Mir reichts. Ich geh schaukeln.

Eigentlich bin ich jemand, der nicht so schnell Angst vor irgendwas hat. Ich bin wer ich, und die anderen… na ja, wenn ihnen das nicht passt, dann haben sie halt Pech gehabt. Viel zu lange habe ich nicht ich selbst sein können.

Trigger/Content Warnung: Es wird hier von Gewalt aller Art die Rede sein. Denn es gibt Dinge, die man nicht schönreden kann und beim Namen nennen muss.

Wie gesagt, viel zu lange konnte ich nicht ich selbst sein, habe mit mir selbst gekämpft, mit Depressionen und Selbstmordgedanken – jetzt endlich habe ich angefangen zu leben -wie auch Freunde, Geschwister, und andere um mich herum- und ich sehe nicht ein, warum ich mich, wir, zurück in eine Box stecken sollte nur damit andere sich von meiner Existenz nicht gestört fühlen -obwohl ich mit ihrer Existenz ja eigentlich nichts zu tun habe und es zwischen uns (sofern es dieses hypothetische uns überhaupt gibt) keine oder so gut wie keine Berührungspunkte gibt.

Und dennoch scheinen queere Menschen eine solche Macht zu haben und manchen Menschen soviel Angst einzujagen, dass die Tatsache, dass wir gleichberechtigt in jedem Alter nicht nur vegetieren und existieren, sondern erfüllt leben wollen wie jeder andere Mensch, ihnen wie eine Bedrohung erscheint, die es zu Bekämpfen gilt, für manche mit allen Mitteln – von fiesen, feigen (oder einfach nur dummen) Kommentaren bis zur rohen Gewalt.

Da wird gegen das Gendern gewettert, obwohl alle gendern, sobald gesprochen wird: es werden doch in Regeln noch Pronomen benutzt beim sprechen, oder? Er, sie? Selbst die Gender-Gegner gendern ohne das Sternchen zu benutzen, ohne sprechen sie nur noch ohne Pronomen und mit Namen stattdessen? Sobald ich „Lehrerin“ sage, ist das schon gegendert, strikt genommen, und zwar feminin. Ausserdem haben trans Personen noch schwerwiegendere Probleme als das gendern – allerdings erleichtert das korrekte Gendern unser Leben. Vielleicht sollte ich den generischen Herrn Müller demnächst einfach mal immer als Frau ansprechen? Damit er weiss, wie sich das anfühlt? Manchmal hätte ich Lust dazu, aber ich mag mich dann nicht auf dieses Niveau begeben und sage mir dann, dass ich darüber stehe.

Nun wurde Kim de l’Horizons Blutbuch mit dem Buchpreis geehrt, und es freut mich – Herzlichen Glückwunsch! Wenn es nicht jmandes Geschmack trifft, dann kann es einfach so gesagt werden, ‚ist nicht mein Geschmack‘, und Ende. Aber damit ist es auch gut. Aber die Anzahl an Hass- und gehässigen Kommentaren die ich gelesen habe, und in denen es nicht um das literarische Werk geht, sondern um die Nicht-Binarität der schreibenden Person, und generell um Nicht-Binäre Menschen, denen das Menschsein abgesprochen wird, und die als krank, dekadent und als pervers bezeichnet werden – dabei wird mir schwindlig. Wut kommt auf. In Kulturen rund um die Welt gibt es seit Urzeiten Konzepte von Nicht-Binarität, von mehreren Geschlechtern – und nun sollen also alle anderen Kulturen krank, pervers etc. sein nur weil der durchschnittliche cisheteronormative Mensch mit diesem Konzept nichts anfangen kann? Welche Hybris! Aber wenn es denn nur bei der Hybris bleiben würde, und diese sich nicht in Verachtung, Spott und Gewalt äussern würde…!

