade weil es sich nicht einfach dem menschlichen Zugriff unterwirft.

Der Name Gottes und die Grenze menschlicher Verfügung

Vielleicht zeigt sich diese Grenze menschlicher Verfügung besonders deutlich im Umgang mit dem Namen Gottes.

In der jüdischen Tradition nimmt der Name Gottes eine besondere Stellung ein. Das Tetragramm wird nicht einfach ausgesprochen. Stattdessen wird häufig „Adonai“ oder „HaSchem“ („der Name“) gesagt. Dahinter steht nicht nur eine sprachliche Gewohnheit, sondern eine tiefe theologische Einsicht:

Gott ist nicht verfügbar.

Der Name Gottes ist nicht wie ein Zauberwort, durch das der Mensch Macht über das Göttliche gewinnt. Gott ist nicht ein Gegenstand, den man benennen, einordnen und kontrollieren kann.

Schon die Erzählung von Mose am brennenden Dornbusch trägt diese Spannung in sich. Mose fragt nach Gottes Namen. Er möchte wissen, wem er begegnet und wie er diesen Gott benennen kann. Doch Gottes Antwort entzieht sich einer einfachen Festlegung.

Der Name Gottes bleibt Geheimnis.

Er offenbart etwas – und bleibt zugleich verborgen.

Er ermöglicht Beziehung – aber keinen Besitz.

Denn einen Namen zu kennen bedeutet im biblischen Denken nicht nur, jemanden ansprechen zu können. Es kann auch bedeuten, Macht über etwas ausüben zu wollen. Was benannt und eingeordnet ist, scheint kontrollierbar zu werden.

Aber Gott entzieht sich dieser menschlichen Verfügung.

Das bedeutet nicht, dass Gott fern oder unerreichbar wäre. Im Gegenteil: Die biblische Tradition erzählt immer wieder von einer tiefen Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Doch diese Beziehung ist keine Beziehung des Besitzes.

Nicht: Ich verfüge über Gott.
Sondern: Ich wende mich Gott zu.

Nicht: Ich mache Gott verfügbar.
Sondern: Ich lasse mich von Gott rufen.

Vielleicht liegt genau darin ein grundlegender Unterschied:

Der Mensch begegnet Gott nicht, indem er Gott ergreift, sondern indem er sich öffnen lässt.

Nicht durch Beherrschung.
Sondern durch Vertrauen.

Nicht durch Aneignung.
Sondern durch Hingabe.

Das Heilige kann gesucht werden. Es kann geliebt werden. Es kann das Leben verwandeln.

Aber es kann nicht besessen werden.

Devekut: Nähe ohne Verschmelzung

In der jüdischen Tradition gibt es für die Beziehung zwischen Mensch und Gott einen besonderen Begriff: Devekut.

Das hebräische Wort דבקות bedeutet wörtlich etwa „Anhaften“, „Anhaften an etwas“ oder „Verbundenheit“. In der jüdischen Mystik beschreibt es die tiefe Ausrichtung des Menschen auf Gott: eine innige Nähe, eine Verbindung des Lebens mit dem Göttlichen.

Doch Devekut bedeutet gerade nicht Verschmelzung.

Der Mensch wird nicht Gott.

Die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf wird nicht aufgehoben.

Die Beziehung bleibt eine Beziehung zwischen zwei Wirklichkeiten: Gott als Gott und Mensch als Mensch.

Gerade darin liegt die Besonderheit dieser Nähe.

Es geht nicht darum, Gott in Besitz zu nehmen oder im Göttlichen aufzugehen. Es geht nicht darum, die eigene Grenze zu verlieren, sondern darum, das eigene Leben auf Gott auszurichten.

Devekut ist Nähe ohne Auflösung der Differenz.

Liebe ohne Besitz.

Verbundenheit ohne Vereinnahmung.

Vielleicht lässt sich darin ein grundlegender Unterschied erkennen: Es gibt eine Form der Beziehung, die den anderen wirklich als anderen stehen lässt – und eine Form, die den anderen nur dann erträgt, wenn er dem eigenen Zugriff unterworfen wird.

Die erste Form ist Begegnung.

Die zweite Form ist Aneignung.

In der Beziehung zu Gott bedeutet Devekut deshalb nicht: Der Mensch greift nach Gott.
Sondern: Der Mensch öffnet sich für Gott.

Nicht: Der Mensch macht Gott verfügbar.
Sondern: Der Mensch lässt sich von Gott verwandeln.

Die tiefste Verbindung entsteht nicht dadurch, dass die Grenze zwischen Gott und Mensch verschwindet, sondern dadurch, dass diese Grenze in Liebe angenommen wird.

