Manchmal schauen mich Leute irritiert an, wenn ich erzähle, dass ich Horrorfilme mag. Nicht wegen der Gewalt, nicht wegen der Effekte, sondern wegen der Fragen, die sie stellen. „Der Fluch der Llorona“ ist so ein Film: Oberflächlich ein Spuk mit einem weinenden Geist – aber darunter? Ein Abgrund an Schuld, kolonialer Hybris und spiritueller Suche. Kein perfekter Film, aber einer, der mehr über Gott, Schuld und Menschlichkeit sagt als manche Sonntagspredigt. Und der sich nicht scheut, die Kirche auf ihren feigen Nebenrollenplatz zu stellen.
Die weinende Mutter, die schweigende Kirche und der spirituelle Pragmatismus: „Der Fluch der Llorona“ als theologische Geisterfahrt
La Llorona heult. Und das seit Jahrhunderten. Nicht, weil sie gerne spukt, sondern weil sie muss. „Der Fluch der Llorona“ (2019) zeigt uns nicht die hundertste Variation eines katholischen Exorzismus, sondern eine tragische Gestalt, die irgendwo zwischen Mythos, Sünde und Volksglauben umherirrt – und dabei einer westlich-rationalen Welt die Grenzen zeigt.
Schuld, Schmerz und keine Sündenvergebung in Sicht
La Llorona ist keine Teufelin im klassischen Sinn. Sie ist vielmehr eine Mutter, die in ihrer Verzweiflung das Undenkbare tut: Sie tötet ihre eigenen Kinder. Das ist weder biblischer Brudermord noch kirchlich katalogisierbare Ursünde. Eher erinnert sie an Lilith, die sich den patriarchalen Regeln verweigerte, oder an Medea, die aus verletztem Stolz zur Kindsmörderin wird. Eine tragische Figur, keine rein böse.
Im Film bleibt ihre Schuld unbeantwortet. Keine Erlösung. Kein beichtender Geist, der zur Ruhe kommt. Nur Schmerz, der sich weiter in die Nacht hinausheult.
Die Kirche? Feierabend. Spirituelle Hilfe bitte an der Hintertür abholen.
Wenn das Grauen Einzug hält, erwartet man vom katholischen Establishment beherztes Eingreifen. Doch in „Der Fluch der Llorona“ zuckt die Kirche bestenfalls mit den Schultern. Statt Weihwasser und Exorzismus gibt’s einen freundlichen Hinweis: Da war doch dieser Priester, der seinen Job an den Nagel gehängt hat… Vielleicht kann der helfen.
Und so wird es der Curandero, ein spiritueller Handwerker, der sich weniger um Dogmen kümmert als um Lösungen. Mit Eiern, Kerzen, Räucherwerk – und einer Limpia, die im Volksglauben keine Folklore, sondern gelebte spirituelle Realität ist.
Zwischen Kruzifix und Copalrauch: Spiritueller Pragmatismus made in Mexico
Der Film ist eine kleine Kulturkunde für westliche Zuschauer*innen, die glauben, Spiritualität stehe entweder in der Bibel oder in esoterischen Selbsthilferatgebern. Die mexikanische Volksreligion denkt pragmatischer: Alles, was hilft, ist richtig. Und wenn das Kruzifix nicht reicht, dann hilft eben die Rauchreinigung. Oder der Schutzkreis aus Kerzen. Oder das Gebet an Maria, das genauso wichtig ist wie der Glaube an die Kraft der Natur.
Spiritueller Pragmatismus statt dogmatischer Reinheit – und genau deshalb funktioniert er. Jedenfalls besser als die akademische Ignoranz der Sozialarbeiterin.
Keine Happy-End-Theologie: Schuld bleibt Schuld
Am Ende des Films ist die Llorona nicht erlöst. Sie ist nicht bekehrt. Sie verschwindet – für den Moment. Vielleicht wird sie irgendwann wiederkommen. Und das ist, wenn wir ehrlich sind, gar nicht so untheologisch: Nicht jede Schuld lässt sich wegtheologisieren. Manche Wunden bleiben offen, selbst wenn wir Schutzkreise aus Kerzen ziehen.
Von Überheblichkeit und Lernprozessen: Eine westliche Heldin auf Abwegen
Die Hauptfigur Anna braucht den halben Film, um zu begreifen, dass ihr Studium und ihre professionelle Distanz hier wenig nützen. Sie muss lernen zu vertrauen – nicht einem System, sondern einem Menschen, dessen Spiritualität sie nicht versteht.
Das ist auch eine Geschichte über kulturelle Arroganz: die weisse Retterin, die glaubt, mit Ratio und Vorschriften alles lösen zu können, bis sie merkt, dass sie in einer Welt gelandet ist, die sich ihren Kategorien entzieht.
Das wahre Grauen
Am Ende bleibt die Frage: Was ist eigentlich das wahre Grauen dieses Films? La Llorona, die nachts durch die Straßen zieht? Oder die Kirche, die sich aus der Verantwortung stiehlt? Vielleicht auch die westliche Welt, die glaubt, Spiritualität sei entweder Aberglaube oder Hobby?
„Der Fluch der Llorona“ ist kein perfekter Horrorfilm. Aber er erzählt – hinter allen Jump Scares – eine tiefere Geschichte: Von Schuld, die bleibt. Von Hilfe, die unorthodox ist. Und von einer spirituellen Welt, die man nicht verstehen muss, um sie ernst zu nehmen.
Abschluss
Vielleicht liegt die eigentliche Horrorstory des Films nicht im weinenden Geist, sondern im stillen Versagen menschlicher Institutionen. Vielleicht hört das Heulen nie auf, weil wir es uns zu bequem gemacht haben mit unseren klaren Kategorien von Gut und Böse. Und weil echte Hilfe manchmal einfach nach Rauch, Kerzen und Eiern riecht – statt nach heiligem Weihwasser.