Gleicher Strand, gleicher Himmel: Lasst doch bitte die Mandelbäume wieder blühen

Was folgt, ist kein analytischer Text. Es ist ein Erzählen aus dem Innersten. Ein Erinnern an Dinge, die sich eingebrannt haben – in Körper, Gedanken, Herz. Es ist ein Gehen durch Zeiten, Orte, Begegnungen, Ängste und Hoffnungen. Was folgt, ist persönlich. Und doch vielleicht nicht nur meins.
Und irgendwann, mittendrin, beginnt das Erzählen, sich in ein anderes Sprechen zu verwandeln: poetischer, sehnsüchtiger, stiller.
Aber es bleibt der gleiche Text. Die gleiche Stimme. Die gleiche Hoffnung.

Manchmal denke ich: Mein Körper erinnert sich an Dinge, die mein Verstand längst nicht mehr ordnen kann. An Gerüche. An Klänge, die keine Sprache haben. An Sonnenlicht auf der Haut – und daran, wie plötzlich alles kippen kann.

Ich habe die Sonne am Strand von Aschkelon auf der Haut gespürt. Dieselbe Sonne scheint über Gaza. Dieselbe salzige Brise, derselbe Sand, derselbe Horizont. Ich habe dort gesessen, die Füße eingegraben, den Himmel betrachtet, der weit und wolkenlos war. Ein paar Kinder haben gelacht. Und irgendwann habe ich begriffen: Auf der anderen Seite – nur ein paar Kilometer entfernt – leben Menschen unter der gleichen Sonne, barfuß im gleichen Sand. Aber mit Mauern dazwischen und Einschlägen in der Nähe.

Und dann fiel die Qassam über Zikkim Beach – einen Iron Dome gab es noch nicht.

Damals wusste ich noch nicht, wie tief sich das alles in mich eingraben würde. Ich dachte, ich könnte das trennen: das Erleben von der Geschichte. Das Ich von der Politik. Aber das geht nicht.

Ich stand an einer Bushaltestelle. Ich war gerade wenige Meter weitergegangen, als die Explosion kam. Kein Warnsignal. Kein Countdown. Einfach ein Knall. Ein abgestellter Rucksack, der plötzlich zur tödlichen Waffe wurde. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, aber ich erinnere mich an das Geräusch – oder besser gesagt, an die Abwesenheit von Geräusch. Taubheit. Und ein hohes, durchdringendes Fiepen, das sich langsam in einen Druck verwandelte, als würden meine Ohren sich weigern, die Welt wieder hereinzulassen.

Dann der Rauch. Und der Geruch. Es ist der Geruch, der bleibt. Metallisch. Nach Blut. Nach etwas Verbranntem, das kein Holz ist. Der Asphalt war dunkelrot, ein stiller Spiegel, der sich seinen Weg suchte. Menschen schrieen. Aber ich hörte es nicht richtig. Nur durch diese Wand aus Watte. Ich weiß bis heute nicht, wie viele Menschen an dem Tag gestorben sind. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man begreift: Ich hätte es sein können.

Ein anderes Mal war ich in einem Haus mit einem Safe Room. Es gab Maschinengewehre. Ich sah sie, wie andere Leute Steckdosen sehen. Nicht als Waffen, sondern als Teil des Hauses. Teil des Alltags. Unsere Wohnung hatte auch so einen geschützten Raum. Ich hörte das Dröhnen, das Zittern, eines Tages, und die Gedanken: Was ist das, und wird es jetzt treffen? Und Maschinengewehrfeuer aus verschiedenen Richtungen. Wie lange, weiss ich nicht mehr.

Ich weiß nicht, wie viele Menschen wissen, wie es ist, zwischen Angst und Ohnmacht zu stehen – und sich zu fragen, was das mit einem macht. Ich wusste es damals nicht. Aber ich habe es gelernt.

Einmal habe ich einen Arzt getroffen. Er war aus Gaza. Wir begegneten uns unter schwierigen Bedingungen. Ich trug einen Davidstern. Und ich sah es in seinen Augen – den Schmerz, den Zorn, die Geschichte, die sich zwischen uns gelegt hatte, bevor wir überhaupt ein Wort gesprochen hatten. Es war keine einfache Begegnung. Aber wir haben gesprochen. Wir haben uns gesehen. Nicht als Feinde. Nicht als Symbole. Sondern als Menschen.

