Reformation ist kein Festtag, den man abhakt.
Sie ist ein Aufatmen. Ein Innehalten. Ein Windstoß des Geistes, der Türen öffnet, die wir längst verriegelt glaubten.
Sie fragt: Wo ist Kirche versteinert? Wo bin ich es selbst?
Und sie flüstert: Ecclesia semper reformanda – Kirche, wach auf. Werde neu.
Was wäre, wenn Reformation kein Ereignis von 1517 wäre – sondern ein andauerndes Gespräch?
Zwischen Gott und Mensch. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Zwischen dem Ruf des „Höre, Israel“ und unserer manchmal tauben Kirche.
Vielleicht beginnt Reformation genau dort:
Wo wir wieder hören lernen – auf Gottes Wort, aufeinander, auf die leisen Stimmen derer, die am Rand stehen.
Vielleicht bedeutet sie heute: den Mut zu haben, sich zu bekehren.
Nicht von der Welt, sondern zu ihr – im Licht der Liebe Gottes.
Am ersten Sonntag im November feiern die reformierten Kirchen in der Schweiz den Reformationssonntag. Es ist kein Feiertag mit großem Pomp, sondern eher ein Tag zum Innehalten. Ein Tag, um zu fragen, was „Reformation“ eigentlich bedeutet – jenseits der vertrauten Jahreszahlen, der Bilder von Luther mit Hammer und Thesen oder der heroischen Erzählungen der Kirchengeschichte.
Denn Reformation ist nicht nur Geschichte. Sie ist Haltung.
Sie ist Erinnerung und Auftrag zugleich: Ecclesia reformata, semper reformanda secundum verbum Dei – die reformierte Kirche muss sich immer wieder reformieren, nach dem Wort Gottes.
Dieser Satz wurde im 17. Jahrhundert von Jodocus van Lodenstein geprägt und im 20. Jahrhundert von Karl Barth neu belebt. Er ist kein Denkmal, sondern ein Pulsschlag. Kein Rückblick, sondern eine Verheißung. Reformation geschieht dort, wo Kirche sich vom Geist bewegen lässt, wo sie neu hört, neu lernt, neu glaubt.
Reformation als Haltung – nicht als Datum
Reformation ist kein abgeschlossener Akt von 1517, kein historisches Ereignis, das wir einmal im Jahr gedenken. Reformation ist eine Haltung. Eine Lebensweise. Eine geistliche Praxis des Hörens und Veränderns.
Eine Kirche, die sich „immer wieder reformieren“ muss, bleibt lernfähig, hörend und verletzlich. Sie vertraut darauf, dass Gottes Geist auch heute noch Neues wirkt – manchmal laut und provozierend, manchmal leise und unscheinbar.
Reformation beginnt mit einer Frage:
Wie klingt das Wort Gottes in unserer Zeit?
Welche Stimmen überhören wir vielleicht noch?
Welche Reform ruft heute?
Wenn Kirche lebt, dann nicht durch ihre Strukturen, sondern durch ihre Bereitschaft, sich verwandeln zu lassen. Durch das Vertrauen, dass Gottes Wort nicht abgeschlossen ist, sondern lebendig – ein Wort, das in jeder Generation neu zu uns spricht.
„Ecclesia reformata, semper reformanda secundum verbum Dei“
Der vollständige Satz enthält eine entscheidende Ergänzung: nach dem Wort Gottes.
Das ist der Kompass, der verhindert, dass Reformation zur bloßen Anpassung wird.
Kirche wird nicht dadurch erneuert, dass sie sich dem Zeitgeist fügt, sondern dadurch, dass sie auf das Wort hört, das ihr immer wieder neu zugesprochen wird.
Reformation geschieht nicht, um modern zu sein,
sondern um dem Evangelium treu zu bleiben.
Das Spannungsfeld zwischen Treue und Veränderung ist kein Widerspruch, sondern der Herzschlag reformierter Theologie. Treue ohne Veränderung erstarrt. Veränderung ohne Treue verliert ihre Mitte.
Die Kirche lebt genau in dieser Spannung:
Sie ist dazu berufen, sich zu wandeln – nicht aus Angst, zurückzubleiben,
sondern aus der Sehnsucht, Gottes Wort heute verständlich, glaubwürdig, lebendig werden zu lassen.
