Ein Abendessen, zwei Predigtstile und die Frage nach dem pastoralen Ton

Warum klingt es in der Kirche so … seltsam?
Diese Frage wurde mir nicht von einem kirchenkritischen Teenager gestellt, sondern von einer klugen, neugierigen jüdischen Freundin beim Abendessen. Wir sprachen über Gott und die Welt – und darüber, wie wir darüber sprechen.
Sie meinte es nicht spöttisch, sondern interessiert. Und ich verstand sofort, was sie meinte: diesen eigenartigen „pastoralen Ton“, der in vielen Gottesdiensten mitschwingt.

Was dabei herauskam, war ein spannendes Gespräch über Unterschiede zwischen jüdischer und christlicher Predigtkultur – und die Entdeckung, dass es manchmal gar nicht um den Inhalt geht, sondern um Haltung, Tonfall und Sprache.

Dieser Text ist mein Versuch, das aufzuschreiben.

Warum klingt das so?

Neulich saß ich mit einer jüdischen Freundin beim Essen. Wir sprachen über alles Mögliche – das Wetter, das Leben, das Judentum, die Kirche – und irgendwann, während wir den Hauptgang hinter uns hatten und uns das Dessert sdhmecken liessen, sagte sie:
„Sag mal – warum klingen christliche Gottesdienste eigentlich so … komisch?“

Ich schaute sie an. „Wie meinst du das – komisch?“

Sie hob die Augenbrauen, schob ihr Glas beiseite und machte dann eine Stimme nach, irgendwo zwischen Kanzel und Klangschale:
„Gnädiger Gott, wir danken dir für deine große Güte …“

Ich musste lachen. Nicht, weil sie übertrieben hätte – im Gegenteil. Sie hatte es getroffen.
„So redet doch kein Mensch“, sagte sie dann. „Nicht beim Bäcker, nicht am Sterbebett und auch nicht beim Kaffee mit der Oma.“

Stimmt.

Dann fragte sie mich: „Hast du eigentlich mal einen Rabbiner predigen hören?“ – Und ich musste überlegen. Ja, hatte ich. Und stimmt: Ja, das klingt anders. Lebendiger, normaler, menschlicher.
„Warum ist das so?“, fragte sie. Und ich hatte keine schnelle Antwort. Aber die Frage hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Zwei Traditionen, zwei Töne

Tatsächlich ist der Unterschied tief verwurzelt – nicht nur im Klang, sondern im ganzen Verständnis von Predigt, Sprache, Gottesbeziehung.
Christliche und jüdische Predigttraditionen unterscheiden sich nicht nur im Inhalt, sondern auch in Ton, Stil, Haltung und Ziel.

Es beginnt schon mit dem Namen. Was in der Kirche „Predigt“ heißt – ein Wort, das irgendwie schon nach einseitigem Sprechen klingt –, heißt in der Synagoge „D’rasha“. Das kommt vom hebräischen „darasch“ – suchen, auslegen, nachspüren.
Die christliche Predigt verkündet. Die jüdische D’rasha fragt.

Die Sprache des Himmels – und die des Lebens

Was meiner Freundin auffiel, ist nicht nur ein Stilproblem. Es ist Ausdruck eines bestimmten Verständnisses von Sakralität: In vielen Kirchen klingt die Sprache „heilig“. Oder besser gesagt: sie versucht es.
Die Predigt ist Teil eines liturgischen Rahmens, der den Alltag übersteigen will. Viele Pfarrer und Pfarrerinnen sprechen deshalb mit einem bestimmten Tonfall, einem pastoralen Singsang.
Der soll wohl Nähe und Würde zugleich vermitteln – klingt aber manchmal einfach nur … pastoral.

Im Judentum dagegen ist Heiligkeit kein Grund zur Distanz. Im Gegenteil.
Ein Rabbiner, der in der Synagoge predigt, spricht oft frei, mit persönlichen Anekdoten, mit Humor, mit einem Augenzwinkern. Nicht selten fragt er die Gemeinde direkt, macht Pausen, lässt Raum.
Da wird diskutiert, gedacht, gelacht, gestaunt. Der Ton ist nicht von oben – sondern von innen.

