Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich Streit suche. Sondern weil ich Klarheit möchte.
Es kann nicht sein, dass in einer Bewegung, die Freiheit, Vielfalt und Gerechtigkeit für sich beansprucht, jüdische Stimmen nur dann gehört werden, wenn sie eine bestimmte politische Haltung vertreten.
Ich respektiere, dass das Kollektiv Doykait seine Erfahrungen gemacht hat. Aber ihre Erfahrungen sind nicht meine – und nicht die vieler anderer Juden und Jüdinnen.
Ich möchte nicht schweigen, wenn meine Identität zur Verhandlung gestellt wird.
Das Kollektiv Doykait hat sich nun im Nachgang zum feministischen Streiktag 2025 in Zürich öffentlich zu Wort gemeldet. Sie schreiben, sie hätten als „sichtbar jüdische Personen“ problemlos an der Demonstration teilgenommen. Daraus leiten sie ab: Es gäbe kein Problem für jüdische Personen, am feministischen Streik teilzunehmen – außer, sie wollten Zionismus „unter dem Deckmantel jüdischer Identität“ mitbringen. Genau hier liegt die Problematik.
Wer ist Doykait?
Doykait ist eine kleine, laute Gruppe von jüdischen Linken in der Schweiz. Ihre politische Haltung: antizionistisch, antikolonial, queer-feministisch. Sie inszenieren sich als „die jüdische Stimme“ in linken Bewegungen, obwohl sie zahlenmäßig eine marginale Minderheit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft darstellen.
Ihr Engagement gegen Antisemitismus richtet sich nahezu ausschließlich gegen rechte oder christliche Formen des Judenhasses – gegen den israelbezogenen Antisemitismus in linken Kreisen oder aus dem islamistischen Spektrum stellen sie sich nicht nur nicht, sondern relativieren oder verteidigen ihn teilweise.
So etwa beim Hamas-Verbot in der Schweiz: Doykait kritisierte es öffentlich als Ausdruck „islamfeindlicher und kolonialer Propaganda“. Dass Palästinensische Menschen in Gaza selbst gegen die Hamas protestieren, weil sie unter deren Gewalt leiden, spielt in dieser Weltsicht offenbar keine Rolle. Wem gilt also ihre Solidarität – den Unterdrückten oder den Ideologien?
Wenn eigene Erfahrungen verallgemeinert werden
Doykait schreibt, sie hätten persönlich keinen antijüdischen Rassismus auf der Demo erlebt. Das ist ihre Erfahrung, die niemand bestreitet. Doch sie ist nicht verallgemeinerbar.
Wer als antizionistisches Kollektiv, mit genau der politischen Haltung, die im linken Mainstream akzeptiert ist, auftritt, hat eine ganz andere Ausgangslage als andere jüdische Menscheb.
Jene, die einen Davidstern tragen – ohne politische Botschaft, einfach als Ausdruck ihrer religiösen, kulturellen oder familiären Identität –, erleben in diesen Räumen sehr wohl Ablehnung, Misstrauen oder offene Feindseligkeit.
Die eigene privilegierte Nische als allgemeine Normalität darzustellen, ist nicht nur irreführend, sondern unsolidarisch gegenüber denen, die anderen Erfahrungen ausgesetzt sind.
Wenn einzelne Stimmen vereinnahmt werden
Es ist ein bekanntes Muster: Kleine Gruppen wie Doykait dienen in linken Bewegungen oft als Feigenblatt. Ihre Existenz soll belegen, dass eine Bewegung „nicht antisemitisch“ sein könne, weil ja Juden Teil davon sind.
So wird die berechtigte Kritik an Antisemitismus delegitimiert: „Wenn diese Jüdinnen kein Problem sehen, dann gibt es keines.“ Die Stimmen der großen Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft, die Zionismus als Teil ihrer Identität begreift – in sehr unterschiedlichen Ausprägungen – werden ignoriert oder gleich als „rechte Zionisten“ diffamiert.
Die paradoxe Folge: Eine winzige Minderheit definiert für linke Räume, wer als „guter“ Jude gilt. Alle anderen werden als politische Gegner behandelt.