Selbstkritik als geistliche Praxis
Karl Barth sah in semper reformanda keine organisatorische Forderung, sondern eine geistliche Bewegung. Für ihn war Reformation nicht Reformpolitik, sondern Buße.
Kirche, so Barth, ist immer Kirche von Sündern. Sie bleibt fehlbar, begrenzt, angewiesen auf Gnade. „Semper reformanda“ heißt: Kirche bekennt, dass sie irren kann – und dass sie immer wieder zurückgerufen wird. Zum Ursprung, zum Evangelium, zu Gott selbst.
Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein. Sie entzieht der Kirche jede Selbstgewissheit, jedes „So haben wir das immer gemacht“. Aber sie befreit auch.
Reformation ist kein Machtinstrument, sondern eine Form von Demut. Sie fragt: Wo sind wir verkrustet? Wo haben wir Gott domestiziert, in Dogmen eingeschlossen oder in Kirchenordnungen erstickt?
Reformation ist tägliche Umkehr – nicht nur institutionell, sondern persönlich.
Auch in meinem Glauben, in meinem Denken, in meinem Handeln.
Wo bin ich zu bequem geworden?
Wo vermeide ich das Hören, weil es unbequem werden könnte?
Reformation beginnt im Herzen. Erst dann in den Strukturen.
Reformation als Bewegung des Geistes
Reformation ist nicht das Werk kluger Köpfe allein. Sie ist Bewegung des Geistes.
In der Bibel weht dieser Geist – ruach – wie ein Wind, ein Atem, ein Hauch, der Leben schafft, wo alles tot scheint.
Wenn Kirche sich reformiert, geschieht das nicht aus sich selbst heraus. Es ist Gottes Geist, der sie anstößt, der sie aus der Starre ruft, der sie bewegt.
Der Geist, der über den Wassern schwebte, ist derselbe, der über der Kirche ruft:
Wach auf! Atme neu! Hör auf das Leben!
Reformation ist kein Verwaltungsakt, sondern Pfingsten immer wieder neu.
Wo der Geist weht, da wächst Neues. Da entstehen neue Sprachen, neue Lieder, neue Formen des Glaubens. Nicht alles davon bleibt, aber manches trägt weit.
Kirche, die sich vom Geist bewegen lässt, riskiert Unsicherheit. Aber sie gewinnt Leben.
Sie lernt, Vertrauen zu haben – nicht in sich selbst, sondern in Gott, der immer wieder Neues schafft.
Reformation heute – prophetische Perspektiven
Wenn wir heute von Reformation sprechen, dürfen wir nicht stehenbleiben bei den theologischen Auseinandersetzungen vergangener Jahrhunderte.
Die Frage ist: Wo ruft der Geist zur Erneuerung heute?
Die Themen sind vielfältig, dringlich, prophetisch:
- Geschlechtergerechtigkeit: Wie leben wir Gleichberechtigung wirklich – in Sprache, Leitung, Liturgie?
- Ökologische Verantwortung: Wie kann die Kirche glaubwürdig vom Schöpfer sprechen, wenn sie die Schöpfung nicht schützt?
- LGBTQIA+ und Vielfalt der Lebensformen: Wie kann Kirche Räume schaffen, in denen alle Menschen ihre Gottebenbildlichkeit leben dürfen, ohne Angst, ohne Anpassungsdruck?
- Inklusion, Neurodiversität, Barrierefreiheit: Wie wird Kirche ein Ort, an dem Unterschiedlichkeit nicht nur geduldet, sondern gefeiert wird? (Ich selbst bin Autistin – und weiß, wie viel Reform hier noch nötig ist.)
- Rassismus und Kolonialgeschichte der Kirche: Wie ehrlich sind wir in der Aufarbeitung? Wo tragen unsere Bilder, unsere Sprache, unsere Theologie noch Spuren von Überheblichkeit?
- Aufarbeitung von Schuld und Gewalt: Reformation heißt auch, Verantwortung zu übernehmen – besonders dort, wo Kirche selbst Wunden geschlagen hat.
- Antisemitismus: Die Reformation brachte viel Gutes, aber auch schmerzhafte Schatten. Luthers späte Schriften sind bis heute eine offene Wunde. Sie erinnern daran, dass Reformation ohne Selbstkritik gefährlich wird.
- Dialog mit dem Judentum: Vielleicht ist gerade er der Prüfstein wahrer Erneuerung – die Bereitschaft, von der älteren Schwester im Glauben zu lernen.
