Warum wir die Pride noch brauchen

Brauchen wir die Pride heute noch? – Diese Frage wird regelmässig gestellt. Schliesslich hat sich rechtlich vieles verbessert. Nach der Zürich Pride habe ich die Antwort nicht auf der Strasse gefunden, sondern in den Kommentarspalten.

Zwischen Beschimpfungen, theologischen Debatten und der Frage, wer eigentlich dazugehören darf, wurde mir erneut bewusst, warum Sichtbarkeit weiterhin notwendig ist – in der Gesellschaft und in der Kirche.

Ein persönlicher und theologischer Blick auf Pride, Bibeltexte und die Frage, warum die Diskussion noch lange nicht vorbei ist.

Brauchen wir die Pride heute noch?

Diese Frage wird regelmässig gestellt. Manchmal neugierig, manchmal kritisch, manchmal mit ehrlichem Interesse: Braucht es die Pride heute überhaupt noch?

Schliesslich hat sich vieles verändert. Gleichgeschlechtliche Paare können heiraten. Die medizinische Versorgung von trans* Menschen wurde verbessert. Rechtliche Diskriminierungen wurden abgebaut. Queere Menschen sind sichtbarer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Für viele Menschen scheint die Gleichberechtigung erreicht.

Die Frage wird regelmässig jedes Jahr während des Pride-Monats neu gestellt.

Die Antwort fand ich allerdings nicht auf der Pride selbst.

Ich fand sie in den Kommentarspalten.

Unter Berichten von Zeitungen. Unter Videos, in den lesbische Frauen und schwule Männer aus der Schweiz davon erzählen, dass sie in der Öffentlichkeit angespuckt werden. Unter Beiträgen von Menschen, die einfach von ihren Erfahrungen erzählten. Unter Posts von Christinnen und Christen, die an der Pride in einer christlichen Gruppe gelaufen waren, oder ihr Coming-out in einer christlichen Partei hinter sich hatten. Unter Bildern von Menschen, die nichts weiter taten, als sichtbar zu sein.

Dort las ich von «Kranken», «Perversen» und «verlorenen Seelen». Von Menschen, die queere Personen mit Pädophilie oder Zoophilie gleichsetzten. Von Forderungen, man solle sie in Anstalten stecken. Von Behauptungen, queere Menschen seien eine Gefahr für Kinder. Von Christinnen und Christen, denen ihr Glaube abgesprochen wurde. Von Menschen, die erklärten, Gott habe sie verworfen.

Und plötzlich erschien mir die Frage nach der Pride in einem anderen Licht.

Denn solange Menschen allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität beleidigt, verhöhnt oder ausgegrenzt werden, ist die Antwort nicht besonders kompliziert:

Ja. Wir brauchen die Pride noch.

Was die Kommentare zeigen

Wer die Kommentare unter Berichten über die Pride liest, erkennt schnell wiederkehrende Muster.

Da sind die offenen Beschimpfungen: «krank», «pervers», «psychisch gestört», «hirnkrank». Menschen werden nicht kritisiert, sondern abgewertet. Ihre Identität wird nicht diskutiert, sondern pathologisiert.

Da sind die Unterstellungen. Immer wieder werden queere Menschen mit Pädophilie oder Zoophilie in Verbindung gebracht. Nicht weil es dafür irgendeine Grundlage gäbe, sondern weil sich solche Vergleiche besonders gut eignen, um Menschen als gefährlich erscheinen zu lassen. Deshalb tauchen auch Sätze auf wie: «Lasst die Kinder in Ruhe» oder «Bringt die Kinder in Sicherheit» – selbst dann, wenn es im ursprünglichen Beitrag gar nicht um Kinder ging.

Da ist die Forderung nach Unsichtbarkeit. «Macht das zuhause, aber nicht auf der Strasse.» «Niemand interessiert sich dafür.» «Früher ging es auch ohne euch.» Die Botschaft dahinter ist klar: Ihr dürft existieren, solange man euch nicht sieht.

Und da ist die Entmenschlichung. Menschen werden als «verlorene Seelen», «anormales Pack» oder als Fall für die «Anstalt» bezeichnet. Andere machen sich über ihr Aussehen lustig, stellen sie als lächerlich dar oder sprechen ihnen jede Glaubwürdigkeit ab.

