Was soll ich in einer Kirche, in der ich mich nicht finde, und die kein safe space ist? Ist das wirklich „meine Kirche“?
Als Theologiestudent im Masterstudiengang und zukünftiger Pfarrer (zumindest ist es so geplant) überkommt mich immer wieder das schleichende Gefühl und die damit verbundene Frage, ob ich das überhaupt noch kann. Kann ich in und für eine Kirche arbeiten, und sie in gewisser Weise vertreten, wenn diese mich nicht vertritt, keinen Handlungsbedarf sieht wenn es um Menschen wie mich geht und mehr als Meilen davon entfernt ist, ein safe space für Queere Menschen und BiPoC zu sein?
Es kommt immer wieder zu Erfahrungen von Othering. Ja, ich bin stolz auf meine Wurzeln. Und dennoch möchte ich auch einfach nur dazugehören, mit meinen Eigenheiten, ohne die Eingangsbemerkung „dass man ja bemerkt hat, dass ich anders bin und nicht von hier“ (und die Antwort, dass ich vorher in Deutschland gewohnt habe, reicht da in der Regel nicht aus). Andersrum, falls ich auf Rassismus hinweise, heisst es „was denn, Du bist doch nicht so dunkel?
Du würdest doch sogar als Italiener oder Spanier durchgehen“, oder „Ich sehe keine Farbe“. Dass das aber genauso problematisch ist, verstehen nur wenige. Es ist schon längst überfällig, in den Kirchen zum Thema Rassismus und othering und so manchen rassistischen Sprachgebrauch zu informieren. Gerade vorletzten Sonntag war im Fürbittengebet noch von „Eskimos“ die Rede – wobei inzwischen längst bekannt ist, dass dieser rassistische Begriff nicht mehr zu benutzen ist und es sich um das Volk der Inuit handelt.
Und überhaupt, warum sind eigentlich in der Regel die meisten BiPoC in den Gemeinden die Personen, die die Gemeinden reinigen, oder evtl. noch die Sigristen – mal von den Quotengemeindemitgliedern abgesehen? In dem Fall habe ich auch wenig Lust, Mitglied zu werden denn ich sehe mich in den Strukturen, in den Leitungspersonen, in der Sprache etc nicht widergespiegelt.
Kurzer Wechsel nach Deutschland in die EKD: Nach einem Workshop „Gemeinsam Rassismus überwinden“ in Berlin zu dem Rev. Velda Love der US-amerikanischen Partnerkirche der EKD eingeladen war, sagten Leitungspersonen der Evangelischen Kirche in Deutschland in Präsenz von BiPoC Personen, Gemeinden wären noch nicht bereit für die Auseinandersetzung mit Rassismus. Die EKD-Ratsvorsitzende sagte ein seit Monaten geplantes Gespräch 24 Stunden vorher wegen Terminenge ab (Source). Ich wurde in der EKD getauft.
Was für einen Nachgeschmack lässt das hier bei mir, bei uns als BiPoC? Die Kirche interessiert es nicht, meine Würde zu verteidigen. Die Kirche ist nicht bereit, unseren Auftrag der Anwaltschaft für marginalisierte Menschen wahrzunehmen und hat kein Interesse daran, dass Menschen of Color Teil der Gemeinden sind/bleiben/werden. Es interessiert die Kirchen auch nicht, ob
Menschen in den Gemeinden unter Rassismus leiden, bzw. man sieht es vor leider Privileg nicht und ist nicht bereit, etwas dagegen zu tun. Sieht so die Nachfolge Christi aus? Ja, wenn man dem Beispiel der Queen folgt, die man dabei gleichzeitig auf den ein oder anderen christlichen/kirchlichen Medien zwar nicht beweihräuchert, aber dennoch positiv hervorhebt und dabei geflissentlich einfach mal das gesamte koloniale Leid und Unrecht, dass in ihrem Namen, auch als Oberhaupt der anglikanischen Kirche, begangen wurde, unter den Tisch kehrt. Das koloniale Erbe wird kaum aufgearbeitet. Warum auch?
Dieses Privileg, und eine gute Dosis white fragility sind mir auch am Intensiv-Wochenende mit anderen Studierenden begegnet, die sich aufs Pfarramt vorbereiten. Rassismus? I see no color. Rassismus? BiPoC’s sollen warten und klären wir andere Fragen. I see no color. Es dürfen doch alle kommen. Woher kommst du übrigens? – Das Beispiel ist zwar aus der EKD, aber ich denke, dass es hier in der Schweiz nicht anders ist. Hey, dear white church!
Bei einigen Studieren gab es auch eine krasse Trans- Homo- und LGBTQIA+ Feindlichkeit. Es ist bestürzend, wenn man bedenkt, dass dies die neue Generation von Pfarrpersonen sein wird. Dazu die Aussage einer Synodalratspräsidentin die bei einer Frage zur Schaffung weiterer queerer Pfarrämter sagte, dass sie keinen Handlungsbedarf sehen würde da es ja eines (eins!!!) in Zürich gäbe. Ist denn Zürich die gesamte Deutschschweiz, und sollen alle queeren Menschen mit einem Pfarramt in Zürich abgespeist werden? Freilich, man kann dann sagen es gäbe ja eines, man hat etwas getan – aber ernst genommen fühlt man sich nicht. Eher mit den Nöten allein gelassen – vor allem für diejenigen von uns, die mehrfach marginalisiert sind, die bereits Gewalt erlebt haben, Feindlichkeit -und die Kirche bleibt stumm. Sie ist ein safe space -für die, die gut angepasst sind, ins Bild passen: weiss, cis, hetero, endogeschlechtlich, monogam. Eventuell kann man noch schwul oder lesbisch sein, oder trans binär – aber dann bitte weiss und unauffällig. Und ob man jetzt unbedingt den oder die gleichgeschlechtliche Partner*in in die Kirche mitbringen kann, vor allem als Mann – dessen bin ich mir auch noch nicht sicher.
Nach einem Gespräch mit einer Pfarrperson an dem Intensivwochenende lief besagte Person nochmal an mir vorbei, drehte sich um, grinste oder lächelte und sagte „excusez, Madame„. Ich war den Rest des Tages vollkommen off und mit Dysphorie geplagt. Es hat ein paar Stunden gebraucht bis ich mir sagen konnte „fuck that“…. No safe space. Ich sage nicht, dass es böswillig war. Absolut nicht. Aber unsensibel.
Kann ich da, will ich da Pfarrer werden, sein? Gibt es da wirklich Platz für mich? Sollte ich es nicht Nadia Bolz-Weber gleich tun und eine eigene Kirche für uns Marginalisierten fordern? In der Hoffnung dass eines Tages die restliche Kirche nachzieht…

Eine Kirche, die so mit ihren Mitgliedern, und überhaupt mit Menschen umgeht, bzw. nicht umgeht erinnert mich trotz aller wunderbarer Arbeit die sie leistet hier nicht an den guten Samariter. Es ist eine Kirche, die an Relevanz verliert. Die stumm bleibt. „Kein Handlungsbedarf“. Die Kirche, die meint, sie könne das eine der Gemeinde nicht zumuten, wirft dafür aber alle anderen unter die Räder oder vor die Hunde. Sollte die Kirche nicht schon hier im jetzt ein Stück Reich Gottes sein? Sollte sie nicht prophetische Gemeinschaft sein? Und ebenso Worte und Taten folgen lassen? Jesus war BiPoC – so liegt er jetzt unter den Rädern mit uns während die Kirche weiter ihre Hymnen singt.
(Würde ich die Kirche nicht lieben, würde ich still bleiben…)
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