Wenn das Ganze das Besondere nicht verdrängt: Über Erwählung, Heiligkeit und Respekt

Neulich auf Facebook.
Ein Christ postet diesen Satz:

« Il n’y a pas de terre sainte ni de peuple élu. La terre entière est sacrée et chaque personne possède une valeur unique et distincte. »

Auf Deutsch:

„Es gibt kein heiliges Land und kein erwähltes Volk. Die ganze Erde ist heilig, und jeder Mensch besitzt einen einzigartigen und unverwechselbaren Wert.“

Auf den ersten Blick klingt das schön: Eine weite, offene Sicht auf die Welt. Eine Absage an Ausgrenzung, an religiösen Nationalismus, an Überheblichkeit.
Doch auf den zweiten Blick ist es – vielleicht unbeabsichtigt, aber wirksam – eine Absage an etwas anderes: an die bleibende Besonderheit der jüdischen Geschichte mit Gott.
Denn es ist ein Unterschied, ob ich sage:

„Auch die ganze Erde ist heilig“
oder ob ich sage:
„Es gibt kein heiliges Land mehr.“

Im ersten Fall öffne ich den Blick.
Im zweiten Fall lösche ich etwas aus.

Und dann kamen Kommentare, die das noch unterstreichen:
– dass es früher ein heiliges Land gab, „aber jetzt nicht mehr“;
– dass das „Volk des ersten Bundes“ zwar ein Zeuge sei, aber sein Erwählungsstatus Vergangenheit sei;
– dass nun der Geist „überall“ weht, nicht mehr in Jerusalem oder Samaria.

Und genau hier wird es schmerzhaft.
Nicht, weil jemand die Erde liebt. Sondern weil jemand meint, die besondere Geschichte Israels und die besondere Bedeutung Jerusalems sei nun überholt, abgelöst, erfüllt – und damit erledigt.

In diesem Blogartikel möchte ich diesen Schmerz erklären – und die theologischen Hintergründe beleuchten.
Nicht klagend, nicht anklagend. Sondern klärend.
Denn ich glaube: Wir können die Heiligkeit der ganzen Welt feiern – ohne die besondere Geschichte Israels zu leugnen.

Über Heiligkeit, Erwählung und den schmerzhaften Schatten der christlichen Überbietungstheologie

Es klingt so schön, so einfach, so friedlich: „Die ganze Erde ist heilig. Jeder Mensch ist einzigartig und kostbar.“ Wer könnte da widersprechen?

Doch wenn jemand sagt:

„Es gibt kein heiliges Land und kein erwähltes Volk – denn die ganze Erde ist heilig, und alle Menschen sind gleich wertvoll.“

Dann steckt darin nicht nur ein schönes Bekenntnis zur Würde der Welt, sondern oft auch eine bewusste oder unbewusste Zurückweisung des Judentums und seiner besonderen Geschichte mit Gott.
Und das ist nicht einfach nur „eine andere Meinung“. Denn oft werden solche Worte nicht einfach gesagt, um die Welt zu weiten, sondern um etwas anderes kleiner zu machen. Für mich als Jüdin (und für viele andere auch) ist das eine theologische Wunde, die seit Jahrhunderten immer wieder aufgerissen wird.

In diesem Artikel möchte ich erklären, warum diese Themen so sensibel sind – und wie man sie anders, achtsamer, ehrlicher ansprechen kann.

Heiligkeit ist nicht entweder… oder…

Die Vorstellung, dass nur ein einziger Ort heilig sein kann, ist eine kindliche Vereinfachung. Im Judentum selbst ist das nie so gedacht gewesen.
Ja, es gibt besondere Orte, an denen Gottes Gegenwart spürbar wurde – der Sinai, der Tempelberg in Jerusalem, vielleicht auch andere. Aber das heißt nie: Alle anderen Orte sind profan. Im Gegenteil: Die ganze Erde gehört Gott (Psalm 24,1). Die ganze Schöpfung ist durchdrungen von Gottes Gegenwart.

Aber: Es gibt konkrete Orte, an denen Menschen diese Gegenwart auf besondere Weise erfahren haben. Jerusalem, das Land Israel, ist für Juden so ein Ort. Nicht, weil es anderen Ländern überlegen wäre, sondern weil es Teil einer Geschichte ist – einer Liebesgeschichte zwischen Gott und einem Volk.

Wenn man sagt: „Es gibt keine heiligen Orte mehr, weil jetzt alles heilig ist“ – dann tut man so, als wäre das eine Weiterentwicklung. Aber in Wirklichkeit ist es ein Verlust von Tiefe und Konkretheit.
Gott ist nicht nur abstrakt „überall“. Gott begegnet Menschen auch an bestimmten Orten, in bestimmten Geschichten, in bestimmter Zeit.

Erwählung bedeutet Verantwortung, nicht Überlegenheit

Das Gleiche gilt für den Begriff „erwähltes Volk“.
Erwählung heißt im Judentum nie: „Wir sind besser als andere.“
Es heißt: „Uns ist eine Aufgabe anvertraut worden.“
Und diese Aufgabe war und ist oft schwer, schmerzhaft, riskant.

Erwählung bedeutet, für etwas einzustehen, auch wenn es weh tut.
Es bedeutet, Gottes Gerechtigkeit in der Welt zu bezeugen – in der Freude wie im Leid.
Und ja, es bedeutet auch, Verantwortung zu tragen, nicht Privilegien einzufordern.