Und dann ist da das Tent of Nations, im Westjordanland. Ein Stück Erde zwischen Olivenbäumen, mit bemalten Steinen, auf denen Hoffnung steht. Ein Ort, an dem palästinensische Christen daran festhalten, dass Gewalt nicht das letzte Wort haben darf. Ein Ort, der Kindern Zukunft geben will, auch wenn rundherum so viel danach schreit, aufzugeben.

Zusammen mit jüdischen Menschen, mit Christen. Mit palästinensischen Christinnen und Christen. Wir saßen im Kreis. Und ich habe zugehört. Den Stimmen, den Geschichten, der Stille dazwischen. Was gesagt wurde, war manchmal schwer zu hören.

Aber es war echt. Und ich habe gespürt: Wenn es irgendwo eine Hoffnung gibt, dann vielleicht genau da – wo Menschen sich nicht abwenden, sondern einander aushalten.

Ich denke oft an diese Momente. Sie kommen nicht chronologisch. Eher wie Wellen. Manchmal schwappt das Meer ruhig an den Strand meiner Erinnerung, und manchmal reißt es mich um.

Und dann war da noch etwas. Zwei Erfahrungen, die mich erschüttert haben, lange vor dem 7. Oktober, aber die sich seither wie dunkle Schatten in mein inneres Erleben eingeschrieben haben.

Die erste war nicht körperlich, aber sie ging tief. Ich war mit einem Mann aus dem Libanon im Gespräch, wir verstanden uns, es war leicht, fast zärtlich. Dann bemerkte er meine hebräischen Tattoos. In seinem Blick änderte sich etwas. Er zog die Augenbrauen zusammen, drehte sich weg, murmelte etwas, das ich erst nicht verstand. Dann spuckte er aus: „Zionisten“ und, „Ihr seid Mörder.“ Und ging – sagte mir, ich solle ihn nie wieder anrufen.

Die zweite Erfahrung war schlimmer. Ein Mann vom Balkan, auch muslimisch, hatte zunächst freundlich gewirkt. Dann wurde es brutal. Körperlich. Entmenschlichend. Gewalt, die sich festschrieb, in angebrochenen Rippen und Blut. Ich habe sie lange in mir eingeschlossen.

Beide Male waren es muslimische Männer. Das ist keine Anklage. Es ist einfach wahr. Der eine nannte mich eine Zionistin – mit so viel Hass in den Augen, wie ich ihn selten erlebt habe. Ich habe die Intifada erlebt. Ich weiß, was das heißt. Und jetzt höre ich dieses Wort wieder. Auf den Straßen. In den Parolen. „Intifada!“ rufen sie – Linke, Muslime, Muslimas, vermummt, mit Kufiyahs, mit Schildern gegen Zionisten. Manchmal wünschen sie uns den Tod. Ich höre es. Ich sehe es. Und ich merke, wie mein Körper reagiert.

Das Misstrauen ist gewachsen. Nicht nur gegen Männer. Auch gegen Frauen mit Kopftuch. Besonders, wenn sie Kufiyah tragen. Besonders, wenn sie rufen. Es ist nicht rational, ich weiß das. Aber es ist da. Und ich will das nicht. Ich will nicht, dass einzelne Erlebnisse mir ganze Gruppen vergiften. Ich will nicht das tun, was ich bei anderen beklage – alle über einen Kamm scheren. Ich weiß, dass Denken in Kollektiven gefährlich ist.

Und doch ist da diese Spannung. Diese Bruchstelle in mir. Etwas in mir ist seither wacher, misstrauischer, manchmal hart. Ich will das nicht. Ich arbeite daran. Jeden Tag. Immer wieder. Denn es gibt auch anderes. Es gibt sie – diese eine Muslima, in Deutschland, weit weg und doch nah. Seit dem 7. Oktober ist sie mir zur Freundin geworden. Mit ihrer Freundlichkeit. Ihrem Zuhören. Ihrem ehrlichen Mitfühlen. Sie erinnert mich daran, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt.

Ich habe gelernt, was es heißt, ohnmächtig zu sein. Was es heißt, sich selbst in einem Konflikt zu verlieren, der größer ist als man selbst. Und doch nicht aufzugeben. Ich habe gelernt, dass Menschlichkeit sich oft dort zeigt, wo Sprache versagt. In einem Blick. In einer ausgestreckten Hand. In einem Moment der Stille zwischen zwei Welten.

Und ich habe auch gelernt, dass Menschen urteilen. Dass sie fragen: „Wie viel bekommst du dafür bezahlt?“ Wenn man wagt, sich nicht einordnen zu lassen. Wenn man versucht, Brücken zu bauen. Wenn man nicht laut genug hasst, für ihre Begriffe.