Vielleicht liegt darin eine der großen Einsichten religiöser Erfahrung:

Wahre Nähe braucht keinen Besitz.
Wahre Liebe braucht keine Verfügung.
Und das Heilige bleibt gerade deshalb heilig, weil es uns begegnet, ohne uns zu gehören.

Eine andere Frage an Judas 1,7

Wenn wir nun zu Judas 1,7 zurückkehren, stellt sich vielleicht eine andere Frage.

Nicht zuerst:

„Warum wollten Männer mit Männern verkehren?“

Diese Frage setzt bereits eine bestimmte Deutung des Textes voraus. Sie nimmt an, dass wir genau wissen, was mit dem „anderen Fleisch“ gemeint ist.

Doch vielleicht eröffnet der Text einen anderen Horizont.

Vielleicht führt er uns zu tieferen Fragen:
Warum greifen Menschen nach dem Himmlischen?
Warum wollen Menschen das Unverfügbare besitzen?
Was geschieht, wenn aus Begegnung Besitz wird?

Wenn wir auf die Motive schauen, die Judas miteinander verbindet – die Engel, die ihre Grenzen verlassen, und Sodom, das die Grenzen der Schöpfung überschreitet –, begegnen wir immer wieder derselben Grundspannung:

Der Mensch akzeptiert nicht, dass es Grenzen gibt.
Er nimmt nicht an, was ihm gegeben ist.
Er versucht, sich anzueignen, was ihm nicht gehört.

Dabei geht es nicht nur um einzelne Handlungen, sondern um eine Haltung gegenüber der Wirklichkeit selbst.

Kann der Mensch das Andere als Anderes stehen lassen?
Kann er dem Fremden begegnen, ohne es zu beherrschen?
Kann er dem Heiligen begegnen, ohne es verfügbar machen zu wollen?

Vielleicht liegt genau hier eine tiefere Frage nach Ehrfurcht verborgen.

Ehrfurcht bedeutet nicht Angst.
Sie bedeutet die Anerkennung, dass es etwas gibt, das größer ist als wir selbst.
Dass nicht alles, was wir sehen, verstehen oder berühren können, uns zur Verfügung steht.
Dass es eine Grenze gibt zwischen dem Geschöpf und dem Göttlichen.

Und vielleicht ist genau diese Anerkennung eine der großen Herausforderungen des Menschen: nicht alles besitzen zu müssen, was ihm begegnet.

Nicht jede Grenze als Hindernis zu sehen.
Nicht jede Nähe als Einladung zur Verfügung.

Sondern zu lernen, dass Liebe auch darin besteht, den anderen in seiner Andersheit zu achten.

Das Heilige kann gesucht, aber nicht besessen werden

Am Ende bleibt die Rückkehr zu Judas 1,7.

Dieser Text ist komplexer, als es manche Diskussionen vermuten lassen. Die griechische Formulierung „anderes“ oder „fremdes Fleisch“ ist nicht so eindeutig, wie sie oft dargestellt wird. Der jüdische Traditionshintergrund, die Verbindung zu den Engeln aus Genesis 6 und die unterschiedlichen Übersetzungen zeigen: Dieser Vers fordert dazu heraus, genauer hinzusehen.

Dabei geht es nicht darum zu behaupten, Judas habe genau diese Gedanken entwickelt oder genau diese Fragen stellen wollen. Texte sind immer in ihrem eigenen historischen Zusammenhang zu lesen.

Aber Texte können Resonanzräume eröffnen.

Sie können Fragen in uns wachrufen, die über den ursprünglichen Anlass hinausreichen.

Judas 1,7 kann deshalb auch zu einer Frage nach dem menschlichen Umgang mit dem Heiligen werden:

Was tun wir, wenn wir dem begegnen, was größer ist als wir selbst?

Versuchen wir, es festzuhalten?
Versuchen wir, es zu besitzen?

Oder können wir in Ehrfurcht stehen bleiben und anerkennen, dass nicht alles, was uns begegnet, uns gehört?

Vielleicht liegt darin eine der tiefsten Herausforderungen des Glaubens:

Das Heilige kann gesucht werden – aber nicht besessen.
Gott kann geliebt werden – aber nicht verfügbar gemacht.
Gott kann begegnet werden – aber nicht in menschliche Verfügung genommen werden.

Denn wahre Beziehung entsteht nicht dort, wo einer den anderen beherrscht.
Sie entsteht dort, wo Begegnung möglich wird.
Wo Vertrauen wächst.
Wo Liebe Raum lässt.

Und vielleicht beginnt genau dort Ehrfurcht:
In dem Moment, in dem der Mensch erkennt, dass nicht alles, was er berühren kann, ihm gehört.

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