Von Freiheit und Heilung

Bei Daniela-Marlin Jakobi gab es diesen Post, bei dem man „über die schlimmsten Aussagen, die man in Freikirchen gehört hat“, sprechen konnte. Solche Freiräume, die gleichzeitig sichere Räume sind, in denen man gehört, gesehen und verstanden wird, sind ungemein wichtig. In diesem Post geht es mir nicht um Freikirchen-Bashing (in ihrem auch nicht), sondern darüber zu reden, was ich erlebt habe, und was mir geholfen hat. In meinem Fall war ich jahrelang unter anderem in einem charismatischen Milieu, das von Toronto-Segen, Dominion-Theologie, Endzeit-Denken und anderem geprägt war. Dazu noch in anderen Gruppen, die von der Purity-Culture geprägt waren. Ich bin dankbar, für die Orte und Menschen, die mir bei meiner Heilung geholfen haben.

Natürlich sind nicht alle Freikirchen gleich – es gibt auch hier eine grosse Bandbreite. Ich war in verschiedenen, habe aber sicherlich die schwierigste Zeit davon in einer charismatischen Gemeinschaft verbracht – ca. 7 Jahre lang, in Kombination mit anderem ungesundem.

Es geht ausserdem auch nicht um ein generelles Freikirchen-Bashing, sondern um persönlich Erlebtes und Über-lebtes.

Würde ich alles erzählen, würde das den Rahmen eines Posts sprengen. Aber es gab einige Ereignisse, die mein Leben lange Jahre (negativ) beeinflusst haben. Ich habe lange gebraucht, bis ich das so Erfahrene, Erlebte, „Erlernte“ verarbeitet habe und wieder habe gehen lassen können, davon geheilt wurde, und zu einem gesünderen Gottesbild gelangt bin. Dabei haben mir verschiedene Dinge geholfen – wobei Zeit sicher auch ein Faktor war und ist.

Achtung: in diesem Post werden verschiedene Arten von Missbrauch erwähnt.

Purity Culture & Umgang mit sexualisierter Gewalt:
Als ich 4 Jahre alt war, wurde ich das erste Mal missbraucht. Später kam es als Jugendliche und junge Erwachsene zu weiteren Vergew4ltigungen und anderen Dingen. Als ich mich das erste Mal traute, endlich darüber zu sprechen, war ich es, die zur Busse aufgerufen wurde. Als Tochter der Eva war ich schliesslich eine Verführerin, und dafür verantwortlich, Jungs und Männer nicht in Versuchung zu bringen. Und in echter Purity-Culture-Manier bekam ich auch zu hören, dass es Gnade sei, wenn mich noch ein Mann wolle – ähnlich wie ein angebissener Apfel, oder ein bereits abgeschleckter Lolly.

Davon zu heilen, und überhaupt erst einmal Wut auf die richtigen Person zu empfinden (statt Scham und Schuld) hat seine Zeit gedauert – viele Jahre.

Umgang mit LGBTQIA+
Der Umgang mit Queerness war nicht weniger problematisch. Als ich mit 14/15 Jahren feststellte, dass ich nicht brav hetero war, fingen die Probleme an. Alle Facetten von Queerness galten als unnatürlich und Teufelswerk oder dämonisch. Dementsprechend ging ich wahlweise durch einige Runden Konversionstherapie und/oder „Befreiung von dämonischen Besetzungen“ aka Exorzismus. Ausser zu bewirken, dass ich mich selbst noch mehr ablehnte, immer mehr Schuld und Scham. Egal wie sehr man versuchte, mich zu heilen – oder einen Geist der Homosexualität auszutreiben, mir Bücher über das gottgegebene Frausein gab – an meiner Orientierung änderte das nichts. Allerdings an meinem Selbstwertgefühl, bis hin zum Gefühl, so nicht mehr weiter zu wollen. Irgendwann sagte ich nach einer weiteren stundenlangen Gebetssession einfach nur, dass es jetzt gut sei.

Auch hier: Selbstannahme zu lernen, und sich nicht mehr mehr von G“tt abgelehnt, gar gehasst, zu glauben war ein langer Weg.

Umgang mit Frauen:
Hier gäbe es sehr viel zu sagen! Frauen als Tür und Werkzeug des Teufels… Unterordnung und dem Mann dienen, Beziehung nur mit dem OK der Leitung; Das Weib schweige in der Gemeinde; als legitimer Ausbildungsberuf nur Berufe, die als Hausfrau und Mutter nützlich sind – kein Studium (erst recht nicht Theologie! Theologie ist gefährlich für den Glauben, und für die „schwache“ Frau erst recht…!). Es wurde sehr auf die sogenannte „Schöpfungsordnung“ gepocht, als auch die Haustafeln in den Briefen des NT, und wer nicht in dieses enge Raster passte wurde zum Problem bzw. schnell mal als sündhaft, dämonisch belastet („Geist der Jezebel“) etc. bezeichnet und behandelt. Es gab nicht viele Alternativen – die (heilige) gottesfürchtige Hausfrau (evtl. zum Singlesein berufen) oder die H*re.

