Zwischen den Kapiteln – Schreiben an einer Schwelle

Ich schreibe meine Biografie entlang meiner Tattoos. Jedes Tattoo steht für eine Lebensphase – für etwas, das geblieben ist, auch wenn sich alles verändert hat.

Gerade bin ich an einem Wendepunkt angekommen: Ein Kapitel ist abgeschlossen (Skull & Roses), ein neues beginnt (Eshet Chayil).

Dazwischen verändert sich der Ton meines Schreibens. Vielleicht auch ich. Dieser Text ist ein Einblick in diesen Übergang.

Ich schreibe meine Biografie entlang meiner Tattoos.

Jedes Tattoo steht für eine Lebensphase.
Für einen Abschnitt, der nicht einfach vergangen ist, sondern Spuren hinterlassen hat – im Körper, im Glauben, im Selbstbild.

Es sind Kapitel über Queerness, über Glaube, über Trauma und über Transformation.
Und vielleicht auch darüber, wie all das nebeneinander existieren kann, ohne sich gegenseitig aufzuheben.

Ich bin Pfarrerin.
Und ich schreibe.

Nicht, um etwas glatt zu ziehen.
Sondern um hinzusehen.

Eine Struktur, die den Körper ernst nimmt

Die Entscheidung, entlang meiner Tattoos zu schreiben, war keine ästhetische Idee.
Sie war eher eine Form von Ehrlichkeit.

Mein Körper erinnert sich.
Auch dann, wenn Worte fehlen.

Jedes Tattoo markiert etwas, das ich nicht mehr ungeschehen machen kann – und auch nicht möchte.
Es ist eine Spur: von Entscheidungen, von Brüchen, von Neuansätzen.

Beim Schreiben gehe ich diese Spuren noch einmal ab.
Nicht chronologisch im klassischen Sinn, sondern existenziell.

Ich schreibe erzählerisch, aber immer auch reflektierend.
Es gibt eine äußere Geschichte – und eine innere Stimme, die mitgeht, nachfragt, manchmal auch widerspricht.

Ich versuche, würdevoll zu bleiben.
Mir selbst gegenüber.
Den Menschen gegenüber, die vorkommen.
Und auch den Versionen von mir, die ich heute vielleicht anders sehen würde.

Schreiben als Integration

Manchmal werde ich gefragt, ob das Schreiben für mich Verarbeitung ist.

Ich würde sagen: nicht nur.

Es ist eher Integration.

Die Dinge werden nicht „weg“.
Aber sie bekommen einen Ort.

Es gibt Kapitel, die fließen.
Und es gibt Kapitel, die sich sperren.

Manche sind lang geworden, weil sie Raum brauchten.
Andere sind kürzer, fast fragmentarisch, weil sie sich nicht anders sagen lassen.

Auch das gehört dazu:
anzuerkennen, dass nicht alles gleich zugänglich ist.

„Skull & Roses“ – und was gehen musste

Gerade habe ich ein Kapitel abgeschlossen: Skull & Roses.

Es ist ein Kapitel über Vergänglichkeit – aber nicht im abstrakten Sinn.
Sondern sehr konkret.

Über ein Ende, das sich lange angekündigt hat.
Über ein Coming-out, das eine Trennung sichtbar gemacht hat.
Über eine Gemeinde, die nicht mehr mein Ort bleiben konnte.

Und über den Moment, in dem ich mir ein Tattoo habe stechen lassen, während ich längst wusste: etwas geht zu Ende.

Dieses Kapitel trägt einen Schädel und Rosen auf meinem Körper.

Nicht als Gegensatz.
Sondern als Gleichzeitigkeit.

Leben und Tod.
Wachsen und Vergehen.
Festhalten und Loslassen.

Und vielleicht ist genau das die Bewegung, die dieses Kapitel beschreibt.

Es geht nicht nur um Abschied.
Sondern um die Erfahrung, dass etwas in mir bereits gegangen war, bevor ich gegangen bin.

Dass Klarheit manchmal nicht laut kommt,
sondern sich langsam einstellt –
bis irgendwann nur noch die Konsequenz übrig bleibt.

Es ist ein Kapitel über das Ende eines Ortes, der einmal Heimat war.
Über Gespräche, in denen plötzlich nicht mehr nur mein Leben verhandelt wurde,
sondern auch die Bedeutung dessen, was ich trage – auf meiner Haut, in meinem Glauben, in meiner Identität.

Und darüber, dass es Momente gibt, in denen Deutungshoheit wichtiger wird als Begegnung.

Vielleicht ist Skull & Roses deshalb kein Kapitel der Rebellion.

Sondern eines der Wahrnehmung.

Das Sehen, dass etwas vorbei ist.

Und das Anerkennen, dass ich gehen kann – ohne mich selbst zu verlieren.

Es ist ein Kapitel über Vergänglichkeit.
Und gleichzeitig eines über Leben, das sich nicht festhalten lässt.

Ein Schädel. Rosen.
Nicht als Gegensatz gedacht, sondern als Gleichzeitigkeit.
Als zwei Wahrheiten, die nebeneinander bestehen dürfen.

Leben und Tod.
Wachsen und Vergehen.
Schönheit und Endlichkeit.

Der Schädel auf meinem Körper ist nicht laut.
Nicht provokativ.
Nicht gegen etwas gerichtet.

Er ist da wie eine leise Wahrheit, die bleibt, auch wenn man versucht, sie zu übergehen.