Wenn man sagt: „Es gibt kein erwähltes Volk mehr“, dann tut man so, als ob man Gleichheit schaffen wollte. In Wirklichkeit nimmt man einem Volk aber seine Identität und seinen Auftrag.
Warum sollte man das tun? Kann man nicht Gleichheit in Würde bejahen, ohne Unterschiede in Berufung zu leugnen?

Supersessionismus – der alte Schatten

In der christlichen Geschichte gibt es eine lange, schmerzhafte Tradition, die genau das getan hat:
Man nennt sie Supersessionismus, oder auf Deutsch Überbietungs- oder Substitutionstheologie.
Sie sagt vereinfacht:
– „Früher war Israel Gottes Volk – jetzt sind wir es.“
– „Früher war Jerusalem heilig – jetzt ist es die Kirche.“
– „Früher war das Land Israel wichtig – jetzt ist es bedeutungslos, weil Christus überall ist.“

Diese Theologie hat über Jahrhunderte Juden marginalisiert, beleidigt und verfolgt.
Sie hat sie geistlich enteignet, und damit den Weg bereitet für gesellschaftliche Entrechtung und Verfolgung.
Diese Haltung sitzt oft noch ganz unbewusst in christlicher Sprache:
– Wenn man sagt „wir sind das neue Israel“,
– wenn man jüdische Feiertage als „überholt“ bezeichnet,
– oder wenn man jüdische Verbundenheit mit Jerusalem als „rückständig“ oder „bloß nationalistisch“ abwertet.

Selbst wenn das nicht mehr böse gemeint ist – es wirkt. Es tut weh.

Universelle Heiligkeit – ohne Auslöschung des Konkreten

Und ja, natürlich:
– Die ganze Erde ist Gottes Schöpfung.
– Jeder Mensch ist in seiner Würde einzigartig.
– Gott ist nicht an einen Ort oder ein Volk gebunden.

Aber Gott hat sich in der Geschichte immer wieder konkret und partikulär gezeigt:
– In Abraham und Sara,
– im brennenden Dornbusch des Mose,
– in den Psalmen Davids,
– in der leidenschaftlichen Klage der Propheten,
– und – für Christen – auch in Jesus von Nazareth, einem Juden aus Galiläa.

Wenn Gott nur abstrakt überall wäre, wäre er nirgendwo spürbar.
Gott begegnet uns im Konkreten – und gerade dort öffnet er uns den Blick für das Ganze.

Darum kann man durchaus sagen:
– Ja, Jerusalem ist heilig. Und auch meine kleine Stadt kann ein heiliger Ort sein.
– Ja, Israel ist erwählt. Und auch wir sind gerufen, Teil von Gottes Geschichte zu sein.
– Ja, diese Geschichte begann mit einem bestimmten Volk – und sie weitet sich für alle Menschen, ohne ihren Ursprung zu verleugnen.

Eine Theologie, die beides hält: Besonderheit und Universalität

Ich glaube an eine Theologie, die nicht „entweder – oder“, sondern „sowohl – als auch“ sagt:
– Sowohl Heiligkeit des Ganzen als auch besondere Orte.
– Sowohl Erwählung Israels als auch Einladung an die Völker.
– Sowohl Gottes Gegenwart überall als auch seine besondere Nähe an bestimmten Punkten der Geschichte.

Das ist keine Konkurrenz, sondern ein Reichtum.
Es ist eine Einladung, demütig zu bleiben und nicht alles auf sich selbst zu beziehen.

Persönlich: Warum mich das schmerzt – und warum ich trotzdem rede

Ich habe diesen Post und die Kommentare nicht gelesen, weil ich Streit suche.
Ich habe ihn gelesen, weil ich darin den Schmerz so vieler Jahrhunderte gespürt habe.
Den Schmerz, wenn unsere besondere Geschichte als irrelevant oder „überholt“ erklärt wird.
Den Schmerz, wenn unsere Beziehung zu Gott als eine Art „altes Modell“ behandelt wird, das durch etwas „Moderneres“ ersetzt wurde.
Und auch den Schmerz, wenn Menschen meinen, sie müssten sich selbst aufwerten, indem sie anderen etwas absprechen.

Ich schreibe das nicht als Vorwurf. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass wir besser miteinander reden können.
Respektvoller, achtsamer, wahrhaftiger.

Und jetzt?

Wenn du Christ:in bist und das liest, frage dich:
– Muss ich die Besonderheit Israels leugnen, um meinen Glauben zu leben?
– Oder kann ich mich in die Geschichte Gottes mit Israel demütig einfügen, ohne sie zu ersetzen?

Wenn du jüdisch bist und das liest:
– Lass dich nicht beirren. Unsere Geschichte ist nicht „veraltet“. Sie ist lebendig.
– Und sie bleibt Gottes Geschichte mit uns, auch wenn manche sie nicht mehr hören wollen.

Wenn du einfach suchst:
– Vielleicht ist das Heilige immer beides: konkret und universell.
– Vielleicht beginnt die Wahrheit dort, wo wir einander zuhören.


Vielleicht beginnt genau dort ein Gespräch, das die Welt ein kleines bisschen heiliger macht.

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