Zwischen Halftime und Himmel

Ich habe die Half-Time-Show von Bad Bunny gesehen –
und mein Körper hat sich erinnert,
bevor ich Worte hatte.

Über Zuckerrohr, Tanz, Indigenität, Diaspora
und die Frage,
wo wir ganz sein dürfen.

Ich habe mir die Half-Time-Show von Bad Bunny angesehen – und schon in den ersten Sekunden wusste ich:
Das hier ist keine Unterhaltung.
Das hier ist Erinnerung.

Nicht die Art von Erinnerung, die man erklärt bekommt.
Sondern die, die sich meldet, bevor man Worte findet.
Die im Körper ankommt.

Die Bühne zeigt Zuckerrohrplantagen. Reihen von Pflanzen, die sich über das Feld ziehen. Tänzer:innen tragen breite Hüte – Arbeitskleidung, Schutz vor Sonne, Anonymität. Keine Folklore, kein Kostüm. Arbeit. Alltag. Überleben.

Zucker ist süß.
Aber Zucker ist auch Geschichte: versklavte Schwarze Körper, koloniale Ausbeutung, ausgelöschte und zugleich überlebende Taíno, Reichtum, der auf Gewalt gebaut ist.
Diese Bilder stehen nicht für „früher“. Sie stehen für ein System, dessen Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Und ich spüre sie.
Nicht, weil ich analysiere – sondern weil mein Körper erkennt.

Ich bin auch Nachfahrin von Taíno und Schwarzen Menschen. Und manchmal reicht ein Bild, ein Rhythmus, eine Bewegung, damit Geschichte sich meldet. Nicht als Theorie, sondern als Gänsehaut. Eine andere als im Kino. Tiefer. Leiser. Eindringlicher.

Bad Bunny beginnt nicht mit Glamour.
Nicht mit Party.
Nicht mit dem, was leicht konsumierbar wäre.

Er beginnt bei Arbeit.
Bei Gewalt.
Bei den Toten.

Und genau darin liegt Würde.

Fast fühlt es sich liturgisch an:
Erst das Gedenken. Dann das Leben.
Wie ein kollektives Erinnern, bevor der Tanz beginnt.

Später tauchen sie auf: die Bodegas. Kleine Läden. Getränke. Alltag.
Für manche sind das Nebenszenen. Für mich sind sie zentral.

Ich musste an einen Predigt-Slam denken, den ich einmal geschrieben habe. Darin hieß es:
Im Himmel gibt es coco frío am Strand.

Coco frío – kaltes Kokoswasser, direkt aus der Nuss, schlicht, erfrischend. Kein Luxus. Keine Inszenierung. Nur: Erleichterung. Leben.
Ein Himmel, der nicht entrückt ist, sondern körperlich.

Und genau das macht diese Show:
Sie erklärt nicht, was heilig ist.
Sie zeigt es.

Die Bodega wird zum Tempel.
Das Getränk zum Sakrament.
Der Tresen zur Kommunionbank der Straße.
Die Casita unser aller Zuhause.

Für Menschen, deren Geschichte von Entwurzelung, Versklavung und Auslöschung erzählt, ist das Paradies selten abstrakt.
Es ist konkret. Kühl. Teilbar.
Wir dürfen bleiben. Wir haben Zeit. Wir haben Geschmack.

Vielleicht ist das eine Theologie von unten.
Oder einfach: Wahrheit im Alltag.

Immer wieder musste ich auch an Bomba und Plena denken.

Bomba ist eine afro-puerto-ricanische Tanz- und Musikform, entstanden aus dem Widerstand versklavter Menschen.
Hier führt nicht die Musik den Tanz – sondern der Tanz führt die Trommel. Bewegung ruft, Rhythmus antwortet. Ein Dialog. Präsenz. Selbstbehauptung.

Plena ist Straßenmusik. Nachrichtenträgerin. Was passiert, wird gesungen. Geschichte in Echtzeit. Gemeinschaft statt Archiv.

Beides ist nie Museumsstück gewesen.
Beides ist immer Jetzt.

