Ein persönlicher Text über das Wahlfähigkeitszeugnis, christliches Liedgut und jüdisches Erinnern.
Manchmal sind es nicht große theologische Debatten, nicht grelle Schlagzeilen, nicht bewusst gesetzte Konflikte, die wehtun – sondern ein Lied. Ein schöner Klang, eine beschwingte Melodie, ein Refrain, der ins Ohr geht. Manchmal ist es genau so ein Lied, das etwas in uns berührt, dass viel älter ist als wir. Und dann steht man da, im Gottesdienst, inmitten eines feierlichen Übergangs, mit festlicher Kleidung und klopfendem Herz – und plötzlich zieht sich in der Brust eine alte Narbe zusammen.
Ich bin Vikarin auf dem Weg zur Ordination. Ich bin Jüdin. Heute Nachmittag war die Feier meines Wahlfähigkeitszeugnisses – ein bedeutsamer Moment. Der Gottesdienst war ein schöner, würdiger und berührender Anlass. Ich bin dankbar dafür. Das Lied, das darin gesungen wurde, hat daran nichts verändert. Es hat mir die Freude nicht genommen. Aber für mich war da – inmitten all der Musik – eben doch ein leiser, innerer Riss.
Ein einziges Lied. Und dennoch war es der Auslöser, diesen Text zu schreiben.
Was ist das Wahlfähigkeitszeugnis?
Das Wahlfähigkeitszeugnis ist ein offizielles kirchliches Dokument, das bestätigt, dass ich nach erfolgreichem Abschluss meines Vikariats für das Pfarramt wählbar bin. Es bedeutet: Ich habe die Ausbildungszeit, alle Prüfungen und praktischen Stationen bestanden und darf – nach meiner Ordination – für eine Pfarrstelle kandidieren. Es ist gewissermaßen die Schwelle, die letzte Etappe vor dem Segensakt der Ordination.
Darum war dieser Gottesdienst für mich so bedeutungsvoll. Ich hatte auch einige jüdische Freund:innen eingeladen. Letztlich konnten sie alle – wegen beruflicher Verpflichtungen oder der Hitze – nicht kommen. Und im Nachhinein bin ich fast erleichtert. Denn ich weiss nicht, wie sie das Lied empfunden hätten, das dort gesungen wurde.
Das Lied: „Lord of the Dance“
Es wurde ausgesucht von anderen Vikarinnen aus unserer Gruppe – mit Liebe, mit Sinn für Rhythmus, für Fröhlichkeit. Nicht aus böser Absicht. Ich kenne sie. Sie sind wundervolle Menschen. Sie wollten etwas Leichtes, etwas Bewegtes, etwas Hoffnungsvolles. Und ja – die Melodie ist wunderschön. Sie nimmt mit, sie klingt nach Tanz, nach Freude, nach Ostern.
Und doch: Ich konnte es nicht mitsingen.
Ich stand bei den anderen, hörte zu, und schwieg. Das war mein Weg, bei mir zu bleiben – und dennoch nicht dagegen zu sein.
Denn die Worte, die gesungen wurden, haben in mir etwas aufgerissen. Nicht, weil sie mir unbekannt wären. Sondern, weil ich ihre Geschichte kenne. Weil ich weiss, was sie ausgelöst haben. Weil ich weiss, was sie für viele bedeuten – ohne dass es ihnen bewusst ist.
Was genau ist problematisch an diesem Lied?
„Lord of the Dance“ (Sydney Carter, 1963) erzählt das Leben Jesu als Tanz: vom Anfang der Welt über seine Geburt, seine Taten, seine Kreuzigung und Auferweckung. Ein Refrain, der sich immer wiederholt, gibt der ganzen Geschichte Leichtigkeit und musikalischen Schwung. Es wirkt wie ein hoffnungsvoller, fast universeller Text.
Doch einige Zeilen tragen jahrhundertealte theologische Bilder in sich – und deren Wirkungsgeschichte ist für jüdische Menschen zutiefst schmerzhaft.
„I danced for the scribe and the Pharisee…“
„I danced for the scribe and the Pharisee,
but they would not dance, and they would not follow me.“
Hier beginnt ein bekanntes Muster: Pharisäer und Schriftgelehrte – also die jüdischen religiösen Autoritäten zur Zeit Jesu – werden als diejenigen dargestellt, die nicht mittanzen wollen. Damit wird das Judentum (in seinen frommen Vertretern) als verstockt, rückständig, ablehnend dargestellt. Die Botschaft: Jesus bringt Leben, Freude, Tanz – aber „die Juden“ sagen Nein.
Das ist kein Zufall, sondern ein historisch tief verankertes Motiv. Und es war nie harmlos. Aus diesen Bildern wurden Predigten, dann Vorwürfe, dann Anklagen – und über Jahrhunderte: Verfolgung.
