Zwischen Himmel und Erde

Mein Tagzeitenbuch und die Kunst des Wartens

Seit einigen Tagen steht meine Teetasse wieder allein auf dem Schreibtisch.
Kein Stapel aus Notizzetteln daneben, kein offenes Dokument mit rot markierten Korrekturen.
Nur Stille.

Mein Tagzeitenbuch ist beim Verlag.

Nach Monaten des Schreibens, Nachdenkens, Suchens fühlt sich das merkwürdig leer an –
so, als hätte ich ein Stück meines Alltags abgegeben und wüsste noch nicht,
was mit dieser freien Stelle jetzt geschehen soll.

Das Buch war so lange mein stiller Begleiter:
morgens beim ersten Tee, zwischendurch am Küchentisch, spätabends noch ein Gedanke,
ein Satz, ein Gebet.
Und jetzt ist es losgelassen – unterwegs in andere Hände.

Es ist, als hätte ich etwas von meinem Innersten verschickt,
verpackt in Papier und Stille.

Warum dieses Buch?

Ich habe es geschrieben, weil ich selbst immer wieder nach Worten suche, die tragen.
Nach Gebeten, die ehrlich sind – nicht geschliffen.
Nach einer Sprache, die das Heilige im Alltäglichen erkennt.

Tag für Tag sehnen sich Menschen nach Momenten der Ruhe,
nach Wegen zu Gott,
nach einem Rhythmus, der Halt gibt.

Mein Tagzeitenbuch will genau das sein:
eine Einladung, den Tag im Rhythmus der Tagzeitengebete zu gestalten –
am Morgen, zur Mitte des Tages, am Abend und in der Nacht.

Die Texte verbinden biblische Worte, poetische Gebete und offene Formen des Betens.
Sie schöpfen aus der jüdisch-christlichen Tradition,
öffnen aber zugleich Raum für das Eigene, das Persönliche, das Uneindeutige.

„Nahe ist der Ewige allen, die ihn suchen.“ (Psalm 145,18)

Dieser Satz ist der Herzschlag des Buches.
Er erinnert mich daran, dass Gebet kein Monolog ist.
Es ist Beziehung. Antwort. Bewegung zwischen Himmel und Erde.

Der Weg des Schreibens

Das Schreiben war weniger ein geplanter Prozess als ein Wachsen –
fast wie ein Gebet selbst.
Jeder Tag brachte neue Texte, neue Fragen, manchmal auch Schweigen.

Ich habe geschrieben, wenn Worte kamen,
und pausiert, wenn keine da waren.

Am Morgen, wenn das erste Licht durchs Fenster fiel,
entstanden Gebete für den Aufbruch.
Mittags schrieb ich mitten im Lärm,
am Abend über das Loslassen,
in der Nacht über das Vertrauen,
dass Gott auch dann da ist, wenn alles still geworden ist.

Gebet ist Bewegung – leise, unsichtbar, doch tief.
Eine stille Bewegung der Seele zu dir hin, Gott, Quelle des Lebens.

Manchmal war es schwer, Worte zu finden,
die beides halten: Ehrlichkeit und Hoffnung.
Ich wollte kein Buch, das vorgibt, alle Antworten zu haben.
Sondern eines, das Raum lässt für Fragen –
für das Leben, das unvollkommen ist und gerade darin heilig.

Beim Schreiben habe ich oft an Hagar gedacht.
An diese Frau in der Wüste, müde, verlassen,
und dann dieses Staunen:

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Genesis 16,13)

Vielleicht ist das der tiefste Wunsch dieses Buches:
dass Menschen sich gesehen wissen –
in ihrer Freude, in ihrer Müdigkeit, in ihrem Suchen.

Die Kunst des Wartens

Jetzt also: Warten.

Ich dachte, nach der Abgabe würde Erleichterung kommen.
Stattdessen kam Stille.
Und eine seltsame Mischung aus Dankbarkeit und Unruhe.

Warten ist schwer.
Es fühlt sich an, als würde man ein Gebet sprechen
und dann ganz still sitzen, um die Antwort nicht zu verpassen.

Ich weiß, dass der Verlag sich Zeit nimmt –
und doch schaue ich manchmal fast automatisch auf den Kalender,
als könnte ich dort sehen, wann das Buch erscheinen wird.

Vielleicht ist dieses Warten selbst schon Teil des Gebets.
Eine Form des Vertrauens.

Ich habe die Worte geschrieben, so gut ich konnte.
Jetzt darf ich sie loslassen.
Und hoffen, dass sie ihren Weg zu Menschen finden,
die sie brauchen.

Ein Buch, das atmet

Dieses Buch ist für mich mehr als eine Sammlung von Texten.
Es ist ein Versuch, dem Leben mit offenen Händen zu begegnen.

Die Gebete sprechen von Sehnsucht und Geborgenheit,
vom Staunen über das Leben,
von Verletzlichkeit und neuer Hoffnung.

Sie sind nicht perfekt. Aber sie sind ehrlich.

Sie laden ein, innezuhalten im Lauf der Zeit,
sich neu auszurichten –
im Vertrauen, im Staunen, im Gebet.

Zu dir hin, Ewiger.

Und vielleicht ist das Schönste am Warten,
dass es uns genau dorthin führt:
in diesen Raum dazwischen,
wo alles offen ist –
und doch schon keimt.

Zwischen Himmel und Erde

Ich trinke meinen Tee, sehe die ersten Blätter vor dem Fenster fallen,
und denke:

Vielleicht ist jedes Buch, das aus Glauben wächst,
ein Gebet, das sich selbst auf den Weg macht.

Mein Tagzeitenbuch ist jetzt unterwegs.

Und ich lerne, das Loslassen nicht als Ende zu sehen,
sondern als Fortsetzung.

Gebet ist Bewegung.
Leben ist Bewegung.
Vertrauen ist Bewegung.

Zwischen Himmel und Erde.

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