Natürlich stammen solche Kommentare nicht von allen Menschen. Vielleicht nicht einmal von einer Mehrheit. Aber sie sind da. Öffentlich. Sichtbar. Und sie werden von jenen gelesen, gegen die sie sich richten.

Oft wird behauptet, die Pride sei heute überflüssig geworden. Doch genau solche Kommentare zeigen, warum Sichtbarkeit weiterhin notwendig ist. Denn solange Menschen sich rechtfertigen müssen, weil sie existieren, solange sie verspottet, beleidigt oder zur Gefahr erklärt werden, ist Gleichberechtigung noch keine Selbstverständlichkeit.

Solange Menschen so über andere Menschen sprechen, bleibt Sichtbarkeit notwendig.

There is no hate like Christian love? Wenn Ausgrenzung aus christlichen Kreisen kommt

Der Satz «There is no hate like Christian love» ist provokant. Er ist aber aus Erfahrungen entstanden, die viele queere Menschen mit Kirche und christlichen Gemeinschaften gemacht haben.

Dabei geht es nicht darum, anderen Menschen den Glauben abzusprechen oder darüber zu urteilen, wer ein «echter» Christ oder eine «echte» Christin ist. Das steht keinem Menschen zu. Menschen können aus ehrlicher Überzeugung heraus handeln und sich dabei auf ihren Glauben berufen. Gerade deshalb lohnt sich der Blick darauf, was geschieht, wenn bestimmte Überzeugungen dazu führen, dass anderen Menschen Würde und Zugehörigkeit abgesprochen werden.

Unter Beiträgen von queeren Christinnen und Christen oder zu Pride-Gottesdiensten finden sich nicht nur theologische Diskussionen, sondern auch ganz konkrete Angriffe.

Menschen wird ihr Christsein abgesprochen: «Du bist kein Christ.» «Dein Glaube hat nichts mit Jesus zu tun.» Kirchen, die queere Menschen willkommen heissen, werden als «Kirche auf Abwegen» bezeichnet. Es ist von «Queerreligion» die Rede. Andere schreiben: «Gott liebt den Sünder, aber nicht die Sünde.»

Gerade dieser letzte Satz begegnet in solchen Diskussionen häufig. Viele Menschen verstehen ihn als Ausdruck ihres Glaubens. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was er im konkreten Leben bedeutet, wenn er auf Menschen angewendet wird, deren Beziehungen, Identität oder Existenz damit grundsätzlich als sündhaft bezeichnet werden.

Denn es geht hier nicht nur um unterschiedliche theologische Positionen. Es geht darum, ob queere Menschen in der Kirche einen Platz haben – nicht als geduldete Ausnahme, nicht am Rand, nicht unter der Voraussetzung, einen wesentlichen Teil ihres Lebens zu verleugnen, sondern als Teil der Gemeinschaft.

Die Frage der Pride ist deshalb auch eine kirchliche Frage.

Denn Sichtbarkeit wird nicht nur auf der Strasse gebraucht. Sie wird auch dort gebraucht, wo Menschen nach einem Ort suchen, an dem sie mit ihrem ganzen Leben willkommen sind.

Ist die Bibel wirklich so eindeutig?

Viele der Kommentare, die queere Menschen ablehnen oder ihnen sogar das Christsein absprechen, berufen sich auf die Bibel.

Immer wieder fällt der Satz: «Die Bibel ist eindeutig.» Damit wird oft der Eindruck vermittelt, es gebe zu diesem Thema keine ernsthafte Auslegungstradition, keine offenen Fragen und keinen Raum für unterschiedliche theologische Bewertungen.

Doch wer die Texte genauer betrachtet, stellt fest: So einfach ist es nicht.

Die Bibel ist kein einzelner Satz, sondern eine Sammlung von Schriften aus unterschiedlichen Zeiten, Kulturen und Zusammenhängen. Sie erzählt von Menschen, von ihren Beziehungen zu Gott und voneinander, und sie fordert immer wieder dazu heraus, genau hinzusehen: Was sagt ein Text tatsächlich? In welchem Zusammenhang steht er? Welche Lebenswirklichkeit hatte der Text vor Augen?

Gerade bei den häufig zitierten Stellen lohnt sich dieser genauere Blick.

