Zwei jüdische Frauen wollen eine Veranstaltung in Barcelona besuchen. Eine trägt einen kleinen Davidstern. Kurz darauf wird sie gefragt, ob sie Zionistin sei, und hinausgeworfen. Der Vorfall wirft eine unbequeme Frage auf: Wenn es angeblich nicht um Juden geht – warum landen die Folgen so oft bei jüdischen Menschen?
Zwei jüdische Frauen wollten in Barcelona eine Veranstaltung in einem Thermalbad besuchen. Ein lesbisches Paar, vor einigen Monaten aus den USA nach Spanien gezogen. Sie kamen nicht mit politischen Parolen. Sie kamen nicht mit einer Israelflagge. Sie wollten einfach nur hinein.
Eine der beiden trug einen kleinen Davidstern.
Das genügte.
Auf Video ist zu sehen, wie sie gefragt wird, ob sie Zionistin sei. Als sie nachfragt, warum ihr diese Frage gestellt werde, verweist die Mitarbeiterin nicht auf eine politische Äußerung, nicht auf ein Gespräch, nicht auf ein Verhalten. Ausgangspunkt war offenbar der Davidstern.
Ein jüdisches Symbol.
Später werden die beiden Frauen hinausgeworfen. „Free Palestine“, ist zu hören. Sie seien nicht willkommen.
Der Vorfall hat inzwischen große Aufmerksamkeit erregt. Das Thermalbad selbst hat sich später von dem Geschehen distanziert und erklärt, dass Menschen nicht wegen jüdischer Symbole ausgeschlossen werden dürften. Doch genau das macht den Vorfall nicht weniger bemerkenswert.
Denn die eigentliche Frage lautet: Wie kommt man von einem Davidstern zu einer politischen Gesinnungsprüfung?
Wenn jemand einen Davidstern trägt, signalisiert das zunächst einmal jüdische Identität. Mehr nicht. Es sagt nichts darüber aus, welche Partei jemand wählt. Es sagt nichts über politische Positionen aus. Es sagt nichts darüber, wie jemand zu einer konkreten Regierung steht. Es sagt nichts über Krieg, Frieden, Grenzen oder Verhandlungen.
Und doch scheint für manche Menschen der Weg vom Davidstern zum Verdacht heute erstaunlich kurz geworden zu sein.
An dieser Stelle beginnt meist die Debatte über Zionismus. Ehrlich gesagt wirkt sie zunehmend unerquicklich.
Viele Menschen haben längst entschieden, was Zionismus bedeutet. Was Juden und Jüdinnen selbst dazu sagen, interessiert oft nur dann, wenn es die eigene Sicht bestätigt. Andere Stimmen werden ignoriert, abgetan oder als Ausnahme erklärt.
Deshalb erscheint die Definitionsfrage inzwischen fast zweitrangig.
Interessanter ist die Frage, was tatsächlich geschieht.
Eine Frau trägt einen Davidstern und wird nach ihrer politischen Gesinnung gefragt.
Jüdische Studierende werden auf Universitäten herausgegriffen und sollen sich zu Israel erklären.
Menschen werden auf dem Weg zur Synagoge wegen ihrer Kippa angepöbelt, manche gar angegriffen.
Jüdische Geschäfte, kulturelle Veranstaltungen oder Einrichtungen geraten unter Verdacht, weil sie als „zionistisch“ wahrgenommen werden.
Museen und andere Einrichtungen sagen jüdische Veranstaltungen ab aus Angst oder wegen Druck durch „Antizionisten“.
Auffällig ist dabei, dass die Betroffenen oft gar nicht erst gefragt werden, was sie denken. Niemand interessiert sich für ihre tatsächlichen politischen Überzeugungen. Die Zuschreibung erfolgt vorher.
Sie werden nicht getroffen wegen etwas, das sie gesagt haben.
Sie werden getroffen, weil sie als jüdisch wahrgenommen werden.
