Zwischen Haltung und Realität: Antisemitismus, Öffentlichkeit und das Gefühl der Unsicherheit

„Antisemitismus ohne mich“: Mit einer neuen Kampagne will Bayern ein Zeichen gegen Judenhass setzen. Doch zeitgleich meldet RIAS Bayern mehr als 1500 antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr. Während jüdische Gemeinden von Angst und Rückzug berichten, zeigen viele Online-Kommentare eine erschreckende Normalisierung von Feindbildern, Täter-Opfer-Umkehr und religiös codiertem Hass.

„Antisemitismus ohne mich“ – unter diesem Motto hat sich in Bayern eine parteiübergreifende Kampagne formiert. Landtagspräsidentin, Ministerpräsident und Vertreter mehrerer Fraktionen unterstützen die Initiative, die sichtbar machen will, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass Antisemitismus in der Gesellschaft keinen Platz hat. Über Sticker und eine begleitende Website sollen Bürgerinnen und Bürger im Alltag ein Zeichen setzen.

Es ist ein bewusst niedrigschwelliger Ansatz. Keine großen politischen Programme, sondern Sichtbarkeit im Alltag: Haltung zum Aufkleben.

Und doch steht diese Kampagne nicht allein.

Denn parallel dazu zeichnet sich ein anderes Bild.

Rekordniveau antisemitischer Vorfälle

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Bayern dokumentiert für das Jahr 2025 insgesamt 1551 antisemitische Vorfälle – erneut ein Rekordniveau. Bereits im Vorjahr lagen die Zahlen ähnlich hoch. Besonders auffällig ist dabei der Bereich digitaler Kommunikation: Online-Bedrohungen, Beschimpfungen und Gewaltaufrufe haben deutlich zugenommen.

„Antisemitische Ausdrucksformen wurden enthemmter, bedrohlicher und direkter“, heißt es aus der Auswertung.

Die Kategorien reichen von Angriffen und Bedrohungen über Sachbeschädigungen bis hin zu einer großen Zahl sogenannter verletzender Verhaltensweisen – also antisemitischer Äußerungen im Alltag, in Kommentaren, Nachrichten oder sozialen Medien.

Die Statistik beschreibt nicht nur Zahlen. Sie beschreibt eine Normalisierung von Sprache, die Grenzen verschiebt.

Alltag unter Sicherheitsdruck

Noch unmittelbarer wird diese Entwicklung dort, wo jüdisches Leben konkret stattfindet: in Gemeinden, Synagogen, Bildungsräumen.

Ein Beispiel aus München: Eine jüdische Gemeinde erhielt einen Drohbrief, der neben bedrohlichem Inhalt auch eine Patronenhülse enthielt. Der Inhalt war eindeutig: explizite Gewaltandrohungen gegen Jüdinnen und Juden. Die Gemeinde reagierte routiniert – jeder Eingang wird kontrolliert, die Polizei eingeschaltet, das Staatsschutzdezernat ermittelt.

Der Vizepräsident der Gemeinde beschreibt die Situation als dauerhaft angespannt. Drohungen seien keine Ausnahme mehr, sondern Teil des Alltags. Neu sei lediglich die Eskalationsstufe, etwa durch den konkreten Bezug auf Waffen.

Gleichzeitig wächst ein anderes Phänomen: Unsichtbarkeit als Schutzstrategie. Gemeindemitglieder berichten, dass sie keine eindeutig erkennbare Post mehr wünschen, dass Kinder nicht mehr zum Religionsunterricht kommen, aus Angst, vor der Synagoge erkannt zu werden.

Sichtbarkeit wird zur Risikoentscheidung.

Kommentarspalten als Resonanzraum der Entgrenzung

Neben Statistik und Alltagserfahrungen zeigt sich ein dritter Raum: die digitale Öffentlichkeit. Hier verdichten sich Zuschreibungen, die sich gegenseitig verstärken und radikalisieren. Eine Auswahl typischer Aussagen zeigt das Spektrum:

1. Kollektivschuld und Täterzuschreibung

„Kommt endlich mal aus eurer Opferrolle raus – ihr seid viel zu viel Täter….“
„Ihr wundert euch wirklich, dass euch so viele nicht mögen? Opferkarte ist abgelaufen, Israel ist jetzt TÄTER“
„Heult leise ihr Täter!“

Hier wird politische Kritik nicht mehr auf staatliches Handeln bezogen, sondern auf ein Kollektiv verschoben. Aus „Regierung“ wird „die Juden“.

