Autismus und Essen – über Sensorik, Safe Foods und Interozeption

Manche Lebensmittel fühlen sich an wie kleine Herausforderungen, manche Gerüche wie kleine Stolperfallen – und Safe Foods sind wie Rettungsinseln im Alltag. In diesem Beitrag erzähle ich, wie Essen, Interozeption und sensorische Wahrnehmung meinen Alltag als Autistin prägen und warum Standarddiagnosen darüber kaum sprechen.

Einleitung

Essen ist etwas, das wir alle tun – jeden Tag, oft ohne groß darüber nachzudenken. Für viele Menschen ist es Genuss, Alltag, soziale Erfahrung. Für Autistinnen und Autisten kann Essen jedoch ein komplexes Terrain sein, das weit über „wählerisch sein“ hinausgeht. Ich selbst habe lange gedacht, ich sei kein schwieriger Esser. Heute weiß ich: Ich habe mich viele Jahre gezwungen, fast alles zu essen, was andere essen, und dabei viel Energie in das Maskieren gesteckt.

Gerade heute Morgen wurde mir wieder bewusst, wie präsent diese Themen im Alltag sind: In meiner neuen Stelle als Pfarrerin wurde mir erzählt, dass es Seniorentreffen geben wird, bei denen gemeinsam gegessen wird, oder Kirchenfeiern mit Mittagstisch und Pastetli. Und sofort überkommt mich das Gefühl von „Urghhh“ – nicht, weil ich die Menschen oder das Treffen scheue, sondern weil ich mich frage: Was wird es zu essen geben? Wahrscheinlich oft Schweinefleisch, nicht koscher, Pasteten mit Gelatine, unangenehme Texturen – und dann stehe ich da, diejenige, die vielleicht nichts isst, und will trotzdem nicht unhöflich sein. Es ist nicht die Begegnung an sich, die schwierig ist, sondern das Zusammenspiel von sensorischen Herausforderungen, Essenspräferenzen, Ernährungsprinzipien und gesellschaftlicher Erwartung. Solche Alltagssituationen sind genau die Momente, die für Autistinnen und Autisten oft anstrengender sind, als sie von außen wirken.

Sensorische Dimensionen

Texturen, Gerüche und Geschmäcker können bei Autistinnen und Autisten besonders intensiv oder belastend sein. Ich reagiere stark auf bestimmte Lebensmittel: Banane wegen des intensiven Geschmacks, Auberginen wegen der Textur, Wackelpudding überhaupt nicht. Auch Gerüche spielen eine große Rolle: Manchmal reicht schon der Duft, den jemand beim Essen verströmt, um mir Übelkeit zu bereiten.

In meiner Parfümausbildung wurde ich auf meine olfaktorische Sensibilität besonders aufmerksam: Dort mussten wir täglich mehrere Parfüms erkennen, erraten, analysieren – bis zu 20, 30 oder sogar 40 Düfte am Stück. Viele hätten nach wenigen Düften keine Nase mehr für den Rest des Trainings gehabt. Ich konnte weitermachen, weil ich die Sensorik als Stärke nutzen konnte. Und trotzdem hieß es in der Diagnostik, dass ich als Autistin nicht in der Lage wäre, in der Parfümrie zu arbeiten, obwohl ich es konnte. Genau das zeigt: Alltag, sensorische Stärken und Strategien werden in Diagnosen kaum berücksichtigt.

Safe Foods & Routinen

Safe Foods sind Lebensmittel, die Sicherheit, Stabilität und Komfort geben. Besonders in stressigen Situationen oder wenn psychische Belastung hoch ist, helfen sie mir, mich zu beruhigen. Dabei geht es nicht nur um die Mahlzeit selbst, sondern oft auch um die Marke, den Ort oder den Bäcker. Ein Beispiel: Gebackene Laubenbrezeln – nur von einem bestimmten Bäcker funktionieren für mich wirklich. Oder Tomatentütensuppe: nur eine ganz bestimmte Sorte. Wenn das gewünschte Lebensmittel nicht verfügbar ist, kann ich oft gar nichts essen – nicht aus Trotz oder Wählerischsein, sondern weil Ersatz einfach nicht funktioniert.

Die Safe-Food-Präferenzen ziehen sich wie ein roter Faden durch viele Alltagssituationen: Ich esse gerne immer wieder dasselbe, wenn die Qualität stimmt, Textur und Geruch passen. Es ist nicht Faulheit oder Eigenwilligkeit – es ist ein Mechanismus, der Stabilität und Sicherheit vermittelt. Parallelen gibt es auch bei Parfüms: Bestimmte Düfte beruhigen, andere nicht, und oft muss es genau „das eine“ sein.

Interozeption & Alltagswahrnehmung

Ein zentraler, oft übersehener Aspekt ist die Interozeption – die Wahrnehmung körperlicher Signale wie Hunger, Sättigung, Durst oder Temperatur. Bei mir wirken diese Signale verzögert, schwach oder verzerrt:

  • Hunger und Sättigung: Manchmal esse ich stundenlang, ohne Sättigung zu spüren – und plötzlich ist sie da, mit dem Gefühl, zu platzen.
  • Trinken: Ich kann den ganzen Tag vergessen zu trinken, bis mein Körper deutliche Signale sendet.
  • Temperatur: Leichtes Frieren fühlt sich wie starke Kälte an, Hitze wird anders wahrgenommen als bei anderen Menschen.

