Über Roma Pride, doppelte Standards und warum wir trotzdem sichtbar bleiben:
Es ist der 27. Mai, kurz nach Mitternacht. Der Pride Month steht vor der Tür. Und wieder sitze ich hier und lese Meldungen über jüdische queere Organisationen, die ausgeschlossen werden. Dieses Mal aus Rom.
Keshet Italia, die italienische jüdische LGBTQIA+-Organisation, darf nicht mit eigenem Wagen an der Roma Pride teilnehmen, sofern sie sich nicht eindeutig von den Handlungen der israelischen Regierung distanziert. Die Veranstalter formulierten es so, dass jede teilnehmende Gruppe die „Gründungswerte“ der Bewegung teilen müsse – darunter eine klare Verurteilung des „Genozids“ durch die israelische Regierung.
Ich lese diese Sätze und spüre etwas, das ich inzwischen leider gut kenne:
nicht Überraschung,
sondern Erschöpfung.
Denn die Frage, die sich sofort stellt, ist nicht einmal mehr nur politisch. Sie ist grundlegender:
Warum wird das immer nur von Jüdinnen und Juden verlangt?
Warum müssen ausgerechnet queere jüdische Menschen ihre moralische Zulässigkeit erklären, bevor sie an einer Pride teilnehmen dürfen?
Warum wird von queeren Türkinnen und Türken nicht verlangt, sich öffentlich von Erdogans Gewalt gegen Kurdinnen und Kurden zu distanzieren?
Warum nicht von queeren Syrerinnen und Syrern von Al-Jolani?
Warum nicht von chinesischen Queers von der Behandlung der Uiguren?
Warum nicht von Amerikanerinnen und Amerikanern von Trump?
Und nein:
Ich fordere nicht, dass man es von ihnen verlangen sollte.
Im Gegenteil.
Ich glaube, man sollte es von niemandem verlangen.
Denn Pride war einmal etwas anderes.
Pride war die Idee, dass Menschen nicht erst eine Gesinnungsprüfung bestehen müssen, um dazugehören zu dürfen.
Dass Minderheiten nicht ihre Existenz rechtfertigen müssen.
Dass Würde nicht an Bedingungen geknüpft wird.
Gerade deshalb erschüttert mich die Entwicklung der letzten Jahre so sehr.
Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass Brussels Pride zunächst verlangt hatte, eine jüdische LGBTQ+-Gruppe dürfe nur teilnehmen, wenn weder ein Davidstern noch überhaupt das Wort „jüdisch“ sichtbar sei. Allein, dass so etwas überhaupt gefordert wurde, ist unfassbar.
In London gab es 2024 und 2025 keine offizielle jüdische Repräsentation bei Pride. Keshet UK erklärte, man habe lediglich die Zusicherung gesucht, dass britische Jüdinnen und Juden auf der Veranstaltung physisch und psychisch sicher seien – angesichts massiv steigenden Antisemitismus und queerfeindlicher Gewalt. Diese Bitte sei abgelehnt worden.
Und nun Rom.
Es sind keine Einzelfälle mehr.
Es ist ein Muster.
Ich bin selbst Jüdin.
Ich bin queer.
Und ich bin Vizepräsidentin von Keshet Schweiz.
In den letzten Jahren haben wir auf Prides erlebt, wie sichtbar jüdische Menschen beschimpft, bedroht und teilweise auch körperlich angegangen wurden. Nicht von rechtsextremen Gegendemonstranten. Sondern mitten in Räumen, die sich selbst als progressiv, diskriminierungssensibel und solidarisch verstehen.
Das gehört zu den bittersten Erfahrungen überhaupt:
wenn der Ausschluss nicht von erklärten Gegnern kommt,
sondern von Menschen, von denen man dachte, sie verstünden etwas von Verletzlichkeit.
Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich etwas verändert.
Queere Räume, die sich für mich lange wie Schutzräume angefühlt hatten, wurden plötzlich unsicher.
Nicht immer laut.
Oft subtil.
Oft mit dem Ton moralischer Gewissheit.
Es begann mit Social Media.
Mit Kommentaren unter Trauerposts.
Mit „Free Palestine“ unter einem „Shabbat Shalom“.
Mit Menschen, die Massaker relativierten, während die Toten noch nicht einmal identifiziert waren.
Später setzte sich diese Atmosphäre im öffentlichen Raum fort.
Auf Prides tauchten Hamas-Dreiecke auf.
Parolen wie „Zionists out“.
Slogans wie „FLINTIfada“.
Jüdische Queers wurden gezielt angeschrien.
