Aleppo, Rojava – und das Gewicht des Schweigens

In Aleppo fallen Häuser, die Straßen sind voller Angst – und doch gibt es Menschen, die Widerstand leisten. Dieser Artikel erzählt von der aktuellen Lage in den kurdischen Stadtteilen, von Solidarität über Grenzen hinweg und von der Resonanz unserer eigenen Geschichte, die uns leise dazu aufruft: Wir dürfen nicht schweigen.

Ich musste suchen, um überhaupt herauszufinden, was gerade in Aleppo passiert. Viele der Stimmen, die sonst laut Solidarität einfordern – die „social justice warriors“, die bei jeder vermeintlichen Ungerechtigkeit aufmucken –, sie schweigen. Auch ich sage kaum etwas. Ich weiß nicht alles, ich weiß nicht genug. Ich bin müde von Antisemitismus, erschöpft von chronischen Krankheiten, beschäftigt mit meinem eigenen Leben. Und doch… wenn ich an die Menschen in Aleppo denke, wird mir schlagartig bewusst: Sie würden mein Leben nehmen, meine kleine Wohnung ohne Heizung, nur um nicht unter Beschuss zu stehen, um nicht in ständiger Angst zu leben, unter Panzern und Drohnen.

Seit Tagen werden die kurdischen Stadtteile Aleppos – Aschrafijeh, Scheich Maksud – von den Truppen der syrischen Übergangsregierung unter Jolani, unterstützt von aus der Türkei gesteuerten dschihadistischen Milizen, angegriffen. Häuser zerfallen unter schwerer Artillerie, Scharfschützen und Kamikaze-Drohnen. Krankenhäuser werden beschossen, die Menschen in den dicht besiedelten Vierteln leben in ständiger Angst. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden mindestens sieben Zivilist:innen getötet, Dutzende verletzt – Frauen und Kinder darunter. Zehntausende sind auf der Flucht.

Die kurdischen Viertel sind zu „legitimen Zielen“ erklärt worden. Was hier passiert, ist kein Zufall. Es ist ein gezielter Versuch, eine Minderheit zu unterdrücken, Demokratie und Selbstverwaltung zu zerstören. Wie die Menschenrechtlerin Duzen Tekkal schreibt: „In Syrien hat eine Despotie die andere ersetzt – unter den Augen der internationalen Gemeinschaft und mit ihrer Billigung.“ Hawar Help veröffentlicht einen Appel des Jesiden aus Aleppo: „Wir rufen alle, die uns hören können, dazu auf, jetzt einzugreifen, um einen drohenden Völkermord an uns aufgrund unserer religiösen Zugehörigkeit zu verhindern. Wir sind 1’200 jesidische Familien in den Stadtteilen al-Ashrafiyya und Sheikh Maqsoud. Unser Schicksal könnte dem der Drusen und Alawite ähneln, allein wegen unserer religiösen Identität„. Diese Worte treffen mich mitten ins Herz. Sie zeigen, dass es hier nicht nur um Politik geht, sondern um Leben und Tod, um Hoffnung und Angst.

Ich kann nicht alles erklären. Ich kann nicht alles verstehen. Aber ich will nicht schweigen. Ich will Zeugnis ablegen für die Menschen, die in diesen Vierteln leben, für die, die verteidigen, was noch verteidigbar ist. Ich will sichtbar machen, dass Gewalt geschieht, dass Zivilist:innen bedroht werden, dass Hände geschüttelt werden, während Bomben fallen. Dass wir diese Stimmen hören müssen, auch wenn es uns erschöpft.

In Rojava, in Kobane, in Amed kämpfen Menschen für Selbstbestimmung, für Schutz von Minderheiten, für ein Stück Freiheit, das wir hier kaum begreifen können. Ich bin müde. Aber ich bin wach. Ich spreche leise, weil ich weiß, dass meine Worte klein sind. Aber sie sind ehrlich. Sie sind Zeugnis. Und manchmal ist Zeugnis alles, womit wir anfangen können.

Jüdisch-Kurdische Resonanz

In den Straßen von Aleppo
fallen Häuser, die Menschen schreien,
die Straßen sind schwer von Angst.
Wir sitzen hier,
sehen, hören, wissen –
und fühlen das Schweigen wie Blei.

Und während Panzer rollen
und Bomben die Stille zerreißen,
schaue ich aus der Ferne
und erkenne in ihrem Atem
das Echo meiner eigenen Geschichte,
derer meiner Vorfahren,
die Flucht und Belagerung kannten.

Doch irgendwo in Scheich Maksud,
zwischen Trümmern und Staub,
weht ein leiser Atem:
Überleben ein stilles Versprechen an das Leben.

Wir atmen weiter.
Wir leben.
Wir halten zusammen.

Quellen:

  • Duzen Tekkal, Twitter & Artikel, 2026
  • Hawar.help Hilfswerk
  • Voice of Kurdistan

Hinterlasse einen Kommentar