Mitten darin G-tt

So vieles schmerzt diese Tage in dieser Welt, so vieles ruft nach Heilung – nach Heil-werden.
Die ganze Welt schreit danach. Und auch um uns herum gibt es Menschen in körperlicher und seelischer Not – und manchmal trifft es auch uns selbst.

Wir sehnen uns nach dem, was die Bibel als «Schalom» bezeichnet. Das Wort Schalom wird oft mit «Frieden» übersetzt, doch es ist viel mehr als das: „Frieden, Heil, Wohl, Ganz-sein“. Ganz-sein auf allen Ebenen: körperlich, seelisch, geistlich. Gemeint ist dabei ein Leben im inneren Frieden mit sich selbst, mit anderen und mit Gott – ein Heil-sein, ein Geheilt-sein, dessen Spender Gott ist.

Im Psalm 103 heisst es:

2Danke Gott, du meine Lebenskraft!
Vergiss nicht, was sie alles vollbracht hat:
3Die dir alle deine Schuld vergibt, alle deine Krankheiten heilt,
4die dein Leben aus dem Grab befreit,
dich mit Güte und Barmherzigkeit krönt,
5die deine Schönheit mit Gutem sättigt,
dass sich deine Jugend erneuert wie ein Phönix.
8Mitfühlend, voll Zuneigung ist die Eine,
langsam zum Zorn und reich an Freundlichkeit.

Das heisst der Segen, die Heilung, die heilende Kraft – das alles fliesst aus einer einzigen Quelle: Gott. Es fliesst aus dieser einen Quelle der Liebe, der Freundlichkeit und des Mitgefühls. Beim Beten für uns und für andere- , und Handauflegen können wir hierfür ein Kanal sein, so dass diese Kraft durch uns zu der Person fliesst, auf die wir die Hände auflegen. Der jüdische Theologe Abraham Joshua Heschel sagte einmal:

„Ein Gebet kann nicht
das Wasser zum trockenen Feld bringen,
nicht eine zerbrochene Brücke instand setzen,
noch eine zerstörte Stadt wieder aufbauen;
aber ein Gebet kann trockene Erde tränken,
ein gebrochenes Herz heilen
und einen geschwächten Willen wieder stärken.“

Beten hilft. Heilung kommt.
Nicht, weil Schmerzen – ob seelisch oder körperlich – mit einem Wort verschwinden.
Sondern, weil wir uns trauen, hinzusehen. Hinzuhören.
Weil wir glauben, dass Gott uns nicht allein lässt mit dem, was schwer ist.
Weil wir spüren: Heilung beginnt nicht erst, wenn alles wieder gut ist – sondern da, wo wir uns gehalten wissen.

Da gibt es diese Geschichte in der Bibel, in der Apostelgeschichte. Es wird erzählt, dass Paulus und Silas, nachdem sie öffentlich von Jesus erzählt hatten, als Unruhestifter festgenommen und ins Gefängnis gesteckt wurden. Hier fängt der Text an:

25Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder für Gott. Die anderen Gefangenen hörten ihnen zu.
26Plötzlich gab es ein starkes Erdbeben, dass die Fundamente des Gefängnisses erschütterte. Da sprangen alle Türen auf, und die Ketten fielen von den Gefangenen ab.
27Der Gefängniswärter wurde aus dem Schlaf gerissen. Als er sah, dass die Gefängnistüren offenstanden, zog er sein Schwert und wollte sich töten. Denn er dachte, dass die Gefangenen geflohen waren.
28Aber Paulus schrie laut: »Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier.«
29Der Wärter rief nach Licht. Er stürzte in die Zelle und warf sich zitternd vor Paulus und Silas nieder.
30Dann führte er sie hinaus und fragte: »Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?«
31Sie antworteten: »Glaube an den Herrn, Jesus, dann wirst du gerettet und mit dir deine ganze Hausgemeinschaft.«
32Und sie verkündeten ihm und allen anderen in seinem Haus das Wort des Herrn.
33In dieser Nacht, noch in derselben Stunde, nahm der Wärter Paulus und Silas zu sich. Er wusch ihnen die Wunden aus. Dann ließ er sich umgehend taufen – mit allen, die bei ihm lebten.
34Anschließend führte er die beiden in sein Haus hinauf und lud sie zum Essen ein. Die ganze Hausgemeinschaft freute sich, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatte.

Was für eine Geschichte!

Und – was soll die überhaupt mit unserer Heilungsfeier zu tun haben? Ein selbstvereitelter Gefängnisausbruch?