2. Abwehr historischer Verantwortung

„NS-Zeit-Keule ist langweilig.“
„80 Jahre ist das mittlerweile her und ihr bezieht euch immer noch darauf! Lachhaft…“

Diese Aussagen verbinden sich mit einer Abwehr von Erinnerungskultur. Geschichte wird nicht als Verantwortung verstanden, sondern als Zumutung, die man hinter sich lassen will.

3. Entmenschlichung und Gewaltrhetorik

„Kindermörder.“
„Die Juden hätten ausgerottet werden sollen, wie es Onkel Addi vorgemacht hat.“
„Kein Mitleid mehr mit kindermördern“
„Die Zionisten dürften mittlerweile den 6 Millionen nicht mehr allzusehr hinterher hinken.“

Hier kippt Sprache in radikale Abwertung. Menschen werden nicht mehr als solche adressiert, sondern als moralisch zu beseitigende Kategorie.

4. Verschwörungsnarrative und Pseudowissen

Parallel dazu finden sich klassische antisemitische Verschwörungsbilder:
Umdeutungen von Herkunft, vermeintliche „wahre Abstammungen“, religiös aufgeladene Feindbilder oder die Rede von „unterwanderten“ Völkern.

„Ist Kinderblut Kosher?“
„Es sind die 12 Stämme Jacobs von denen nur einer Haus Juda hieß. Aber die Ashkenais, die selbst Japhetiten sind haben keine Ahnung. … Warum wohl. Japhetiten können nunmal keine Semiten sein, dass scheint ja Netanjahu und Konsorten nicht zu passen.“

Diese Erzählungen haben eines gemeinsam: Sie ersetzen komplexe Realität durch ein geschlossenes Erklärungssystem.

Religiöse Sprache als Projektionsfläche

Auffällig ist zudem, wie häufig religiöse Begriffe in diesen Kommentaren auftauchen – jedoch nicht in ihrem eigenen theologischen Kontext, sondern als Deutungs- und Angriffssprache.

„Nichts gegen Semiten: Die weißen Völker. Aber sehr wohl gegen die, die sich Juden nennen, es aber nicht sind, sondern den Teufel zum Vater haben. Die Synagoge des Satans.“

Biblische Begriffe werden aus ihrem Zusammenhang gelöst, jüdische Identität wird religiös oder pseudoreligiös umcodiert, historische und religiöse Kategorien werden vermischt.

Das ist kein Diskurs über Religion. Es ist die Nutzung religiöser Sprache zur Stabilisierung von Feindbildern.

Was hier sichtbar wird

Die verschiedenen Ebenen – politische Kampagne, statistische Erhebung, Alltagserfahrungen und digitale Kommentare – gehören nicht getrennt voneinander gelesen.

Sie zeigen gemeinsam ein Spannungsfeld:

  • öffentliche Bekundung von Solidarität
  • gleichzeitige Stabilisierung antisemitischer Narrative
  • konkrete Unsicherheit im Alltag
  • und eine digitale Sprache, die zunehmend entgrenzt ist

Auffällig ist dabei nicht nur die Existenz von Antisemitismus, sondern seine Anschlussfähigkeit: zwischen Politik, Geschichte, Religion und Emotionen entstehen Übergänge, in denen sich Zuschreibungen verschieben und verfestigen.

Schluss: Sichtbarkeit und Sicherheit

Eine Kampagne, die sagt „Antisemitismus ohne mich“, will Haltung sichtbar machen. Sie setzt auf Öffentlichkeit als Schutzraum der Solidarität.

Die Berichte der Sicherheitsbehörden und die Stimmen aus den Gemeinden zeichnen jedoch ein anderes Bild: Sichtbarkeit ist nicht nur Schutz, sondern zunehmend auch Risiko.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Spannung:
dass Antisemitismus öffentlich schärfer verurteilt wird als früher – während antisemitische Sprache gleichzeitig immer selbstverständlicher ausgesprochen wird; dass es heute sichtbare Solidaritätskampagnen gegen Antisemitismus gibt – und zugleich Kommentarspalten, Graffitis und Veranstaltungen, in denen offener Judenhass kaum noch Widerspruch erfährt; nicht mehr skandalisiert, sondern oft achselzuckend hingenommen wird.

Und so bleibt eine unbequeme Frage:

Woran misst sich eine Gesellschaft – an ihren Bekenntnissen gegen Hass oder daran, ob diejenigen, die davon betroffen sind, tatsächlich sicher leben können?

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