Wieder sichtbar – meine Zürich Pride mit Keshet

Zum ersten Mal seit langer Zeit ging ich wieder in Drag an eine Pride. Nach dem 7. Oktober 2023 hatte sich mein Erleben queerer Räume verändert, und die Zürich Pride war für mich deshalb mehr als nur eine Demonstration: Sie war eine Rückkehr zu einem Teil von mir. Gemeinsam mit Keshet, dem jüdischen Regenbogen Schweiz, erlebte ich einen Tag voller Begegnungen, Solidarität und Sichtbarkeit – aber auch einen Moment, der mich nachdenklich zurückließ. Ein persönlicher Rückblick auf einen Tag zwischen Regenbogen, Davidstern und der Frage, wie Räume wirklich für alle offen sein können.

Am Samstagmorgen klingelte mein Wecker um 7 Uhr. Eine Uhrzeit, zu der man sich normalerweise vielleicht fragt, warum man am Wochenende eigentlich schon wach ist. Ich hatte allerdings einen guten Grund: Ich machte mich fertig für die Zürich Pride.

Und ich ging wieder in Drag.

Das klingt vielleicht für manche nach einer Nebensache. Für mich war es das nicht.

Vor dem 7. Oktober 2023 war Drag ein selbstverständlicher Teil meines Lebens. Ich ging regelmässig zu Drag-Shows, hatte Freude daran, mich zu verwandeln und mich in diesen Räumen zu bewegen. Es war ein Stück Freiheit, ein Stück Spiel, ein Stück von mir.

Doch nach dem 7. Oktober veränderte sich etwas.

Nicht meine Freude an Drag. Nicht meine queere Identität. Aber mein Gefühl in manchen queeren Räumen.

Die Diskussionen über Antisemitismus in Teilen der queeren Community, die Erfahrungen jüdischer Menschen und die veränderte Atmosphäre führten dazu, dass ich mich an Orten, die vorher selbstverständlich und vertraut gewesen waren, nicht mehr gleich sicher fühlte. Irgendwann hörte ich auf, Drag zu machen.

Die Zürich Pride war deshalb für mich mehr als einfach eine Veranstaltung. Es war ein bewusster Schritt zurück zu etwas, das einmal ganz selbstverständlich zu meinem Leben gehört hatte.

Während ich mich fertig machte, bekam ich natürlich Unterstützung von meinem bewährten Assistenten: Captain Kirk musste selbstverständlich den Make-up-Koffer inspizieren. Schließlich muss ein Kater wissen, womit sein Mensch den Tag verbringt. Ob seine fachliche Kompetenz eher im Bereich Beauty-Beratung oder im Bereich „Ich lege mich einfach mitten hinein“ lag, bleibt allerdings offen.

Mit einer gewissen Anspannung machte ich mich auf den Weg nach Zürich.

Ich freute mich auf die Pride. Ich freute mich auf die Menschen, die Musik, die Atmosphäre und darauf, wieder Teil dieses bunten Ganzen zu sein. Gleichzeitig war da diese leise Frage im Hintergrund: Wie wird es sein? Wird es Spannungen geben? Werden wir als jüdische queere Gruppe willkommen sein?

Bei der Pride angekommen, trafen wir uns als Keshet-Gruppe, rollten unsere Flaggen aus und warteten darauf, dass es losging. Wir hatten die Startnummer 51. Vor uns liefen die Queer Officers für eine bunte und diverse Armee, hinter uns eine christliche Gruppe.

Und dann ging es los.

Zürich hatte an diesem Tag offenbar beschlossen, uns nicht nur mit Regenbogenfarben, sondern auch mit einer sehr großzügigen Portion Sommer zu versorgen. Die Hitze war ordentlich. Aber die Stimmung war großartig.

Dieses Jahr hatten wir sogar einen kleinen Wagen mit richtig guten Lautsprechern und einer Playlist, die sofort gute Laune machte. Wir liefen durch Zürich, tanzten, sangen und genossen diesen besonderen Moment.

Was mich am meisten berührt hat, waren aber nicht nur die Musik und die Farben.

Es waren die Begegnungen.

Immer wieder kamen Menschen auf uns zu und sagten: „Wie schön, dass ihr da seid.“ „Danke, dass ihr euch zeigt.“ „Es ist wichtig, dass ihr hier seid.“

Es waren ganz unterschiedliche Menschen: ältere und jüngere, Männer und Frauen, nicht-binäre Menschen. Menschen, die einfach stehen blieben und uns ein Zeichen gaben: Ihr gehört dazu.

Besonders berührend war es, als andere jüdische Menschen auf uns zukamen und sagten, dass sie gar nicht damit gerechnet hätten, dass auch für sie jemand bei der Pride sichtbar ist.

Manche schlossen sich spontan unserer Gruppe an.

Und plötzlich wurde aus unserer kleinen Gruppe eine etwas größere Gruppe.

