Über eine Frage, die freundlich klingt – und doch weh tun kann
Manchmal ist eine einzige Frage genug, um eine unsichtbare Grenze zu ziehen.
„Woher kommst du?“ – oft freundlich gemeint, oft nur aus Neugier gestellt. Und doch kann sie treffen, wenn sie das Einzige ist, was man fragt.
Dieser Text ist kein Vorwurf, sondern ein Teilen. Ein Einblick in das, was mitschwingt, wenn solche Fragen immer wieder gestellt werden – und eine Einladung, einander anders zu sehen.
Es passiert im Kirchencafé. Ich bin zum ersten Mal im Gottesdienst, sitze zwischen Leuten, die sich unterhalten. Ich kenne niemanden. Und dann kommt die Frage, die erste und auch einzige Frage, die man mir stellt:
„Woher kommst du?“
Ich antworte. Und sofort folgt dieses erleichterte „Ahhh, ja, hab ich mir gedacht, bei IHREM AUSSEHEN.“
Danach: nichts. Kein Lachen, kein Austausch, kein Gefühl, dass man sich kennt oder dass es interessiert, wer ich wirklich bin. Einfach: Erleichterung. Schublade zu. Fertig.
Ähnlich beim Seniorentreffen: Ich bin neu, jemand anders hält den Vortrag, und die einzige Interaktion, die man mir widmet, ist diese Frage. Aha. Zufrieden. Weg.
Und doch – immer wieder dieses Muster. Überall. Hundert Male schon.
Wenn die Frage im Gespräch mit Bekannten kommt, im Austausch, eingebettet in ein Gespräch über alles Mögliche, dann stört sie mich nicht. Dann ist sie Teil des Dialogs.
Aber wenn sie die einzige Frage ist, wenn sie aus der Neugierde einer kurzen Beobachtung entsteht, ist sie etwas anderes. Sie ist ein kleines Messer, freundlich, aber scharf. Sie sagt: „Du bist nicht von hier. Du kannst nicht von hier sein. Wir sind von hier, du nicht.“
Oft folgt noch so eine kurze Rechtfertigung: „Ja wissen Sie, ich war viel herumgereist – in Afrika, im Iran, in Amerika …“
Und ich denke nur: Ja, und? Was hat das damit zu tun?
Ich bin aufgewachsen mit einer Geschichte des Othering – ein Begriff, der beschreibt, wie Menschen als „anders“ markiert, ausgegrenzt oder stereotypisiert werden.
Schon als Kind hörte ich Bezeichnungen wie Nigger, Onkel Tom, Rothaut. Spiele wie „lass uns Sklaven spielen“ – alles jahrelang.
Dieses Muster, als anders markiert zu werden, begleitet mich seit meiner Kindheit.
Wenn ich erkläre, dass ich jüdisch, Cherokee, Taíno und Black bin, versteht es kaum jemand.
Oft muss ich zusätzlich „Indianer“ sagen, damit die Leute verstehen, wen ich meine. Ein Wort, das ich hasse, weil es kolonial, falsch und reduzierend ist. Es ist nicht meine Identität, es ist ein Etikett, das andere erfunden haben. Aber ohne es verstehen sie mich nicht.
Ich wünsche mir manchmal, dass es in der Kirche anders wäre.
Dass gerade dort Raum wäre für Begegnung jenseits von Kategorien.
Dass man nicht zuerst sieht, wie jemand aussieht, sondern wer jemand ist.
Natürlich – auch in der Kirche sind alle nur Menschen.
Aber darf man nicht hoffen, dass sie ein bisschen mehr sehen lernen?
Dass sie mit anderen Augen sehen – mit Augen, die über die Oberfläche hinausreichen?
Denn meine Haut ist kein Rätsel, mein Gesicht kein Quiz, meine Geschichte kein Menü zum Auswählen.
Ich trage meine Herkunft nicht im Pass, sondern im Atem, im Gesang, im Gebet.
In der Weise, wie ich Trost spende und Licht halte.
Auch wenn niemand fragt, woher das kommt.
Wir sind alle Menschen – mit unseren Eigenschaften, Herkünften und Eigenheiten, mit unserem ureigensten Charakter.
Ich musste an die Zeilen eines Liedes denken, das ich als Jugendliche oft gehört habe:
So how do you measure the worth of a man
In wealth or strength or size?
In how much he gained or how much he gave?
The answer will come, the answer will come to him who tries
To look at his life through heaven’s eyes.So how can you see what your life is worth
Or where your value lies?
You can never see through the eyes of man,
You must look at your life, look at your life through heaven’s eyes.
Und genau das ist es.
Unsere menschlichen Augen sehen oft nur das Oberflächliche – Kategorien, Schubladen, Einteilungen.
Das kann Hautfarbe sein, Herkunft, sexuelle Orientierung, Beruf oder die Art, wie jemand spricht.
Aber was sind diese Kategorien letztlich wert?
Was zählt, ist, dass wir mit Himmelsaugen sehen – nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst.
Mit Augen der Liebe und der Wertschätzung.
Mit Augen, die nicht fragen: „Woher kommst du?“
sondern: „Wer bist du – und wie darf ich dich erkennen?“
Theologische Reflexion
Vielleicht ist genau das gemeint, wenn in der Bibel steht:
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist,
aber der Ewige sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7)
Gottes Blick geht tiefer.
Er sieht nicht das, was uns trennt, sondern das, was uns verbindet.
Nicht die Kategorien, sondern das Leben, das in uns leuchtet.
Wenn wir lernen, mit einem Hauch dieses göttlichen Blicks zu sehen – mit Augen des Herzens –, dann beginnen wir, einander wirklich zu erkennen.
Dann wird Begegnung zu heiligem Boden.
Dann kann Kirche, kann Gemeinschaft, kann Welt ein Ort werden, an dem niemand zuerst gefragt wird, woher er kommt – sondern wohin wir gemeinsam unterwegs sind.
Gebet
Ewiger,
du siehst anders.
Tiefer.
Sanfter.
Nicht die Haut,
nicht den Namen,
nicht die Herkunft –
du siehst das Herz.
Wir aber
sehen so oft nur das Äußere,
fragen nach Schubladen,
statt nach Seelen.
Sagen: „Woher kommst du?“
und übersehen,
wer vor uns steht.
Lehre uns,
mit deinen Augen zu sehen –
mit Augen,
die lieben,
nicht mustern.
Mit Augen,
die erkennen,
nicht einordnen.
Lehre uns,
das Heilige zu spüren
im Antlitz des Anderen,
im Atem,
im unausgesprochenen Lied.
Wenn Worte zu Messern werden,
heile,
was sie schneiden.
Wenn Herzen sich verschließen,
öffne sie
für den Blick des Himmels.
Damit wir einander begegnen,
nicht als Fremde,
sondern als Menschen
aus demselben Licht.
Amen.
Amen
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