Sie schicken mir Fäuste, ich küsse sie*
Wir werden getötet den ganzen Tag;
wir sind geachtet wie Schlachtschafe
mit Pfefferspray in der Tasche
von morgens bis abends
geht das Schlachtschaf durch die Welt
nicht mehr still und leise
sich zur Wehr setzen ist keine Option
sondern ein Muss
Mein Zelt möchte ich aufschlagen
in einer anderen Dimension
voll Licht und Wärme
nur für einen Augenblick
Den Blick wagen auf eine Anderswelt
die noch nicht ist
aber im Werden ist
die in den Geburtswehen steckt
in permanenter Verspätung
Und doch ist im Hier und Jetzt
Wo dieses Licht Funken schlägt
ein Funke aus dem noch-nicht da
der trotzigen Trost und Hoffnung bringt
um erhobenen Hauptes weiterzudrängen
und sich die Wunden zu lecken
Wir werden getötet den ganzen Tag;
wir sind geachtet wie Schlachtschafe –
und stehen doch wieder auf.

Dieser Text basiert auf einer Predigt, die ich für den Trans Day of Remembrance geschrieben habe. Es geht um Widerstand, um trotzigen Trost, um Wärme trotz allem was geschieht, Benennung dessen, was benannt werden muss. Die Gewalt, die ein Ende finden muss, und das Weitergehen und Leben inmitten allem was ist, und einer Hoffnung, die uns trotzdem weitertragen kann – nicht als Krücke, Vertröstung oder Illusion sondern als lebendiger Widerstand und Einladung, einfach nur wir selbst zu sein und zu werden – denn wir sind gut so, wie wir sind. Sehr gut sogar. Der Text beruht auf der Geschichte, die in Matthäus 17,1-9 erzählt wird, darum ist sie hier als Fussnote, nach der Übersetzung in gerechter Sprache[1].
Zwischen den Leidensankündigungen steigt Jesus mit einigen seiner Jünger auf einen Berg. Ein hoher Berg, heisst es. Also noch mehr Strapazen. Als wäre der Alltag nicht schon anstrengend genug. Das Leben der Jünger war nicht leicht, und Jesus hatte von Leiden geredet. Und nun der Aufstieg. Aber andererseits waren sie nun endlich mal mit Jesus alleine. Was dann kam, hätte wirklich niemand erahnen können:
Jesus fing an zu leuchten, zu strahlen. Er war hell wie die Sonne. Seine Kleidung war weiss. Moses und Elijah erschienen wie aus dem Nichts, und die drei redeten miteinander. Worüber, weiss niemand. Aber die Jünger sahen es. Wenn es nur einer von ihnen gesehen hätte – man hätte denken können es wäre eine Illusion. Ein Sonnenstich. Überanstrengt. Aber sie sahen es alle. Und fanden es schön. So schön, dass sie einfach nur bleiben wollten. Vergessen war für einen Moment der raue Alltag mit seinen Plagen, vergessen war das Leiden, der Schmerz. Gegenwärtig war nur die Schönheit – ein Blick hinter den Schleier, auf eine andere, verborgene Welt. Da wollten sie bleiben, und Hütten bauen.
Und dann war da auf einmal diese Wolke. Statt Schatten zu werfen, leuchtete auch sie, und eine Stimme kam aus ihr. Jesus wäre das geliebte Kind, auf das sie hören sollten. – Das war nun zu viel! Furcht ergriff sie. Man hat ja nicht alle Tage eine so direkte übernatürliche Erfahrung! Vielleicht wünscht man sich, Gott einmal direkt zu hören, nach so vielen Gebeten – aber wenn es dann so unvermittelt und direkt passiert, wer wäre da nicht eingeschüchtert?
Doch Jesus lässt sie nicht in dieser Furcht. Er tritt an sie heran. Er berührt sie, holt sie zurück in das hier und jetzt. In den Alltag. Sie waren hingefallen, und was sagt er ihnen? Steht auf! Habt keine Angst! Und sie schauen auf, und er ist da, nur Er.
Sie steigen vom Berg hinab. Sie sollen nicht darüber reden, zumindest eine Zeit lang.
Zwischen ihnen und Jesus gibt es jetzt ein besonderes Band. Sie sind Eingeweihte, sie haben eine Zeit lang ein besonderes Wissen, dass die anderen noch nicht haben, und dass ihnen Trost spenden kann in dem was bevorsteht. Sie wissen, dass sie die Stimme Gottes gehört haben, dass Jesus sie berührt hat, und ihnen versichert hat, keine Angst zu haben. Er hat ihnen gesagt, wieder aufzustehen.
