Ich bin nicht teilbar

„Kill all Jews“ steht in Berlin an Hauswänden.

Ich hätte nicht gedacht, solche Sätze einmal öffentlich zu sehen.

Ich schreibe diesen Text als Jüdin, als Native American und als queere Person – und aus der Erfahrung heraus, dass ich in verschiedenen politischen Räumen immer wieder nur teilweise gemeint bin.

Und dass ich nicht bereit bin, mich in Teile zerlegen zu lassen.

I. Was wieder sagbar wird

In Berlin stehen Sätze an Hauswänden, von denen ich dachte, sie würden so nicht mehr öffentlich gesagt.
„Kill all Jews.“
„Nur ein toter Jude ist ein guter Jude.“

Groß. Sichtbar. Nicht geflüstert, nicht codiert, nicht hinter vorgehaltener Hand.
Sondern mitten im öffentlichen Raum.

Ich habe die Fotos gesehen. In Nachrichten, in sozialen Medien, geschickt von Freund:innen. Und ich frage mich: Wie fühlt sich das an, das zu sehen, wenn man jüdisch ist und in dieser Stadt lebt? Fühlt man sich noch sicher? Oder fängt man an zu überlegen, wohin man gehen könnte – wenn man gehen müsste?

Und wohin eigentlich?

Nach Israel? Dorthin sollten Juden ja oft „zurück“, geschichtlich gesehen – doch heute wird ihnen abgesprochen, dort überhaupt hingehören zu dürfen.
In Deutschland bleiben? Offensichtlich auch nicht gewollt.
„Geht doch nach Polen“ – ein Satz, der nie nur Geografie meint.

Wohin also?

Lange Zeit war Antisemitismus in der Öffentlichkeit oft verkleidet.
„Ich habe nichts gegen Juden, nur gegen Zionisten.“
Eine Verschiebung, ein Code, eine rhetorische Ausweichbewegung.

Aber was ich jetzt sehe, ist etwas anderes.
Da steht nicht „Zionisten“.
Da steht „Juden“.

Das ist keine Grauzone mehr.
Das ist Vernichtungssprache.
Und sie ist wieder sichtbar.

Die rote Linie – wieder überschritten.
Überrannt.

Und dieser eine Satz – „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“ –
kommt mir schmerzlich bekannt vor.

II. Echo

Der Satz hat eine Geschichte.
Nicht diese konkrete Formulierung, aber die Logik dahinter.
Er ist als „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ in die Geschichte eingegangen.

„The only good Indians I ever saw were dead.“
Ein Ausspruch, der dem US-General Philip Sheridan zugeschrieben wird.

Oder Theodore Roosevelt, der 1886 sagte, er gehe nicht so weit, zu behaupten, nur ein toter „Indianer“ sei ein guter – aber es treffe auf neun von zehn zu.

Sätze, die heute als Inbegriff einer Ideologie stehen, die Gewalt legitimiert hat.
Die aus Menschen ein Problem gemacht hat.
Und aus ihrer Vernichtung eine Lösung.

Wenn ich heute lese: „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“,
dann höre ich dieses Echo.

Und es trifft mich doppelt.

Ich bin nicht nur Jüdin.
Ich bin auch Native American.

Und ich weiß über mein Native-Sein schon sehr viel länger Bescheid als über mein Jüdischsein. Es hat mich durch mein Leben getragen. Es war Wurzel, Halt, Identität.
Das Jüdische kam später – nicht weniger tief, aber später entdeckt.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind gehänselt wurde. Mein damaliger Name reimte sich auf „Indianer“. Ich war in diesen Spielen immer der „böse Indianer“. Der, der am Ende erschossen wird. Weil die Weißen die Guten sind.

Ich habe mich früh gegen anti-indigenen Rassismus gewehrt.
Habe gelernt, ihn zu benennen.
Habe Aktivismus gemacht, auf meine Weise.

Und heute sitze ich in Räumen, die sich gegen Antisemitismus stellen – was wichtig ist, absolut notwendig –
und höre dort „Indianerwitze“.

Ich höre rassistische Bilder.
Ich sehe, wie darüber hinweggegangen wird.

Und ich frage mich: Warum?

Warum ist es möglich, sich so entschieden gegen die eine Form von Entmenschlichung zu stellen – und eine andere gleichzeitig zu tolerieren oder zu relativieren?

Es bleibt ja nicht dabei.

Was ich in solchen Räumen erlebt habe, ist nicht nur Rassismus, der durchgeht.
Es ist auch Queer- und Transfeindlichkeit.

Und sie kommt in vielen Varianten:

Als Berufung auf „biologische Realitäten“.
Als Abgrenzung von „Queers for Palestine“.
Als Ablehnung von „Woke-Kultur“.
Als Schutz „traditioneller Werte“.
Oder als Zustimmung zu LGB-Positionen, die trans* Menschen ausschließen – und nicht-binäre, und intergeschlechtliche.
Und Two-Spirits.

Die Begründungen sind unterschiedlich.
Das Ergebnis ist dasselbe.

Es spielt keine Rolle.
Rassismus nicht.
Queerfeindlichkeit nicht.
Transfeindlichkeit nicht.

Hauptsache, man ist pro-Israel.
Dann wird weggeschaut.

Menschen werden abgewertet.
Identitäten werden infrage gestellt.
Zugehörigkeit wird verhandelt.

Ich bin Two-Spirit.
Ich bin intergeschlechtlich.
Ich bin eine lesbische Frau.
Ich sage oft einfach „queer“, weil ich nicht jedes Mal alles erklären kann – und weil Konzepte wie Two-Spirit hier kaum verstanden werden, noch weniger in ihrer kulturellen Tiefe.

Ich habe meine eigene Geschichte mit Transition und Detransition.
Und auch wenn ich mich selbst nicht als trans bezeichne, stehe ich an der Seite meiner trans* und nicht-binären Geschwister.

Das alles bin ich. Gleichzeitig.

Und in manchen dieser Räume habe ich das Gefühl:
Das passt nicht zusammen.

Da, wo ich in linken, queeren, feministischen Kontexten wegen meines Jüdischseins nicht sicher bin,
merke ich in pro-israelischen Räumen, dass ich andere Teile von mir zurückhalten muss.

Still sein.
Runterschlucken.
„Augen zu und durch.“

Aber ich bin nicht teilbar.

Ich kann nicht einen Teil von mir abspalten, um in einem Raum akzeptiert zu sein, der sich selbst als moralisch klar versteht.

Ich will gegen Antisemitismus kämpfen.
Das bleibt. Das ist nicht verhandelbar.

Aber ich kann das nicht in Räumen tun, in denen ich gleichzeitig lernen soll, andere Formen von Entmenschlichung zu übersehen.

Denn die Logik ist dieselbe.

Sie beginnt immer damit, dass manche Menschen weniger zählen.

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