Vielleicht war genau das einer der schönsten Momente dieses Tages: Nicht nur selbst gesehen zu werden, sondern anderen Menschen zu zeigen: Ihr seid nicht allein.

Für Keshet war an diesem Tag klar: Wir sind hier als queere jüdische Menschen. Wir sind hier, weil wir dazugehören.

Wir hatten uns bewusst an die Vorgaben der Zürich Pride gehalten: keine Nationalflaggen, keine staatspolitischen Botschaften, sondern Sichtbarkeit als queere Organisation und als Teil der queeren Community.

Unsere Haltung war klar: Wir wollen nicht provozieren und wir lassen uns auch nicht provozieren.

Natürlich blieb der Tag nicht völlig frei von schwierigen Momenten.

Es gab einzelne Menschen, die an uns vorbeigingen und politische Slogans riefen. Es gab eine Gruppe mit einem Schild, das vorne „Istanbul Pride“ zeigte und nach hinten, zu uns gewandt, „No Pride in Genocide“ stand.

Ich hätte in diesem Moment natürlich hingehen und diskutieren können. Ich hätte fragen können, was genau sie damit meinen. (Türkei/Armenien? Erdogan/Kurden?) Ich hätte eine politische Debatte anfangen können.

Aber manchmal ist ein anderer Weg besser.

Also machte ich einfach einen Kussmund und schickte ihnen einen Kuss hinüber.

Die Antwort kam zurück.

Vielleicht löst ein Luftkuss keinen einzigen politischen Konflikt dieser Welt. Aber in diesem Moment war es ein kleiner Versuch, Menschlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren.

Nach dem Marsch kamen wir am Seeufer an. Dort fanden die Abschlussreden statt.

Viele der Beiträge waren stark und wichtig. Das Thema der diesjährigen Pride lautete „Protect Queer Youth“ – und gerade junge queere Menschen brauchen Schutz, Unterstützung und sichere Räume.

Es wurde über Diskriminierung gesprochen, über Mehrfachdiskriminierungen und darüber, dass verschiedene Formen von Ausgrenzung miteinander verbunden sein können. Diese Punkte sind wichtig.

Und trotzdem blieb bei mir am Ende ein kleiner bitterer Nachgeschmack.

Die letzte Rede wurde von zwei Vertreterinnen der Milchjugend gehalten. Vieles darin fand ich nachvollziehbar und richtig. Doch: Warum kam unter den vielen Diskriminierungsformen (Rassismus, Ableismus, Klassismus…) die mehrfach genannt wurden, der Antisemitismus nicht vor? Vieles davon sei die Folge von Kolonialismus, genauso so wie Queerfeindlichkeit. Schliesslich fiel als letzter Satz „No Pride in Genocide“.

Für manche Menschen ist dieser Satz vielleicht ein politischer Slogan unter vielen. Für mich ist er verbunden mit Erfahrungen, die jüdische queere Menschen seit dem 7. Oktober 2023 in manchen queeren Räumen gemacht haben. Ich hörte ihn an diesem Tag als jüdische queere Person, bei einer Pride, nachdem ich lange darüber nachgedacht hatte, ob ich mich in diesen Räumen überhaupt noch selbstverständlich zu Hause fühlen kann.

Was mich daran enttäuscht hat, war nicht, dass über politische Themen gesprochen wurde. Pride war immer politisch.

Doch: bei einem Thema wie „Protect Queer Youth“ hätte es so viele Dinge gegeben, über die man hätte sprechen können: über Hass und Gewalt gegen queere Jugendliche, über Mobbing, über fehlende sichere Räume, über Ablehnung in Familien, über Konversionstherapien, über die zunehmende Queerfeindlichkeit in politischen Bewegungen und darüber, wie wichtig echte Unterstützung ist.

Ich hätte mir gewünscht, dass am Ende einer Rede, die eigentlich einen Raum der Solidarität öffnen wollte, ein Satz steht, in dem sich möglichst viele wiederfinden können.

Auch jüdische queere Menschen.

Am Abend gegen 19.30 Uhr saß ich dann im Zug nach Hause.

Ich freute mich auf eine Dusche.

Und natürlich darauf, meinen Kater wiederzusehen.

Captain Kirk hatte selbstverständlich noch eine wichtige Aufgabe: Meine Federboa musste ebenfalls gründlich inspiziert werden. Schließlich kann man nicht erwarten, dass ein Kater eine so wichtige modische Angelegenheit einfach unbeachtet lässt.

So endete ein langer, heißer, bunter und intensiver Tag.

Ich bin mit Vorsicht zur Zürich Pride gegangen und mit vielen schönen Begegnungen wieder nach Hause gefahren.

Ich war wieder in Drag.

Ich war sichtbar.

Ich habe Solidarität erlebt.

Und ich nehme neben all der Freude auch eine Frage mit:

Wie schaffen wir queere Räume, in denen wirklich alle Menschen Platz finden – auch diejenigen, deren Erfahrungen manchmal weniger gesehen werden?

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