Eine Kirche, die sich reformiert, muss zuerst zuhören:
den Ausgeschlossenen, den Verletzten, den Übersehenen.
Vielleicht beginnt wahre Reformation nicht mit neuen Thesen, sondern mit einem ehrlichen Hören auf das Leid. Mit der Bereitschaft, eigene Macht zu hinterfragen. Mit der Entscheidung, Liebe ernst zu nehmen.
Das Shema, Jesus und Paulus – Rückbindung an den jüdischen Ursprung
Reformation bedeutet auch: Rückkehr zu den Wurzeln.
Wenn Jesus gefragt wird, welches das höchste Gebot sei, antwortet er mit Worten, die jedes Kind im Judentum kennt:
Schema Jisrael, Adonai Elohenu, Adonai echad.
„Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig.“
Und er fügt hinzu:
„Liebe den Nächsten wie dich selbst.“
Diese Antwort ist kein Bruch mit der Tora, sondern ihre Zusammenfassung.
Jesus erneuert nichts, indem er das Alte verwirft – er vertieft es, er lebt es.
Auch Paulus, der oft als Gegner des Gesetzes missverstanden wird, schreibt im Römerbrief:
„Das Gesetz ist heilig, gerecht und gut.“ (Röm 7,12)
Er kämpft nicht gegen die Tora, sondern gegen deren Missbrauch – gegen die Vorstellung, man könne sich Gottes Gnade verdienen.
In der Geschichte der Reformation wurde daraus oft eine scharfe Dichotomie: Gesetz gegen Evangelium, Tora gegen Gnade, Judentum gegen Christentum.
Diese Gegenüberstellung ist nicht biblisch.
Sie hat über Jahrhunderte hinweg dazu beigetragen, das Judentum zu entwerten und antisemitische Haltungen zu nähren – bis in unsere Gegenwart hinein.
Wenn wir heute „semper reformanda“ ernst nehmen, dann heißt das auch:
diese Denkfigur zu reformieren.
Die Reformation selbst braucht Reformation – eine Reformation der Reformation.
Vielleicht ist das die tiefste Umkehr, die uns bevorsteht:
die Rückkehr zu der jüdischen Weisheit, dass Gottes Gebot und Gottes Liebe eins sind.
Dass Tora nicht Zwang, sondern Wegweisung ist.
Dass Gnade nicht im Gegensatz zu Gerechtigkeit steht, sondern sie vollendet.
Reformation ohne diese Rückbindung bleibt unvollständig.
Sie verliert den Klang, der alles trägt: Höre, Israel.
Denn Reformation beginnt – wie der Glaube selbst – mit dem Hören.
Reformation – ein Weg des Lebens
Am Ende bleibt Reformation keine Theorie, keine Strukturfrage, keine akademische Debatte.
Sie ist eine Lebenshaltung.
Reformation beginnt dort, wo wir uns fragen:
Was muss in mir erneuert werden, damit ich Gottes Liebe glaubwürdig bezeuge?
Welche Mauern in mir brauchen Umkehr, nicht Argumente?
Welche Angst hält mich davon ab, mich bewegen zu lassen?
Reformation heißt: Gott gibt uns nie auf.
Er ruft uns – immer wieder – aus der Starre ins Leben.
Und jede Reform, die diesen Ruf hörbar macht, ist ein Stück Auferstehung.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Reformationssonntags:
Dass Gottes Geist die Kirche noch nicht aufgegeben hat.
Dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist.
Dass das Evangelium lebendig bleibt – in jeder Sprache, in jeder Zeit,
in jedem Menschen, der sich von Gott berühren lässt.
Denn Reformation ist nicht etwas, das wir tun.
Es ist etwas, das Gott mit uns tut.
Immer wieder.
Immer neu.
🕊️ Ecclesia semper reformanda –
die Kirche muss sich immer wieder reformieren,
weil Gott selbst nie aufhört, sie zu lieben.
Es ist eine Weile her, dass ich einen so lebendigen, klaren, lehrreichen, aber nicht erdrückenden, dafür weckenden, ja erhellenden, hoffnungsvollen und zur Diskussion und zum Austausch motivierenden und mich so in Aufbruchstimmung versetzenden Text gelesen habe. Es war mir eine ausgesprochene Freude. Dankeschön!
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Vielen herzlichen Dank!
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