Und wenn ich dort gewesen wäre, mit ihnen?
Der Berg war sicher höher als der kurze Anstieg hier zur Pasquart Kirche. Ich wäre froh gewesen, etwas Zeit mit Jesus zu verbringen. Nur wir paar Ausgewählte, «Auserwählte?» – zusammen mit Jesus. Raus aus dem alltäglichen Trott, weg von dem Leidensankündigungen die doch irgendwie verstörend sind.
Wer will schon von Leiden hören, daran denken, oder es erfahren? Und doch, gerade heute am Transgender Day of Remembrance gedenken wir besonders denen die leiden, die Opfer von Gewalt geworden sind: transfeindlicher Gewalt, geschürt von Hassparolen. Sie reichen von kleinen stichelnden Bemerkungen auf den social media bis hin zu offenen Ankündigungen der Jagd auf trans* Menschen.
Von Ueli Maurer, der kein «Es» als Nachfolger will, zu Hans-Ueli Vogt der als sein eventueller Nachfolger dem «Transgender-Wahn» ein Ende machen will, zu Angriffen auf dem Pride-Gottesdienst in Zürich, die Drag Queen Story Time, bis hin zu Beschimpfungen, Prügel, Belästigungen, Vergewaltigungen und Ermordung von trans* und nicht-binären Menschen.
Einfach nur, weil wir sind, wer wir sind.
Das sind die Leidensankündigungen, die ich nicht mehr hören will. Nicht, weil ich Herz und Ohren davor verschliessen will, sondern weil die Gewalt ein Ende haben muss!
Und so steige ich mit Jesus auf den Berg. Ich brauche eine Pause. So steigen wir zusammen mit Jesus hinauf. Und da ist es passiert: Jesus wurde verwandelt.
Er wurde trans-figuriert. Auf einmal erschien da eine andere Wirklichkeit als nur die, die stets vor Augen steht. Eine andere, als die, die oft trist und hart sein kann. Diese war voller Licht, voll Trost. Sie war anders, ein Fenster, eine Hoffnung darauf, dass es doch noch mehr gibt, als dass, was jeden Tag vor Augen steht. Dass die Hoffnung auf Verwandlung nicht bloss Spekulation ist, der Glaube an Heilung und Vollendung nicht nur Augenwäscherei und Illusion, oder ein Krückstock für Schwache ist.
Ich reibe mir die Augen und schaue mich um: Die anderen sehen es auch. Es passiert wirklich. Da stehen Mose und Elija, und sprechen mit Jesus, und wir sind auserwählt, dies zu sehen. Nicht dass Jesus nicht schon vorher ganz Jesus gewesen wäre, aber hier in dieser Trans-figuration wird auf einmal sichtbar, wer Jesus wirklich ist. Es macht nachdenklich:
In der Einladung zur Nachfolge steckt dann also auch die Einladung zur trans-figuration, ganz ich selbst zu werden, inmitten dieses chaotischen Lebens. Das zu werden, was ich noch nicht bin – in der Hoffnung darauf, dass da noch mehr ist, als das was sichtbar ist.
So sehe ich da heute einen trans* Jesus, einen queeren Jesus, dessen wahre Identität als geliebtes Kind Gottes im Lichte des noch zu Kommenden offenbart wird. Sein Leiden ist das der ganzen Community, die Worten und Taten der Gewalt ausgesetzt ist. In diesem Moment aber wird diese trans-zendiert und seine Identität wird offenbar. In seinem Licht kann ich auch meine Identität erkennen, und mich ebenso in meiner Identität von Gott angenommen wissen; hoffen und wissen, dass es mehr gibt als Leid und Gewalt.
Dieser Moment der Gewissheit, des Sehens, ist so schön, dass ich verweilen möchte. «Lasst uns Hütten bauen», schlagen wir Jesus vor – wir wollen bleiben. Wir möchten auch jetzt gleich verwandelt werden, vereint mit Gott. Vielleicht seine Stimme hören? Wir sind trunken vom Licht.
Und dann kommt die Stimme von Himmel: Dies ist mein geliebtes Kind! -Schön, machtvoll, alles erfüllend! Und doch so machtvoll, dass es uns auf den Boden der anderen Wirklichkeit zurückholt, auf die Knie, mit der Furcht, vor dem was jetzt noch kommen möge in dieser Welt, begleitet von diesem Gott der liebt – und doch so ganz anders ist, als man es sich vorstellen kann.