Diese Unterschiede sind kein Problem, solange ich in vertrauter Umgebung bin – zu Hause, mit vertrauten Menschen oder meiner Katze. Sie beeinflussen jedoch die Lebensqualität, mentale Stabilität und gesundheitliche Sicherheit enorm. Es ist ein Aspekt des Alltags, der oft in Diagnosen oder öffentlichen Diskussionen übersehen wird, obwohl er stark prägend ist.

Gesundheitliche Aspekte

Zu den sensorischen und interozeptiven Faktoren kommen Nahrungsunverträglichkeiten hinzu: Laktose, vermutete Fruktose, Weizenprobleme und dazu der Wunsch, koscher zu essen. Die Kombination all dieser Faktoren macht Essen manchmal so schwierig, dass ich es am liebsten zu Hause oder an sicheren Orten konsumiere, wo ich weiß, dass ich etwas verträgliches und angenehmes bekomme.

Solche Herausforderungen beeinflussen nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch das psychische Wohlbefinden: Stress durch Essensentscheidungen, Angst vor unangenehmen Situationen oder das Abwägen zwischen Anpassung und Authentizität kosten Energie. Wer diese Aspekte ignoriert, verkennt, wie stark Alltag, Gesundheit und Lebensqualität miteinander verbunden sind.

Diagnostik & gesellschaftliche Missverständnisse

Meine Erfahrungen in der Diagnostik zeigen, wie wenig Alltag und Lebensrealität berücksichtigt werden: Mehrtägige Tests zu Gesichtserkennung, Mathematik, Logik und Intelligenz messen, was im Lehrbuch steht, aber kaum, wie Autistinnen und Autisten ihren Alltag wirklich erleben. Meine Fähigkeit, Gerüche zu erkennen und zu differenzieren, wurde trotz intensiver Parfümausbildung nicht als Stärke anerkannt. Stattdessen zählte nur, ob ich „typische“ Tests bestanden habe.

Auch in der Familie und Gesellschaft stoße ich oft auf Unverständnis: „Früher warst du doch nicht so“ – dabei habe ich früher maskiert, alles getan, um mich anzupassen. Mit zunehmendem Alter wird Maskieren anstrengend, und die Realität zeigt sich klarer. Das ständige Abwägen zwischen Anpassung und Authentizität zieht sich wie ein roter Faden durch Alltag, Beruf und soziale Situationen.

Fazit

Essen, Interozeption, Sensorik und sichere Routinen sind kein Luxus oder unnötiger Sonderfall – sie sind zentral für die Lebensqualität, mentale Stabilität und Gesundheit von Autistinnen und Autisten. Diagnostik, Öffentlichkeit und Angehörige sollten dies ernst nehmen, anstatt vorschnell zu urteilen oder es zu ignorieren. Verständnis, Flexibilität und respektvolle Anerkennung individueller Bedürfnisse sind entscheidend.

Und ja, manchmal ist das Leben mit diesen besonderen Sinnen auch ein bisschen wie ein kulinarischer Abenteuerpark: Man weiß nie genau, wann ein scheinbar harmloser Pastetengang zu einem kleinen inneren Drama führen könnte. Die eigene Nase hat manchmal ganz andere Pläne als die allgemeine Tischgemeinschaft, und was für andere „ein Bisschen Gurke“ ist, kann für mich schon fast ein sensorisches Tsunami-Erlebnis sein. Dabei hilft es, das Ganze mit Humor zu sehen: Wer schon einmal versucht hat, bei einem Seniorentreffen koscher, glutenarm, laktosefrei und texturfreundlich zu essen, weiß, dass ein Augenzwinkern und ein stilles „Na gut, dann halt wieder Safe-Food“ Wunder wirken können.

Das Schöne ist: Auch wenn das Essen manchmal kompliziert ist, muss es nicht das Leben erschweren. Mit Safe Foods, vertrauten Orten, kleinen Routinen und der Möglichkeit, sich selbst treu zu bleiben, kann Essen wieder zu einem positiven, stabilisierenden Erlebnis werden – und manchmal sogar zu einem kleinen Glücksmoment. Schließlich sind wir alle Expertinnen und Experten darin, unsere eigenen Geschmäcker und Grenzen zu navigieren, nur dass wir Autistinnen das eben besonders intensiv tun – mit allen Sinnen, allen Gefühlen und ab und zu einem humorvollen Seufzer.

Kurz gesagt: Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme – es ist Alltag, es ist Lebensqualität, es ist manchmal ein kleines Abenteuer. Und ja, ein bisschen Drama, ein bisschen Perfektionismus und ein bisschen Safe-Food gehören dazu – mit einem Augenzwinkern lässt sich das alles ein bisschen leichter nehmen.

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