Zwischen Bund und Liebe – mein Bild von Gott

Dieser Text ist aus meinen persönlichen theologischen Überlegungen entstanden – als Jüdin, die zugleich in der Kirche lebt und wirkt. Für mich sind jüdische Wurzeln und die Erfahrung des Christentums kein Widerspruch, sondern ein Gespräch, das mein Verständnis von Gott bereichert und herausfordert. In dieser Reflexion versuche ich, Gottes Wesen und Wirken aus einer Perspektive zu beschreiben, die tief in der jüdischen Tradition verwurzelt ist, aber zugleich offenbleibt für Erfahrungen im Glauben und Leben heute. Es ist kein Glaubensbekenntnis, sondern ein Nachdenken – manchmal voller Fragen, manchmal mit Bildern, die mir Halt geben.

Gott – eine jüdisch inspirierte Theologie des Lebens und der Geschichte

Gott ist für mich die Quelle allen Seins – nicht nur der Menschen, sondern aller Lebendigkeit und Wirklichkeit. Wenn ich an den Schöpfungsbericht in der Genesis denke, höre ich darin kein naturwissenschaftliches Protokoll, sondern ein Lied – ein poetisches, rhythmisches Zeugnis von Anfang und Ordnung, von Liebe, die das Leben trägt. Immer wieder klingt die Einladung mit: Diese Welt ist gewollt, sie ist kein Zufall. Gott sieht, dass es gut ist.

In der Bibel heißt es, Gott habe den Menschen „als männlich und weiblich geschaffen“ (Gen 1,27). Ich verstehe das als eine hebräische Ausdrucksweise, die eine umfassende Ganzheit meint. Gott ist größer als jedes „oder“ – größer als männlich oder weiblich, größer als Sprache und Bilder. Unsere Worte greifen immer nur ein Stück dieser Unendlichkeit. Gott umfasst alles, was ist, und darüber hinaus.

Darum ist auch das Bilderverbot nicht nur ein Verbot, Gott darzustellen, sondern ein Schutz davor, Gott in ein enges Konzept zu zwängen. Kein Bild kann Gott gerecht werden, weil Gott unendlich und zugleich nah ist. Gott wohnt in den Gebeten, in den Momenten, in denen Menschen sich öffnen und begegnen. Der Theologe Abraham Joshua Heschel schreibt: „The true meaning of existence is disclosed in moments of living in the presence of God.“ Für mich bedeutet das, dass Gott nicht in Dingen oder Orten, sondern in der Zeit, in Augenblicken lebendig wird.

Die Allmacht Gottes ist nicht eine Macht der Gewalt oder der Kontrolle, sondern eine Macht der Liebe – eine Kraft, die trägt, heilt und hält. Diese Liebe ist leidenschaftlich und stark, wie das Hohelied sagt: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hoh 8,6). Gottes Stärke liegt nicht darin, zu vernichten, sondern darin, auszuhalten, zu ertragen und Hoffnung zu bewahren.

Gott ist für mich jemand, der in der Geschichte wirkt. Besonders in der Geschichte Israels, die in den jüdischen Festen lebendig bleibt – Pessach, Purim, Chanukka. Feste, die erzählen: „Sie wollten uns vernichten, aber wir leben noch. Gott war bei uns.“ Diese Geschichten sind keine Legenden, sondern erinnern an Gottes Eingreifen, an seine Nähe in Zeiten der Bedrohung. Auch wenn das Leben manchmal leise und schwer ist, spricht Gott – nicht in Sturm oder Erdbeben, sondern im Flüstern (1 Kön 19).

Wunder verstehe ich als Zeichen dieser Nähe, als Zeichen, dass Gottes Reich hier und jetzt angebrochen ist. Es sind keine magischen Tricks, sondern Einladung, Gottes Wirken wahrzunehmen und ihm zu vertrauen.

Gerechtigkeit bei Gott ist keine Strafe allein, sondern Wiederherstellung und Heilung. Sie schenkt Freiheit und fordert Verantwortung. Die Freiheit, die Gott schenkt, lädt uns ein, die Welt zu pflegen und uns um die Schwächsten zu kümmern. Jesus fasst das zusammen in das höchste Gebot: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Mk 12,29-31). Für mich ist das keine abstrakte Moralformel, sondern eine Einladung, im Alltag Gerechtigkeit und Liebe lebendig werden zu lassen.

Der Bund Gottes mit den Menschen ist ein immer neuer Aufbruch. Vom Bund mit Noah über den Bund mit Abraham bis zum Bund mit Mose und schließlich zum Bund, der durch Jesus neu und weit geöffnet wurde. Bünde bringen keine Überlegenheit, sondern Verpflichtung und Auftrag. Verantwortung, die Welt mitzugestalten, Schöpfung zu bewahren und Gerechtigkeit zu suchen.

Gott ist kein ferner Richter, sondern Begleiter, der mitgeht, auch wenn wir ihn manchmal kaum spüren. Ein Gott, der vergibt und immer wieder neu Hoffnung schenkt. „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5) ist für mich eine Verheißung, die Kraft schenkt, die Welt nicht aufzugeben, sondern mitzugestalten – jeden Tag neu.