Und genau so funktioniert diese Show:
Sie erzählt Geschichte nicht linear, nicht erklärend – sondern rhythmisch, visuell, körperlich.
Man muss nicht alles wissen, um mitzuschwingen.
Der Körper versteht trotzdem.

Deshalb diese Gänsehaut.
Nicht, weil es „spannend“ ist.
Sondern weil Vergangenheit und Gegenwart sich berühren.

Ich tanze nicht trotz der Geschichte.
Ich tanze aus ihr heraus.

Ich erinnerte mich an einen anderen Moment.

Vor ein, zwei Jahren war ich an einer Pride. Ich trug Weiß: eine kurze Rüschenbluse mit weitem Ausschnitt, Carmen- oder Puffärmeln, dazu einen langen, tellerweiten Rock mit Unterrock. Stoff, der weiß, was er tun soll. Kleidung, die Bewegung kennt.

Dort war zufällig auch eine afro-karibische Tanzgruppe. Salsa, Bomba, karibische Rhythmen.
Und sie haben mich sofort mitgenommen. Nicht übergriffig – sondern einladend.
Komm. Du gehörst hier rein.

Das Tanzen ging von allein.
Nicht als Show. Nicht als Können.
Sondern als Erinnerung ohne bewusstes Erinnern.

So funktionieren diese Tanzräume oft:
Der Körper wird gelesen, nicht befragt.
Er muss nichts beweisen.

Dass das an einer Pride war, macht es noch dichter.
Queere Räume und afro-karibische Tanztraditionen verstehen sich oft sofort.
Beide wissen, was es heißt, den Körper zurückzuholen.

Als ich diese Half-Time-Show sah, war dieses Gefühl wieder da.
Der Körper erinnerte sich.

Sprache spielt dabei eine große Rolle.

Bad Bunny singt auf Spanisch. Nennt Länder. Zeigt Flaggen.
Er erklärt nichts. Er bittet nicht um Erlaubnis.
Er sagt nicht: Bitte versteht uns.
Er sagt: Das sind wir.

Das trifft mich tief – auch, weil ich weiß, wie oft Mehrfachzugehörigkeit in politischen Räumen keinen Platz hat.

Ich bin Cherokee by blood. Cherokee Freedmen descendant.
Boricua. Taíno. Afro-diasporisch. Jüdisch. Queer.

Und ich kenne das Gefühl, immer etwas zurückhalten zu müssen.

Links: oft antirassistisch und queerfreundlich – und gleichzeitig in den letzten Jahren zu oft antisemitisch, unter dem Label „Antizionismus“.
Rechts: betont (unter Vorbehalten) gegen Antisemitismus – und toleriert gleichzeitig Queerfeindlichkeit und Rassismus.
Die Mitte: kraftlos, konfliktscheu, leer.

Es gibt selten einen Raum, in dem alles gleichzeitig da sein darf.
Immer muss etwas leiser werden.
Immer ein Teil von mir.

Besonders bitter ist es, wenn diese Abwertung ausgerechnet aus Räumen kommt, die sich gegen Antisemitismus positionieren.

Solange ich „funktioniere“ – pro Israel, klar gegen Antisemitismus – bekomme ich Zustimmung.
Sobald es um meine eigene Betroffenheit geht: indigene Geschichte, koloniale Kontinuitäten, Rassismus, Queerness – herrscht Schweigen. Oder Ironie.

Ein weißer Schweizer Mann fragte einmal:
„Bin ich als Schweizer eigentlich auch indigen in der Schweiz?“
(Die selbe Frage habe ich bereits oft genug auch von Deutschen betreffs Deutschland gehört.)

Diese Art von Bemerkung ist nicht naiv. Sie ist relativierend.
Sie macht Kolonialismus zu einem Wortspiel – damit man sich nicht mit Gewalt, Enteignung und fortgesetzter Marginalisierung befassen muss.

Indigenität bedeutet nicht: Wir waren halt zuerst da.
Sie bezeichnet Völker, die kolonisiert wurden, deren Land, Körper, Sprachen und Ordnungen unterworfen wurden – und die bis heute die Folgen tragen.