„I danced on the Sabbath… the holy people said it was a shame“
„I danced on the Sabbath and I cured the lame,
the holy people said it was a shame;
they whipped and they stripped and they hung me high;
and they left me there on a cross to die.“
Auch hier: Das Bild ist klar. Jesus heilt am Sabbat, und wieder sind es „die heiligen Leute“, die sich empören – implizit also: fromme Juden. Und plötzlich folgen Schläge, Entkleidung, Kreuzigung. Das „they“ bleibt vage, aber in der inneren Logik des Liedes liegt nahe, wer gemeint ist.
Das ist das alte, zerstörerische Narrativ:
„Die Juden haben Jesus gekreuzigt.“
Dass das römische System, politische Verhältnisse, komplexe Machtfragen mitspielten – wird ausgelassen. Das Lied erzählt die Geschichte als einseitige Schuldzuschreibung. Und so, wie sie erzählt wird, hat sie historisch immer wieder Tod und Gewalt an Jüdinnen und Juden mitbegründet.
„They buried my body… they thought I’d gone“
„They buried my body and they thought I’d gone,
but I am the Dance and I still go on.“
Die Tätergruppe bleibt diffus – und gerade das ist gefährlich. Denn wer vorher als Gegner Jesu eingeführt wird, wird auch hier mitgelesen. Es entsteht eine Geschichte von Ablehnung, Ermordung, Irrtum – und von göttlicher Überwindung. Der Tanz geht weiter, trotz der „anderen“.
Aber ist das Lied nicht einfach fröhlich gemeint?
Ja, für viele ist es genau das. Und ich verstehe das. Die meisten Menschen, die dieses Lied kennen, erleben es als fröhliches, hoffnungsvolles Lied – und singen es genau so. Ohne Hintergedanken. Oft wird es mit Davids Tanz vor der Bundeslade assoziiert – ein freudiges, alttestamentliches Bild, das mit Musik und Bewegung verbunden ist. In den 60er- und 70er-Jahren wurde es u. a. durch die Dubliners bekannt gemacht – eine irisch-folkloristische Variante, mit Tanzbezug.
Und die Grundidee – ein tanzender Gott – ist eine schöne, tiefpoetische Theologie. Ich mag sie.
Aber: Wenn dieser Tanz auf einer Bühne stattfindet, auf der andere im Schatten stehen bleiben müssen, wird es schwierig. Wenn die eigene Freude aus einer verzerrten Erzählung über „die anderen“ genährt wird – dann braucht es wenigstens ein kurzes Innehalten.
Einordnung tut not
Die Evangelien beschreiben eine innerjüdische Auseinandersetzung – einen Konflikt unter Geschwistern, nicht zwischen Religionen. Jesus war Jude, seine Jünger waren Juden, seine Gegner waren Juden. Das ist wichtig zu sagen.
Doch diese Texte wurden in einer Wirkungsgeschichte gelesen, die daraus einen Gegensatz gemacht hat – zwischen „den Christen“ und „den Juden“. Und diese Lesart hat Leid gebracht.
Das Lied übernimmt diese Perspektive – ohne sie einzuordnen.
Solche Texte wären tragbar, wenn sie kontextualisiert würden. Wenn man sagt: „Achtung, das stammt aus einer anderen Zeit, das hat Geschichte, das darf nicht unbedacht übernommen werden.“ Aber diese Einordnung fehlt fast immer. Und so wiederholen sich alte Muster – in freundlichem Ton.
Ich will niemandem den Gesang verderben
Wirklich nicht. Ich mag nicht alles überkritisch zerpflücken. Aber ich glaube, es ist richtig, sich bewusst zu sein, was wir singen. Vielleicht nicht jedes Mal, nicht in jeder Strophe – aber manchmal hilft es, die blinden Flecken zu sehen.
Und manchmal genügt schon ein Blick zur Seite – dorthin, wo eine schweigt – um zu spüren, dass es auch noch andere Geschichten gibt.
Gebet eines Tanzes, der niemanden ausschliesst
Tanz, der alle kennt
Ewiger,
du hast den ersten Schritt getan –
im Staub der Erde, im Rhythmus des Atems,
im Puls des Herzens, im Lied der Schöpfung.
Du tanzt mit den Völkern,
mit den Leisen und den Lauten,
mit den Glaubenden und Zweifelnden,
mit den Juden, mit den Christen,
mit denen, die keine Namen tragen wollen –
mit allen, die atmen.
Kein Schritt ist dir fremd,
kein Takt zu wild, kein Körper zu fern.
Dein Tanz kennt keine Helden, keine Feinde –
nur Mitgehende,
nur die offene Hand.
Wenn einer stehen bleibt,
wartest du.
Wenn eine sich abwendet,
tanzt du hinter ihr her.
Wenn wir stolpern,
spannst du einen Rhythmus auf,
der uns auffängt.
Lehre uns diesen Tanz,
Ewiger –
nicht den der Sieger,
sondern den der Verbundenen.
Dass keiner ausgelassen wird,
keiner ausgenutzt,
keiner missbraucht.
Dass unser Lied
niemandes Wunde aufreisst.
Und dass wir eines Tages tanzen –
auf freiem Grund,
mit leichtem Herz,
und mit allen.
Amen.