Amor vincit omnia – מתוך אהבה

Gestern Abend war ich in Hindelbank, beim zweiten Hindelbanker Preacherslam. Ich habe dort zwei Texte performt. Das Thema des Abends war „Amor vincit omnia – Die Liebe überwindet alles“. Das hier ist mein erster Text.

Als ich dich kennenlernte 
hattest Du so sanfte Augen
kindliche Neugier – 
diese Welt war noch neu für dich,
dein Comingout gerade hinter dir,
Funkeln in den Augen 
voll stürmischer Verliebtheit
deine Familie seit vielen Generationen im Land,
die Yeshivische Welt hattest Du verlassen
mit Stolz und Liebe im Herzen,
dunkles Haar, dunkle Augen, braune Haut
und bereit für dieses neue Leben
Wie hast Du mich zum Lachen gebracht,
zu Nachdenken gebracht,
zum Träumen gebracht!

Wir haben uns verloren,
Und eine Zeit ists nun her –
doch vergessen habe ich dich nicht
Und nun-
Was würde ich geben,
Dich zu küssen,
Dich in meinen Armen zu halten
In deine Augen zu schauen,
Dunkel und tief wie der Sternenhimmel

Shuvi el Beyti
Komm zurück nach Hause
Komm zurück, 
Um wieder in meine Augen zu schauen
Der Abend bricht an und es wird spät.
Komm zurück nach Hause
Es ist fast schon Winter
Wann kommt endlich der glückliche Tag? 
In deinen Augen, Moteq, 
ist all das Licht und die Unschuld bewahrt,
Das Licht eines leuchtenden Sterns
Wie ein wunderschöner Traum
Wie schön du immer warst
Und ich bete, dass Du es heute immer noch bist –

Shuvi el Beyti
Komm zurück nach Hause

Wir hatten uns getrennt,
aber jetzt denke ich ständig an dich,
frage mich,
Wo Du bist

Heute weiss ich nicht mehr was Liebe ist
Die Liebe habe ich verloren
Vor 4 Wochen 
wurde die Liebe erschossen, 
verbrannt 
und entführt

1’400 mal
Und 200 mal
Und 4’500 mal verletzt

Und seitdem stehe ich im Nebel
wate ich durch dicken Morast
und stecke im Sumpf
wie beim täglich grüssenden Murmeltier
scheint sich der Tag zu wiederholen
wieder
und wieder
Und wieder

Und die Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf
Bilder in social media feeds,
Bilder von go-pros,
und Bilder von Freunden auf Whatsapp und facebook
und Nachrichten voll Angst
«Keiner ist hier sicher!»
Weder des Tages
Noch des Nachts,
ob mit geöffneten
oder selten schlafenden Augen
oder in Albträumen meiner eigenen Traumata
die mich wieder verfolgen
ich weiss nicht einmal mehr
wie alt ich bin

Wann wird die Liebe alles überwinden,
wann wird die Liebe alles besiegen,
wann?

Und- gibt es sie noch?
Wo finde ich den letzten Rest in mir,
wie kann ich sie wieder entfachen?
Wann kann ich wieder lachen?
Ich meine, so richtig
Nicht nur so Zahncreme-Werbung gefakt,
damit mein Gegenüber sich wohlfühlt
während ich zu Hause den halben Tag schlafe
und die andere Hälfte
mit leeren Augen
1’000 km weit die Wand anstarre

Und ich denke an dich,
auch wenn wir uns getrennt haben,
wo Du wohl bist?
Geh nicht weg, würde ich sagen
Lass mich nicht allein, Moteq 
Wärst Du hier, wärst Du in Sicherheit

Und beim Durchsuchen der Bilder,
der Nachrichten auf Social media
kommt das Gefühl auf
mehrt sich zuhauf
wie ein Spiessrutenlauf
dass niemand von uns sicher ist
der Krieg der dort unten tobt
setzt sich in den Medien fort
in Kommentaren
und Nachrichten
heisst es
Yid, geh zurück nach Auschwitz
Und
6 Millionen waren nicht genug
Und während man in Berlin und Paris
Davidssterne an Hauswände malt
Molotovcocktails an Synagogen geworfen werden
Und eine Überlebende 
sich an den Hass aus ihrer Jugend erinnert –
Sind meine Freunde stumm
oder rufen From the River to the Sea

Sagt mir,
Wenn siegt die Liebe,
Ist sie starker als alle Hiebe,
alle Triebe
der Gewalt
die in jeglicher Gestalt
aus allen Richtungen hallt?

Wann überwindet die Liebe alles,
wann wird sie stärker sein,
wann kehrt sie Heim
in alle Herzen,
nimmt alle Schmerzen,
führt von Krieg 
zu Gerechtigkeit für alle?

Ihr müsst für mich lieben,
denn gerade kann ich es nicht,
in diesen Zeiten geht die Liebe nicht nach aussen,
die Tränen sind es
aber vielleicht sind sie ja ein Zeichen von Liebe

Denn wenn mein Herz zerbricht
und bricht und bricht
und bricht
kann es wenigstens nicht hart werden
Und wenn mein Herz
in Tränen ertrinkt
dann kann es wenigstens
nicht versteinern

Doch was brauche ich,
um sie wieder zu fühlen, die Liebe?
Eine Liebe habe ich wieder gefunden –
Meine Yiddishkeit

Es ist wie ein nach Hause kommen 
nach langer Absenz
man ist Reisen gegangen
nach einer Familienstreitigkeit
die Koffer nie richtig ganz gepackt,
und doch immer mit Heimweh in der Seele
auf der Suche nach den restlichen Wurzeln

Und wie es so ist mit Familien
es muss erst was passieren,
da kehrt man wieder heim
und was einem wie fern erschien
fühlt sich plötzlich wieder so bekannt an –
wie ein Haus, dass Du niemals verlassen hast,
Lieder, die dein Herz niemals verlassen haben
und Gerüche, die zu Hause sagen
Sind mir nicht die Tränen gelaufen in der Bibliothek,
zwischen den Bänden 
von Talmud und Midrash?
Der süsse Duft von Challah 
trocknet sie nun.

Und dann hab ich meinen Siddur aus dem Regal geholt
den Staub von den Seiten geblasen
-wie lange er da schon stand!
איך זאָל ווידער דאַוונען מער

Jeder einzelne soll sich sagen:
Für mich ist die Welt erschaffen worden,
daher bin ich mit verantwortlich
Solange der Mensch lebt, hat er Hoffnung
Und ich sage mir dann, solange er Liebe hat, auch
איך זאָל ווידער דאַוונען מער

Und wenn Die Väter sagen
dass die Welt auf drei Dingen beruht,
füge ich noch ein viertes hinzu:
neben Recht, Wahrheit und Frieden
vergesst nicht die Liebe,
denn ich will die Hoffnung nicht aufgeben
dass sie eines Tages
wirklich alles besiegen wird.

Ein Gedanke zu “Amor vincit omnia – מתוך אהבה

  1. איך וויל
    מיט דאַוונען
    נישט
    פֿאַרמאַכט מײַנע אױגן און אױערן
    מענטש כשיוועס איז וניווערסאַל
    ינדיוויזאַבאַל
    און לעגאַמרע

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