Red Dress Day ist kein Tag, der sich leicht konsumieren lässt.
Er ist Erinnerung, die stört.
Rote Kleider hängen leer in der Landschaft, dort, wo eigentlich Leben sein sollte. Sie markieren Abwesenheit – nicht abstrakt, sondern konkret: Menschen, Beziehungen, Geschichten, die gewaltsam unterbrochen wurden und deren Fehlen bis heute nicht abgeschlossen ist.
Dieser Text beginnt beim Gedenken an Missing and Murdered Indigenous Women, Girls and Two-Spirit People (MMIWG2S). Er bleibt dort aber nicht stehen. Denn die Frage, die sich stellt, reicht tiefer: Welche Strukturen machen möglich, dass diese Gewalt nicht Ausnahme, sondern fortgesetzte Realität ist? Und noch weiter: Welche Rolle spielen Geschichte, Kolonialismus, Kirche und religiöse Sprache in diesen Zusammenhängen – nicht nur damals, sondern auch in ihren heutigen Formen?
Es geht nicht um einfache Schuldzuweisungen.
Es geht um Zusammenhänge, die oft unsichtbar bleiben, weil sie vertraut geworden sind. Red Dress Day ist deshalb auch eine theologische Anfrage: nach Erinnerung, nach Verantwortung – und nach einer anderen Weise, Welt zu denken.
Heute, am 5. Mai, tragen wir Rot.
Red Dress Day ist ein Tag des Gedenkens an Missing and Murdered Indigenous Women, Girls and Two-Spirit People (MMIWG2S) in den USA und Kanada.
Der Mai ist zugleich Missing and Murdered Indigenous Persons Month – ein Monat, der nicht nur erinnert, sondern auch klagt: über anhaltende Gewalt, über strukturelles Wegsehen, über ausbleibende Gerechtigkeit.
Rote Kleider hängen leer in Bäumen, an Zäunen, in öffentlichen Räumen.
Sie stehen für Abwesenheit, die konkret ist: für Menschen, deren Leben gewaltsam beendet oder unterbrochen wurde – und deren Geschichten oft nur bruchstückhaft weitergetragen werden.
Red Dress Day ist kein symbolischer Aktionstag im neutralen Sinn.
Er ist eine Unterbrechung.
Gewalt ist nicht zufällig – sie ist strukturell
Indigene Frauen, Mädchen und Two-Spirit Personen sind in den USA und Kanada überproportional von Gewalt betroffen: sexualisierte Gewalt, Verschwindenlassen, Mord.
Viele Fälle bleiben ungelöst. Viele werden nicht ausreichend untersucht. Viele geraten aus öffentlichen Narrativen heraus. Und viel zu oft wird Verantwortung nicht übernommen – weder institutionell noch gesellschaftlich.
Diese Realität ist eng verbunden mit kolonialer Geschichte: Landraub, Zwangsassimilation, Internatssysteme (Residential Schools), juristische Entrechtung und die fortgesetzte Missachtung indigener Souveränität.
Wichtig ist: Diese Gewalt ist nicht nur ein historisches Erbe.
Sie ist gegenwärtig organisiert – durch Zuständigkeiten, Zuständigkeitslücken, institutionelle Prioritäten und gesellschaftliche Blindstellen.
Koloniale Strukturen im Körper eingeschrieben
Eine dekoloniale Perspektive verschiebt den Blick von Einzelfällen zu Strukturen.
Andrea Smith beschreibt, wie Kolonialismus nicht nur Territorien betrifft, sondern Körper, Sexualität, Gender und Spiritualität.
Koloniale Ordnung bedeutet dabei:
- Kontrolle über indigene Körper
- Regulierung von Sexualität und „Moral“
- Zerstörung oder Unsichtbarmachung indigener Geschlechtervielfalt
- Ersetzung relationaler Lebensweisen durch hierarchische Ordnungssysteme
Two-Spirit Identitäten sind ein besonders deutliches Beispiel: Sie wurden nicht einfach „übersehen“, sondern aktiv delegitimiert, kriminalisiert oder in koloniale Kategorien gezwängt.
Diese Gewalt wirkt weiter – nicht nur in historischen Erinnerungen, sondern in sozialen Realitäten, in denen indigene Körper bis heute häufiger Gewalt ausgesetzt sind und weniger Schutz erfahren.
Andrea Smith: Kolonialismus als Struktur von Körper, Gender und Gewalt

Die indigene Theologin und Aktivistin Andrea Smith zeigt in ihrer Arbeit, dass koloniale Gewalt nicht nur ein historisches Ereignis ist, sondern eine fortwirkende Struktur. Kolonialismus organisiert sich nicht nur über Landnahme und politische Herrschaft, sondern tief in den Bereichen von Körper, Sexualität und Geschlecht.
In ihrem Ansatz wird deutlich: Gewalt gegen indigene Frauen, Mädchen und Two-Spirit Personen ist nicht zufällig oder „nebensächlich“, sondern eng verbunden mit der Art, wie koloniale Systeme überhaupt funktionieren. Diese Systeme beruhen auf miteinander verschränkten Logiken: der Kontrolle über indigene Körper, der Regulierung von Sexualität und Reproduktion sowie der Zerstörung oder Unsichtbarmachung indigener Geschlechtervielfalt.