Und dann ist Jesus da. Wieder ganz allein. Nur er, mit uns. Er berührt uns. Er richtet uns auf. «Steht auf», sagt er und: «Fürchtet euch nicht!» Uns nicht fürchten? Die Begegnung mit Jesus alleine, zurück im täglichen, normalen Leben, in dieser jetzt noch nicht noch ganz befreiten Welt – sie gibt uns Trost. Denn diese harsche Welt ist nicht alles, was ist – diese andere Realität existiert eben auch – als Kontrast, aber auch als Trost und als Hoffnung darauf, was sich ändern kann, und was noch kommen kann, gerade mitten hier in Leid und Gewalt.
Trotz Leid und Gewalt. Es ist ein trotziger Trost. Eine Hoffnung, die zugleich Widerstand ist.
Und so stehen wir wieder auf. Und steigen vom Berg hinab. Wir, die kleine Gruppe unter den Jüngern, die dieses Licht sahen und die Stimme hörten, zusammen mit Jesus. Wir steigen hinab vom Berg mit dem Wissen das wir jetzt noch für uns behalten sollen – ein Geheimnis zwischen uns und Jesus, dass uns eine Weile durchtragen wird durch das, was auf uns zukommen wird – was auch immer das sein wird.
Wir haben gesehen wer Jesus ist, und was sein wird; haben einen Blick auf das Zukünftige erhascht. In gewisser Weise sind wir nun alle trans-figuriert. Wer und was wir sind, ist gut. Ich bin gut, denn Gott hat mich so geschaffen wie ich. Und gleichzeitig ist meine Identität wie die Saat, die noch aufgehen wird, und sich verändert, damit meine gesamte Identität zutage treten kann. In Gottes Augen gibt es immer mehr als dass, was ich mir vorstellen kann. Mehr Realität als die, die mein Auge sieht.
Gott lädt mich ein -und ich sage hier mal ganz frech: lädt uns ein, ganz wir selbst zu sein. Und ebenfalls wie die Jünger durch sein Licht transfiguriert zu werden und im Licht des trotzigen Trostes Widerstand zu leisten gegen Gewalt und Ohnmacht; sich getröstet zu wissen und bestärkt in unserem Sein. Die anderen werden es auch bald wissen. Aber jetzt dürfen wir wieder aufstehen und weitergehen in dieser Welt, voll Trost, in Liebe, in Stärke – aufrecht.
Sie schicken mir Fäuste, ich küsse sie*
Wir werden getötet den ganzen Tag;
wir sind geachtet wie Schlachtschafe
mit Pfefferspray in der Tasche
von morgens bis abends
geht das Schlachtschaf durch die Welt
nicht mehr still und leise
sich zur Wehr setzen ist keine Option
sondern ein Muss
Mein Zelt möchte ich aufschlagen
in einer anderen Dimension
voll Licht und Wärme
nur für einen Augenblick
Den Blick wagen auf eine Anderswelt
die noch nicht ist
aber im Werden ist
die in den Geburtswehen steckt
in permanenter Verspätung
Und doch ist im Hier und Jetzt
Wo dieses Licht Funken schlägt
ein Funke aus dem noch-nicht da
der trotzigen Trost und Hoffnung bringt
um erhobenen Hauptes weiterzudrängen
und sich die Wunden zu lecken
Wir werden getötet den ganzen Tag;
wir sind geachtet wie Schlachtschafe –
und stehen doch wieder auf.
Amen.
*danke Kim de l’Horizon für deinen wunderbaren Text in der NZZ – ich habe mir diese eine Zeile für den Titel meines Textes geborgt. Sag mir Bescheid, falls Du sie zurück möchtest.

[1] Nach sechs Tagen nimmt Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes mit und führt sie auf einen hohen, einsamen Berg. Vor ihren Augen wurde er verwandelt, sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleidung wurde weiß wie das Licht. Seht, da erschienen ihnen Mose und Elija, die mit Jesus redeten. Petrus sagte zu ihm: »°Wir vertrauen dir, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.« Als er noch redete, seht, da überschattete sie eine Wolke voll Licht und, seht, eine Stimme sprach aus der Wolke: »Dieses ist mein geliebtes °Kind, ihm gehört meine Zuneigung. Hört auf seine Stimme!« Als die °Jünger das hörten, fielen sie auf ihr Gesicht nieder und fürchteten sich sehr. Jesus kam zu ihnen, rührte sie an und sprach: »Steht auf und fürchtet euch nicht.« Als sie aufblickten, sahen sie außer Jesus allein niemanden mehr. Als sie von dem Berg abstiegen, trug ihnen Jesus auf: »Erzählt niemand von der Erscheinung, bis der °Mensch von den Toten °auferstanden sein wird.«