Ich wäre gerne aufs Gymnasium gegangen (meine Lehrer ermutigten mich dazu), hätte gerne bestimmte Berufe gelernt – doch das wurde mir damals als Frau verweigert. Mir wurde der „Geist der Rebellion“ und anderes diagnostiziert, da ich Fragen stellte, und einfach nicht in dieses Raster passte, oder passen wollte. Einerseits wollte ich mich ja reinzwingen, um dazu zugehören – andererseits war das Käfigleben nichts für mich. Das Frausein wurde dadurch zum Fluch für mich.

Umgang mit Krankheit:
Man sollte es nicht glauben, aber auch der Umgang mit Krankheit war z.T. hochproblematisch, vor allem was psychische Krankheiten anging, aber nicht nur. Allergien als Zeichen von Rebellion; als ich eine sehr schmerzhafte Mittelohrentzündung hatte, sollte ich nicht zum Arzt gehen, da es von Gott käme, da ich nicht auf Gott höre – also ein Monat Mittelohrentzündung, bis es von allein ausklang. Seitdem bin ich leicht anfällig dafür. Psychische Erkrankungen wurden oft als Zeichen für Sünde (der Person, oder generationenübergreifend) oder „dämonischer Besetzung“ gesehen. Ansonsten waren sie ein Test, oder etwas, dass man geduldig und mit Danksagung zu tragen hatte – das eigene Kreuz, oder der „Stachel im Fleische“.

Es gab natürlich auch die Option, für Heilung zu beten, besonders während Heilungsgottesdiensten und ähnlichem. Wenn diese aber nicht eintraf, hiess es mehr Geduld zu haben, oder vielleicht nach versteckter Sünde zu suchen – oder aber das man zu wenig Glauben hatte.

Anderes:
Die Leitung in Frage zu stellen, kam eigentlich damit gleich, Gott in Frage zu stellen. Es kam daher nicht gut an, als ich Fragen stellte – auch wenn dies häufig war, um ganz einfach Dinge besser zu verstehen, oder weil Dinge keinen Sinn für mich machten, und ich wollte, das sie das tun. Es gab auch mal sowas wie „den Geist der Blackness“ auszutreiben – dabei bin ich mixed! Dann natürlich der Gegensatz von „Geist“ oder „Gnade“ und „Gesetz“, oder „Wir leben nicht im Alten Testament, sondern im Neuen“ (wobei man wenn’s passt, gerne das „Alte“ heranzieht, gerade was LGBT angeht). Als Jüdin ist das schmerzhaft.

Gefühle waren etwas, dem man nicht trauen sollte, Wut grundsätzlich negativ. Alle, die nicht gleich dachten, waren im Irrtum und vor allem die Landeskirchen wurden als nicht „bibeltreu“ eingeordnet – es sei denn, sie hatten ausnahmsweise einen bibelfesten Pfarrer. Aber allein da sie Frauenordination zuliessen, zeigte, dass sie vom „Plan Gottes“ abgekommen waren.

Was mir half:
Abstand. Erst einmal Abstand und Detox. Die Angst vor Bestrafung, Feuer und Hölle -ausser ich halte mich strikt an alles, was mir eingetrichtert wurde- blieb noch jahrelang. Eigentlich jahrzehntelang, wenn ich die kurzen Momente miteinrechne, in denen ein kurzen „und wenn…?“ für eine Millisekunde in meinen Gedanken aufblitzt(e).

Eigentlich wollte ich nichts mehr mit all dem zu tun haben, doch die Bibel lies mich nicht los. Nur auf deutsch konnte ich sie nicht mehr lesen, denn der Wortlaut lies immer wieder alles in mir hochkommen. Also begann ich, sie in einer anderen Sprache zu lesen – auf französisch. Schliesslich fing ich an, Theologie zu studieren. Vielleicht war es anfangs nur die Neugier – worum geht es eigentlich wirklich hier? Aber die Theologie hat mich schnell gefesselt, und die feministische Theologie hat mir sehr geholfen, so wie später Bücher in queerer Theologie.

Ebenso das Kennenlernen von Christen, die anders waren und sind als das, was ich bisher kannte, bis jetzt zur Mitarbeit in reformierten Gemeinde und Kirchen, besonders der Offenen Kirche Elisabethen in Basel die ein besonderer Safe Space für mich war und ist, bis zu meinem Vikariat jetzt, um dann als Pfarrerin hoffentlich auch zu einem safe space für andere Menschen zu werden.
Aber ja, es hat vor allem viel Zeit gebraucht. Nachdenken, nach-fühlen, Austausch. Manchmal auch Gott anschreien, manchmal mit Gott lachen, oder spazieren, und mit Gott reden und das Schöne in Wassertropfen und Schneeflocken sehen. Genauso haben mir Synagogenbesuche geholfen um Gott als liebenden Gott der Gnade, der uns alles schenkt und mit offenen Armen auf uns wartet, zu entdecken.

Und ich bin immer noch unterwegs.

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