Und: Wer wäre überhaupt so blöd, wenn er unverschuldet im Gefängnis sitzt, und so eine Gelegenheit bekommt, da nicht wegzurennen? Es ist ja nicht so, als hätten sie das Gefängnis gesprengt. Und die römischen Gefängnisse damals haben nichts mit den unseren zu tun: das waren in der Regel unterirdische Löcher, in denen die Gefangenen an die Wand gekettet waren. Die Wärter hatten meist den schlechten Ruf, grausam zu sein, oder Gefangene gegen Bezahlung entkommen zu lassen – wobei es darauf schlimme Bestrafungen bis zum Tod gab. Daher rührt wahrscheinlich die Angst des Wärters in unserer Geschichte.

Ja, Paulus und Silas…

Paulus und Silas sitzen im Gefängnis.
Sie haben anderen geholfen, doch das bringt sie hinter Gitter.
Man schlägt sie, man fesselt sie, man schließt sie ein – mitten in der Nacht, in einem finsteren Raum.

Und was machen sie? Sie singen.

Sie singen!

Nicht, weil sie keine Angst haben.
Nicht, weil ihnen nichts weh tut.

Sondern weil sie in dieser Nacht nicht aufhören zu glauben: Gott hört uns.
Auch wenn es keiner sieht. Auch wenn alles eng ist. Auch wenn wir leiden.

Sie singen – mitten in der Nacht.

Wisst ihr,
manchmal kann einem das Leben wie ein Gefängnis vorkommen.
Nicht mit Gittern aus Eisen, sondern mit Gittern aus Sorgen.
Aus Angst.
Aus Verletzungen, die tief sitzen.
Oder Diagnosen, die uns erschüttern.
Oder Einsamkeit, die leise an uns nagt.

Und manchmal kommt zu all dem Dunkel noch das Gefühl: Ich bin allein.
Niemand sieht mich.
Niemand versteht, wie es mir wirklich geht.

Aber dann: Mitten in der Nacht geschieht etwas.

Nicht, weil Paulus und Silas besonders stark wären.
Sondern weil Gott da ist.
Mitten in der Dunkelheit, in den Ketten, in den Schmerzen: ein Erdbeben.
Die Türen springen auf. Die Fesseln lösen sich.

Und nicht nur das:

Der Gefängniswärter, der vorher selbst gefangen war in Angst und Pflicht, erkennt:
Hier ist etwas Größeres am Werk.

Und er fragt: Was muss ich tun, um gerettet zu werden?

Das ist eine Frage, die ich mir manchmal selbst schon gestellt habe.
Und vielleicht stellen sie sich manche von euch:
Was muss ich tun, um heil zu werden?
Wie komme ich wieder zu mir selbst?
Wie finde ich Trost für das, was mich zermürbt?

Die Antwort, die Paulus ihm gibt, ist schlicht:
„Glaube, – und du wirst gerettet.“

Nicht: Reiß dich zusammen.
Nicht: Mach’s besser.
Nicht: Wenn du nur genug betest, wird alles gut.

Sondern: Vertraue dich dem an, der dich kennt.
Der mit dir leidet.
Der durch dunkle Nächte mitgeht – und dich nicht loslässt.

Liebe Anwesenden,
sind wir nicht deshalb heute hier?
Nicht, weil wir alle heil wären. Sondern weil wir auf Heilung hoffen.
Nicht, weil wir keine Schmerzen hätten. Sondern weil wir sie nicht mehr allein tragen wollen.
Nicht, weil wir perfekte Lieder singen könnten. Sondern weil unser Singen – wie bei Paulus und Silas – aus der Tiefe kommt.

Im Kirchenjahr haben alle Sonntage Namen, und der heutige Sonntag heisst «Kantate» – „Singt!“.
Singt, auch wenn euch nicht danach ist.
Singt, weil in der Musik etwas anklingt, was wir oft nicht in Worte fassen können:
Dass Gott uns sieht.
Dass Gott hört, was kein anderer hört.
Dass Heilsein nicht bedeutet, schmerzfrei zu sein – sondern Sinn zu spüren.

In dieser Feier gibt es Raum für alles:
für Klage – und für Trost.
für Musik – und für Stille.
für das, was gesagt werden muss – und für das, was einfach in einer segnenden Hand liegt.

Später wird es die Möglichkeit zum Handauflegen und für einen Segen geben:
Vielleicht wirst du heute die Hand auf deiner Schulter spüren.
Vielleicht wird ein Segen dich erreichen.
Vielleicht merkst du: Ich bin nicht vergessen.
Vielleicht wird es nicht gleich gut. Aber du wirst glauben können: 
Es wird gut – auch wenn es jetzt nicht so scheint.

Zum Schluss zurück zu unserer Geschichte:
Der Gefängniswärter wäscht Paulus und Silas die Wunden.
Dann wird er selbst getauft.
Dann bringt er sie zu sich nach Hause, und sie essen gemeinsam.

Ein kleines Bild von Heilung:
Nicht spektakulär, aber zutiefst menschlich.
Wunden werden gewaschen.
Gemeinschaft entsteht.
Licht kommt in ein finsteres Haus.
Und mitten darin: Gott.

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