Ewigkeitssonntag: Siehe, ich mache alles neu.

Manchmal sitze ich am Abend am Fenster und schaue einfach nur ins Dunkel. Die Lichter unten in der Stadt, das Rauschen in den Bäumen. Und ich merke: Die Welt ist schön und schwer zugleich. Beides. In allen von uns.

An manchen Tagen aber wird die Schwere übermächtig.
Wenn ein Mensch fehlt.
Wenn ein Stuhl leer bleibt und keiner mehr darauf Platz nimmt.
Wenn ein Name in uns brennt, und es weh tut, ihn auszusprechen.

Heute, am Ewigkeitssonntag, tragen wir solche Namen mit uns.
Manche ganz bewusst, andere nur leise im Hintergrund — wie ein Atemzug, der nicht verstummt.

Genau in diese Stimmung hinein spricht unser Predigttext aus Offenbarung 211.

Gott…

4 Er wird alle ihre Tränen abwischen.
Es wird keinen Tod mehr geben,
kein Leid und keine Klage und keine Schmerzen.
Denn was früher war, ist vergangen.‘
5 Und der, der auf dem Thron saß, sagte:
‚Ich mache alles neu!‘

Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken – umsonst.
7 Ich werde sein Gott sein,
und er wird mein Kind sein.

Liebe Gemeinde,
ich merke, wie mich dieser Text immer wieder neu rührt.
Nicht wegen der großen Bilder.
Sondern wegen der zärtlichen.

„Gott wird alle ihre Tränen abwischen.“
Das klingt nach einer Geste, die man nur macht, wenn man jemandem wirklich nah ist.
Kaum jemand wischt einem Fremden die Tränen ab.
Das macht man bei einem Menschen, den man liebt.

In den vergangenen Monaten habe ich in Trauer- oder Seelsorgegesprächen oft diese Nähe gespürt — nicht als etwas Sichtbares, sondern wie einen Atemzug Gottes, der einfach da ist.

Manchmal erzählt mir jemand: „Ich gehe noch immer jeden Tag den alten Spazierweg. Und ich höre fast, wie er neben mir geht.“ Oder: „Der Duft ihres Parfüms steht mir plötzlich in der Nase, einfach so.“
Es sind leise Momente — aber sie tragen.

Vielleicht ist das ein Vorgeschmack dessen, was Johannes beschreibt:
Dass Gott uns nicht allein lässt mit dem, was uns zerbricht.

Eine Frau erzählte mir einmal, sie gehe immer in den Garten, wenn die Trauer zu groß wird.

„Ich stehe zwischen meinen Tomaten und meinen Rosen“, sagte sie, „und ich weiß: Das Leben hört nicht auf zu wachsen.“

Manchmal hilft ein einziger Blick ins Grün, um zu spüren, dass der Tod nicht alles verschlingt.

Oder dieser Moment im Herbst, den viele kennen:

Wenn ein Blatt fällt, und man es mit den Augen verfolgt — und es landet ganz weich auf dem Boden. Ohne Geräusch. Ohne Kampf.

Ein Bild, so leise und doch so tröstlich:
Manches geschieht sanft.

Und dann höre ich diesen Satz Gottes im Text:
„Ich mache alles neu.“
Nicht: Ich mache alles wieder so wie früher.
Nicht: Ich mache alles ungeschehen.

Sondern: neu.

Neu — das ist ein Wort, das Hoffnung wagt, ohne zu verdrängen.

Denn neu kann etwas sein, das durch unsere Trauer hindurchgeht.

Neu kann ein Leben sein, das die Wunden nicht leugnet, sondern sie mitnimmt — und dennoch atmet.
Neu kann die Kraft sein, an einem Morgen aufzustehen und zu merken:

Heute tut es ein bisschen weniger weh.

Liebe Gemeinde, ich glaube fest:
Gottes Zukunft beginnt nicht erst jenseits dieser Welt.
Sie beginnt leise hier.

In den Gesten der Liebe, die uns geblieben sind.
In den Erinnerungen, die uns tragen.
In der Treue Gottes, die uns hält — auch wenn wir sie manchmal kaum spüren.

Der Ewigkeitssonntag ist für mich wie eine Brücke:
Er verbindet die Trauer um die Menschen, die wir verloren haben,
mit der Hoffnung, dass sie in Gottes Licht aufgehoben sind.

Nicht fern.
Nicht verloren.
Sondern geborgen.

„Ich bin das A und das O“, sagt Gott.
Der Anfang und das Ende.

Oder, wenn ich es mir vorstelle:
Die Hände, in denen unser Leben liegt — vom ersten Atemzug bis zum letzten.
Und darüber hinaus.

Darum dürfen wir heute Namen sprechen.
Darum dürfen wir Erinnerungen halten.
Darum dürfen wir weinen — und hoffen. Beides zugleich.

Denn Gott selbst spricht:
„Ich schenke Wasser aus der Quelle des Lebens — umsonst.“

Aus einer Quelle trinkt man, wenn man durstig ist.
Und wer trauert, ist durstig:
nach Trost,
nach Nähe,
nach Sinn,
nach einem Wort, das bleibt, wenn vieles brüchig wird.

Möge diese Quelle uns heute berühren.
Uns stärken.
Uns durchtragen.

Und uns die Zuversicht schenken, die wir so dringend brauchen:
Dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Sondern Gott.
Und sein Wort ist Leben.

Amen.

  1. Offenbarung 21,1-7
    1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde.
    Denn der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden,
    und auch das Meer gab es nicht mehr.
    2 Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen.
    Sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.
    3 Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen:
    «Gottes Wohnung ist jetzt bei den Menschen!
    Er wird bei ihnen wohnen,
    und sie werden seine Völker sein.
    Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.
    4 Er wird alle ihre Tränen abwischen.
    Es wird keinen Tod mehr geben,
    kein Leid und keine Klage und keine Schmerzen.
    Denn was früher war, ist vergangen.»
    5 Und der, der auf dem Thron saß, sagte:
    ‚Ich mache alles neu!‘
    Und er sagte:
    ‚Schreib dies auf!
    Denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.‘
    6 Und er sagte zu mir:
    ‚Es ist vollbracht.
    Ich bin das A und das O,
    der Anfang und das Ende.
    Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken – umsonst.
    7 Wer den Sieg errungen hat, wird dies alles erben.
    Ich werde sein Gott sein,
    und er wird mein Kind sein.
    ↩︎

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