Sodom und Gomorra: Eine Geschichte über Gewalt und Macht

Kaum eine biblische Erzählung wird so häufig als Argument gegen Homosexualität verwendet wie die Geschichte von Sodom und Gomorra.

Dabei lohnt es sich, die Geschichte selbst anzuschauen.

In Genesis 19 geht es nicht um eine liebevolle oder gleichberechtigte Beziehung zwischen zwei Menschen. Die Männer der Stadt wollen Lots Gäste missbrauchen. Es geht um Gewalt, Erniedrigung und Machtausübung. Die sexuelle Handlung ist dabei Ausdruck von Herrschaft und Demütigung.

Auch die späteren biblischen Texte, die auf Sodom zurückblicken, setzen andere Schwerpunkte. Besonders deutlich wird dies bei dem Propheten Ezechiel:

«Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hochmut, Überfluss an Nahrung und sorglose Ruhe hatten sie und ihre Töchter, aber dem Armen und Bedürftigen half sie nicht.» (Ezechiel 16,49)

Die Bibel selbst nennt hier Hochmut, soziale Ungerechtigkeit und fehlende Barmherzigkeit als Schuld Sodoms.

Die Geschichte von Genesis 19 ist eine verstörende Erzählung über Gewalt. Aber sie erzählt nicht von dem, was wir heute unter einer liebevollen, freiwilligen und gleichberechtigten gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verstehen.

Malakoi und arsenokoitai: Schwierige Wörter und schwierige Übersetzungen

Im Neuen Testament werden häufig die Begriffe malakoi (altgriechisch μαλακοί) und arsenokoitai aus 1. Korinther 6,9 angeführt. Sie gelten vielen als eindeutiger Beleg gegen Homosexualität.

Doch gerade hier zeigt sich, wie wichtig ein genauer Blick auf Sprache und Übersetzung ist.

Das griechische Wort malakoi bedeutet wörtlich zunächst «weich». Es konnte in unterschiedlichen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen haben und wurde nicht ausschließlich in einem sexuellen Sinn verwendet. So beschreibt das Adjektiv  im Altgriechischen ursprünglich etwas, das sich weich anfühlt, wie feine Kleidung (z. B. in Matthäus 11,8 für weiche Gewänder). Von hier aus kommt man zu einer breiteren ethische Bedeutung des Begriffs eher als „moralisch weich“, selbstverliebt, undiszipliniert oder unmännlich, ohne zwingend einen spezifischen sexuellen Akt zu verurteilen. Gleichzeitig können damit Männer gemeint sein könnten, die in der Antike die passive, „weichliche“ oder empfangende Rolle beim gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr einnahmen – etwas, dass in der Antike eher als verachtungswürdig angesehen wurde.

Noch schwieriger ist der Begriff arsenokoitai (griechisch: ἀρσενοκοῖται). Er ist im antiken Griechisch sehr selten und seine genaue Bedeutung ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Unterschiedliche Bibelübersetzungen geben ihn entsprechend unterschiedlich wieder. Die Bandbreite reicht von Begriffen wie «Knabenschänder» bis zu Übersetzungen, die allgemein von gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen sprechen. Der Begriff als solcher ist vor allem durch Paulus geprägt und kommt sonst in der Literatur der Antike kaum vor. Er setzt sich aus den Worten ‘arsen’ und ‘koitus’ (Mann und Geschlechtsverkehr) zusammen. Viele Gelehrte und Kommentatoren weisen darauf hin, dass der Begriff im griechisch-römischen Umfeld wahrscheinlich spezifisch ausbeuterische oder missbräuchliche Praktiken wie Päderastie, Prostitution oder die Ausbeutung von Sklaven verurteilte, die damals üblich waren; jedoch wurde der Begriff in verschiedenen Bibelübersetzungen meist mit „Homosexuelle“ oder „Männer, die mit Männern verkehren“ übersetzt.

Diese Unterschiede zeigen: Zwischen einem antiken Wort und einer heutigen Übersetzung steht immer auch Auslegung.

Das bedeutet nicht, dass Übersetzungen beliebig wären. Aber jede Übersetzung trifft Entscheidungen. Und diese Entscheidungen werden auch durch das jeweilige Verständnis von Theologie und Geschichte beeinflusst.