Und genau deshalb ist Barcelona kein Einzelfall.
Und doch hört man immer wieder denselben Satz: Es gehe nicht um Juden. Es gehe um Zionisten. Es gehe um Israel. Es gehe um Politik.
Und doch landen die Folgen erstaunlicher häufig bei Juden und Jüdinnen, die mit all dem gerade gar nichts getan haben.
Nicht der israelische Ministerpräsident steht vor der Synagoge.
Nicht die israelische Regierung sitzt im Hörsaal.
Nicht der Staat Israel trinkt einen Kaffee, besucht ein Kulturfestival oder versucht, einen entspannten Abend in einem Thermalbad zu verbringen.
Dort stehen Menschen.
Jüdische Menschen.
Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Überzeugungen, unterschiedlichen Meinungen zur israelischen Regierung, unterschiedlichen Vorstellungen von Frieden, Sicherheit oder einer Lösung des Konflikts.
Doch diese Unterschiede verschwinden oft in dem Moment, in dem jemand als jüdisch erkennbar wird.
Dann genügt die Zugehörigkeit.
Dann genügt ein Name, eine Kippa, ein Davidstern, eine Synagoge, ein jüdisches Kulturzentrum oder manchmal schon die bloße Vermutung, jemand könne jüdisch sein.
Die Zuschreibung erfolgt vorher.
Und genau darin liegt das Problem.
Wer das bezweifelt, sollte weniger darauf hören, wie Menschen ihr eigenes Verhalten beschreiben, und mehr darauf schauen, welche Folgen dieses Verhalten hat.
Wenn jüdische Studierende unter Rechtfertigungsdruck geraten.
Wenn jüdische Einrichtungen besonderen Schutz benötigen.
Wenn jüdische Restaurants oder Geschäfte boykottiert werden, weil sie als „zionistisch“ gelten.
Wenn jüdische Kulturveranstaltungen abgesagt, gestört oder unter Polizeischutz gestellt werden müssen.
Wenn Menschen auf offener Straße wegen einer Kippa beschimpft werden.
Wenn eine Frau mit einem Davidstern gefragt wird, ob sie Zionistin sei, und anschließend nicht willkommen ist.
Dann lohnt es sich, auf das Muster zu schauen.
Nicht auf die Rechtfertigungen.
Am Ende sprechen Taten lauter als Definitionen.
Und die Taten treffen auffällig oft dieselben Menschen.
Nicht eine Regierung.
Nicht einen Staat.
Sondern Juden und Jüdinnen, die ihr Leben in Barcelona, Zürich, Berlin, London, Brüssel oder New York leben.
Man muss nicht einer bestimmten politischen Position zustimmen, um darin ein Problem zu erkennen.
Ein Davidstern sollte kein Anlass für eine Gesinnungsprüfung sein.
Und doch genügte er.
Antizionisten können viel über ihre Motive erzählen. Sie können Definitionen diskutieren, Begriffe erklären und Absichten formulieren.
Doch irgendwann wird eine andere Frage wichtiger:
Was sind die Folgen?
Wer gerät unter Rechtfertigungsdruck?
Wer wird aus Räumen ausgeschlossen, die eigentlich für alle offen sein sollten?
Wer wird auf offener Straße beschimpft, bedroht oder angegriffen?
Wer muss erklären, dass er mit den Entscheidungen einer Regierung nichts zu tun hat?
Wer überlegt sich zweimal, ob eine Kippa, ein Davidstern oder ein anderes jüdisches Symbol sichtbar getragen werden kann?
An den Früchten erkennt man den Baum.
Deshalb interessiert mich die endlose Debatte darüber, was Antizionismus angeblich ist, nur noch begrenzt. Interessanter finde ich, was er hervorbringt:
Eine Frau trägt einen Davidstern.
Sie wird gefragt, ob sie Zionistin sei.
Sie wird hinausgeworfen.
Man kann über Definitionen streiten.
Der Davidstern genügte trotzdem.