Nachwort

Diese Gedanken sind ein Ausschnitt aus meinem Ringen und Hoffen, ein persönlicher Blick auf das Geheimnis Gottes. Sie laden ein, selbst weiter zu fragen, zu suchen und zu entdecken. Gott zeigt sich nicht im fertigen Bild, sondern im lebendigen Gespräch – im Zweifel ebenso wie in der Freude. Möge dieser Text ein Anstoß sein, Gottes Nähe zu spüren – in der Geschichte, im Alltag und im eigenen Herzen.

Bibelstellen, die mein Gottesbild prägen

Gott – Schöpfer und Quelle allen Lebens

  • Genesis 1,1–2: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. […] und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“
  • Genesis 1,27: „Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, als Bild Gottes schuf er ihn. Männlich und weiblich schuf er sie.“
  • Psalm 36,10: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht sehen wir das Licht.“

Gott ist nah, hört und begleitet

  • Exodus 3,7: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen […] Ich kenne ihr Leid.“
  • 1 Könige 19,11–12: „Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer – sondern im leisen Säuseln war der Ewige.“
  • Psalm 145,18: „Nahe ist der HERR allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen.“

Gottes Liebe ist stark und treu

  • Hohelied 8,6–7: „Stark wie der Tod ist die Liebe […] Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen.“
  • Psalm 103,8: „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und reich an Güte.“
  • Jeremia 31,3: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“

Gott als mitfühlender, mitleidender Gott

  • Jesaja 63,9: „In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt […] in seiner Liebe und seinem Erbarmen hat er sie erlöst.“
  • Johannes 11,35: „Jesus weinte.“
  • Hebräer 4,15: „Denn wir haben keinen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen.“

Gottes Gerechtigkeit: heilend, wiederherstellend

  • Micha 6,8: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist: Recht tun, Güte lieben, demütig gehen mit deinem Gott.“
  • Jesaja 1,17: „Lernt Gutes zu tun! Trachtet nach Gerechtigkeit! Helft den Unterdrückten! Schützt die Waisen, tretet ein für die Witwen!“
  • Psalm 85,11: „Güte und Treue begegnen sich, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.“

Gott ist ein Gott des Bundes

  • Genesis 9,13: „Meinen Bogen setze ich in die Wolken – er soll ein Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde.“
  • Genesis 17,7: „Ich richte meinen Bund auf […] zum ewigen Bund, dir und deinen Nachkommen.“
  • 2 Mose 19,5–6: „Wenn ihr meiner Stimme gehorcht und meinen Bund haltet […] ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“

Befreiung und Hoffnung

  • 2 Mose 3,8: „Ich bin herabgekommen, um sie zu retten aus der Hand der Ägypter und sie in ein gutes, weites Land zu führen.“
  • Jesaja 61,1: „Der Geist Gottes ist auf mir […] um den Gefangenen Befreiung zu verkünden.“
  • Johannes 8,36: „Wenn euch also der Sohn frei macht, seid ihr wirklich frei.“

Verantwortung in der Schöpfung

  • Genesis 2,15: „Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, dass er ihn bebauen und bewahren soll.“
  • 5 Mose 6,5–7: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen […] diese Worte sollst du deinen Kindern einschärfen.“
  • Markus 12,29–31: „Das höchste Gebot ist: Höre, Israel […] Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben […] und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Gott macht alles neu

  • Jesaja 43,19: „Siehe, ich mache etwas Neues – schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“
  • Offenbarung 21,5: „Siehe, ich mache alles neu.“

Du bist

Du bist der Anfang,
ehe das Licht die Finsternis durchbrach,
ehe der erste Wind über den Wassern schwebte.
Du sprachst – und es wurde.
Und noch immer spricht dein Wort
im Flüstern der Zeit.

Du bist wie das Wasser in der Wüste,
wie der Schatten eines Felsen zur Mittagsglut.
Stark wie der Tod ist deine Liebe,
viele Wasser können sie nicht auslöschen.

Du gehst mit uns
durch das Meer, das sich nicht teilt,
durch Nächte ohne Zeichen,
durch Tage, an denen wir nur den Staub sehen
und doch wissen:
Du bist da.

Nicht im Beben, nicht im Feuer,
doch in der Stimme feinen Schweigens
bist du uns nah.
Du wohnst im Lied, das wir singen,
im Gebet, das sich seufzend hebt.

Du bist der Gott, der sieht.
Der Gott, der hört.
Der Gott, der sich erbarmt.
Du trägst uns wie ein Hirte das verlorene Schaf,
du hältst uns wie eine Mutter das Kind an der Brust.

Deine Gerechtigkeit ist wie Tau auf dürrem Land,
deine Treue wie das Morgenrot, das nicht ausbleibt.
Du erinnerst dich an deinen Bund –
nicht weil wir ihn halten,
sondern weil du hältst, was du versprochen hast.

Du rufst uns:
Wandelt in meinen Wegen,
liebt den Fremden, schützt die Schwachen,
heiligt den Tag,
und gebt weiter, was ihr empfangen habt.

Denn du bist
gnädig und barmherzig,
langmütig und groß an Güte.

Du bist nicht fern –
du gehst mit.
Du bist nicht ein ferner Richter –
du bist der Gott,
der mit uns weint.

Und du wirst sein,
wie du warst,
wie du bist.

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