Was bleibt, ist ein verzerrtes Bild von jüdischer Vielfalt.
Wenn Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft wird
Der Kern des Problems ist genau das: Die jüdische Identität wird nur dann akzeptiert, wenn sie sich einer bestimmten politischen Haltung unterordnet.
Wer sich vom Zionismus lossagt, ist willkommen.
Wer sich nicht lossagt, oder Zionismus als Teil der jüdischen Geschichte und Identität versteht, wird ausgeschlossen – unabhängig davon, was Zionismus für diese Person bedeutet.
Dabei ist Zionismus kein monolithisches Konzept. Für viele Juden und Jüdinnen weltweit bedeutet er schlicht das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung – nicht mehr und nicht weniger. Dieses Recht kann unterschiedlich interpretiert, kritisch hinterfragt, ja auch mit israelischer Politik nicht gleichgesetzt werden.
Aber es bleibt Teil der jüdischen Geschichte und Erfahrung.
Wer verlangt, dass jüdische Menschen diesen Teil ihrer Identität ablegen, um in linken Bewegungen akzeptiert zu werden, fordert Assimilation unter Zwang. Genau dagegen wehrt sich emanzipatorische Politik sonst mit gutem Recht.
Es ist bemerkenswert: Keine andere Minderheit muss sich in solchen Kontexten politisch entblößen. Niemand verlangt von iranischen, kurdischen oder chinesischen Aktivisten, sich von ihrem Herkunftsland zu distanzieren, um auf einer Demo akzeptiert zu werden.
Nur jüdische Menschen müssen eine Gesinnungsprüfung ablegen.
Fazit: Kein emanzipatorischer Feminismus
Feminismus, der Freiheit an politische Bedingungen knüpft, ist kein emanzipatorischer Feminismus.
Er wird zum exklusiven Club, der Zugehörigkeit nach politischen Kriterien vergibt. Und genau das widerspricht der Idee einer inklusiven, menschenrechtsbasierten Bewegung.
Es gibt in der jüdischen Gemeinschaft eine Vielfalt an Stimmen: zionistisch, nicht-zionistisch, religiös, säkular, links, konservativ, feministisch, queer. Keine dieser Stimmen allein ist „die jüdische Stimme“.
Aber es ist falsch und gefährlich, einen Teil dieser Stimmen aus feministischen oder anderen linken Räumen auszuschließen – nur weil sie an einer anderen Stelle der politischen Landkarte stehen.
Wer Befreiung fordert, muss sie auch anderen zugestehen.
Auch dann, wenn sie anders denken.
Anhang: Antisemitismus ist kein „antijüdischer Rassismus“
In der linken Szene wird oft von „antijüdischem Rassismus“ gesprochen. Damit soll ausgedrückt werden, dass Judenhass eine Form von Rassismus sei – analog zu anderen Diskriminierungsformen. Doch das greift zu kurz.
Antisemitismus ist mehr als Hass auf Menschen, weil sie Juden sind.
Er funktioniert oft auch dort, wo gar keine Juden anwesend sind.
Antisemitismus ist ein Weltbild: Er projiziert auf „die Juden“ (real oder eingebildet) eine übermächtige, geheime, manipulative Kraft – verantwortlich für Krieg, Kapitalismus, Kommunismus, Pandemie, Finanzkrisen oder Medienmacht.
Juden werden dabei nicht als minderwertig, sondern als gefährlich, allmächtig, bedrohlich konstruiert.
Antisemitismus ist keine bloße Feindlichkeit gegen eine ethnische Gruppe. Er ist ein Verschwörungsmythos, der immer wieder angepasst wird – ob von christlichen, rechten, linken oder islamistischen Kreisen.
Darum reicht es nicht, Antisemitismus als „Rassismus gegen Juden“ zu verharmlosen. Und darum ist Antizionismus, wenn er Israel als „Weltübel“ dämonisiert, oft eine neue Form dieses alten Musters.
Antisemitismus braucht keine jüdischen Menschen vor Ort, um wirksam zu sein. Es reicht, dass es „die Juden“ als Projektionsfläche gibt.