Vom Verkünden und vom Suchen

Der Unterschied beginnt tief in der Theologie. In der christlichen Tradition ist die Predigt Teil der „Verkündigung“: Die Pfarrerin steht da als Beauftragte – sie sagt Gottes Wort, oder zumindest etwas, das möglichst nah dran ist.
Darum ist der Anspruch hoch. Die Sprache wird sorgfältig gewählt, die Struktur ist klar, der Ton oft feierlich.
Es geht um Deutung. Um Wahrheit. Und am besten auch noch um eine brauchbare Botschaft fürs Leben.
Die Gemeinde hört zu – meistens still.

In der jüdischen Tradition ist die Auslegung des Textes Teil eines nie endenden Gesprächs.
Die Tora wird nicht „verkündet“, sondern gelesen, gedeutet, befragt, beackert. Die D’rasha ist ein Beitrag in diesem Gespräch – nicht das letzte Wort.
Ein Rabbiner erzählt nicht, wie es ist – sondern öffnet Fragen. Und wenn er Antworten gibt, dann meist mehrere. Vielleicht sogar widersprüchliche.

Es geht nicht um Anwendung, sondern um Beziehung: zur Tora, zu Gott, zur Welt.
Der Hörer oder die Hörerin ist nicht Empfänger:in einer fertigen Botschaft, sondern sind Mitdenkende.

Die Sprache der Predigt:

Eine kleine Gegenüberstellung

Kirche (Predigt)Synagoge (D’rasha)
TonFeierlich, würdevollNatürlich, lebendig, oft humorvoll
FormMonolog, klar gegliedertEher Gespräch, oft assoziativ
ZielVerkündigung, Deutung, AppellAuslegung, Einladung zum Nachdenken
GemeindebildZuhörendeGesprächspartner
SprachstilLiturgisch gefärbt, formellAlltagsnah, offen
Theologie„Wort Gottes“ wird vermitteltTora wird gemeinsam befragt

Und was sagt das über Gott?

Vielleicht ist das der tiefste Unterschied:
In vielen christlichen Predigten klingt Gott wie der große Andere, von dem man etwas sagen muss, ohne ihn wirklich fassen zu können. Der Pastor oder die Pfarrerin steht dazwischen – als Übersetzer des Heiligen.
Im Judentum dagegen wird Gott ins Gespräch geholt.
Nicht erklärt. Nicht geglättet. Sondern befragt, angezweifelt, manchmal sogar angeklagt – liebevoll, aber klar.
Gott ist nicht fern, sondern verwickelt. Und das darf sich in der Sprache spiegeln.

Und ich?

Ich habe seitdem darüber nachgedacht, wie ich selbst spreche. In Gebeten, in Predigten, in liturgischer Sprache.
Manchmal ist da ein feierlicher Ton, der mich selbst irritiert. Und manchmal merke ich, dass die stärksten Worte oft die einfachsten sind: „Ich weiß es nicht.“ – „Was meint ihr?“ – „Ich hoffe es.“ – „Ich bin berührt.“

Die Frage meiner Freundin hat etwas ausgelöst. Keine Kritik, sondern eine liebevolle Irritation.
Und vielleicht ist das genau das, was gute D’rashot – und gute Predigten – gemeinsam haben sollten:
Sie klingen nicht nur in frommen Räumen, sondern im echten Leben nach.

Nachwort:

Vielleicht ist es das, was am meisten berührt:
wenn wir über das Heilige sprechen,
ohne uns zu erhöhen.
Wenn wir fragen, statt zu verkünden.
Zuhören, statt deuten zu müssen.

Vielleicht braucht es gar nicht viel –
nur echte Worte
für das, was uns wirklich bewegt.
Ein Lächeln.
Ein Staunen.
Ein ehrliches „Ich weiß es nicht.“

Und vielleicht ist Gott genau da –
zwischen den Sätzen,
in einem geteilten Blick,
in einer Stimme,
die nicht anders klingen will,
als sie ist.

Mögest du reden dürfen,
wie Menschen reden, wenn es wichtig ist.
Und hören dürfen,
wie Gott spricht – manchmal leise, manchmal lachend,
aber immer: mit dir.

Amen.

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