Wenn ich ganz ehrlich bin:
Ich hab das mit dem Beten nicht immer einfach gefunden.
Nicht, weil ich nicht wüsste, wie’s geht – also technisch:
Da hat man ja so seine Ideen wie das geht – Augen zu, Hände falten, loslegen.
Sondern weil ich mich manchmal gefragt habe: Machen meine Worte überhaupt Sinn? Und: bis wohin gehen meine Worte – soweit ich das, was in mir vorgeht, überhaupt in Worte fassen kann? Hört da eigentlich jemand zu? Und wenn ja – was macht der- oder diejenige dann mit dem, was ich da so vor mich hinrede?
Vielleicht sollte man sich als (zukünftige) Pfarrerin solche Fragen nicht stellen – zumindest nicht laut. Aber ich tue es trotzdem. Denn ich kann mir vorstellen, nicht allein damit zu sein. Es kann gut sein, dass einigen von uns fällt das Beten manchmal nicht ganz so einfach fällt.
Vielleicht, weil wir -so wie ich- in der Jugend ein Gottesbild gelernt haben, das mehr abschreckt als einlädt. Vielleicht, weil uns das Leben so viel zugemutet hat, dass das Hoffen manchmal schwerfällt. Oder vielleicht auch, weil uns schlichtweg die Worte fehlen.
Und doch: Da ist diese Sehnsucht.
Diese Hoffnung, dass es mehr gibt als nur unsere Gedanken, Sorgen, Pläne.
Diese stille Ahnung: Da ist jemand, dem ich mein Herz ausschütten kann.
Jemand, der mich kennt, versteht – und liebt.
Jesus spricht im heutigen Predigttext, Johannes 16, zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Es ist kurz vor seinem Tod. Ein Moment voller Anspannung, Trauer, Ungewissheit.
Und was tut er? Er spricht vom Gebet.
Von der Verbindung zu Gott.
Von der Möglichkeit, alles, was uns bewegt, zu sagen – und gehört zu werden.
„Wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, wird er es euch geben“, sagt Jesus. So steht da in Johannes 16, ab dem Vers 23:
23…Amen, amen, das sage ich euch: Alles, worum ihr den Vater in meinem Namen bittet, das wird er euch geben! 24Bis jetzt habt ihr in meinem Namen um nichts gebeten. Bittet – und ihr werdet es bekommen. Dann wird die Freude euch ganz und gar erfüllen!« 25»Ich habe euch das alles in rätselhaften Worten gesagt. Es kommt die Stunde, wenn ich nicht mehr in rätselhaften Worten zu euch reden werde. Dann werde ich zu euch offen und unverhüllt vom Vater reden. 26An dem Tag werdet ihr in meinem Namen bitten. Ich sage nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde. 27Denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich liebt – und weil ihr glaubt, dass ich von Gott gekommen bin. 28Vom Vater her bin ich in die Welt gekommen. Jetzt verlasse ich die Welt wieder und kehre zum Vater zurück.« 29Da sagten seine Jünger zu ihm: »Jetzt sprichst du offen und unverhüllt und redest nicht mehr in rätselhaften Worten. 30Jetzt wissen wir, dass du alles weißt. Es ist gar nicht erst nötig, dass dir jemand eine Frage stellt. Deshalb glauben wir, dass du von Gott kommst.« 31Da antwortete Jesus: »Jetzt glaubt ihr? 32Seht doch! Die Stunde kommt, ja, sie ist schon da: Man wird euch auseinandertreiben – jeden dorthin, wo er herkommt. Und mich lasst ihr allein zurück! Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. 33Das habe ich euch gesagt, damit ihr bei mir Frieden findet. In der Welt habt ihr Angst. Aber fasst Mut, ich habe die Welt besiegt!«
Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Als gäbe es eine Gebets-Hotline, bei der garantiert jemand abnimmt. 24/7. Keine Warteschleife, keine automatische Stimme, kein „Bitte rufen Sie später noch einmal an“.
Sondern ein echtes Gegenüber.
Natürlich wissen wir: Es ist nicht so einfach.
Nicht jede Bitte wird erhört.
Nicht jeder Wunsch erfüllt.