Hinzu kommt der historische Kontext. Die antike Welt kannte sexuelle Beziehungen häufig in Zusammenhängen, die stark von Macht geprägt waren: zwischen freien Männern und versklavten Menschen, zwischen Personen mit sehr unterschiedlichem sozialen Status oder im Zusammenhang mit Gewalt und Ausbeutung.

Das unterscheidet sich grundlegend von dem heutigen Verständnis vieler gleichgeschlechtlicher Beziehungen: von Beziehungen, die auf gegenseitiger Liebe, Freiwilligkeit, Treue und Gleichberechtigung beruhen.

Deshalb bleibt eine entscheidende Frage offen: Hatte Paulus tatsächlich jene Form von gleichgeschlechtlicher Partnerschaft vor Augen, über die wir heute sprechen?

Schöpfungsordnung, Natur und «widernatürlich»

Ein weiteres häufiges Argument lautet: «Gott schuf Mann und Frau.» Daraus wird geschlossen: Alles, was nicht in dieses Bild passt, widerspricht der Schöpfung.

Natürlich erzählt Genesis davon, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschafft – oder vielmehr, als männlich und weiblich. Diese Aussage ist für viele Menschen ein wichtiger Teil ihres Glaubensverständnisses.

Aber die Frage ist: Was folgt daraus?

Die Bibel beschreibt häufig grundlegende Ordnungen und Muster der Schöpfung. Sie beschreibt aber nicht jede einzelne Form menschlicher Existenz. Die Schöpfung ist vielfältiger, als es manche vereinfachte Darstellung vermuten lässt.

Auch intergeschlechtliche Menschen gehören zur menschlichen Wirklichkeit und zeigen, dass biologische Vielfalt nicht immer in einfache Kategorien passt.

Ebenso erleben die meisten Menschen ihre sexuelle Orientierung nicht als eine frei gewählte Entscheidung. Die Frage lautet deshalb nicht nur: «Warum entscheiden sich Menschen für etwas anderes?», sondern auch: «Was bedeutet es theologisch, wenn Menschen in dieser Vielfalt Teil der Schöpfung sind?»

Ist Vielfalt ein Angriff auf die Schöpfung?
Oder gehört die Vielfalt der Schöpfung selbst zu Gottes Werk?

Die anderen häufig zitierten Stellen

Damit sind nicht alle Bibelstellen behandelt, die in dieser Debatte immer wieder genannt werden. Doch die Beispiele zeigen bereits ein grundlegendes Problem:

Die Texte sind komplexer, als es manche Kommentare vermuten lassen.

Sprache, historische Zusammenhänge und Auslegung spielen eine entscheidende Rolle. Wer die Bibel ernst nimmt, sollte deshalb nicht nur einzelne Verse zitieren, sondern auch sorgfältig fragen, was diese Texte tatsächlich sagen – und was wir möglicherweise in sie hineinlesen.

Die Behauptung, die Bibel sei in dieser Frage völlig eindeutig und jede andere Auslegung sei einfach ein Verdrehen des Wortes Gottes, wird dieser Komplexität nicht gerecht.

Wer darf eigentlich Christ sein?

Eine der verletzendsten Erfahrungen für viele queere Christinnen und Christen ist nicht nur die Ablehnung ihrer Beziehung oder ihrer Identität. Es ist die Botschaft: «Du bist kein richtiger Christenmensch.»

Auch unter Beiträgen zur Pride finden sich solche Aussagen. Menschen, die sich seit Jahren in Gemeinden engagieren, die Gottesdienste besuchen, Verantwortung übernehmen und ihren Glauben ernst nehmen, bekommen gesagt, ihr Glaube sei nicht echt. Ihnen wird erklärt, sie hätten Gott nicht verstanden oder würden nicht wirklich zu Jesus gehören.

Aber wer entscheidet eigentlich darüber?

Wer darf einem anderen Menschen das Christsein absprechen?

Die christliche Tradition kennt viele unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Aber eine Sache ist zentral: Der Glaube eines Menschen besteht nicht darin, alle anderen Kriterien des Menschseins zu erfüllen, die andere Menschen an ihn stellen.