Aber ich trage die Geschichten in mir. Sie sind nicht politisch. Sie sind nicht analytisch. Sie sind persönlich. Und sie sind wahr.

Denn ich habe die Sonne über Gaza gesehen. Und über Aschkelon. Ich habe den Sand gespürt. Ich habe Explosionen gehört und die Stille danach. Ich habe Menschen verloren, Menschen gefunden. Ich habe geweint, geschwiegen, gezweifelt – und weitergefragt.

Ich weiß, dass ich nicht alles weiß. Aber ich weiß, was ich erlebt habe. Und ich weiß: Wer einmal gelernt hat, Menschen auf beiden Seiten zu sehen, kann nicht mehr aufhören zu fühlen.

Vielleicht ist das meine Stimme. Kein Schrei. Kein Urteil. Sondern ein Erinnern. Ein Weitertragen. Eine zarte, unbequeme Wahrheit: Dass es denselben Himmel gibt, denselben Sand, dieselbe Sehnsucht – und dass wir uns dennoch so tief verletzen.

Aber solange ich atme, will ich erzählen. Nicht, um Recht zu haben. Sondern, um nicht zu vergessen.

Und all das, was ich gesehen, gerochen, gespürt, verloren und bewahrt habe – es lässt sich nicht einfach abschließen. Es bleibt lebendig, jeden Tag.
Aber manchmal sucht es nach einer anderen Sprache. Einer Sprache, die nicht nur erinnert, sondern hofft.
Und so beginnt aus der Erzählung heraus ein leiser Ruf. Ein Gebet vielleicht. Oder einfach ein Wunsch:
Lasst doch bitte die Mandelbäume alle wieder blühen.

Ich habe in den letzten Monaten viele Texte gelesen, viele Reden gehört, viele Posts gesehen. Viele davon wütend. Manche voller Hass. Andere abwehrend, verteidigend, trotzig. Wenige leise. Und sehr, sehr wenige, die mir aus dem Herzen sprechen.

Ich sitze oft zwischen den Stühlen. Oder besser: zwischen den Schmerzen. Es ist schwer auszuhalten. Denn ich spüre die Wunden auf allen Seiten. Und ich will sie nicht gegeneinander aufrechnen, nicht relativieren, nicht verschweigen. Ich will sie sehen. Alle. Und ich will, dass wir als Menschheitsfamilie nicht aufhören, mitzufühlen.

Ja, Palästina war nie ein Staat. Es gab kein Königreich Palästina, das stimmt. Es gab das Osmanische Reich, das britische Mandat, davor Königreiche mit anderen Namen. Aber heute ist dieses Volk da. Egal wie es entstanden ist. Heute sind da Menschen, mit Geschichten, mit Familien, mit Träumen, mit Hoffnung – und mit viel zu viel erlebter Gewalt. Es sind Nachbarn. Nächste. Kinder Abrahams. Nicht nur Isaak, sondern auch Ismael. Vielleicht ist es deswegen so schmerzhaft – weil es Familienwunden sind.

Und diese Wunden reißen nicht nur durch Straßen und Städte, sondern durch Herzen. Auch durch meines. Ich kann nicht auf die Bilder aus Gaza schauen, ohne dass mir das Herz bricht. Diese zerstörten Häuser, die weinenden Kinder, die erschöpften Mütter, die stillen Männer. Diese Menschen, die hungern, die ausharren, die ihre Stimme erheben gegen Gewalt – gegen die Hamas. Auch sie leben unter Terror. Auch sie haben Sicherheit verdient. Würde. Leben. Hoffnung.

Gleichzeitig denke ich an Israel. An den 7. Oktober. An all das Entsetzliche, das seither geschehen ist. An die Geiseln. An die Familien, die nicht mehr schlafen. An die Kinder, die keine Träume mehr haben. An die Angst, die in den Alltag eingezogen ist wie eine neue, kalte Wandfarbe. Ich denke an die jüdischen Gemeinden weltweit, die sich nicht mehr sicher fühlen. An die Risse in Herzen und Leben, die nicht zu heilen scheinen.

