Zwischen Wut, Trauer und Privilegien: Mein Aufruhr über Charlie Kirk und die Reaktionen darauf

Ich kann kaum schlafen. Nächte wie diese sind schwer. Mein Kopf läuft auf Hochtouren, Gedanken drehen sich, Wut und Trauer wechseln sich ab, Müdigkeit und Anspannung lassen kaum Ruhe. Immer wieder dieser Gedanke: Wie kann man so blind, so privilegiert, so völlig außer Reichweite der Realität sein?

Ich bin Schwarz. Native American. Queer. Jüdisch. Je nach Umfeld werden besonders die ersten drei Aspekte meiner Identität getreten, herabgewürdigt oder unsichtbar gemacht. Ich habe mich früher immer wieder unwohl gefühlt, wenn bestimmte Dynamiken auftauchten – Kommentare, Diskussionen, subtile Abwertungen. Aber nach zwei Tagen nonstop Kirk-Lobhudelei, nach unzähligen Posts und Kommentaren, in denen alles Problematische ausgeblendet wird, ist bei mir alles übergelaufen.

Es geht nicht um Charlie Kirk als Person. Es geht um die Dynamiken, die hinter der Verehrung stehen: privilegierte Menschen, die menschenverachtende Aussagen als „Wahrheiten“ verkaufen, und ganze Communities, die dies abnicken, verharmlosen oder feiern. Es geht mir nicht um weiße Menschen oder Männer per se – es gibt viele, die ich sehr schätze und von denen ich viel lernen kann. Es geht um bestimmte Einstellungen: Privilegienblindheit, das Absprechen von Erfahrungen marginalisierter Menschen und die Verherrlichung von menschenverachtenden Aussagen. In den letzten Tagen ist mir genau das wieder besonders deutlich begegnet – und ja, auffällig oft bei weißen Männern, deren Haltungen hier eine zentrale Rolle spielten.

Gestern hat ein Kommentar eines weißen Mannes das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Er schrieb, man müsse die Gedankengänge von Charlie Kirk verstehen, um Feindesliebe zu üben. Sonst sei man „nicht besser als Hetzer:innen“. Ich habe kurz gezuckt vor Wut, dann geschrieben:

„Diese Aussage kann man sich als weißer Mann gut leisten. Muss eine Schwarze Person aus ‚Feindesliebe‘ verstehen, warum er Bürgerrechte für Schwarze als einen Fehler bezeichnete, von schwarzen Frauen sagte, sie hätten weniger Intelligenz?“

Darauf seine Antwort: Kirks menschenverachtende Aussagen seien „einfach Wahrheiten“. Statistiken könnten das belegen. Es sei besser, „auf der Seite der Wahrheit“ zu stehen, als sich von irgendeiner Ideologie bevormunden zu lassen.

Ich sitze da und kotze innerlich. Privilegierte, meist weiße Menschen erwarten, dass wir alles verstehen, alles nachvollziehen, alles verzeihen. Selbst wenn es Aussagen sind, die unser Leben, unsere Identität, unsere Existenz herabwürdigen. Sie sehen nicht, dass Worte Gewalt sind, dass Feindesliebe ohne Kontext hohl ist, dass moralische Perfektion ohne Machtkritik nur ein Feigenblatt ist. Sie erwarten, dass wir schweigen, nachgeben, ihnen die Ruhe ihres Gewissens lassen.

Manche Kommentare von Christen sind besonders schwer zu ertragen. Immer wieder predigen sie „Feindesliebe“, „die andere Wange hinhalten“, als sei das Maß aller Dinge. Ohne Kontext, ohne Machtverhältnisse, ohne zu sehen, wie sehr diese Haltung Betroffene verletzt. Hauptsache, „Jesus“ fällt – dann gilt alles als moralisch korrekt, egal wie viel Gewalt, Unterdrückung oder Diskriminierung ignoriert wird.

Aber es ist nicht nur die Kirche. Auch einige jüdische Kreise reproduzieren dieses Muster. Influencer:innen, die ich eigentlich als Teil meiner Community sehe, feiern die richtigen Worte, die richtigen Allianzen – und verteilen gleichzeitig Häme, Witze und Hass über queere, sichtbare Politiker:innen. Trans-Witze, Spott über Aussehen, Unterstellung mangelnder Qualifikation – alles egal, solange jemand wie Kirk das richtige Vokabular benutzt.

Und ich soll das unterstützen? Es wird mir alles zu viel. Ich werde wütend, ich werde traurig, ich werde still darüber, wie Menschen die Realität so verdrehen, dass nur ihre Perspektive zählt. Meine Erfahrung, mein Schmerz, meine Identität – Schwarz, jüdisch, Native, queer – all das wird unsichtbar gemacht.

Gestern hat derselbe Mann noch einen Kommentar nachgeschoben, der alles zusammenfasst, was toxische Selbstgerechtigkeit, Gaslighting und Täter-Opfer-Umkehr ausmacht:

Er behauptet, dass marginalisierte Stimmen die Mehrheiten „übertönen“ und dass es „undemokratisch“ sei, wenn ihre Perspektiven sichtbar werden. Gleichzeitig streitet er ab, dass er Privilegien hat, stellt sich als moralische Instanz dar und deutet Rassismus und Sexismus als angebliche Agenda der Marginalisierten um. Ich sitze da und sehe: Ich werde als Lügnerin dargestellt, weil ich meine Realität beschreibe, meine Verletzung benenne, meine Perspektive verteidige.

Meine Antwort war klar:

„Ich ziehe also damit das Fazit aus unserem Austausch bzw. deinen Aussagen:
a) Du übergehst komplett mein Erleben.
b) Ich bin rassistisch und sexistisch, nicht diejenigen, die insinuieren, dass Schwarze weniger intelligent sind.
c) Ich bin eine Lügnerin.
Ich wünsche Dir noch einen guten Tag.“

Das ist nicht Zorn um seiner selbst willen. Das ist Selbstbehauptung, die Verteidigung meiner Realität, meiner Identität, meiner Stimme. Ich lasse nicht zu, dass meine Existenz geleugnet, meine Erfahrung verdreht und meine Perspektive zum moralischen Vergehen stilisiert wird.

Ich weiß, dass wir, Jüdinnen und Juden, Verbündete brauchen. Gerade heute. Gerade jetzt. Israel braucht Menschen, die sich klar positionieren. Aber zu welchem Preis? Wo ist die Moral? Wo bleiben die Mahnungen der Propheten, die uns lehren, Ungerechtigkeit zu benennen und nicht wegzuschauen? Muss das alles einfach aufs Eis gelegt werden, solange Allianzen praktischerweise stimmen?

Ich wähne mich nicht auf der guten Seite. Ich bin weder perfekt noch besser als irgendjemand. Ich habe Schwächen, Fehler, Eigenheiten. Die einzige „gute Seite“, die es gibt, ist G“tt. Aber ich benenne, wo Macht, Privilegien und moralische Blindheit andere verletzen – und ich schreibe auf, was es bedeutet, wenn marginalisierte Stimmen ignoriert oder herabgewürdigt werden, während privilegierte Menschen die Lorbeeren der Moral kassieren.

Ich will solidarisch sein. Ich will kämpfen gegen Diskriminierung, gegen Hass, gegen Ungerechtigkeit. Aber ich muss auch an mich denken, an mein Wohlergehen, an meine mentale Gesundheit – denn niemand sonst wird es für mich tun.

Ich schreibe das auf. Ich benenne es. Ich schweige nicht.

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