Christsein bedeutet nicht, eine bestimmte Biografie zu haben. Es bedeutet nicht, frei von Fehlern oder Fragen zu sein. Es bedeutet nicht, in allen theologischen Fragen mit anderen Christinnen und Christen übereinzustimmen.

Christsein bedeutet, in Beziehung zu Gott zu leben: zu glauben, zu hoffen, zu vertrauen, Christus nachzufolgen und sich von Gottes Liebe verändern zu lassen.

Natürlich gibt es innerhalb des Christentums unterschiedliche Überzeugungen darüber, wie Sexualität, Ehe und Partnerschaft theologisch zu verstehen sind. Diese Unterschiede existieren seit Jahrhunderten und werden auch weiterhin diskutiert werden.

Aber eine andere Frage ist, was wir mit Menschen tun, die anders denken oder anders leben.
Die Frage ist nicht nur: «Welche Position vertrete ich?»
Die Frage ist auch: «Wie begegne ich dem Menschen, der vor mir steht?»

Jesus begegnet in den Evangelien immer wieder Menschen, die von anderen ausgeschlossen wurden. Er sieht Menschen nicht zuerst als Problem, sondern als Menschen. Er fragt nicht zuerst, welche Kategorie jemand erfüllt, sondern begegnet dem Gegenüber in seiner Würde.

Deshalb ist es eine ernsthafte theologische Frage, ob wir Menschen den Zugang zu Gott und zur Kirche verwehren dürfen, weil wir ihr Leben anders bewerten als sie selbst.

Denn am Ende bleibt eine Grenze, die wir als Menschen nicht überschreiten können:

Wir können die Überzeugungen anderer beurteilen. Wir können über Texte diskutieren. Wir können unterschiedliche theologische Positionen vertreten.

Aber wir können nicht in das Herz eines anderen Menschen schauen.
Das kann allein Gott.

Pride und das Missverständnis vom „Stolz“

Ein Einwand begegnet mir gerade aus christlichen Kreisen immer wieder: Wie kann man an einer «Pride» teilnehmen? Ist Stolz nicht eine Sünde? Gehört Hochmut nicht zu den Dingen, vor denen die Bibel warnt?

Diese Frage ist verständlich. Sie beruht jedoch auf einem Missverständnis dessen, was mit «Pride» gemeint ist.

Im Deutschen denken wir bei Stolz oft an Hochmut, Selbstüberhöhung oder Arroganz. An Menschen, die sich für besser halten als andere. Gegen einen solchen Stolz richtet sich tatsächlich viel biblische Kritik. Die Bibel warnt immer wieder vor Hochmut, Selbstgerechtigkeit und der Überzeugung, über anderen Menschen zu stehen.

Doch das englische Wort Pride hat mehr als eine Bedeutung.

Es kann Hochmut bedeuten. Es kann aber auch Selbstachtung, Würde und die Weigerung bedeuten, sich für die eigene Existenz zu schämen.

Genau in diesem Sinn wird das Wort bei der Pride verwendet.

Die Pride-Bewegung entstand nicht aus dem Wunsch heraus, besser zu sein als andere Menschen. Sie entstand aus einer Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Beschämung. Über Generationen hinweg wurde queeren Menschen gesagt, sie seien krank, pervers, unnatürlich oder eine Gefahr für die Gesellschaft. Viele verloren ihre Arbeit, ihre Familien, ihre Gemeinden oder ihre Sicherheit. Viele lernten schon früh, einen Teil von sich selbst zu verstecken.

Vor diesem Hintergrund bedeutet Pride nicht:
«Wir sind besser als ihr.»

Sondern:
«Wir müssen uns nicht schämen, dass wir existieren.»

Pride bedeutet, sich nicht länger einreden zu lassen, man sei weniger wert als andere Menschen. Es bedeutet, sichtbar zu werden, statt sich zu verstecken. Es bedeutet, die eigene Würde anzunehmen, auch wenn andere sie einem absprechen.

Vielleicht könnte man sagen:
Das Gegenteil von Pride ist in diesem Zusammenhang nicht Demut.
Das Gegenteil von Pride ist Scham.

Eine Scham, die Menschen vermittelt, sie seien falsch, defekt oder unerwünscht.