Und dann höre ich manche Stimmen auf der Straße, die schreien: „Intifada, Intifada!“. Und ich verstehe nicht, wie man ernsthaft glauben kann, dass dieser Ruf etwas heilt. Ich höre, wie jene zum Schweigen gebracht werden, die sich differenziert äußern – wie Ahmed Fouad Alkhatib oder viel mehr gehört werden sollen wie Hamza Howidy: palästinensische Stimmen, die sich gegen Hass und Gewalt stellen, gegen Antisemitismus, gegen Fanatismus. Stimmen, die für Menschlichkeit eintreten. Für die Freilassung der Geiseln. Für einen ehrlichen Frieden. Und ich frage mich, warum ausgerechnet diese Stimmen angegriffen werden. Warum ihnen unterstellt wird, sie seien gekauft, manipuliert, „nicht echt“. Dabei braucht die Welt gerade jetzt diese Menschen. Mutige, kluge, warmherzige Menschen, die sich nicht vom Schmerz in den Hass treiben lassen. Die an etwas Größeres glauben als an Rache.

Ich habe mir so gewünscht, dass die Pro-Palästina-Bewegung dieses größere Bild zeigen würde: ein Einsatz für alle Menschen. Gegen jede Gewalt. Für die Würde derer, die zu lange übersehen wurden. Aber so viele Demonstrationen wurden für mich zum Gegenteil. Intifada-Rufe, Vernichtungsparolen, Hass auf Juden – nicht auf „zionistische Politik“, sondern auf Menschen. Wo sind die Stimmen, die trösten, die heilen wollen?

Ich habe Angst, dass wir in einer Zeit leben, in der es leichter ist zu hassen als zu hoffen. Leichter, sich klar zu positionieren, als das Unklare auszuhalten. Leichter, zu schreien, als zu weinen. Leichter, sich abzuwenden, als sich der Zerrissenheit zu stellen.

Aber ich will mich nicht abwenden. Ich will das Leid sehen – auf allen Seiten. Ich will versuchen, mitzufühlen, auch wenn es weh tut. Ich will auf die Menschen hören, die nicht lauter, sondern tiefer sprechen.

Es gibt keine einfachen Lösungen. Das weiß ich. Ich bin keine Expertin. Ich bin einfach ein Mensch mit einem schmerzenden Herzen und einer Sehnsucht nach Heilung. Ich weiß, viele halten mich für naiv. Aber wenn Naivität bedeutet, noch an Menschlichkeit zu glauben – dann will ich naiv bleiben.

Ich wünsche mir, dass Mandelbäume wieder blühen. In Gaza. In Sderot. In Jerusalem. In Tel Aviv. In Nablus. In Haifa. In Rafah. Und auch in unseren Herzen.

Bitte, lasst doch die Mandelbäume wieder blühen.

Lasst doch bitte die Mandelbäume alle wieder blühen

Lasst doch bitte die Mandelbäume alle wieder blühen.
Lasst uns nicht den Blick verlieren für die Schönheit, die war, die ist, die sein kann.

Lasst uns nicht verbittern. Nicht abstumpfen.
Nicht aufhören zu fühlen.

Lasst uns nicht aufteilen in Seiten, die hassen müssen.
Nicht festschreiben, wer gut ist und wer böse.
Nicht zählen, wessen Schmerz gültiger ist.
Nicht aufrechnen, wessen Tränen mehr wiegen.

Lasst uns nicht verlernen, wie es sich anfühlt, wenn eine Stimme zittert.
Wenn ein Kind schreit.
Wenn ein Mensch seine Mutter verliert.
Wenn ein Zuhause in Trümmer fällt.
Wenn Angst den Körper lähmt.

Lasst uns nicht vergessen, dass es einmal Mandelblüten gab.
Und dass es sie wieder geben kann.

Lasst uns erzählen, was war.
Und doch offen bleiben für das, was möglich ist.
Lasst uns zornig sein – ja. Und traurig. Und müde.
Aber lasst uns nicht aufgeben.

Nicht die Hoffnung.
Nicht den Schmerz des anderen.
Nicht den Glauben an ein Morgen, das nicht wie das Gestern sein muss.

Lasst doch bitte die Mandelbäume alle wieder blühen.
Für Aschkelon. Für Gaza.
Für alle, die die Sonne vermissen.

Amen.

Ein Gedanke zu “Gleicher Strand, gleicher Himmel: Lasst doch bitte die Mandelbäume wieder blühen

  1. Ich finde das einen sehr eindrucksvollen und berührenden Text. Wenn mehr Menschen so denken würden, wäre vielleicht doch eine Heilung in der Region möglich. Vor allem müssten mehr Frauen das Sagen haben. Sie würden nicht nur Gewalt anwenden. Katrin Hub

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