Da sagt eine Frau Beatrix von Storch auf ihrem Tiktok „schwul sein wäre out, denn trans sein wäre jetzt woke und in“. Das wüsste ich, wenn das in wäre! Oder jemals gewesen wäre! Es reicht, sich auf den social media umzusehen, um festzustellen dass ‚woke‘ trotz seiner ursprünglichen Bedeutung eigentlich inzwischen vor allem als Schimpfwort gebraucht wird. Und wenn schwul sein jeweils in gewesen wäre… wäre es sicher nicht für Generationen von schwulen Jungs bis heute oft sehr schwierig ihr coming out zu machen, es einfach nur ihren Eltern zu sagen, auf dem Schulhof als „Schwuchtel“ beschimpft zu werden. Es würden nicht immer noch schwule Männer zusammengeschlagen (oder solche, die verdächtigt werden, schwul zu sein) – ohne von solchen Ländern zu sprechen, in denen Queersein strafbar ist.

Wäre das cool, hätte ich mir wahrscheinlich nicht nachts auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause hinterherrufen lassen müssen „Na du Schwuchtel, tut dir der Arsch weh, oder soll ich nachhelfen?“ Schon vom Schwulenklatschen gehört? Aber ja, es ist ja so cool.

Darum sind coming outs auch wichtig – auch für die, die sich noch nicht trauen, sich selbst zu sein. Denn sie sehen hey, Du bist nicht allein. Wir sind hier. Denn es reicht eine banale Unterhaltung am Arbeitsplatz: -Wo warst Du mit deiner Frau im Urlaub? -Ich habe einen Freund, wir waren da und da. – Oh hör auf, mich mit dem LGBT Kram zu belästigen! … Aber ja, es ist so cool… Und lesbische Frauen, die so oft für Männerfantasien herhalten müssen, und sich anhören müssen, sie hätten ja nur noch nicht den richtigen Mann getroffen der es ihr mal so richtig besorgt.

Und wo homosexuelle Menschen zu hören bekommen, sie sollen andere nicht mit ihrem Sexleben belästigen, wird asexuellen Menschen gesagt, sie seien nicht normal, fehlerhaft, krank – eben weil sie keinen Sex möchten. Sie müssten wohl nur mal richtig durchgev*** werden? Ihnen fehle doch was und das wäre doch nicht normal. Ja wie denn nun? Was asexuelle Menschen zu hören bekommen – das ist nicht normal! Frei nach dem Motto, „Wer nicht begehrt, der lebt verkehrt“. Wer verkehrt lebt, ist meines erachtens die Person, die andere nicht Leben lässt.

Und trans? Ja trans… Für Malte war es sicherlich cool, von einem transfeindlichen Mann beim CSD ermordet zu werden.

Das Leben für trans Menschen ist schon so nicht einfach, nicht geradlinig. Man lebt sein Leben versucht sich anzupassen an das, was erwartet wird – und es passt nicht. Man sucht und hört in sich hinein, um einen Sinn für diese Dissonanz zu finden. Manchen wird es schneller klar, andere brauchen länger dafür. Was wir dann aber gemein haben ist, dass es ein langer Weg ist. Er führt über Psychiater und Ärzte die feststellen dass es sich wirklich und eine Genderdysphorie handelt, und schliessen andere Pathologien aus damit die Behandlung erfolgen kann falls dies der Wunsch der Person ist. Denn jeder Weg ist individuell: manche trans Person wird ein wenig ihre Garderobe ändern, oder ihre Pronomen, den Namen, und es ist gut so; andere mögen den Weg von Hormonen und/oder Operationen einschlagen – es ist von Person zu Person verschieden. Und jede Person ist gut so, wie sie ist, und ist genug, so wie sie ist. Nicht gestört, nicht krank – einzigartig, wunderbar.

Aber es gibt immer mehr laute Stimmen, die das nicht so sehen. Von Facebook-Kommentar-Kriegern zu Radfems und TERFS, rechtsgedrillten Bürgern und SVP-Angehörigen, den J.K. Rowlings, Robbie Coltranes, Marie-Luise Vollbrechts, Céline Massons und Caroline Eliacheffs dieser Zeit. Sie richten sich gegen eine Ideologie, die die traditionelle Familie zerstören wolle und die hetero Ehe in Gefahr bringe, oder aber sie wollen die Kinder „schützen“. Sie sprechen von einer Welle und zunahme an trans Menschen – ist es aber nicht vielmehr so, dass es uns schon immer gab, zu allen Zeiten und in allen Kulturen? Und dadurch dass eben doch grosse Fortschritte erkämpft wurden, trauen sich mehr Menschen, zu sich zu stehen, ihr coming out zu machen, und Schritte zu tätigen.