Wer auf einer Pride-Fahne trägt, wer an einer Parade teilnimmt oder wer öffentlich sagt «Ich bin queer», erklärt damit nicht seine Überlegenheit. Er oder sie sagt vielmehr:
«Ich bin nicht bereit, mich für meine Existenz zu entschuldigen.»

Darum geht es bei Pride.

Nicht um Selbstverherrlichung.
Sondern um Würde.

Nicht um Hochmut.
Sondern um die Freiheit, ohne Angst und ohne Scham sichtbar zu sein.

„Gott liebt Queers“

Einer der Sätze, die auf einem Banner bei Zürich Pride zu sehen war, lautete:

„Gott liebt Queers – schon immer, für immer.“

Für manche Menschen ist dieser Satz selbstverständlich. Für andere wirkt er provokativ. Einige reagieren sogar mit Widerspruch oder Ärger. In den Kommentarspalten finden sich dann Antworten wie: «Natürlich liebt Gott alle Menschen, aber …» Oder: «Gott liebt den Sünder, aber nicht die Sünde.»

Doch gerade die Heftigkeit dieser Reaktionen zeigt, warum dieser Satz überhaupt ausgesprochen wird.

Denn die meisten Menschen schreiben nicht auf Transparente: «Gott liebt Rechtshänder.» Oder: «Gott liebt Menschen mit braunen Augen.» Solche Aussagen wären banal. Niemand würde auf die Idee kommen, sie ernsthaft zu bestreiten.

Der Satz «Gott liebt Queers» wird deshalb gesagt, weil viele queere Menschen im Laufe ihres Lebens genau das Gegenteil gehört haben.

Manchen wurde gesagt, Gott lehne sie ab. Andere hörten, sie seien eine Enttäuschung für Gott. Wieder andere bekamen vermittelt, sie könnten nur dann von Gott angenommen werden, wenn sie einen wesentlichen Teil ihrer selbst unterdrückten oder versteckten.

Vor diesem Hintergrund ist «Gott liebt Queers» kein Angriff auf andere Menschen und keine Sonderbehandlung für eine bestimmte Gruppe. Es ist ein Widerspruch gegen die Vorstellung, dass manche Menschen ausserhalb von Gottes Liebe stehen.

Der christliche Glaube beginnt nicht mit menschlicher Leistung, sondern mit Gottes Zuwendung. Niemand muss sich Gottes Liebe verdienen. Niemand wird erst dann von Gott geliebt, wenn er oder sie alle theologischen Fragen richtig beantwortet hat. Niemand wird von Gottes Liebe ausgeschlossen, weil andere Menschen über sein Leben urteilen.

Natürlich bedeutet Gottes Liebe nicht, dass Christenmenschen in allen ethischen Fragen einer Meinung sein müssen. Christliche Gemeinschaften werden auch weiterhin über Bibeltexte, Sexualethik und Auslegung diskutieren. Doch die Frage, ob Gott Menschen liebt, steht noch vor all diesen Debatten.

Wer die Evangelien liest, begegnet einem Jesus, der Menschen immer wieder zuspricht, dass sie gesehen, gehört und ernst genommen werden. Menschen, die von anderen an den Rand gedrängt wurden, finden bei ihm Aufmerksamkeit und Würde.

Deshalb ist der Satz «Gott liebt Queers» letztlich keine revolutionäre Behauptung.

Er ist die Anwendung einer alten christlichen Überzeugung auf Menschen, denen diese Überzeugung oft abgesprochen wurde.

Queere Menschen sind kein Randthema Gottes.
Sie sind Menschen.
Und Menschen stehen im Mittelpunkt von Gottes Liebe.

Darum brauchen wir die Pride noch

Nach der Pride habe ich viele Kommentare gelesen.

Nicht alle waren negativ. Manche waren freundlich, unterstützend oder einfach interessiert. Aber die anderen waren ebenfalls da. Sichtbar für alle, die sie lesen wollten.

Menschen wurden als krank, pervers oder gestört bezeichnet. Queere Menschen wurden mit Pädophilie in Verbindung gebracht. Ihnen wurde unterstellt, eine Gefahr für Kinder zu sein. Andere erklärten, sie gehörten in eine Anstalt oder seien verlorene Seelen.

Und in christlichen Diskussionen ging es noch einen Schritt weiter.