„Free Palestine“ wurde nicht allgemein gerufen, sondern direkt in unsere Richtung.
Und irgendwann beginnt man, vor einer Pride vor dem Spiegel zu stehen und sich zu fragen:
Was ziehe ich besser aus?
Welchen Pin lasse ich zuhause?
Welche Sichtbarkeit ist heute noch sicher?
Das ist keine abstrakte Debatte mehr.
Das ist etwas Körperliches.
Etwas in mir hat sich in den letzten Jahren immer weiter von queeren Räumen entfernt. Nicht, weil mir queere Menschen egal geworden wären. Nicht, weil ich plötzlich konservativ geworden wäre. Nicht, weil mir Feminismus, Antidiskriminierung oder Solidarität unwichtig geworden wären.
Sondern weil Vertrauen brüchig geworden ist.
Und gerade erst hatte ich begonnen, mich innerlich langsam wieder anzunähern.
Vorsichtig.
Zögernd.
Mit Hoffnung.
Dann kommt Rom.
Und plötzlich ist all das wieder da:
die Müdigkeit,
das Misstrauen,
die Frage, ob man wirklich gemeint ist, wenn von „Inklusion“ gesprochen wird.
Denn was in Rom geschieht, ist nicht einfach politische Kritik.
Selbstverständlich darf und muss man israelische Regierungspolitik kritisieren können. Auch scharf. Auch laut. Auch emotional.
Aber wenn die Teilnahme queerer jüdischer Gruppen an eine politische Distanzierung gebunden wird, die von anderen Minderheiten nicht verlangt wird, dann entsteht etwas anderes:
ein Loyalitätstest.
Und Loyalitätstests für Juden haben in Europa eine lange Geschichte.
Besonders schmerzhaft ist dabei, wie oft jüdische Existenz selbst inzwischen als verdächtig behandelt wird.
Die bloße Sichtbarkeit jüdischer oder israelischer Queers wird schnell als „Pinkwashing“ bezeichnet. So, als könnten jüdische oder israelische LGBTQ+-Menschen nicht einfach Menschen sein, die ebenfalls um ihre Rechte kämpfen mussten und kämpfen. Gerade unter der derzeitigen israelischen Regierung sind queere Rechte keineswegs selbstverständlich oder unumstritten.
Es ist bemerkenswert, wie häufig jüdischen Menschen abgesprochen wird, komplex zu sein.
Als gäbe es nur völlige Distanzierung oder moralische Schuld.
Nur akzeptable oder inakzeptable Juden.
Nur die richtigen oder falschen jüdischen Stimmen.
Dabei sind viele der Menschen, die jetzt ausgeschlossen oder angegriffen werden, selbst kritisch gegenüber der israelischen Regierung, setzen sich für Frieden ein, für Sicherheit und Würde für Israelis und Palästinenser gleichermaßen.
Und trotzdem reicht ihre bloße jüdische Sichtbarkeit offenbar aus, um verdächtig zu werden.
Das macht etwas mit Menschen.
Mit Beziehungen.
Mit Vertrauen.
Mit Zugehörigkeit.
Vielleicht ist das der traurigste Punkt:
dass viele queere jüdische Menschen inzwischen nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen können, auf einer Pride willkommen zu sein.
Und trotzdem glaube ich:
Gerade deshalb müssen wir sichtbar bleiben.
Nicht aggressiv.
Nicht triumphierend.
Nicht als Gegenprovokation.
Sondern einfach als das, was wir sind:
queere jüdische Menschen.
Menschen mit Widersprüchen.
Mit Hoffnungen.
Mit Angst.
Mit Geschichte.
Mit Verletzlichkeit.

Der Pride Month beginnt bald.
Und nicht trotz, sondern gerade wegen all diesem halte ich es für wichtig, dass wir als Keshet Schweiz an den Schweizer Prides sichtbar mitlaufen.
Nicht, weil alles gut wäre.
Nicht, weil ich keine Angst hätte.
Nicht, weil das Vertrauen einfach zurückgekehrt wäre.
Sondern weil Rückzug bedeutet, dass andere darüber entscheiden, ob jüdische Sichtbarkeit noch Platz haben darf.
Und das dürfen wir nicht zulassen.
Pride entstand aus dem Kampf von Minderheiten darum, sichtbar sein zu dürfen.
Nicht erst nach moralischer Prüfung.
Nicht erst nach politischer Reinheit.
Nicht erst nach ideologischer Zustimmung.
Sondern als Menschen.
Vielleicht müssen wir gerade jetzt wieder daran erinnern.