Jesus der Jude

Ein Glas Glühwein, und schon schreibt es sich leichter.

Es ist Heiligabend, und in meinem social media feed hat sich die letzten Tage wieder ein neuer Kampf ausgetobt. Es hört diese Tage nicht mehr auf, alle paar Tage gibt es etwas Neues. Dieses Mal, da es auf Weihnachten zuging, ging es um Jesus.

Jesus solle ein Palästinenser sein. Eigentlich ist das Ganze ja lächerlich und traurig zugleich. Es gab ja auch schon Bilder und Texte die von Jesus als schwarzer Person sprachen, um seine Solidarität mit leidenden Menschen zu verdeutlichen. Von da aus hätte es mich gar nicht sonderlich gestört, wenn einige der Aussagen zu „Jesus dem Palästinenser“ nicht in Antisemitismus abgerutscht wären. Doch manche Posts waren haarsträubend und liessen sich ziemlich nahtlos in die gute alte Tradition anderer antisemitischer Aussagen einordnen: Jesus wäre als Palästinenser geboren, den Kindermordenden Juden ausgesetzt, später als Erwachsener von Juden umgebracht -der Gottesmordvorwurf-, passend zum heutigen Dasein der Palästinenser die heute dem Genozid durch den „faschistischen Kolonialstaat Israel“ ausgesetzt sind, der wieder Kinder mordet voller Blutlust. Es läuft mir kalt den Rücken herunter. Nicht schwer, hier die altbekannter antisemitischen Mythen wiederzuerkennen, neu verpackt.

Jesus war Jude. Er wurde als Jude in Judäa geboren und wuchs als solcher auf, lebte in Galiläa und starb in Jerusalem, Judäa – zum Tode verurteilt durch die römische Kolonialmacht, die später Judäa in Syria Palästina umbenannte.

Das Ganze wäre weniger tragisch, wenn es sich hier nicht ganz einfach bei vielen pro-Palestine Aktivisten um einen Versuch handeln würde -einen mehr- jüdische Geschichte und Wurzeln in Israel umzuschreiben, zu untergraben und schliesslich ganz verschwinden lassen zu wollen. Denn das ist ein Trend, der mehr und mehr zunimmt in verschiedenen Formen.

Hier Politik zu machen, bzw. diesen Krieg hierhin weiterzutragen finde ich schade und respektlos. Ebenso war ich schockiert, ein meme auf english zu sehen, das seine Runden auf Facebook dreht, und auch von mindestens einer meiner Freund:innen geteilt wurde. Hier wurde auf den Text des Liedes Stille Nacht auf Englisch angespielt: Holy Infant so tender and mild – und es geht darum, dass, wenn man ein zartes Kind will, solle man den Ofen möglichst früh vorheizen. Dies ist schon im allgemeinen geschmacklos, aber im Hinblick auf ein jüdisches Kind im Ofen (Holocaust) und die Geschehnisse des 7. Oktobers fiel mir dann doch die wortwörtliche Kinnlade herunter. Ich dachte erst, ich hätte etwas falsch verstanden, doch die Kommentare waren recht eindeutig. Leider nicht falsch verstanden. Was geschieht gerade mit der Menschheit?

Wann werden diesen Wunden wieder heilen?

Es ist eigentlich traurig. Könnte denn nicht Jesus, wie auch Abraham, vielmehr eine Person sein, die verbindet? Jesus der Jude, der für Christen als auch Muslime wichtig ist. Jesus der Jude, der zwar zuerst sagte, er wäre „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels geschickt“, sich dann aber auch um andere kümmerte. Jesus der, da bin ich mir sicher, über ALLE unschuldigen Leben getrauert hätte, und allen, die Hilfe brauchen, seine Hand gereicht hätte, egal woher sie sind – jüdische Menschen, Palästinenser, Menschen aus dem Iran, aus dem Sudan, dem Kongo, Syrien, Kurden und Kurdinnen, Yezidische Menschen…

Sollte nicht vielmehr das wichtig sein?
In diesem Sinne, friedvolle und hoffnungsvolle Weihnachten!

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