Beten ist kein Wunschautomat: Münze rein, Gebet raus, Erfüllung folgt.
Aber Beten ist Beziehung.
Und genau das zeigt Jesus hier.
Er spricht von einem Gott, der hört – weil er liebt.
Ein Gott, der nicht weit weg ist, sondern nah.
Nicht unnahbar, sondern zugewandt.
Ein Gott, der uns nicht abwimmelt, sondern einlädt: „Red mit mir. Komm mit allem, was du hast. Deinen Ängsten. Deiner Dankbarkeit. Deinem Frust. Deiner Freude.“
Und genau das feiern wir am Sonntag Rogate: Betet! Ruft Gott an. Traut euch.
Aber wie geht das – heute, im Alltag? Zwischen vollen Terminkalendern, schlaflosen Nächten, To-do-Listen und Weltgeschehen, das einem manchmal den Atem raubt?
Ich glaube, es beginnt mit einem einfachen Gedanken: Es braucht keine perfekten Worte.
Kein heiliges Vokabular.
Kein theologisches Diplom.
Beten ist so persönlich wie ein Gespräch unter Freunden.
Manchmal braucht es viele Worte.
Manchmal nur ein Seufzen.
Ein Stoßgebet im Stau.
Ein „Danke“ beim Blick auf den Sonnenaufgang.
Ein „Bitte“ am Krankenbett.
Und manchmal, wenn uns die Worte fehlen, reicht ein Gedanke.
Oder das Vaterunser. Dieses eine Gebet, das Jesus selbst uns gegeben hat. In dem alles steckt: Bitte. Dank. Hoffnung. Vertrauen.
In der Bibel finden wir viele Formen des Gebets:
Hannah, die still in sich hineinbetet, so sehr, dass man sie für betrunken hält.
Der Psalmbeter, der Gott anschreit.
Hiob, der mit Gott ringt.
Maria, die einfach nur singt.
Jesus, der in Gethsemane zu Boden fällt und betet: „Nicht mein Wille, sondern deiner geschehe.“
All das ist Beten.
Und all das ist erlaubt.
Gott hält das aus.
Und ja, das glaube ich wirklich – Gott antwortet uns.
Nicht immer so, wie wir es uns wünschen.
Und manchmal sehr leise, wie ein Flüstern im Wind.
Aber vielleicht, indem er uns Kraft schenkt, das Unveränderliche zu tragen.
Indem er uns Menschen an die Seite stellt, die uns beistehen.
Oder indem er uns einfach Frieden ins Herz gibt – diesen inneren Frieden, der nicht laut ist, aber trägt.
„In der Welt seid ihr in Bedrängnis“, sagt Jesus. „Aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“
Auch das steht im heutigen Text.
Keine Vertröstung, sondern eine Zusage: Auch wenn’s schwierig wird – ich bin da.
Und Gott ist da.
Nicht als Alleskönner auf Knopfdruck.
Sondern als Gegenüber, das hört, trägt, stärkt.
Ich finde: Das verändert die Frage.
Nicht mehr: „Warum wird nicht alles erfüllt, was ich bete?“
Sondern: „Wem vertraue ich mein Leben an? Wer darf mein Innerstes kennen?“
Und dann merke ich: Mein Gebet ist keine Pflichtübung, sondern ein Vertrauensakt. Kein Monolog ins Leere, sondern ein Gespräch in Liebe.
Ich war vor kurzem in Mariastein -da fahre ich gerne mal hin- und habe dort ein kleines Kind gesehen, das sich zum Beten hinkniete – einfach so, in der Kirche.
Ganz selbstverständlich.
Es hat nicht gewartet, bis jemand „Amen“ sagt oder die Orgel spielt.
Es hat einfach losgelegt.
Ich glaube, das war eines der ehrlichsten Gebete, das ich je gesehen habe.
Vielleicht ist das unser Auftrag: Wieder zu lernen, wie Kinder zu beten.
Unverstellt.
Direkt.
Frei.
Ohne Angst, etwas falsch zu machen.
Denn – um es mit dem Wochenspruch zu sagen:
„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Liebe von mir wendet.“ (Psalm 66,20)
Was für eine Zusage.
Was für ein Trost.
Und was für eine Einladung.

Prions Père amen
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