Ein zentraler Punkt bei Smith ist die Verbindung von sexualisierter Gewalt und kolonialer Landnahme. Die Kontrolle über indigene Körper und die Kontrolle über indigenes Land sind dabei keine getrennten Prozesse, sondern Teil derselben Logik von Eroberung und Aneignung. Gewalt gegen Frauen und Two-Spirit Personen ist in diesem Sinn nicht nur Begleiterscheinung von Kolonialismus, sondern ein Mittel seiner Stabilisierung.
Theologische Tiefenschicht: Sünde als Struktur
Auch wenn Andrea Smith nicht im engeren Sinn klassische Systematik betreibt, lässt sich ihr Ansatz theologisch als Kritik an einer rein individualisierten Vorstellung von Schuld lesen. Gewalt erscheint bei ihr nicht primär als Summe einzelner „falscher Entscheidungen“, sondern als strukturierte Wirklichkeit, die Körper, Institutionen und Vorstellungen von Normalität formt.
Damit verschiebt sich auch das theologische Sprechen von Sünde: weg von individueller moralischer Verfehlung hin zu Sünde als eingeschriebene Ordnung, die Leben hierarchisiert, kontrolliert und verletzlich macht. In diesem Sinn ist koloniale Gewalt nicht nur „Sünde von Personen“, sondern eine gewordene Weltstruktur, die weiterwirkt.
Heil, Ordnung und die koloniale Umdeutung christlicher Sprache
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage nach „Heil“ und „Ordnung“. Smith macht sichtbar, dass koloniale Systeme oft mit einer moralischen Sprache operieren, die stark religiös aufgeladen ist: Zivilisierung, Schutz, Ordnung, Familie, Reinheit.
Christliche Narrative wurden historisch immer wieder mit solchen Ordnungsvorstellungen verschränkt. Mission bedeutete nicht nur Verkündigung, sondern auch die Durchsetzung bestimmter Lebensformen: europäische Familienmodelle, normative Geschlechterrollen, Kontrolle über Sexualität und Reproduktion, sowie die Abwertung indigener spiritueller und sozialer Ordnungen.
Heil wurde damit faktisch umgedeutet: nicht als Befreiung zum Leben, sondern als Anpassung an eine bestimmte kulturelle und moralische Norm.
Imperiale Theologie und ihre Nachwirkungen
In dieser Perspektive lässt sich auch von einer impliziten „imperialen Theologie“ sprechen – einer Weise, Gott, Ordnung und Heil so zu denken, dass sie mit Herrschaft, Expansion und Normierung kompatibel werden. Smith zeigt keine systematische Kirchenkritik im engen Sinn, aber ihre Analyse macht sichtbar, wie religiöse Moralordnungen Teil kolonialer Systeme werden konnten.
Dabei geht es nicht um die Gleichsetzung von Christentum und Gewalt. Vielmehr um die Frage, welche theologischen Bilder von Ordnung, Körper, Geschlecht und Zugehörigkeit mit kolonialen Projekten kompatibel waren – und welche bis heute nachwirken.
Kirche, Mission und die Grammatik der Ordnung
Hier wird die theologische Dimension unvermeidlich.
Christliche Kirchen waren Teil kolonialer Prozesse. Mission bedeutete nicht nur Verkündigung, sondern auch die Durchsetzung bestimmter Weltordnungen:
- Familie als europäisches Modell
- Geschlechterrollen als Norm
- Land als Besitz
- Spiritualität als zu ersetzende Praxis
In den Residential Schools wurde diese Logik konkret: Kinder wurden von ihren Familien getrennt, Sprache und Kultur wurden systematisch unterdrückt.
Gleichzeitig bleibt es theologisch zu einfach, daraus eine monolithische Schuldzuweisung zu machen. Es gab auch Widerstand, Kritik und Brüche innerhalb kirchlicher Strukturen.
Aber die unbequeme Frage bleibt:
Welche theologischen Bilder von „Ordnung“, „Zivilisation“ und „Heil“ waren kompatibel mit kolonialer Gewalt – und wo wirken ihre Nachklänge weiter?
Gegenwart: religiöse Politik und die Wiederkehr von Ordnungsideologien
Die Fragen hören nicht in der Vergangenheit auf.
In Teilen des christlichen Spektrums – etwa im Umfeld von Christian Nationalism oder MAGA-nahen Bewegungen – tauchen Motive auf, die strukturell an koloniale Logiken erinnern, auch wenn sie historisch anders gerahmt sind:
- Vorstellungen einer „richtigen Ordnung“ von Geschlecht und Familie
- Ablehnung von LGBTQ- und Two-Spirit-Identitäten
- nationalistische Heilsnarrative („Wiederherstellung“, „Bestimmung“, „destiny“)
- klare Grenzziehungen zwischen „echten“ und „anderen“ Zugehörigkeiten
Dass manche politische oder religiöse Strömungen Donald Trump dabei als eine Art messianische Figur deuten, ist Teil dieser religiös aufgeladenen Politik. Es verschiebt politische Macht in symbolische Heilslogiken.