Dort wurde queeren Menschen nicht nur ihre Würde abgesprochen, sondern oft auch ihr Glaube. Menschen, die beten, Gottesdienste feiern, in Gemeinden mitarbeiten und Jesus nachfolgen möchten, wurde erklärt, sie seien keine wirklichen Christinnen und Christen. Kirchen, die sie willkommen heissen, wurden verspottet oder als Irrweg bezeichnet.

Wer all das liest, versteht vielleicht besser, warum die Frage «Braucht es die Pride heute noch?» für viele queere Menschen nicht theoretisch ist.

Es geht nicht um Sonderrechte.
Es geht nicht darum, wichtiger zu sein als andere.
Es geht nicht darum, Zustimmung von allen Menschen zu erzwingen.

Es geht darum, sichtbar zu sein in einer Gesellschaft, in der manche Menschen noch immer möchten, dass man unsichtbar bleibt.

Es geht darum, öffentlich zu widersprechen, wenn Menschen als minderwertig, krank oder gefährlich dargestellt werden.

Es geht darum, daran zu erinnern, dass Würde nicht davon abhängt, ob eine Mehrheit einen Menschen versteht, gutheisst oder für normal hält.

Und für viele queere Christenmenschen geht es auch darum, sichtbar zu machen, dass sie existieren.

Dass sie glauben.
Dass sie beten.
Dass sie Teil der Kirche sind.
Dass sie nicht erst um ihre Menschlichkeit oder ihre Zugehörigkeit bitten müssen.

Pride ist deshalb weit mehr als eine Parade.
Sie ist Sichtbarkeit.
Sie ist Erinnerung.
Sie ist Protest gegen Ausgrenzung.

Und sie ist die Hoffnung auf eine Gesellschaft und eine Kirche, in der niemand Angst haben muss, aufgrund seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität weniger wert zu sein als andere.

Solange Menschen beleidigt, bedroht oder ausgegrenzt werden, bleibt diese Sichtbarkeit notwendig.

Solange queeren Menschen ihre Würde abgesprochen wird, bleibt sie notwendig.

Solange queeren Christinnen und Christen ihr Glaube abgesprochen wird, bleibt sie notwendig.

Und solange Gleichwertigkeit nicht selbstverständlich ist, brauchen wir die Pride noch.

Schluss

Wenn ich an die Zürich Pride zurückdenke, denke ich nicht zuerst an politische Debatten oder Kommentarspalten.

Ich denke an die Menschen.

An die vielen unterschiedlichen Menschen, die gemeinsam unterwegs waren: Queere Menschen und ihre Familien. Junge und Alte. Religiöse und nichtreligiöse Menschen. Christinnen, Christen, Jüdinnen, Juden, Menschen anderer Glaubensrichtungen und Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, die für einen Tag Seite an Seite gingen.

Ich denke an Begegnungen, Gespräche und Umarmungen. An Menschen, die zum ersten Mal sichtbar waren. An andere, die schon viele Jahre dabei sind. An Menschen, die gefeiert haben, und an Menschen, die einfach froh waren, nicht allein zu sein.

Natürlich löst die Pride nicht alle Probleme.

Die Kommentare, die ich nach der Pride gelesen habe, erinnern daran, wie viel Ablehnung, Unwissen und Feindseligkeit weiterhin existieren. Sie zeigen, dass Gleichberechtigung auf dem Papier nicht automatisch bedeutet, dass Menschen auch im Alltag mit Respekt behandelt werden.

Und doch nehme ich von der Pride etwas anderes mit.

Nicht Angst, sondern Hoffnung.

Die Hoffnung, dass Menschen einander begegnen können, ohne sich gegenseitig ihre Würde abzusprechen.

Die Hoffnung, dass Kirchen Orte sein können, an denen niemand seine Zugehörigkeit rechtfertigen muss.

Die Hoffnung, dass wir als Gesellschaft lernen, Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Teil unseres gemeinsamen Menschseins zu verstehen.

Vielleicht ist das am Ende der tiefere Sinn der Pride.

Nicht nur sichtbar zu machen, was ist.
Sondern sichtbar zu machen, was möglich sein könnte.

Und solange Menschen ausgegrenzt werden, weil sie sind, wer sie sind, bleibt diese Hoffnung notwendig.

Darum bleibt auch die Pride notwendig.

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