Daher ist es auch so wichtig, dass eine qualitativ hochwertige Begleitung auf allen Niveaus gewährleistet wird, und niemand gestrandet auf der Strecke bleibt, oder der Zugang verweigert wird, denn hier sind die Folgen unabsehbar bis hin zu Selbstmord. Die richtige psychologische-therapeutische Begleitung ist eben da, um herauszufinden ob, und welches der richtige Weg ist. Wäre es den Gegnern jemals darum gegangen Kinder zu schützen, hätten sie sich auch schon früher für den Schutz intergeschlechtlicher Kinder eingesetzt die häufig schon als Kleinkind operiert werden und später Hormone erhalten, um sie an die Norm anzupassen, obwohl sie gesund sind – und kein Hahn hat danach gekräht. Diese Kinder galt es hier nicht zu schützen denn sie sollten ja an die Norm angepasst werden, auch wenn es nicht deren Wunsch war. Äussern Menschen aber den umgekehrten Wunsch, soll man es ihnen verweigern – Verkehrte Welt!

Und auch hier bleibt es nicht bei Witzen, Bemerkungen, Aufrufen – auch hier kommt es immer wieder zu Gewalt. Oft sind trans Frauen betroffen, und besonders trans femmes of color. Zum einen werden sie oft Opfer von tatsächlicher physischer Gewalt (ja, ich rede hier von der Schweiz, von Deutschland – nicht von weit, weit weg) , und auf der einen Seite werden sie als Sex Objekte fetischisiert und missbraucht und nur als Lustobjekt gesehen. Wer einmal Anzeigen auf bestimmten Seiten durchliest, dem kann leicht über werden. Man hat nicht den Eindruck, dass hier über Menschen geredet wird. Und ich habe nun wirklich nichts gegen Sex. Aber mit Respekt und Consent.) Menschen -meistens cis Männer- wollen trans Menschen einfach mal aus Neugierde „ausprobieren“, um zu sehen wie das so ist. Es wird mal ganz offen gesagt (mal auch erst hinterher), das man sich keine Beziehung mit einer trans Person vorstellen kann, aber man will sie halt mal ficken um zu sehen wie das so ist. So wie man ein mini-Probeabo bekommt zum ausprobieren, oder ein Gratismuster einer beliebigen Ware, „und schick mal Bilder von [Körperteil]“.

Eine befreundete trans Frau geht abends nicht mehr aus dem Haus – wegen Gewalterfahrungen. Eine andere wurde beim Zugfahren mit der SBB mehrfach sexuell belästigt. Einmal hat ein Mann sogar direkt neben ihr masturbiert – so ganz ohne Scham.

Diesen Juni hatte ich ein Date mit einem cis Mann der mir zugesagt hatte, dass es für ihn kein Problem war, dass ich trans bin. Wir haben gut diskutiert, gelacht, ein, zwei Bier getrunken, sind zu mir gegangen. Weiter gequatscht. Geküsst. Und dann sagte er, dass trans sein eine Krankheit sei. Als Frau geboren – immer eine Frau. Was danach folgte lässt sich mit den Termini fast erstickt, Todesangst, mehrfach unfreiwillig penetriert, angebrochene Rippen, erstarrt und Trauma beschreiben. Als ich in einem Tiktok darüber sprach, in dem es um Gewalt ging und trans, kam ein Kommentar: „Geil, dass dir das passiert ist!“ Ich will kein Mitleid, aber verdeutlichen, was passiert. Die Gewalt ist real. Es gibt Chaser, die es speziell auf trans Menschen abgesehen haben. Nein, ich sehe das böse und schlechte nicht überall -wirklich nicht. Aber dennoch, Augen auf. Wie war das? Man ist nur trans, queer, schwul, um cool zu sein?