Wichtig ist dabei:
Es geht nicht um eine Gleichsetzung von Christentum mit Gewalt, sondern um die Frage, wie religiöse Sprache politisch funktionalisiert wird – und welche Körper davon konkret betroffen sind.
Indigene Communities sind dabei mehrfach betroffen: durch rassistische Gewalt, durch institutionelle Unsichtbarkeit und durch politische Entscheidungen, die ihre Sicherheit und Sichtbarkeit unmittelbar betreffen.
Auch Debatten um Missing-and-Murdered-Indigenous-People-Berichte zeigen das deutlich: Ein kongressionell erarbeiteter Bericht wurde aus Bundeswebsites entfernt – im Kontext politischer Auseinandersetzungen um „DEI“-Programme und Erinnerungspolitik. Für viele Betroffene ist das nicht nur ein Verwaltungsakt, sondern eine Form von erneuter Unsichtbarmachung.
Erinnerung als theologische Kritik
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur historisch, sondern systemisch:
Welche Strukturen entscheiden darüber, wessen Leben sichtbar ist – und wessen Verschwinden als administrierbar gilt?
Dekoloniale Theologie verschiebt den Fokus genau hierhin:
weg von moralischer Einzelzuschreibung, hin zu struktureller Analyse.
Nicht im Sinne von Schuldvereinfachung, sondern im Sinne einer ernsten Frage:
Welche Theologien haben diese Welt mitgebaut – und welche könnten sie unterbrechen?
Red Dress Day als Unterbrechung
Red Dress Day ist kein abgeschlossenes Erinnern.
Er ist ein Einspruch gegen Normalisierung.
Die leeren Kleider sind keine Symbole der Vergangenheit, sondern Marker einer Gegenwart, die nicht abgeschlossen ist.
Sie stehen für Namen, die fehlen – und für Beziehungen, die weiterwirken.
„No more stolen sisters“ ist deshalb nicht nur ein Ruf nach Schutz.
Es ist eine theologische und politische Anfrage an die Gegenwart:
Welche Welt entsteht, wenn wir nicht mehr wegsehen?

Indigene Menschen in den USA und Kanada sind überproportional häufig Ziel von Entführungen, Gewalt, sexualisierter Gewalt und Mord. Dies ist größtenteils auf systemisches Versagen zurückzuführen; Fälle werden oft nicht untersucht, und Täter werden nur selten strafrechtlich verfolgt.
Tatsächlich ist Mord die dritthäufigste Todesursache für indigene Frauen in den USA. Die meisten dieser Gewaltverbrechen werden von nicht-indigenen Personen begangen. Indigene Menschen erleben Gewaltraten, die weit über dem Durchschnitt der USA liegen. Im Unterschied zu jeder anderen Bevölkerungsgruppe werden indigene Opfer häufiger von Personen einer anderen ethnischen Gruppe angegriffen.
Etwa 96 % aller sexualisierten Gewalttaten gegen indigene Frauen in den USA werden von nicht-indigenen Täter:innen begangen. Deshalb wird dies als moderner Genozid betrachtet. 89 % der indigenen Frauen in den USA haben Stalking durch nicht-indigene Täter erlebt. Indigene Menschen sind in einem außergewöhnlich hohen Ausmaß Opfer gezielter Gewalt durch nicht-indigene Täter, verglichen mit anderen Bevölkerungsgruppen, und wenn es geschieht, wird sehr wenig bis nichts unternommen.
Am 5. Mai tragen wir Rot, um das Schweigen zu brechen.
Red Dress Day ist ein ernster, kraftvoller Aufruf zum Handeln angesichts der Krise der Missing and Murdered Indigenous Women, Girls and Two-Spirit people (MMIWG2S). Jedes karminrote Kleid, das im Wind weht, steht für eine „Präsenz in der Abwesenheit“ – eine Mutter, Tochter, Schwester oder Freundin, deren Geschichte durch systemische Gewalt und Vernachlässigung vorzeitig beendet wurde. Es ist eine eindringliche Erinnerung daran, dass diese Frauen zwar nicht mehr da sind, aber niemals vergessen werden, und dass ihre Familien weiterhin nach der Gerechtigkeit suchen, die sie verdienen.
Dies ist mehr als ein Tag des Bewusstseins. Es ist ein Ruf nach Veränderung. Indigene Frauen erleben weiterhin überproportional hohe Gewalt, doch ihre Fälle werden viel zu oft ignoriert. Indem wir Rot tragen, ehren wir die Gestohlenen und solidarisieren uns mit den Überlebenden und denjenigen, die für Sicherheit und Rechenschaft kämpfen.
Keine weiteren gestohlenen Schwestern.
Mögen die roten Kleider als Leuchtzeichen dienen, die sie nach Hause rufen und die Welt daran erinnern, dass wir nicht aufhören werden zu suchen und nicht aufhören werden, ihre Namen auszusprechen.