Wenn europäische Mehrheitsangehörige sich selbst „indigen“ nennen, verschieben sie Verantwortung.
Und entwerten reale Geschichte.

Dass mich das müde macht, ist kein persönliches Problem.
Es ist strukturell.

Umso stärker wirkt diese Show auf mich.

Sie zeigt einen Raum, in dem nichts aufgespalten wird.
Geschichte und Freude.
Schmerz und Würde.
Sprache, Körper, Alltag, Tanz.

Alles gleichzeitig.

Vielleicht ist das der Grund, warum sie mich so tief ergriffen hat.
Nicht, weil sie „perfekt“ ist.
Sondern weil sie zeigt, dass Platz existieren kann.

„The only thing more powerful than hate is love.“

Nicht als Kitsch.
Sondern als Praxis: Sichtbarkeit. Gemeinschaft. Körper. Kultur.

Mein Körper weiß das längst.
Er antwortet mit Gänsehaut.
Mit Bewegung.
Mit Erinnerung.

Ich habe keine Lust mehr, mich aufzuteilen,
um irgendwo hineinzupassen.

Vielleicht ist das der Ort, nach dem ich suche:
kein Raum, der mich einordnet,
sondern einer, der mich erkennt.

Mein Körper weiß längst, dass er dazugehört.
Und manchmal reicht eine Bühne,
ein Rhythmus,
eine Stimme auf Spanisch,
damit er sich erinnert.

Wenn Erlösung etwas mit dem Körper zu tun hat,
dann sieht sie vielleicht so aus:

Zuckerrohrfelder, die nicht mehr schweigen.
Tänze, die antworten.
Coco frío in der Hitze.

Nicht weg von der Welt –
sondern endlich in ihr ankommen.

2 Gedanken zu “Zwischen Halftime und Himmel

  1. Gefällt mir als schwuler mitte-rechts Mann mit dem linken Auge sehr, mit dem rechten Auge etwas weniger und mit dem mittleren Auge gar nicht:
    «Links: oft antirassistisch und queerfreundlich – und gleichzeitig in den letzten Jahren zu oft antisemitisch, unter dem Label „Antizionismus“.
    Rechts: betont (unter Vorbehalten) gegen Antisemitismus – und toleriert gleichzeitig Queerfeindlichkeit und Rassismus.
    Die Mitte: kraftlos, konfliktscheu, leer.»

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    • Mein Lieber,
      ich glaube, wir reden gerade über zwei unterschiedliche Ebenen.

      Der Text ist keine politische Analyse, kein Versuch, Lager sauber zu beschreiben oder gerecht zu verteilen. Er spricht aus dem gelebten Erleben heraus – aus Jahren von Erfahrungen mit Antisemitismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit und den jeweiligen Bedingungen, unter denen Solidarität gewährt oder entzogen wird.

      Wenn ich von „links“, „rechts“ und „Mitte“ schreibe, dann gefühlt, nicht systematisch.
      Ja, selbstverständlich gibt es innerhalb aller politischen Räume enorme Unterschiede und Widersprüche. Und ja: Antisemitismus existiert auch rechts – dort oft offen, nicht unter dem Label „Antizionismus“. Das ist mir sehr bewusst.

      Was ich mit der „leeren Mitte“ meine, ist keine Abwertung von Menschen, die sich selbst als mittig verstehen. Gemeint ist vielmehr eine Leerstelle im öffentlichen Diskurs, die durch starke Polarisierung entsteht: gefühlt gibt es nur noch Lager, Zugehörigkeit unter Bedingungen und wenig Raum für komplexe Mehrfachzugehörigkeiten.

      Der Text will nichts beweisen.
      Er will sichtbar machen, wie sich das anfühlt, wenn man immer wieder merkt: Irgendein Teil von mir ist hier zu viel oder dort unerwünscht.

      Dass du manches anders liest oder einordnest, ist völlig legitim.
      Mein Anliegen bleibt aber: Solidarität, die an Erwartungen geknüpft ist, fühlt sich für Betroffene nicht wie Solidarität an.

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