Der Auslöser für diesen Artikel war ein Insta-Post, den ich heute gelesen habe. Darin ging es um den Angriff auf die Drag Queen Story Time im Tanzhaus in Zürich durch eine rechtsradikale Gruppe. Diese wird als gefährlich für queere Menschen eingeschätzt, und ist höchstwahrscheinlich auch für den Angriff auf den Pride Gottesdienst in Zürich verantwortlich. Diese Neonazis (denn das sind sie wenn man ihr Insta durchliest, sich ihre Gesinnung und Parolen ansieht) haben einen Event für Familien mit Kindern gestört (gestürmt…), angeblich um Kinder und Familien zu schützen – und das, egal ob sie damit vor allem wen traumatisieren? Richtig, Kinder. Von Gesetzes wegen haben sie kein Unrecht begangen, also kann man sie nicht belangen – aber laut ihrem Gedankengut haben queere Menschen, nicht-weisse Menschen als auch solche mit Behinderungen etc. keinen Platz in dieser Gesellschaft.

SRF News hat darüber berichtet (und deutlich gesagt dass es sich bei den Angreifern um Personen mit rechtsradikaler Gesinnung handelt, bei denen man nicht nur Leuchtfackeln sondern auch Waffen gefunden hat), als auch die Betroffenen. Die Kommentare (obwohl ich mir die Kommentare oft nicht mehr antue, wollte ich es hier dann doch wissen) haben mich doppelt betroffen gemacht: wir queeren Menschen werden als diejenigen gesehen, die Familien in Gefahr bringen, krank und pervers sind und Kinder missbrauchen, und die Neonazis samt Waffen wurden als normale Bürger, Mamis und Papis mit „gesundem Menschenverstand“ dahingestellt. In welcher Welt lebe ich, bitte?

Das ganze hat mich natürlich mehrfach berührt – als queerer Mensch, als BiPoC, als Drag Queen.

Was braucht es noch? Was, bitte?

Und dennoch, wie ich es oben gesagt habe: ich bin jemand, der nicht so schnell Angst vor irgendwas hat. Ich bin wer ich, und die anderen… na ja, wenn ihnen das nicht passt, dann haben sie halt Pech gehabt. Viel zu lange habe ich nicht ich selbst sein können. Trotzdem wird mir doch das eine oder andere mal etwas flau im Magen. Seit dem Zwischenfall im Juni habe ich an Selbstvertrauen verloren. Nicht, dass ich überall in jedem das Böse sehe, weit gefehlt – und dennoch habe ich mehr Mühe zu vertrauen. Ich weiss nicht einmal, ob es mir schwerer fällt, anderen zu vertrauen oder mir selbst zu vertauen. Dennoch weiss ich, dass ich stark bin, dass ich bin wie ich bin und mich nicht unterkriegen lasse, und auch nicht einschüchtern lasse – von nichts und niemand.

Die nächsten Generationen warten, und ich möchte nicht nur für mich aufstehen, sondern auch und vor allem für sie. Ich kann und will den anderen nicht das Feld überlassen. Diese Gewalt muss aufhören. Es reicht! STOP! Gewalt gegen queere Menschen, insbesondere gegen trans femmes of color, Gewalt gegen jegliche Minderheiten -jegliche Art von Gewalt und Diskriminierung. Es reicht! Ja, ich würde gerne sagen, so wie auf der Postkarte, „Mir reichts, ich geh schaukeln!“ – und wenn ich zurück komme, ist alles gut. Aber leider funktioniert es so nicht. Die Gestzgebung hinkt hinterher. Und weiss Gott, wie lange noch. Wir brauchen mehr safe spaces, und wie ich gezeigt habe auch weiss Gott nicht, weil wir verweichlicht sind. Ich möchte in einer Welt leben, in der ich nicht ständig stark sein muss. deswegen werden wir weiterhin auf die Strassen gehen, Befreiungsgottesdienste feiern, Drag Shows und Story Times halten, unsere Geschichten erzählen, Buchpreise gewinnen und uns nicht mehr verstecken. Ich habe keine Angst vor euch.

Meinen Traum von der Welt, in der wir einfach alle Menschen sind, die ihr bestes Leben leben und sich lieben, den mag ich nicht aufgeben. Denn weigere ich mich, aufzugeben. Vor allem im Angesicht der Gewalt. Denn ohne Hoffnung und Liebe, was bliebe mir dann? Als Drag Queen und als Pfarrer ist es meine Aufgabe, als Heiliger Clown dafür einzustehen, die Stirn zu bieten mit meinen Kräften, mit offenen Armen und Herzen und einem Stinkefinger.

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