Und die Rosen daneben sind nicht Schmuck.
Sie sind Gegenbewegung.

Drei Blüten: eine voll geöffnet, eine im Aufbrechen, eine Knospe.
Das, was geworden ist.
Das, was gerade entsteht.
Und das, was noch kommen wird.

Dazwischen: Dornen.
Weil nichts davon ohne Verletzlichkeit existiert.

Dieses Kapitel hat mich etwas gelehrt, das ich nicht theoretisch gelernt habe, sondern körperlich.

Dass Enden nicht nur Ereignisse sind.
Sondern Prozesse, die sich im Inneren lange vorher vollziehen.

Dass Klarheit oft leiser ist als Konflikt.
Und endgültiger.

In der Gemeinde wurde mein Tattoo plötzlich zum Thema.
Nicht als Symbol, sondern als Problem.

Schädel.
Teuflisch.
Okkult.
Unpassend.

Ich habe zugehört.

Nicht, weil ich nichts hätte sagen können.
Sondern weil ich irgendwann gemerkt habe, dass es nicht mehr um Erklärung ging.

Sondern um Deutung.

Darum, wer bestimmen darf, was etwas bedeutet.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Bruch in diesem Kapitel.

Nicht das Tattoo.
Nicht einmal mein Coming-out.

Sondern der Moment, in dem ein Raum nicht mehr bereit war, Ambivalenz zu halten.

Ich habe dieses Tattoo nicht gegen jemanden gestochen.
Nicht als Statement gegen eine Gemeinschaft, die mich geprägt hat.

Sondern als Erinnerung an etwas, das längst in mir geschehen war.

Dass manche Formen enden.

Nicht alles bleibt.

Und das Leben trotzdem weitergeht.

Manchmal sogar klarer als zuvor.

Skull & Roses ist deshalb kein Kapitel über den Tod.

Es ist ein Kapitel über das Sehen.

Über das Anerkennen von Endlichkeit – im Leben, in Beziehungen, in Rollen, in Bildern von Gott und von mir selbst.

Und vielleicht auch über eine alte geistliche Wahrheit, die ich lange nur zitiert, aber noch nicht wirklich gelebt habe:

Dass etwas sterben muss, damit etwas Frucht bringen kann.

Nicht als Idee.
Sondern als Erfahrung.

Heute, wenn ich auf dieses Tattoo blicke, sehe ich keinen Bruch mehr.

Ich sehe einen Übergang.

Ich sehe, dass ich gehen konnte.
Dass ich loslassen konnte.
Dass ich geblieben bin – bei mir selbst.

Und dass da, unter allem, etwas gewachsen ist.

Leise.
Unauffällig.
Aber echt.

Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung dieses Kapitels:

Nicht das Ende als Punkt.
Sondern das Ende als Schwelle.

Zwischen dem, was war.
Und dem, was beginnt.

Und dann beginnt etwas anderes

Jetzt arbeite ich am nächsten Kapitel: Eshet Chayil.

Und ich merke, dass sich etwas verändert.

Der Ton.
Der Blick.
Vielleicht auch ich selbst.

Dieses Kapitel trägt einen Vers, den ich mir habe tätowieren lassen:

עֹז־וְהָדָר לְבוּשָׁהּ
וַתִּשְׂחַק לְיוֹם אַחֲרוֹן

Kraft und Würde sind ihr Gewand.
Und sie lacht dem kommenden Tag entgegen.

Ich merke, wie anders sich das anfühlt als alles, was davor war.

Es geht nicht mehr nur darum, durch etwas hindurchzugehen.
Nicht mehr nur darum, zu überstehen, zu überleben, wieder aufzustehen.

Sondern darum, da zu stehen.

Bekleidet.
Nicht mit dem, was ich verloren habe.
Sondern mit dem, was geblieben ist.
Und vielleicht sogar mit dem, was gewachsen ist.

Und dann dieses Lachen.

Kein lautes.
Kein demonstratives.

Eher ein leises Einverständnis mit der Zukunft.

Ein Wissen darum, dass nicht alles kontrollierbar ist –
und dass ich trotzdem nicht mehr nur auf das reagieren muss, was kommt.

Ich kann ihm entgegengehen.

Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt in diesem Buch.

Nicht, dass die Geschichte leichter wird.
Sondern dass sich meine Haltung zu ihr verändert.

Weniger Kampf.
Mehr Gegenwart.

Und eine Form von Würde, die nichts beweisen muss.

An einer Schwelle schreiben

Ich glaube, ich bin gerade an einem Wendepunkt in diesem Buch.

Nicht, weil „jetzt alles gut ist“.
Sondern weil sich die Perspektive verschiebt.

Weg von reiner Resilienz.
Hin zu einer Form von Gegenwart.

Vielleicht ist das der schwierigere Teil.
Nicht mehr nur zu überleben, sondern zu leben.

Und Worte dafür zu finden, ohne es zu überhöhen.

Warum ich das teile

Ich teile das nicht, weil die Geschichte schon fertig ist.

Sondern weil ich mitten darin bin.

Vielleicht ist genau das der ehrlichste Punkt, um darüber zu sprechen:
nicht im Rückblick, sondern im Dazwischen.

Zwischen Kapiteln.
Zwischen Versionen von mir selbst.
Zwischen dem, was war, und dem, was gerade erst beginnt.

Ich schreibe weiter.

Langsam.
Sorgfältig.
Und mit dem Vertrauen, dass auch die leisen Kapitel ihre eigene Wahrheit haben.

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